Die Familie Darner. Roman in 3 Banden.
Fanny Lewald
Kapitel 17

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,Aber Dolores?' fragte der Sohn, den Drücker
der Thür schon in der Hand.
,Man muß den Tröster schaffen! Je eher um
so besser! Der äsgit swonrsu ist ein guter Bei-
stand. Zunächst aber laß Deine Frau nicht warten!'
Siebenzehntes Kapitel!
Drei Tage später fand Frank, als er von der
Börse in das Komptoir zurückkam, einen Brief von
Eberhard auf seinem Pulte liegen. Ein Bote hatte
ihn eben erst gebracht; er enthielt nur wenige.Zeilen.
,Wundere Dich nicht, mein Freund, wenn Du
in diesen Zeilen nicht die Bitte ausgesprochen findest,
Dein Anerbieten wahr zu machen und mich zu be-
suchen. Da ich keine Möglichkeit sehe, das Ziel zu
erreichen, nach dem mein Herz mich hindrängt, darf
ich mir keinen Weg offen lassen, der mich daran mahnt,
daß ich nicht allein es bin, der den Trennungsschmerz
erleidet. Was Du Deinem Vater, den Deinen, zu
sagen für angemessen hältst, überlasse ich Dir; nur
laß mich, wenn wir uns finden, immer dem Freunde
in Dir begegnen, der Du mir geworden bist, der ich
Dir bleibe für alle Zeit; und erhalte Dir der Himmel
das Glück, das Du Dir in freier Wahl begründen
konntest- das Glück, auf das ich zu verzichten
habe!r
Frank las das Blatt und las es noch einmal,
dann reichte er es dem Vater hin, der inzwischen
auch nach Hause gekommen und in ihr besonderes
Arbetszimmer eingetreten war.

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Darner hielt es eine Weile in der Hand, nach
seiner Weise die Worte achtsam erwägend, ehe er es
dem Sohne zurückgab.
,,Gut so,' sagte er, ,der Brief erspart mir, was
ich nicht gerne gethan hätte, von dem Neffen des
Generals, von Deinem Freund und von einem an-
ständigen Menschen zu verlangen, daß er auch Dein
Haus meide. Aber denkst Du dies Schreiben zu
beantworten??
,Mich dünkt, das ist geboten! meinte Frank.
, Geboten, nein! Mehr als seinen Willen kann
man einem Mann nicht thun. Er will und muß
fertig mit der Sache werden; ich will weiter nicht
davon gesprochen haben- somit ist's zu Ende!'?
,, Ich möchte den Baron nicht an mir zweifeln
machen !'' wendete Frank ihm ein.
,Wer verlangt das von Dir? Im Gegentheil,
begegne ihm mit Offenheit, wenn Du ihn trifst; sag'
ihm, daß ich ihn abgewiesen haben würde, weil ich
über Dolores anderweit verfügt. Er soll nicht
glauben können, daß ich seine Werbung gern gesehen,
erwartet hätte. Nebrigens sei nicht so feinfühlig für
ihn; er fühlt sich schuldig, also ist er's. Wer hieß
ihn sich vor Dolores verrathen? Ein Mann muß -'
nie die Herrschaft über sich verlieren!?
Frank zögerte zu antworten, er wagte nicht aus-
zusprechen, was ihm durch den Sinn ging, und sagte
darnach:
,,Ich halte den Baron höher als alle jungen
Männer, die ich kenne.?
,,Du hast es neulich erst von mir gehört,'' ent-
gegnete der Vater, ,daß auch ich nicht gering von
ihm denke; da er hier ja doch vergessen hat, was er
nicht vergessen durfte, daß er der Majoratsherr von
Waldritten und sonst noch nichts ist, so vergiß auch

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Du nicht, daß er Dich brauchte, nicht Du ihn.
Laß ihn gehen und den Zufall walten. Deine
Schwester steht Dir näher als Dein neuer Freund.
Laß der Zeit das Feld! Und nun noch einmal,
nichts mehr davon !r
Aber trotz dieser bestimmt ausgesprochenen Wei-
sung, hatte jener letzter Sonntag Morgen nicht nur
in dem Leben des Barons, sondern auch in den
beiden Darners eine Wirkung hervorgebracht, die jeder
von ihnen empfand, ohne sofort zu erkennen, wie sie
dem Einfluß entstammte, den die drei Männer un-
willkürlich auf einander ausgeübt, und welche Wand-
lung in der ganzen Darner'schen Familie sich durch
das Herantreten von Eberhard vollzogen hatte.
Einzig auf sich, auf seine Herrschaft gestellt, war
selbst die Liebe, die Darner für seine Kinder, hegte,
ein Ausfluß seiner Selbstsucht. Sie waren seine
Geschöpfe, sie dankten ihm Alles, sie gehörten zu
seinem Besitz und hatten ihm wie sein Geld zu
dienen für seinen Plan, die Herrschaft des Kauf-
manns über alle anderen Stände durch die Macht
des Geldes anzubahnen. Weil er jedoch maßvoll
und bedächtig in allen seinen Anordnungen, war es
ihm gelungen, seiner Kinder Liebe zu gewinnen, sie
in dem Glauben an seine Unfehlbarkeit zu erziehen,
der nicht gehorchen zu können außerhalb ihrer Vor-
stellungen lag. Die Güte, die Freigebigkeit, mit
welcher er sie behandelt, so oft er sie früher besucht,
waren gewachsen in der Freude, mit welcher er sie,
um sich sah. Sie hingen an ihm wie der Gläubige
an seiner Gottheit.
Justinens Aufnahme in die Familie hatte in den
Anschauungen der letzteren keine Aenderung hervor-
gebracht. Wie Frank ausschließlich in der Kauf-
mannswelt gelebt, so hatte auch sie es, wenn schon


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in engeren Kreisen; und der patrizische Kaufmanns-
stolz, der sich dem Adel gegenüber behauptet, während
er sich allen Beamten, auch den höchstgestellten, über-
legen fühlt, weil er von keinem Herrn abhängt und
keinen vorbedungenen Lohn für seine Arbeit empfängt,
war ihr eingeboren. Die Bildung, die Erziehung,
welche man ihr gegeben, hatten darin nichts geändert.
Weder die Tante noch Madame Göttling waren ge-
eignet gewesen, den Zug nach etwas Höherem, nach
jener Poesie zu fördern und zu entwickeln, der sich
bei ihrer ganz zufälligen Beschäftigung mit der Dich-
tung allerdings in ihr geregt.
Erst ihre Begegnung mit Darner, dann ihre
Liebe für Frank, hatten sie hinausgehoben aus der
Enge ihrer bisherigen Denkart. Im Kampf gegen
das Vorurtheil der Anderen war sie selbst gewachsen,
und in seiner glücklichen Ehe hatte das junge Paar
und die Schwestern mit ihm, jene gehobenen Empfin-
dungen kennen lernen, welche jetzt die Atmosphäre
des ganzen Darner'schen Familienlebens mehr und
mehr verschönten. Als dann noch Eberhard hinzu-
gekommen war, welcher all diesen jungen Menschen
für ihr unbestimmtes Fühlen, für ihr unklares
Streben, in seiner ihnen so überlegenen Bildung
und in dem ihm voll zu Gebote stehenden Schatz der
Dichtung, stets das rechte Wort dargeboten hatte, da
waren sie Alle emporgeblüht, wie eine gute Saat in
reichem Boden, der nur das belebende Licht gefehlt,
sich' kräftig zu entwickeln.
Frank war sich bereits seiner Manneswürde in
anderem Sinn als bisher bewußt geworden, bevor
der Anlaß sie geboten, sich neben seinem Vater geltend
zu machen bei der Geburt seines Sohnes.
Von seinen Erinnerungen überwältigt, hatte
Darner dies erschütterten Herzens in dem Augenblick

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dem Sohne gegenüber anerkannt. Ob er dies nach-
träglich bereute oder nicht, das änderte die Thatsache
nicht. Er hatte eine Widersetzlichkeit, eine Zurecht-
weisung seines Sohnes ertragen; mit dem Befehlen,
dem Gehorchen im alten Sinne war es nun vorbei;
und Darners scharfer Verstand konnte sich nicht
dagegen verblenden, daß sich überhaupt innerhalb
seiner Familie allmälig eine Umgestaltung fühlbar
machte, wie sie in großem Maßstab sich in der
Außenwelt anzukündigen und zu vollziehen begann;
eine Wandlung, über die er in seinem Hause so
wenig Herr bleiben konnte, wie die Fürsten über
ihre Völker.
Das alte Naturgeset machte sich überall- geltend,
zu starker Druck rief Auflehnung empor. Das hatte
sich in Amerika und in Frankreich erwiesen, das hatte
einst er selbst, das hatte er jetzt an seinem Sohn er-
fahren, das regte sich in den von Napoleon geknechteten
Ländern und Völkern.
Die unterjochten Fürsten fingen an, ihren Völkern
Freiheiten zu gewähren und zu verheißen, um sie
an sich zu ketten für die Zukunft. Da man die
Macht der Bajonette und Kanonen nicht ausreichend
gefunden, zog man andere, geistige Kräfte in das
Spiel. Nicht allein die Waffen, nicht allein die
Macht des Geldes waren weltbewegende Kräfte.
Eberhard hatte es ausgesprochen an jenem Morgen,
und Darner konnte es nicht vergessen: das freie
Manneswort, der freie Wille des Einzelnen waren.
auch bewegende Mächte!
,Was dann,? hatte Darner sich gefragt, ,wenn
jene Geistesmächte die Oberhand gewinnen, wenn die
anderen Mächte sich einst ihnen beugen, wenn sie die
- Wege gehen müßten, welche jene ihnen vorgezeichnet??
Zwei junge Männer hatten sich ihm fest entgegen-

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gestellt. Er hatte sie nicht abweisen, nicht tadeln
können, er hatte ihr Recht ihm gegenüber anerkennen
müssen, und mehr noch-- er zürnte beiden nicht.
War er nicht mehr derselbe?
Es gefiel ihm, daß Frank nicht nur Blutes,
daß er auch seines Sinnes Erbe war. Er hätte ge-
wünscht, Eberhard nie unter seinem Dache gehabt zu
haben. Aber wenngleich er den Baron im Stolz
der eigenen, selbstwilligen Freiheit auch als einen
Unfreien bezeichnete, that es ihm leid, daß grade
dieser junge Mann sich selbst als einen Gebundenen
empfinden mußte, und darin täuschte sich Darner nicht.
Eberhard hatte einen schweren Kampf mit sich
zu bestehen; das Wort, das Darner über ihn aus-
gesprochen, das war ohne dessen Zuthun auch in
Eberhards Herzen lebendig geworden; das Urtheil,
das Darner über ihn gefällt =- Eberhard hätte es
in ehrlicher Selbsterkenntniß unterschrieben.
Er hatte das Alles bereits empfunden, als er
sich im Herbste von Königsberg entfernt, seine Ein-
samkeit hatte daran nichts geändert, und seine jetzige
Lage schärfte den harten Stachel seiner Erkenntniß.
Von den stolzen Lippen seines Ahnherrn hatte
es ihm in Waldritten zugerufen: ,Du bist der
Sklave meines Willens !? In dem Winde, der
über seine Felder und durch die Aeste der von
den Feinden übrig gelassenen Bäume geweht, hatte
es ihn gemahnt: ,Du bist an uns gebunden!'?
Es hatte ihn bisweilen fortgetrieben aus, dem
Ahnensaal; und troh der Liebe, die er hegte für
den alten, ehrwürdigen Besitz, hatte der Gedanke
ihn nicht verlassen: ,Du bist ein Edelmann aus
altehrwürdigem Geschlecht- aber Du bist kein freier
Mann!r
Wie erhaben hatte er sich vordem gefühlt über

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, die bürgerlichen Stände in dem Bewußtsein seines
alten Adels, seiner Standesvorrechte, seiner be-
sonderen Standesehre! Jetzt machte er mit seinem
Herzblut die Erfahrung, daß des Mannes wahre
, und alleinige Ehre in dem Rechte seiner freien Selbst-
s bestimmung liegt, und dies Recht, er hatte es nicht!
f Er hatte jeden unabhängigen Bürger um dasselbe zu
beneiden.
Manchmal, wenn die Gluth seiner Liebe für
Dolores in ihrer ganzen Stärke in ihm brannte,
zuckte aus ihr der Gedanke in ihm auf: ,Wirf Alles
von Dir, rette Deine Freiheit, Deine Liebe!r? Aber
konnte er das?
Durfte er, um sich selber zu genüügen, im Liebes-
verlangen den Besitz? den seine Vorfahren durch die
Jahrhunderte gepflegt, in dem Augenblick von sich
schleudern, in welchem dieser Besitz der nachhaltigsten
Arbeit bedurfte, um nicht völlig werthlos zu werden?
Und wenn er dies zu vergessen fähig wäre, konnte
er erwarten, daß der nächstberechtigte Erbe des Ma-
jorats, der General, geneigt sein würde, es mit der
von Eberhard aufgenommenen Schuldverschreibung
anzutreten, abgesehen davon, daß er, selbst dann
völlig mittellos, nicht an eine Verheirathung, nicht
daran denken konnte, von einem Manne wie Darner
die Tochter zu heischen, der er gar nichts zu bieten
hatte, als sich und seine Liebe? Konnte er sich ab-
hängig machen von dem Reichthum Darners, da er
die Abhängigkeit von dem Willen seiner Ahnen als -
eine lastende Kette empfand?
Er stand vor lauter Unmöglichkeiten, jedoch das
Verzweifeln war nicht seine Sache, er war eine ge-
,unde Natur. Er mußte seine Liebe und ihre Hoff-
nungen begraben; er mußte trachten, seinen Besitz
frei zu machen, sich selbst eine materielle Unabhängigkeit