Die Familie Darner. Roman in 3 Banden.
Fanny Lewald
Kapitel 15

= 12? --
Sünfzehntes Kapites
Um dieselbe Stunde saß Darner, den Sohn er-
wartend, in dem Privatkabinet hinter dem Komptoir.
Der Jahresabschluß wai gemacht, die Bilanz gezogen.
Er hatte sich die Bücher vorlegen lassen. Die
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war still in dem Raum, der, nach dem engen Hof
hinaus liegend, wenig abbekam von dem hellen Lichte
des Tages; aber um so heller leuchteten die Augen
des Vaters und des Sohnes, als dieser mit den
Worten: ,Verzeihen Sie, Vater, daß ich Sie warten
lassen!'' eilig in das Kabinet trat.
,Was macht der Junge? fragte Darner.
,Er thut seineSchuldigkeit wie ein echter Darner!r!
lachte Frank.,Justine hat ihn angelegt, und er hat
sich nicht erst bitten lassen, er hat herzhaft zugegriffen,
daß es zu sehen eine Lust war!?
,,So wird die Dynastie bestehen, wie sie ge-
gründet, mit entschlossener Kraft; er ist auf seidenem
Pfühl geboren, Du auf hartem Stroh. Erzieh ihn
hart fürs Stroh, und dem Geschlecht werden die
seidenen Kissen künftig auch nicht fehlen!' meinte
der Großvater, und aus dem bei ihm seltenen
Scherze klang seine Mahnung ernsthaft hervor.
Dann, ohne des Sohnes Antwort abzuwarten,
auf das Hauptbuch hinweisend, sette er hinzu:
,Die Sache stellt sich, wie ich es erwartet; um
einen starken Vorstoß mit Sicherheit machen zu können,
sind wir genöthigt gewesen, im entscheidenden Augen-
blick zurüchhugehen. Wir sind stark engagirt, indeß
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welche wir sonst hier und auswärts gewährt, auch
jettt bewilligt.?
,Aber die Verluste sind groß! bemerkte der
Sohn.
,Neulingssorge! Allerdings, es ist viel Geld
verloren, aber das wahre Machtmittel ist nicht nur
unangetastet, sondern erhöht. Daß wir, den baaren
Verlust nicht achtend, realisirt, was zu realisiren
war, daß wir eben dadurch, ohne erhöhte Hilfe von
außen, fortgearbeitet in der Krisis, von der wir hier
betroffen worden, das hat das Vertrauen in unser
Haben und Können hier und auswärts gesteigert,
und das Generalkonsulat ist auch Kapital, ist Kredit
und= Einfluß, wenn man ihn zu brauchen weiß
wie Joannu den seinen in Petersburg und bei der
Pforte. Er spannt die Arme weit und sicher von
seinem Zentrum aus. Du mußt nach Petersburg,
sobald Justine wieder völlig rüstig und der Junge
getauft sein wird.?
Es war von dieser Reise schon vorher, bald
nach dem Friedensschlusse, die Rede gewesen. Sie
hing mit Darners Gedanken über ein Zusammenwirken
der großen Firmen im Osten von Europa und über
dessen Grenzen hinaus zusammen, mit jenem Plane,
welchen er dem Sohne vor Jahresfrist, am Tage vor
der Schlacht von Eylau entwickelt. Er war, von -
demselben, nicht entwegt worden durch die Ereignisse,
welche dazwischengetreten waren, wenn schon sie ihn
gehindert hatten, der Ausführung wesentlich näher
zu treten.
Er kam auch jetzt wieder mit der ihm eigenen
klaren Bestimmtheit darauf zurück und gedachte da-
bei in erster Linie der noch fester zu knüpfenden
Verbindung mit dem Hause von Philippos Joannu,,
eines seit langen Jahren in Petersburg bestehenden


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griechischen Bankhauses, dessen gegenwäirtiger Inhaber
Generalkonsul der Türkei war. Einen seiner Söhne
hatte er in Konstantinopel, den andern in Venedig
festgesetzt. Das Haus in Konstantinopel vermittelte
den ganzen Bernsteinhandel nach dem Orient, während
Philippos Joannu selber, als einer der reichsten
Kaufleute von Petersburg, an der Newa den Mittel-
punkt des Hauses bildete. Darner hatte ihn, noch
ehe er sich in Königsberg niedergelassen, in Holland
persönlich kennen lernen, ihn später in Petersburg
besucht, und wiedergesehen in Paris.
Darner wußte, daß die Meinung seines Sohnes
mehr auf den Handelsverkehr mit dem Westen als
auf den Osten gerichtet war, und Frank sagte denn
auch unumwunden, er glaube, daß bei der zurück-
gebliebenen Entwicklung Rußlands auf ein ersprieß-
liches Zusammengehen mit den russischen Handlungs-
häusern nicht zu rechnen sei. Er habe kein Vertrauen
zu dem Erfolg der Petersburger Reise.
,,So unternimm sie ohne Vertrauen und setze
Mlles daran, den guten Erfolg zu erreichen, an dem
Du zweifelst. Gerade wo für die Kultur eines
Landes, für seine kommerzielle und industrielle Ent-
wicklung noch Alles zu thun ist, wo der ganze, all-
seitige Reichthum eines solchen noch völlig brach liegt
und ungehoben ist, da ist etwas zu machen. Du
hast Dich dorten mit offenen Augen umzusehen; das
Nebrige, mein Freund, ist meine Sache, darum
sorge Du doch nicht!'' entgegnete ihm der Vater mit
der befehlenden Kürze, welche Frank schon zum öftern
kränkend und schwer zu ertragen gefunden hatte,
wenn sie ihm im Beisein seiner Frau entgegen-
getreten war. Heute verletzte sie ihn mehr als je,
doch schwieg er einen Augenblick vor dem Befehl;
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,Gewiß, ich werde gehen und thun, was ich
kann, aber ..
,Was soll dies Aber? herrschte der Vater.
,Es soll Sie bitten, mich zu hören, Vater!rr
antwortete ihm Frank, jettt plötzlich entschlossen, mit
gleicher Bestimmtheit, und sich zusammennehmend
fügte er hinzu: ,Ich habe es bisher als meine
alleinige Aufgabe erachtet, Ihnen zu dienen und zu
gehorchen, indem ich mich unbedingt der Einsicht
unterordnete, die uns Alle auf den Boden gestellt
hat, auf welchem wir neben Ihnen in Ehren stehen.
Grade heute habe ich Ihnen wieder für die Würde
zu danken, welche der Kaiser von Rußland Ihrem
Verdienste ertheilt und die Sie auf mich haben über-
tragen lassen. Aber in dem Augenblick, in welchem
man mir gestern meinen Sohn in die Arme legte
und der Junge, ohne es zu wissen, in tästender
Bewegung seine Hände zu mir erhob, da habe ich
empfunden - verzeihen Sie mir, wenn ich es Ihnen
gerade jetzt bekenne - daß ich fortan nicht nur Ihr
Sohn, sondern auch meines Sohnes Vater zu sein
habe. Selbst Ihnen darf ich mich nicht mehr gegen
meine eigene Neberzeugung unterordnen. Ich habe
in der glücklichen Lage, die Sie uns geschaffen, für
meinen Sohn, für meine Familie einzustehen, wie
Sie es in dem Kampfe um das tägliche Brot für
mich gethan. Ich sete mein Kapital, meine Arheits-
kraft in das Geschäft; und ich wiederhole es Ihnen,
der Richtung nach dem Osten folge ich ohne Zutrauen
und also widerstrebend.?
Darner hatte sich in seinem Armsessel nach dem
vor ihm stehenden Sohne hingewendet und, den Kopf
auf den linken Arm gestütt, ihn ruhig pollenden
lassen, während er ihn mit festem Blicke maß.
Frank hielt demselben stand.

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,Willst Du Deine Einsicht und Erfahrung neben
die meinen stellen ?' fragte der Vater, das Auge nicht
von ihm lassend.
,Für so thöricht können Sie mich nicht halten,''
entgegnete Frank, ,ohne mir Unrecht zu thun.?
,Oder glaubst Du vielleicht, meine Sorge gelte
Deinem Sohne weniger als Euch? Glaubst Du, er
sei nicht ebenso mein wie Dein, wie . . .?
,Nein, mein Vater, das ist er nicht, fuhr Frank
heftig auf, ,er ist mein, er ist Justinens Sohn, unser
Sohn allein! Wie sehr wir Beide auch mit Er-
kenntniß und von Herzen Ihre Kinder sind setzte
er begütigend hinzu.
Darner stand auf und trat ihm finster gegen-
über.
,Zürnen Sie nicht,'' rief Frank; ,ich bin in
meinem Leben an eine Grenzscheide gekommen, an
die ich nicht gedacht, bevor ich an ihr gestanden habe.
Die Vaterpflicht, dies neue, mich überwältigende Ge-
fühl, fordert meine Mündigkeit noch in ganz anderem
Sinne, als das Gesetz sie mir zuerkennt und Sie
mir bisher dieselbe eingeräumt. Sie haben mich
ohne mein Verdienst zu Ihrem Partner gemacht, haben
mich mein Haus begründen lassen in Ihrem Hause,
und meine Frau hat in Ihnen einen Vater gefunden,
den sie liebt, weil sie ihn verehrt. Aber es hat mich
oft verletzt, wenn Sie über mich in ihrer Gegenwart
verfügt, als wääre ich ein Kind, ein Knabe. Kann
sie mich auf die Läinge lieben, wenn sie mich in der
Willenlosigkeit vor Ihnen sehen muß? Ich stehe mit
meinem Bewußtsein heute in dem Beginne einer für
mich neuen Zeit, meine Zukunft entscheidet sich heute.
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befiehlt, der gegen seine Ansicht blind gehorchen soll?
Ich bin kein .. -
Das Wort, das seine heftig erregte Leidenschaft
ihm auf die Lippen drängte, erstarb ihm auf denselben.
Er hielt erschreckend inne.
,Vollende!r sagte Darner tonlos. ,Du bist
kein Höriger, wolltest Du mir sagen!'' und Beide
schwiegen sie.
Darner war blaß geworden, seine Züge verriethen
den Kampf in seinem Innern. Auch er stand vor
einer Grenzscheide in seinem Lebenswege, auf die er
nicht gerechnet hatte; sein Sohn, sein Geschöpf in
jedem Sinne, sein eigen Blut lehnte sich gegen seinen
Willen auf.
Sein eigen Blut!
Er war weicher gestimmt gewesen, als er sich je
gefühlt, gestern, als er mit Frank an die Wiege seines
Enkels getreten. Den Fortführer seines Namens,
seines eignen Ichs, den Erben seines Blutes hatte er
in dem hilflosen Geschöpf mit Freude gesehen, mit
einer Art von Ehrfurcht betrachtet; und der fertige
Mann, der vor ihm stand, sein reif gewordener Sohn
mußte ihn daran mahnen, daß auch er seines Blutes,
daß er einem Vater entsprossen sei, der Leben an
Leben gesett, sich der Knechtschaft, der Hörigkeit zu
entreißen!
Von des eigenen Sohnes Knaben, von seinem
Enkel, hatte er gesprochen, wie die Herren von Ring-
king von ihm zu seinem Vater geredet haben mochten,
wie von einem für sie erzeugten, ihnen geborenen
Hörigen.
Wie war das möglich gewesen? Wie durfte er
sich wundern, wenn Frank, wenn seines in Freiheit
erzogenen Sohnes Blut sich dagegen empörte, wie
sein eigenes es einst gethan?

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Mit Blitzesschnelle flogen diese Gedanken ihm
durch den Sinn, und fest und streng sich selbst be-
herrschend, wie er die anderen beherrschte, war in
ihm rasch der schwere Kampf vollendet.
Während Frank in seiner liebenden Verehrung
noch nach dem Worte suchte, mit dem er sich dem
Vater wieder nähern konnte, reichte dieser ihm beide
Hände hin.
, Ich war im Unrecht gegen Dich, mach mich's
vergessen, daß Du mich einmal mahnen mußtest an
Dein Recht!'' sagte er -- und hingerissen von des
Vaters freier Größe, küßte der Sohn die Hand, die
jener ihm geboten.
Darner fuhr sich über das Gesicht, Frank sollte
nicht sehen, daß die Augen ihm feucht geworden
waren.
,Nicht doch,' sprach er, ,willst Du zum Knaben
werden, nachdem Du Dein Mannesrecht gewahrt?
, Sie werden mich mehr als je Ihnen gehorsam
finden!' gab Frank zurück.
,Das wird Dir gehorsame Kinder erziehen,?
sprach Darner lächelnd, ,und nun kein Wort mehr
davon! Laß uns hinaufgehen und hören, ob ich
Justine und den Jungen sehen kann.?
,,Dolores war bei ihr im Zimmer, als ich her-
unterkam, und versunken in des Kleinen Anblick. Da
sie das Kind nicht küssen konnte, küßte sie mich mal
auf mal.?
Darner nickte dazu.
,Das Kind wird ,hnen Lust zum Manne und
zur Ehe machen, und das paßt mir! Schließ die
Bücher ein und schließe das Komptoir, ich erwarte
Dich bei Dirt?
zggggggggpggpwnpgpppggggö