Die Familie Darner. Roman in 3 Banden.
Fanny Lewald
Kapitel 14

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schränkten seine Besuche im Darner'schen Hause sich
ohne sein Zuthun; und wie glücklich es ihn auch
machte, so oft er Dolores wieder sah, blieb ihr Ver-
kehr ruhig und sein Gewissen frei.
Bierzehntes Kapitel
So war man bis zu dem ersten Sonntag im
Januar des Jahres 1808 gekommen. Der Schnee
lag eisern fest in den Straßen, funkelte auf den
Dächern und funkelte an den kahlen Aesten der Linden
vor Darners Haus, herabtropfend, wo das Sonnen-
licht ihn streifte. Aber es war nicht das Schnee-
gefunkel, nach welchem die Augen der Kirchgänger
sich richteten, wenn sie auf ihrem Wege nach dem
Dome oder nach der altstädtischen Kirche an dem
Darner'schen Hause vorbeikamen; auch nicht zu den
Steinfiguren blickten sie empor, die hatten ja dage-
standen seit fast zweihundert Jahren. Nach den
beiden weiß verhängten Fenstern im zweiten Stock
werk sahen sie hinauf und nach dem großen russischen
Wappenschilde über der Eingangsthüre, das man in
der Dunkelheit des gestrigen Spätnachmittags dort
befestigt hatte.
Manch einer war eigens gegangen, es sich an-
zusehen; denn man hatte am Morgen beim Frühstück
es in der Zeitung gelesen, daß Herr Frank Darner,
der Kompagnon des Hauses Lorenz Darner, zum
kaiserlich russischen Generalkonsul ernannt sei; und
unter den Familiennachrichten hatte der kaiserlich
russische Generalkonsul Frank Darner seinen Freunden
und Bekannten die Mittheilung gemacht, daß seine
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Frau am verwichenen Tage von einem kräftigen
Knaben glücklich entbunden sei.
Das Letztere hatte man zu erwarten gehabl;
indeß daß die russische Regierung, wenn sie nach
dem während der letzten Monate erfolgten Tode
ihres Königsberger Konsuls das bisherige Konsulat
zu einem Generalkonsulat erhöhen wollte, mit dem-
selben einen so jungen Mann wie Frank betraut,
daß sie dazu Darners Sohn und nicht den bedeutend
älteren Sohn des verstorbenen, hochverdienten Konsuls
auusersehen, das war auch eine der Ungerechtigkeiten,
die, wie man es aussprach, Darner zu seinem Besten,
durch seine Freunde, auf Kosten Anderer herbeizuführen
gewußt; und dies Mal glaubte man nicht zu irren,
wenn man diese Gunst auf General von Strombergs
Vermittlung zurückführte.
,Wissen Sie es schon?? hatte der Eine den
Andern gefragt, wenn man sich auf dem Wege oder
bei,dem Eintritt in den Dom getroffen.
Kollmann jedoch, der sich mit seiner Hausgenossin
ebenfalls nach der Kirche begeben, den hatte Niemand
darauf angeredet. Nur als nach der Predigt der
Superintendent das Gebet für eine junge, der Ge-
meinde angehörige Wöchnerin und für deren Kind
gesprochen, hatten Madame Armfield und andere Be-
kannte zu jenen Beiden in dem Kollmann'schen Kirch-
stuhl hinübergesehen. Die hatten es jedoch unbegchtet
gelassen, und weder von Justinens Entbindung, noch
von dem Generalkonsulat war zwischen ihnen die
Rede gewesen, bis sie, aus der Kirche heimgekehrt,
beim Frühstück saßen.
Erst als er das Glas voll alten Pontac geleert,
das Madame Göttling ihm eingeschenkt und dargereicht
hatte, sagte Kollmann:
,Das alte Willberg'sche Glück hängt doch an dem

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Hause. Als ich's verkaufte, hätte ich nicht gedacht,
daß Willbergs Enkel trotzdem in demselben geboren
werden und noch weit weniger, daß dieser Enkel der
Sohn eines Fremden sein würde.?
,Und wie das Alles wieder einmal zusammen-
trifft,r bemerkte die Göttling, ,gerade zum Geburts-
tag des Enkels wird der Generalkonsul ernannt!
,Die Ernennung wird wohl früher erfolgt sein,
entgegnete Kollmann, ,man wird die Sache aber für
sie als eine Neberraschung zurückgehalten haben. Es
macht auf diese Weise eine größere Wirkung.?
, Unterricht im Russischen haben alle seine drei
Kinder gleich genommen, seit sie hierher gekommen
waren,' sagte Madame Göttling. ,Sie haben alle
großes Sprachtalent.?
Keiner von den Beiden, nicht Kollmann, nicht
die Göttling, hatten bei dem Gespräch die Namen
z der Personen, von denen sie redeten, über die Lippen
gebracht.
Kollmann ließ die Bemerkung fallen und ver-
zehrte seine Mahlzeit. Er hatte gealtert, mehr als
die Zeit es nöthig gemacht, die nach dem Tode seiner
Frau verflossen war. Der Gram um diese, die Sorgen,
welche das Geschäft ihm auferlegt, hatten den an ein
sicheres Dasein, an ein Arbeiten in geregelten Ver-
hältnissen gewöhnten Mann stark mitgenommen. Sein
Haar war weiß geworden, seiner Stirne, seinen
Wangen hatten sich tiefe Furchen eingeprägt, und es
lag gerade jetzt eine Geschäftswandlung vor ihm, die
vollzogen und in den nächsten Tagen bekannt gemacht
werden mußte, so schwer er sich dazu entschloß.
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Die RigenserKommandite mußte aufgelöstwerden.
Nach den großen Verlusten, welche man dort und
hier erlitten, war es nicht möglich, das alte Koll-
mann'sche Stammgeschäft mit verhältnißmäßig sicherem

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Erfolg fortzuführen, wenn man nicht die Betriebs-
mittel desselben zusammenzog. Daß man genöthigt
war, dies kund zu geben, war keine Verstärkung für
den Kredit des Hauses, wenn schon der Augenblick
insofern günstig gewählt war, als man das berechtigte
Verlangen des Vaters, den Sohn in das vereinsamte
Haus zurückkehren zu lassen, zum Deckmantel benützen
konnte.
Es war eine kleine Pause entstanden.
Das russische Generalkonsulat lag Kollmann schwer
im Sinne. Er machte es sich zum Vorwurf, daß er
nicht an das vakant gewordene Konsulat gedacht,
daß er es nicht für sich oder für John zu erlangen
getrachtet. Es hätte gut fortgeholfen über dessen be-
absichtigte Zurückberufung! Weil aber Niemand sich
gern eines Fehlers zeiht, wäre es auch nur einer
Unterlassungssünde, so sagte Kollmann sich bald, daß
der Anstand und die Rücksicht auf den verstorbenen
Konsul und auf dessen Sohn es für ihn nicht thun-
lich gemacht, selbstbegehrend dazwischen zu treten.
Von dieser Ansicht bis zu dem Schlusse, daß es
überhaupt nicht anständig gewesen sei, das alte Haus
der Reissinger seines Konsulates zu berauben, war
der Weg nicht weit; und ebenso nahe wie allen
Anderen lag auch Kollmann der Gedanke, daß General
von Stromberg die Hand bei der Angelegenheit im
Spiele gehabt haben werde.
,,Wer in unserer jetigen Welt auf Anstand oder
gar auf Freundschaft und Dankbarkeit rechnet, macht
eine falsche Spekulation! sagte er, seinen Gedanken
Worte gebend, während er sich von der Mahlzeit
erhob.
,Wem sagen Sie das? seufzte Madame Göttling.
Der Ausruf machte ihn erst darauf aufmerksam,
daß er laut gesprochen, und weil er seiner Gefährtin


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den wahren Grund seiner Verstimmung nicht preis-
geben wollte, sagte er:
,Meine selige Frau hat von General von Strom-
berg so viel gehalten. Wie einen Angehörigen hat
sie ihn behandelt, und er war ja auch ein liebens-
würdiger Mann, weitaus der angenehmste von allen
Offizieren, die wir im Hause gehabt haben; aber
wie kühl ist er hinweggegangen über den Tod meiner
Frau in dem Empfehlungsbriefe, den er seinem
Neffen mitgegeben hatte. Und der junge Mann, den
man doch freundlich genug aufgenommen, läßt sich
auch selten einmal blicken, wenn man ihm nicht immer
eine Einladung zugehen läßt. ?
Madame Göttling zuckte die Schultern.
,Lieber Gott,' meinte sie, ,die Jugend hält zur
Jugend, und im Grunde that das trotz seiner fünfzig
Jahre auch der General. Er war von Anfang an
Justinens eifrigster Verehrer !?
Nun war das Eis gebrochen, der Name genannt,
dennoch ging Kollmann nicht darauf ein. Er war
verstimmt, und daß er etwas wie eine Klage über
Vernachlässigung hatte laut werden lassen, verdroß
ihn noch mehr. Er zündete sich im Nebenzimmer
eine Pfeife an und ging darnach hinaus.
Madame Göttling blickte ihm mit Besorgniß
nach. Er ließ sich zusammenfallen, wenn er sich
ynbeachtet glaubte, so gut er vor Dritten auch seine
ruhige Würdigkeit behauptete. Kollmann that ihr
leid.
Wie sie diese Empfindung inne wurde, erschrak
sie vor derselben, sie sah sich um, ob Niemand da
war; gerade als hätte sie laut ausgesprochen, was
sie doch kaum sich selber eingestehen mochte. Aber
es war einmal nicht anders. Kollmann und auch
sie paßten nicht für diese Zeit, Die Zeit forderte,

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wie sie meinte, andere Gesinnungen, andere Kräfte,
festere, härtere Herzen, Herzen, die vergessen konnten!
Sie, ach sie konnte es nicht, am wenigsten in der
Zurückgezogenheit, in der sie lebte!
Sie dachte anJustinens Wochenstube, an Justinens
Kind. Welche Freude mußte heute dort herrschen?
Die Augen wurden ihr feucht. Sie nannte sich schwach,
charakterlos, weil sie die Liebe nicht vergessen konnte,
die sie gespendet, während sie dieselbe vergessen glauben
mußte von denen, welchen sie zu Theil geworden war.
Sie hätte dort sein mögen, dort - wo sie die harte
Selbstwilligkeit des Hausherrn im gegebenen Falle
unertragbar gefunden. Sie verstand das nicht in
sich, denn sie unterschätzte die Macht gewohnter Liebe
und die gewaltige Anziehungskraft des Glcks und
des Erfolges. Sie hätte sich so gern mit den Glück
lichen gefreut; auch um diese selbstloseste Freude hatte
Darner sie gebracht.
Das Herz war ihr zu schwer, sie konnte nicht
allein bleiben, und nachdem sie die nöthigen Anord-
nungen für das Haus getroffen, hing sie den Pelz-
mantel um und ging zu Madame Armfield, sich von
Allem, was sie drückte, frei zu sprechen vor dieser
Freundin des Kollmann'schen Hauses. Sie war ihr
mit ihrer Gottergebenheit und Theilnahme zu einer-
wahren Stütze geworden, seit sie sich von ihren bis-
herigen Lebensgenossen getrennt hatte, um ihr Ge-
wissen zu wahren und nicht etwa noch ein- Mal die
Mitschuld an Darners Härte tragen zu müssen.
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