Die Familie Darner. Roman in 3 Banden.
Fanny Lewald
Kapitel 16


==- PZZ --
SSechzehntes Kapitell
Es war still' oben in den Stuben wie in einer
Kirche. Um jede Störung von Justine fern zu halten,
hatte man die Hausklingel festgebunden und den
Hausknecht als Thürwächter gesett.
Virginie, die während des Wochenbettes der
Schwägerin die Hausfrau machen sollte, weil sie die
thätigere, der beiden Schwestern war, hatte sich in dem
Nebenzimmer der Wochenstube niedergelassen, um bei
jedem Anlaß sofort zur Hand zu sein.
Sie gefiel sich sehr in ihrer neuen Würde, hatte
auch große Freude an dem Kinderhäubchen, daß sie
für den Neffen zu seiner Taufe stickte; aber trotz
ihrer Emsigkeit konnte sie es doch nicht lassen, . von
Zeit zu Zeit zum Fenster hinauszugucken, um zu
sehen, wie die Vorüberkommenden das neue, hell.
glänzende Konsulats-Wappen an ihrem Hause be-
trachteten.
Unten in dem Wohnzimmer des ersten Stockes
saß Dolores vor dem hell flackernden Feuer des
Kamins und sah still träumend in die Gluth, ein ,
Lächeln auf den Lippen. Das Buch, in welchem
sie gelesen, hielt sie noch in der Hand. Die Ühr
auf dem Simse des Kamins schlug die Mittags-
stunde,
,Ob er wohl heute kommen wird? fragte sie
sich, denn Eberhard pflegte, namentlich wenn er in
der Woche nur zu seiner Lektion bei Frank gewesen,
und behindert war, am Sonntag zu kommen, Justine
am Sonntagvormittag einen Besuch zu machen,
wobei denn Frank nicht fehlte und auch der Haupt-
mann, von der Parade kommend, sich gelegentlich ein-
zustellen pflegte.

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Sie trat ans Fenster, sah nach der Ühr, als
hätte sie sie nicht eben schlagen hören, setzte sich dann
wieder auf ihren Platz am Feuer, nahm das Buch
wieder auf, begann wieder zu lesen, indeß sie war
nicht mit dem Herzen dabei. Das Kind lag ihr
immer im Sinne. Sie sah es beständig vor sich,
und sie hätte es gar zu gern dem Baron gezeigt-
Aber-- die Ühr schlug halb!
,, Jetzt kommt er nicht mehr!r rief sie und stand
auf, um hinauf zu Virginie zu gehen, denn an
anderen, Besuchern war ihr nichts gelegen; die konnten
in Gottes Namen abgewiesen werden, wenn sie sich
einstellen sollten. Da, grade als sie die Thüre
aufmachte, um das Zimmer zu verlassen, stand er
vor ihr.
,Verzeihen Sie, daß ich unangemeldet komme,''
sagte er, ,der Mann wollte seinen Posten unten an
der Thüre nicht verlassen, und ich sah sonst Niemand
von den Leuten.? -
,Aber Sie wissen es schon?? rief sie ihm ent-
gegen.
,Deshalb kam ich eben, ich wollte ihrem Bruder
gratuliren zu dem kleinen Lor . . ?
,Ach! Sagen Sie den Namen nicht! fiel Dolores
ihm mit abwehrender Bewegung in das Wort.
,,Nun! anders kann er ja gar nicht heißen !'
meinte Stromberg, verwundert über ihre Scheu.
,,Gewiß nicht! aber aussprechen müssen Sie den
Namen nicht, ja nicht!'
, Und warum denn nicht?' fragte er noch einmal.
Sie sah ihn mit ihren großen dunkeln Augen
ernsthaft an und sagte halblaut, als dürfe kein anderer
es vernehmen:
,Wenn man den Namen eines Kindes nennt,
ehe es getauft ist, dann hört ihn der Tod-- und

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kann es rufen!-- Ach, und Sie können sich gar
nicht denken, wie entzückend er ist! Haben Sie denn
schon einmal ein ganz kleines Kind gesehen??
Er verneinte es. Sie wollte weiter sprechen,
hielt jedoch inne, als merkte sie erst jetzt, daß sie
Beide immer noch an der Thür standen, und
ihn um Entschuldigung für ihre Achtlosigkeit bittend,
setzte sie sich in den Armstuhl, den sie vorhin inne-
gehabt hatte, und nöthigte den Gast, ihr gegenüber
Platz zu nehmen. Dadurch war sie aus ihrem Zug
und in Verlegenheit gekommen, denn sie war es nicht
gewohnt, selbstständig Besuche anzunehmen. Es war
das erste Mal, daß sie allein mit Stromberg war.
Das entging ihm nicht; und um ihr wieder zu
der Unbefangenheit zu verhelfen, die doppelten Reiz
für ihn hatte, weil sie sonst immer schüchtern gegen
ihn gewesen war, sagte er:
,Sie haben mir aber etwas von Ihrem neuen
Neffen erzählen wollen, und das möchte ich doch nicht
entbehren, Sennora Dolores!-
, Ach, meinte sie, ,für Sie ist das ja nichts
Besonderes, denn wenn Sie auch wie ich noch kein
solch kleines Engelskind gesehen haben, so haben Sie
sich ja das Alles gewiß längst gedacht und auch
gelesen. Aber wie Frank mich an die Wiege brachte
und den Vorhang zurückschlug, und ich das kleine
Köpfchen in den Kissen sah und die Hand leise
darauf legte- Sie können sich nicht denken, wie
weich und wie sanft und wie warm es war. Und
wie ich den leisen Pulsschlag fühlte, da- ich will's
lieber nicht sagen, denn Sie werden wie Virginie
sprechen: Wo sich alle Anderen freuen, fängst Du zu
weinen an!? Ich konnte aber nicht dafür; ich mußte
weinen.


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,Sie haben geweint vor Freude! Das ist ja so
erklärlich ! bedeutete er sie.
, Ja, und vor Rührung; denn wie er so vor
mir dalag, und ich hinüberblickte zu Justine, die
sehr blaß und doch ganz verklärt aussah, da fielen
mir die Verse ein, die Verse aus der Glocke, die ich
zuerst von Ihnen gehört und seitdem immer wieder
gelesen habe:
,hm ruhen noch im Zeitenschooße-
Die schwarzen und die Jeitern Lose,
Der Mutterliebe zarte Sorggn
Bewachen seinen goldnen Morgen -
und da konnte ich mir nicht helfen l'?
Sie machte eine unwillige Bewegung mit dem
Kopfe, als wäre sie unzufrieden mit sich, fuhr sich
mit der Hand über die Augen und sagte:
,,Sehen Sie mich nur gar nicht an! Ich komme
heute aus der Rührung, aus dem dummen Weinen
nicht heraus; und ich bin doch kein kleines Kind l?
,Nein!' rief er, aufstehend wie sie und sie bei
der Hand festhaltend und nahe an sich heranziehend,
da sie sich von ihm wendete, ,nein, kein Kind, aber
die Natur des Weibes, wie es aus der Hand des
Schöpfers gekommen ist, in all seiner reinen Heilig-
keit und Schönheit. Weinen Sie Ihre Freuden-
thränen ohne Scheu; die sammeln die Engel mit
stiller Hand und flechten sie einst als Krone in ihr
Haar !r
,Ich sag's ja auch nuur zu Ihnen,' sprach sie
leise, indem sie, ohne sich von ihm zu entfernen, die
Augen sanft zu ihm erhob, ,denn die Andern =
Franks rasches Herankommen unterbrach sie.
,Sprechen Sie nichts mehr davon!' bat sie,
,,nichts mehr!' während Eberhard, sich fassend, dem

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Freunde die Hand reichte und ihm sein: ,Glück auf, -
Herr Vater und Herr Generalkonsul! entgegen rief.
Dolores hatte sich still entfernt.
Frank schlug in die dargebotene Rechte freudig
ein. ,Ja!' entgegnete er; ,es ist viel Glück auf
einmal über mich gekommen; aber ich denke, ich
will's verdienen. Zunächst freilich wird das Konsulat
mich wohl von meiner Frau und meinem Sohne
trennen.?
,Weshalb das?
-,Ich muß, mich den Behörden persönlich vor-
zustellen, und auch in Geschäftsangelegenheiten nach
Petersburg, sobald meine Frau wieder völlig bei
Kräften sein wird. Ich denke mit dem Frühlings-
anfang reisen zu können und hoffe nicht allzu: lange
fern bleiben zu müssen. Sie sollten mit mir ,gehen,
Baron! Petersburg lohnt gewiß der Mühe, und
mein Wagen hat Platz für uns Beide.?
,Die Aussicht wäre verlockend genug, wäre ich
nicht durch meine Stellung gebunden. Gewinne ich
im Laufe des Jahres in den Ferien eine Zeit, über
die ich frei verfügen kann, so wissen Sie, wo ich die
zuzubringen habe.?
,Mich hat es überhaupt gewundert,' meinte
Frank, ,daß Sie in den Staatsdienst getreten sind,
bei der Liebe, die Sie für Waldritten hegen.?
,Es ist unter uns ein Familienbrauch, dem Staat
zu dienen, und diese Bräuche werden zu bindenden
Verpflichtungen mit der Zeit!'' entgegnete ihm der
Baron. ,Sie haben sich angezogen gefühlt von den
Bildern meiner Vorfahren und ich selber blicke gern i
und mit Erhebung auf sie zurück; aber nicht nur
noblesss oblige! - Unsere Ahnen verpflichten uns
auch, und wenn ich auch darauf rechne, später als
freier Mann auf meinen Gütern zu leben, mochte ich

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===- JZß =
nicht der erste Besitzer von Waldritten sein, der nicht
den Hohenzollern diente. Sie begreifen das und
können es nicht tadeln!?
,Ob ich es begreife? Und wie sollte ich tadeln,
daß Sie ganz sein wollen, was Sie sind! Trotzdem -
finde ich es bequem, ohne - hemmende Rücksicht, einzig
auf sich gestellt zu sein, wie ich es bin: Freier Herr
über mich und mein Thun, freier Herr, zu kommen
und zu gehen, freier Herr in meinem Hause!'?
Und wie er das gesprochen hatte, fiel es ihm
ein, daß er eben erst vor einer Stunde diese Freiheit
seinem Vater gegenüber schwer geng zu behaupten
gehabt und daß sie an der Natur seines Vaters
immer ihre Grenze finden würde. Er verstummte
plötlich.
Eberhard wußte sich das nicht zu deuten. Er
wollte aber die Unterhaltung nicht ins Stocken
kommen lassen und warf aufgeregt, wie er war, die
Phrase dazwischen:
, Sie halten es mit dem englischen mz honse
is wz esstls! Und einfach, wie die Worte sind,
schließen sie die ganze Selbstherrlichkeit des freien
Mannes in sich. England hat mir durch seine In-
stitutionen einen mächtigen Eindruck gemacht. Wir
haben noch zu erstreben, was sie dort seit hunderten
von Jahren als unantastbare Rechte besitzen. Den-
noch, daß ich es Ihnen gestehe, hat es mich im
ersten Beginne unserer Bekanntschaft befremdet, daß
Sie sich mehr als Engländer denn als Deutschen
fühlten. Ich habe das für Sie und mich beklagt,
da ich an unserem Vaterlande hänge. Es beraubte
uns eines gemeinsamen Gefühls. ?
,Ich bin in Helgoland geboren, in England
auferzogen!'' gab Frank ihm erklärend zu bedenken.
,,Das habe ich mir damals selbst gesagt, mein

==- Jg,h -
Freund! Sie hatten keine Heimat, konnten kein
Heimatsgefühl, keine Vaterlandsliebe kennen, denn
Ihre Eltern hatten keine erfreuende Erinnerungen
an das Land, in welchem sie geboren worden waren. e
Ihres Vaters Weg ist dann durch die weite Welt
gegangen, Ihrer Schwestern Wiege stand jenseits des
Ozeans.?
,Aber,'' fiel Frank ihm ein, ,die Wiege meines
Sohnes steht hier in dem Hause und an der Stelle,
an welcher meine Frau das Licht erblickt, in ihrem
alten Stammeserbe. Das ändert Alles! Mein Sohn
und seine Mutter haben mir ein Vaterland gegeben!
Und ich denke, ein Stammeserbe soll es bleiben, dies
alte Haus, auch für uns, das neue, hier zu Bürgern
gewordene Geschlecht. Nebrigens irren Sie darin nicht,
daß ich mich früher nur als Engländer gefühlt habe.
Erst an dem Tage, an welchem wir hier in der i
brennenden Stadt die Franzosen vor den Thoren
hatten, in der schweren gemeinsamen Noth habe ich
empfunden, daß ich hier Wurzel geschlagen hatte, daß
ich auch mit dem Herzen das Schicksal meiner neuen
Heimat und ihres Königs theilte. Er hat ein Vater-
land, er soll ein guter Preuße werden, der Bursch
da oben, und, wie heut mein Vater sagte, der Fort-
führer einer kaufmännischen Dynastie von guten
Bürgern.?
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,Also Landsleute, Gutsnachbarn und Frennde!
Was wollen wir mehr!'r rief Eberhard mit dem
Wohlgefallen, das er an Frank von Anfang an ge-
funden; ,und,'' fügte er dann lächelnd hinzu: ,da-
neben dynastische und aristokratische Gedanken und
Gelüste unter Ihnen, grad' wie unter uns lr
Frank nahm das ebenso heiter auf. ,Ich gebe
Ihnen Ihr Wort zurück,? sagte er: ,Wollen Sie
das tadeln??

==- IT -
,Im Gegentheil, ich lobe es durchaus! Denn
wenn jeder Stand sich als solcher in seiner Bedeutung
und Würdigkeit empfindet und, mit Selbstachtung in
sich beruhend, die gleiche verdiente Achtung auch von
den anderen Ständen fordert und erhält, so sind wir
auf dem Wege zu der allein möglichen, wahren
Gleichheit der Stände, die ganz etwas Anderes ist
als jene sogenannte Gleichheit, mit welcher man von
jenseits des- Rheins die Welt zu beglücen gedenkt,
indem man Alle gleichmäßig unterjocht und plündert.
Aber so Gott es will, wird der' Tag kommen' -
und seine Augen leuchteten, als er das sprach--
,, der Tag wird kommen und sein Morgenroth dämmert
schon in vielen Herzen auf, der dieser Tyrannei ein
Ende macht.?
,,Wovon sprechen Sie?? fragte Frank, von den
letzten Worten offenbar betroffen.
Eberhard schien unsicher, ab er fortfahren sollte.
Frank, überall. auf das Thatsächliche gestellt, ver-
langte noch einmal nach weiterer Erklärung.
,Nun denn!'r sagte Eberhard, ,haben Sie sich
nicht gesagt, daß eine Unterjochung der Völker, wie
Bonaparte sie ausführt, nicht möglich sein würde,
wenn die innere Untüchtigkeit derselben sie ihm nicht
erleichtert hätte? Wir sind nicht mehr die Söhne
Hermanns, die Deutschen, welche die römische Welt-
macht aus unseren Grenzen vertrieben und den An-
fang gemacht mit der Zerstörung der römischen
Kaisertyrannei; nicht mehr die Deutschen, die vor
dreihundert Jahren sich der Tyrannei der römischen
Kirche widersetzten. So oft mein Auge auf das
Bild meines Ahnherrn fällt, mahnt es mich daran!
Wir haben verlernt, der Wahrheit zu dienen. Der
Erfolg der Tyrannei hat uns in uns selbst erniedrigt.

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Wir haben verlernt zu hassen, zu verfluchen und unser
Leben an unsere Ehre zu setzen, denn- -
,Weshalb vollenden Sie nicht?? fragte Frank.
, Weil es thöricht ist, in Worten zu phantasiren,
wenn man, wie ich, noch nichts geleistet hat, das den
Glauben an des Menschen Thatkraft giebt. Aber ich
wollte, daß er noch lebte, der Dichter des Tell! Ich
wollte, Sie hätten wie ich das unverges:liche Gltck
gehabt, von seinem Munde die mahnenden Worte zu
vernehmen:
.Ans Vaterland, ans theure, schließ dich an,
Das halte fest mit deinem ganzen Herzen,
Hier sind die starken Wurzeln deiner Kraft!?
,, Und Sie fürchten nicht,' wendete Frank ihm
ein, ,daß diese streng algegrenzte Vaterlandsliebe
den Sinn und das Herz des Menschen verenge?
Ob Pfahlbürger, ob Büürger eines kleinen, eines
großen Staates-- eine Beschränkung bleibt es doch
immer neben dem Weltbürgerthum, und selbst neben
dem Christenthum, das die Menschen in eine große
brüderliche Gemeinschaft vereinigt zu sehen begehrt. ?
Er hatte den letten Beweggruund herangezogen,
als hoffe er, eben mit diesem auf den Baron den
wirksamsten Eindruck zu machen.
Indeß Eberhard blieb bei seinem Sinne.,DDas
Alles hat seine Schranken, mein Freund ' sagte er.
,,Es ist nicht weit her, mit dem sogenannten! Kos-
mopolitismus und Weltbürgerthum. So wenig der
Einzelne sich aufgeben und in einen Adern ver-
schmelzen kann, so wenig kann und soll ein Volk
das thun. Es soll seinen Boden und seine Eigenart
sich wahren, soll sein Land und seine Leuute zu ihrer
möglichsten Vollenduung entwickeln; und thun wir das,
thut dazu Jeder das Seine an sich selbst, so wird

s
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------ 14Z--
--- und daran müssen wir halten- auch unser Volk
nicht untergehen in der Franzosenherrschaft! Früher
oder später werden die Völker ihn brechen, den
Willen des Eroberers, der sie knectet und ihre
Füürsten in Ohnmacht niederwirft. Er ist ein Sterb-
?. Ra
zeugende und damnit schlies;lich auuch die größte Macht. ?
Er hatte das Alles rascher, eifriger gesprochen,
als er pflegte, so duiß es Frank aufgefallen war.
Bei seinen letzten Worten war Darner eingetreten.
Eberhard hatte also plötzlich abgebrochen und sich
dem Herrn des Hauses genaht, auch ihm seinen
Glückwunsch darzubringen. Darner nahm ihn freuudig
an, da er aber die letzten Worte des Baron ver-
nommen, fragte er, wovon die Rede gewesen sei.
Die beiden jungen Männer gaben ihm in
wechselnder Nede kurzen Bescheid. Er hörte ihr Fr
und Wider ruhig an. Dann sagte er:
, Sie begreifen, daß ich nicht in Napoleons
Fehler verfallen kann, die geistige Macht-- die ja
seine erste Wgffe und deren höchster Ausdruck er
selbst in gewissem Sinne ist---- zu unterschätzen.
Ich unterschätze auch die Wünsche und Hoffnungen
des Volksgeistes nicht, der sich aus dem Geiste jener
Einzelnen erzeugt, welche Napoleon als Jdeologen
verspottet. Er ist kurzsichtig bei all seiner Größe,
denn er hat auch die Macht des Kaufmannsstandes
und des Weltverkehrs unterschätzt, bis er eines Tages
zuuu der Einsicht gelangt, daß die Läinder nur zu
lähmen sind, wenn man ihnen diese Adern des Ver-
kehrs unterbindet. ? Er hielt einen Augenblick inne
und sagte dann in leichterem Tone:
, Mein Sohn kennt meine Meinungen über diese
Dinge, und ich spreche sie auch vor Ihnen auus. Mit

==-- JIF -
aller Achtung vor den Ideen der Denker und der
Dichter und vor der Hoffnung, sie einst in Thaten
umgesett zu sehen, so ist es auch eine zur That ge-
staltete Jdee, wenn wir die bewegende Kraft des
Geldes durch die Adern des Weltverkehrs treiben.
Sie führen Alles auf die Macht des Geistes, ich
auf die des Geldes zurück. Unterschätzen Sie diese
letztere nicht??
Es war nicht das erste Mal, daß Eberhard diese
Aeußerungen von Darner vernahm. Sie waren ihm
anfangs fremd, ja abstoßend gewesen; indeß seine
Bildung ebenso wie die Anerkennung von Darners
Bedeutung hatten es ihm leicht gemacht, sich aus
ihnen das Richtige und Nützliche für sich zu ent-
nehmen, doch trafen sie ihn jetzt persönlicher und in
anderer Verfassung.
,Ich! Die Macht des Geldes unterschätzen!r
rief er. ,Könnt' ich's so rasch vergessen, wie sehr ich
es entbehrt und wessen Vermittelung ich es verdanke?
Glauben Sie es mir Beide, ich habe den Werth des
Geldes gründlich kennen lernen!r
, Und das ist gut für Sie wie für Jeden, der es
sein Lebelang nur mit den Gedanken zu thun ge-
habt hat. Die Tiefen der Erde und was sie bergen,
das Eisen, das Gold, der weite Ozean, die frucht-
tragende Scholle, das sind die realen Mächte und
sie stehen in erster Reihe. Denn trotz aller Macht
der Gedanken, an denen es hier unseren Gelehrten
sicher nicht gemangelt hat, hätten wir die Franzosen
heute noch in unseren Mauern. Es war die solide,
reale Macht des in That umgesetten kaufmännischen
Kredites, mit der wir sie befriedigten und fortgeschafft
haben.?
Ein Lächeln, das bei ihm selten war und leicht
den Anstrich des Spottes gewann, flog über seine

=- 1h -
Lippen, und mit einer ruhigen Handbewegung, in
welcher er der ganzen Neberlegenheit seiner Jahre und
seiner Person den Ausdruck gab, setzte er hinzu:
, Täuschen Sie sich darüber nicht, Herr von Strom-
berg! Die Idee in Ehren! Aber wir leben in der
Zeit des Materialismus; Alles will bezahlt sein!
Jeder und Alles wird mit Geldeswerth bezahlt: die
großen Gedanken, die großen Erfindungen und Ent-
deckungen, die großen Feldherren wie die Heere!
Frankreichs Siege stehen hoch verzeichnet in dem
Schuldbuch der Nation. Ruhm und Ehre sind
kostspielige Dinge. Der Absolutismus ist theuer,
und fragen Sie darnach in Frankreich, auch die
Freiheit hat man keineswegs umsonst! Fragen Sie
drüben nach in England oder auch jenseits des
Ozeans!= Blut in den Adern und Geld in den
Taschen! Das sind die Kräfte, die es machen: sind
die vorhanden, so findet sich das Andere!? -
,Nein!r fuhr Eberhard plötzlich auf, ,nein, Herr
Darner! Versündigen Sie sich nicht am Geist und
an der Menschheit! Es giebt Menschen, die nicht zu
erkaufen, Thaten, die nicht zu bezahlen sind, und
der persönliche Erfolg ist nicht das Letzte. ?
Er hielt sich, wie über sich und seine Heftigkeit
erschrocken, mit einem Male zurück. Darner sah ihn
ruhig an.
,Vollenden Sie, Herr Baron! Ansicht gegen
Ansicht! Ich habe Ihnen die meine ausgesprochen,
wie ich sie auf meinem Lebensweg gefunden; Sie
dürfen mir die Ihre, die Sie auf anderem Weg ge-
wonnen, nicht schuldig bleiben.?
,Verzeihen Sie mir! bat Eberhard, von Darners
Gelassenheit überwältigt.
,Machen Sie sich keine Sorge darum! Man
glaubt in der Jugend immer rasch fertig sein zu
Lewald. Die Familie Darner. A.
1

-= TG-
müssen; man lernt im Alter, daß es nicht so eilig
damit ist! Bitte, vollenden Sie; was wollten Sie
sagen, Herr Baron?
Der Gedanke, Darner schone ihn, weil Frank
ihm einen materiellen Dienst geleistet, schoß Eberhard
durch den Sinn; aber er stieß ihn als niedrig und
als Darners und seiner unwürdig zurück. Er suchte
sich zu fassen so gut er konnte. Es wußte ja keiner
von den Beiden, die zu ihm sprachen, was in ihm
kämpfte und ihn bestürmte.
O,' rief er, ,ich dachte daran, daß es Worte
giebt, welche, zur rechten Stunde und mit der über- -
zeugenden Kraft ausgesprochen, mehr wirken, als die
Macht des Geldes. Oder wo lebt der Krösus, der
mit seinen Schätzen zu bezahlen vermocht hätte, was,
ich führe nur ein Beispiel an, was vor noch nicht
zwei Jahren unter unseren Augen das Wort, das
Werk eines schlichten Mannes erreicht.?
, Und welch ein Werk ist das gewesen??
,Die Aufhebung der Leibeigenschaft in ganz
Schweden und in allen zu ihm gehörenden deutschen
Landen, in schwedisch Pommern und in Rügen, wo ?
sie am härtesten auf den Menschen gelastet hat!
,Richtig! Aber der Name? Er ist mir ent-
fallen!r
,Ernst Moriz Arndt! sprach Eberhard mit stolzer
Freude, sicher, mit diesem Beispiel den Sieg auf
seiner Seite zu haben.
,Richtig !' wiederholte Darner. ,Kommen Sie
meinem Erinnern zu Hilfe. Wer und was ist dieser
Arndt in seiner Lebensstellung?
,Der Sohn eines leibeigenen Geschlechtes, das
sich auch rühmen darf, Alles sich selber zu verdanken,
sein eigener Befreier und jetzt der Befreier von
Millionen von Menschen geworden zu sein.?

=- Pg? --
,Ja!' sagte Darner, ,iener Schritt brach die
Bahn zu dem, was jetzt hier geschehen ist, was ge-
schehen muß durch die ganze Welt. Der fort-
reißende Drang der Ereignisse, die wir hier erlebt,
hat jene Großthat für uns in den Hintergrund
gedrängt. Wie hieß die Schrift? Wo weilt jett
dieser Arndt??
Eberhard nannte ihm den Namen der Schrift,
erzählte das Schicksal, welches sie Arndt zugezogen,
bevor der Erfolg ihm Recht gegeben, und sagte dann,
wie Arndt, da er Deutschlands Banner hochgehalten,
von seiner Professur in Greifswald habe vor den
Franzosen nach Schweden flüchten müssen, wohin
Eberhard gegangen, dem von ihm verehrten Manne
persönlich zu begegnen. Aber auch dort sei Arndt
vor seinen Feinden nicht sicher gewesen, und wo er
sich jettzt aufhalte, wisse er nicht. Seine Freunde
hielten ihn verborgen, eingedenk des von Palm er-
littenen Geschicks.
Der Diener brachte ein paar Karten in das
Zimmer, die unten abgegeben worden waren. Eber-
hard benutzte die Gelegenheit, sich zu empfehlen.
Die Unterhaltung über Arndt hatte das Gespräch
von seinem Ursprung abgelenkt, und Eberhard war
Herr über seine Aufregung geworden. Darner ent-
ließ ihn mit festem Handschlag, der Sohn begleitete
ihn hinaus.
, Sie haben heute einen großen Eindruck auf
meinen Vater geinacht,'? sagte er, ,und der kommt
auch mir, und auch ihm selbst, zu Gute. Ich wollte,
Sie kennten ihn wie ich!?
,Ich stelle ihn sehr hoch,' versicherte der Baron,
,, und er weiß das, hoffe ich zu meiner Ehre.?
,So kommen Sie doch öfter zu uns, kommen
Sie bald wieder!r?
ve

PI8 --
Sie waren im Vorzimmer, als sie das sprachen.
Eberhard blieb stehen, seine Lippen preßten sich zu-
sammen wie im Schmerz, und sich gewaltsam be-
zwingend, sagte er:
,Nein, Frank!= Er hatte den Freund nie i
zuvor mit diesem Namen genannt, ,nein, Frank, ich
komme nicht wieder l
,Sie kommen nicht wieder? fragte er betroffen.
,Ich liebe Dolores!r
,Eberhard!'r rief Frank mit einer Stimme, die -
widerklang in des Freundes blutendem Herzen. Dann
fragte er:
,Weiß es meine Schwester??
,Sie sollte es nie erfahren, aber ich fürchte,
heut hab' ich mich verrathen.?
, Und meine Schwester, theilt sie diese Liebe??
,,Laß mich nicht aussprechen, was ich nicht hoffen
darf!'' antwortete Eberhard mit bebender Stimme.
,,So komme ich morgen zu Dir, Abenda !?
Eberhard wehrte das mit einer Kopfbewegung
ab. ,Laß mich erst zur Ruhe kommen. Es ist ein
großer Zwiespalt in mir!r
,Wie Du es willst, mein Freund !?
Sie schüttelten einander die Hände und gingen
von einander. Frank kehrte zu seinem Vater zurück.
Wie der in des Sohnes Antlitz sah, fragte er:
,Was ist geschehen, und was war's heute mit dem -
Baron? Er war aufgeregt!''
,,Er liebt Dolores und kommt deshalb nicht
wieder.?
Darners Stirn zog sich finster zusammen. ,Wo-
her weißt Du das??
,Er hat es mir eben jett gesagt, als ich ihn
zum Wiederkehren nöthigte. Zu einer Erklärung
zwischen ihnen ist es nicht gekommen.

Pg9 -
,Wer bürgt mir- dafür?' antwortete Darner
zweifelnd.
,Eberhard, den ich darum befragte; aber er
glaubt, ihr nicht gleichgültig zu sein, und das haben
Justine und ich neulich schon vermuthet.?
, So hättet Ihr mir's sagen müssen, da Du
weißt, daß ich andere Absichten mit dem Mädchen
habe,'' sprach der Vater streng, und es entstand eine
kleine Pause.
,Es ist gut,' hob er darnach wieder an, ,daß
Stromberg weiß, was ihm zu thun gebührt. Justinens
Wochenbett und Deine jetzt zu beschleunigende Abreise,
die augenblicklich die Geselligkeit im Hause unter-
brechen, bieten einen schicklichen Vorwand fär sein
Fortbleiben.?
Virginie kam melden, daß Justine nach Frank
verlange und ging wieder hinaus. Als dieser sich
entfernen wollte, sagte der Vater, den Kopf schüttelnd,
mit dem Tone der ihm gewohnten Neberlegung:
,Begeistert der Mann sich für die Befreiung der
Leibeigenen und fühlt nicht, daß er, während seine
Leute frei geworden sind, heute noch der Leibeigene
seiner Scholle, mit Leib und Seele der Sklave seines
heruntergekommenen Majorates ist!r'
,Sie sprechen von Stromberg??
,Von wem denn sonst? Man muß ihm übrigens
in seinen Waldrittener Angelegenheiten helfen! Er
ist ein ordentlicher Mensch! Die Lehre von den
leibeigenen Herren Von und Zu darf uns deshalb
nicht verloren gehen.. Es ist gut, daß er aüs dem
Wege ist.?
, Sie wären ein schönes Paar gewesen! Strom-
berg war sehr niedergeschlagen!' meinte Frank.
,Mag er sehen, wie er sich aufrichtet!