Die Familie Darner. Roman in 3 Banden.
Fanny Lewald
Kapitel 13

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huschen ließ, daß bald dieser, bald jener seines Ge-
schlechtes aus dem Dunkel für ihn hervortrat, war es
still in ihm, und er war mit sich zufrieden.
Frank hatte ihn mit herzlichem Drängen mehr-
fach aufgefordert, nach der Stadt zu kommen, den
Weihnachtsabend, den Sylvester mit seiner Familie
zu verleben. Auch der Hauptmann, der viel im
Darner'schen Hause verkehrte und den man gleich ihm
eingeladen, hatte ihm zugeredet, zu kommen; aber er
war bei seiner Arbeit, bei seinen Leuten geblieben.
Er hatte sein Herz bezwungen, seine Sehnsucht nieder-
gekämpft; und sie war doch so groß, daß er bis-
weilen wünschte, er hätte den Gegenstand derselben
nie gesehen!
Dreizehntes Kapites
Wenige Tage nach dem Beginn des neuen Jahres
meldete die Zeitung, daß die königliche Familie ihr
Hoflager in der Mitte des Monats von Memel nach
Königsberg verlegen und daß dann die Gesandten
der auswärtigen Mächte, für welche man die Woh-
nungen schon im voraus gemiethet, dem Hofe folgen
würden.
Was von den Behörden noch in Memel gewesen
war, kehrte natürlich nach der Residenz zurück; und
gleichzeitig mit jener Zeitung brachte der Bote, der
von Waldritten zweimal in der Woche nach Fisch-
hausen ritt, die Zeitung und die Briefe abzuholen,
dem Baron ein Packet von dem Hauptmann, der sich
erboten, während des Freundes Abwesenheit dessen
Briefe in Empfang zu nehmen und ihm nachzusenden.

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Das Packet enthielt die förmliche Ernennung Eber-
hards zum Assessor bei der Regierung und seine Ein-
berufung durch den Regierungspräsidenten für die
Dienstleistung bei derselben.
Es waren gemischte Empfindungen und feste Vor-
sätze, mit denen Eberhard sein Schloß verließ. Er
hatte einsehen gelernt, wie er sich auf seinen Amt-
mann und dessen Sachkenntniß unbedingt verlassen
dürfe, und Wernicke und seine Frau hatten, da sie
ohne Kinder waren, ihn lieben lernen, als wäre er
ihr Kind. Nahezu drei Monate waren vergangen,
seit Eberhard nach Waldritten gekommen war und in
täglichem Verkehr mit ihnen gelebt hatte. Er wollte
seine jetzt nothwendige Fahrt nach Königsberg wieder
mit der Post machen, mit der er gekommen war,
diesmal jedoch widersetzte sich der Amtmann seinem
Vorhaben.
Er schützte die große Kälte vor, er gab zu be-
denken, daß ja der zugemachte Kutschschlitten von der
seligen Frau Baronin Zeiten noch im Schuppen stehe,
daß er gut ausgebessert, daß die neuen Pferde stark
und der Weg über das festgefrorene Haff für sie eine
Kleinigkeit sei, da man sie obenein jetzt oft Tage
lang müßig im Stalle stehen habe, weil ja leider aus
dem Walde nichts zu holen sei; und wie das alles
nicht verschlagen wollte, erklärte er rund heraus:
, Herr Baron, mit der elenden Postkarete muß
man fahren, wenn man wie damals nicht anders
kann, aber wir haben ja nun wieder einen guten
Anfang gemacht . . ?
, Mit fremdem Gelde!'? fiel ihm Eberhard
lachend ein.
,Wenn auch, Herr Baron, es geht doch vor den
anderen nicht, wenn man eben doch anders kann!
Es ist ja nur die Einstellung für eine Nacht in
Lewald. Die Familie Darner. T.

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Königsberg, und bezahlen, müssen Sie die Post doch
auch!
,, Herr Baron werden zu genau !'' schaltete Ma-
dame Wernicke ein.
. ,Darauf bilde ich mir etwas ein!'' scherzte Eber-
hard; aber er gab doch nach und ließ es geschehen,
daß die sorgliche Frau ihm an dem nächsten Tage
die Taschen des alten Kutschschlittens mit ihren selbst-
bereiteten Fleisch- und Backwaaren vollstopfte, als
gälte es einen Zug in ferne Länder und nicht eine
Fahrt von einem Tage.
Daß er wiederkommen, immer wiederkommen
werde, so oft sein Dienst es zuließ, verstand sich für
die beiden Alten ganz von selbst und verstand sich
auch für ihn von selbst, als die Braun'sche unter
ihrer Hausthüre ihm grüßend nachsah, als aus dem
und jenem Hause ihm ein ,Adjes!' und ,Glückliche
Reise!'' nachgerufen wurde, und als der Junge der
Braun'schen, der elend darniedergelegen hatte, als er
gekommen, nun blitzschnell über den gefrorenen Boden
neben seinem Schlitten herlief, weil er und kein
anderer dem Herrn das Heck am Eingang des Dorfes
öffnen mußte, das auch wieder aufgerichtet war und
sich niet- und nagelfest in seinen Angeln bewegte.
,,Sie hängen doch an uns und das muß erhalten
werden!'' sagte Eberhard zu sich selbst; und noch
ganz mit Waldritten beschäftigt, langte er am Abend
in Königsberg wieder in seiner kleinen Stube an.
Es war noch zeitig genug, den Freund in seiner
Kaserne aufsuchen zu gehen. Sie hatten einander
viel zu erzählen, viel Persönliches von einander zu
erfahren, und doch galt die erste Frage Eberhards
dem König und der Königin.
,Hast Du den König gesehen?? erkundigte er sich.
Der Hauptmann bejahte das.

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, Wir haben, seit der König hier ist, schon drei-
mal Parade gehabt und bei achtzehn Grad Kälte
draußen exerzirt.?
,, Und er war zufrieden??
,Das sollt' ihm schwer geworden sein. Die Ba-
taillone sind noch nicht komplet, die Neueingestellten
nicht taktfest, nichts klappt. Staat ist mit uns noch
nicht zu machen. Das Lagerstroh, das Bivouak, das
Lazareth kommen bei den Kerlen noch überall zum
Vorschein. Das sieht er natürlich so gut wie wir;
aber besser als nach der Schlacht bei Friedland
nehmen sie sich doch aus, und er hat gelernt, fünf
grade sein zu lassen. Er hat gelobt, was zu loben
war und verdient hatten wir's; denn was möglich
war, das ist geleistet worden.'?
, Und wie sieht er aus der König?
,, Finster und in sich gekehrt, er hebt das Auge
nur widerwillig auf. Sie sagen, er sei noch schweig-
samer, noch kürzer im Reden geworden. Auch die
Königin ist blaß, sie strahlt nicht mehr wie sonst.
Unser Major- er ist aus dem Ermland und ka-
tholisch - sagte mit Recht: ,Sie sieht wie eine Kster
Dolorosa aus, das Schwert im Herzen.! Aber sie
gehen ins Theater, es wird Hof gehalten, sie tanzen
auch wieder. Es werden immer Offiziere von den
verschiedenen Regimentern dazu befohlen. Nächsten
Sonnabend ist wieder Ball. Du wirst Dich ja prä-
sentiren lassen, und zu Darners kommst Du doch
wohl morgen.?
Eberhard antwortete nicht darauf. Der Haupt-
mann, der die Sache als selbstverständlich ansah, ließ
sie auf sich beruhen. Er erzählts, ohne daß ihn
Eberhard darum gefragt, wie man im Darner'schen
Hause einen herrlichen Sylvesterabend gehabt, den
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Jahrestag von Franks erstem Begegnen mit Justine
zu feiern; wie alle sich Eberhards Rückkehr freuten,
wie Frank für ihn eingenommen sei, wie dieser die
ganze Familie, ihn mit eingeschlossen, neugierig ge-
macht habe, die Waldrittener Burg zu sehen.
, Nebrigens wirst Du Dich wundern,'' schloß er,
,,wie das Fremdländische von ihnen abfällt, sie werden
immer mehr zu Preußen. Bei Frank erklärt sich's
durch die Frau, bei dem Vater durch seine Erfolge
und durch die steigende Anerkennung, die er hier von
Seiten der Behörden findet; die beiden Mädchen aber
macht ihre Schwärmerei für die Königin zu den
Unseren, und ich denke, wir helfen nach!''
,Das wirst Du allein besorgen müssen,'' meinte
Eberhard mit einem Gleichmuth, den er nicht in sich
fühlte, ,denn ich werde in diesem Winter nicht viel
Zeit haben zu geselligem Verkehr. Ich muß sehen,
daß ich vorwärts komme .. ?
, Um je eher, je lieber .. . warf der Haupt-
mann dazwischen.
,, In ein besoldetes Amt zu treten und da eine
Karriere zu machen!'' ergänzte der Baron. Er brach
dann rasch davon ab, sprach von seinen Waldrittener
Angelegenheiten, von der Gesinnung, der er unter
seinen Gutsnachbarn begegnet war, und erkundigte
sich, wann der wissenschaftliche Verein seine nächste
Sitzung abhalte. Von den Darners, von dem
morgenden Abend war nicht mehr die Rede. Jeder
von den beiden Freunden wußte, was der Andere
ihm nicht zu sagen, ihn nicht zu fragen für gut be-
funden hatte.
Eberhard hatte von dem Hauptmann kein Ver-
trauen empfangen mögen, das er nicht erwidern
konnte, weil er vor dem Freunde nicht aussprechen
und feststellen durfte, was er in sich selber begraben

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und vergessen wollte. Der Zwang machte Beide
unfrei, und sie trennten sich bald.
Am folgenden Tag ging Eberhard zu Frank in
das Komptoir, der ihn mit offener Freude empfing.
Auch Lorenz Darner nahm ihn gut auf, verwickelte
ihn in eine Unterhaltung über die beiderseitigen
Güter, und hielt ihn damit länger fest, als es sonst
sein Brauch in der Geschäftszeit, war. Es wurde
dann zwischen den jungen Männern noch verabredet,
den plötzlich unterbrochenen Unterricht in der Buch-
führung wieder aufzunehmen. Eberhard erbat und
erhielt die Erlaubniß die Damen bald einmal zu be-
suchen; dann verließ er das Haus.
,, So muß es ja sein!' sagte er sich und konnte
es doch nicht lassen, zu wünschen, daß es anders wäre.
Er war zufrieden, daß er viel zu thun hatte.
Der Dienst nahm die Hälfte des Tages hin, am
Abend- hatte er sich in die neue Arbeit, die Akten
lesend, hineinzufinden; dazwischen galt es, seine Vor-
gesetzten in ihren Wohnungen zu besuchen, der Comtesse
Gottfriede seine Aufwartung zu machen. Aber wenn
er bei seinen Akten saß, schwebte das Bild des ge-
liebten Mädchens ihm vor; wenn er auf der Straße
war, hoffte er, der Zufall werde es ihm entgegen-
führen, und wenn er sich dann auf den Weg machte,
in-das Darner'sche Haus zu gehen, sagte er sich: ,Wie
kann ich sie denn wiedersehen, ohne ihr zu sagen, daß
ich sie liebe? Und was dann??
Er konnte nicht mit sich ins Klare kommen.
Bald wünschte er ihr gleichgiltig zu sein, um sich
ihrer Nähe erfreuen zu dürfen, dann wieder nahm
er sich vor, gar nicht mehr in das Haus zu gehen
und es Frank ehrlich zu bekennen, weshalb er sich
zu dieser Entsagung verdamme.

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In welchem Lichte jedoch mußte er dem Bruder
erscheinen, wenn seine Leidenschaft ihn betrog, wenn
Dolores ihn nicht liebte?
Dem Freunde, den er schätzte, an dessen Achtung
ihm gelegen war, als ein eitler Fant zu gelten, war
ihm eine widrige Vorstellung; und weshalb sollte er
guf ein Glück verzichten, das vielleicht nur für ihn
allein einen schmerzenden Stachel in sich trug? Sollte
er sich des goldenen heißen Sonnentags nicht erfreuen,
weil am fernen Horizonte schwere Wolken schwebten,
weil vielleicht ein Gewitter aufsteigen konnte in der
Nacht?
Der ganze Selbstbetrug der Liebe war über ihn
gekommen, und mit ihrem Scharfsinn suchte er die
Gründe auf, dasjenige thun zu müssen, was nicht zu
thun er für das Rechte hielt.
Sein bisheriger Verkehr mit Dolores war nicht
über die Grenzen der gewöhnlichsten geselligen Höflich-
keit hinausgegangen. Die anderen Gäste des Hauses
huldigten den schönen Schwestern ebenso wie er. Nichts
hatte ihm vexrathen oder ihn zu glauben berechtigt,
daß Dolores mehr Theilnahme für ihn hege als für
die anderen Männer, und wenn es dennoch wäre,
wenn er das Gllck =- das Unglück - gehabt hätte,
ihr eine wärmere Neigung, eine Liebe, wie er sie
fühlte, einzuflößen, war es dann nicht seine Pflicht,
sie und sich zurüchuführen in die Bahn der Freund-
schaft, die ja eben jetzt die Gutgesinnten zu einander
führen sollte, zu gemeinsamer Erhebung, in gemein-
samer Liebe und Hingebung an das Vaterland?
Wiedersehen mußte er sie in jedem Falle, da sie
Beide in der Gesellschaft lebten; und Frank wußte
es ja, Eberhard hatte es ihm absichtlich gesagt, daß
er nur aus den adeligen Geschlechtern sich die Frau
erwählen könne.

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Die Entbehrung, der Zwang, die er sich in diesen
Tagen auferlegt, hatten sein Verlangen nach Dolores
nr gesteigert. Wenn sie fühlte wie er - mußte sie
nicht das Gleiche erdulden, ihn nicht der Kälte, der
Berechnung zeihen? Und was sollten Darner, was
Frank von ihm denken, wenn er sich jetzt, nachdem
sie ihm einen wesentlichen Dienst geleistet hatten,
plötzlich von ihnen zurüchog, die ihm so gastfreundlich
ihr Haus geöffnet hatten?
Als er so weit gekommen war, an die Meinung
und an das Urtheil der Anderen zu denken, hatte er
mit seiner Meinung und seinem Urtheil bald ge-
wonnenes Spiel. Er schalt seine Gewissenhaftigkeit
elende Feigheit, und da an dem nächsten Tage die
Sitzung in der Regierung, der er beizuwohnen gehabt,
früher als gewöhnlich endete, begab er sich geradewegs
nach dem Darner'schen Hause.
Justine nahm seinen Besuch an, die beiden
Mädchen waren bei ihr.
,Sie haben sich lang erwarten lassen, Herr
Baron, zur Strafe dafür empfangen wir Sie in der
größten Unordnung !'' rief sie ihm entgegen, auf
allerlei farbige Stoffe und Nähgeräthschaften deutend,
die auf dem Tisch und auf den Stühlen ausgebreitet
lagen.
Sie reichte ihm die Hand, die er küßte.
Die Mädchen, die sich erhoben hatten, sagten ihm
freundlich guten Tag.
Dolores räumte von dem zunächst stehenden
Stuhle eine Rolle goldener Tressen, einen kleinen
Kasten voll weißer Perlen fort, um Platz für ihn
zu machen, und Virginie fragte, ob ihm denn am
letzten Sonntage die Ohren nicht geklungen hätten,
als sie Alle auf ihn gescholten, weil er nicht ge-
kommen sei.

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Sie erzählte ihm, daß sich ein Frauenverin
gebildet, der in den Kirchen die vernichteten Altäre
wieder schmücken wolle, daß man mit der Schloß-
kirche begonnen habe, in welcher die Königin zuerst
wieder dem Gottesdienste beigewohnt habe, daß man
nun für die anderen Kirchen arbeite, und wie dann
später auch die Strandwieker Kirche an die Reihe
kommen solle, deren Patron ihr Vater, und in der
auch Alles arg verwüstet sei.
Von Strandwiek kamen sie auf Waldritten zu
sprechen. Sie wollten wissen, wie alt das Schloß
sei. Justine fragte, ob keine Sagen und Märchen
sich an dasselbe knüpfen, und von dem: Waldrittener
Schloß war für sie dann wieder nur ein Schritt zu
dem königlichen Schlosse und zu der Königin, und
zu deren Kindern und zu Allem, was man von ihnen
gesehen und gehört.
Das war Alles so einfach, so natürlich. Das
Herz ging ihm auf vor Behagen, unter dem fröhlich
zutraulichen Geplauder. Wie hatte er ein solcher
Thor sein können, sich so unnöthig zu quälen?
Freilich, Dolores schwieg wie fast immer, wenn man
sie nicht eigens ansprach. Aber weshalb sollte er sich
ihrer und ihres Anblicks und ihrer Schönheit nicht
erfreuen, wie er sich der Rafael'schen Madonnen er-
freut, die ja auch nicht sein eigen werden konnten,
und die ihm doch als ein unverlierbarer Besitz in
der Seele lebten?
Er ging befreiten Herzens von ihnen fort, und
eine Reihe ruhiger Tage folgten für ihn diesem ersten
Besuche nach seiner Rückkehr.
Hingenommen durch sein neues Amt, durch die
adelige Gesellschaft, die sich um den Hof gesammelt
hatte und in der ihm Anwerwandte lebten, gleichfalls
in Anspruch genommen, bei Hofe vorgestellt, be-