Die Familie Darner. Roman in 3 Banden.
Fanny Lewald
Kapitel 18


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von demselben zu verschaffen; und wähxend Darner
sich zu der Einsicht gedrängt fand, daß noch andere
Kräfte im Leben in Betracht zu ziehen seien, als nur
die Macht des Kapitals, hatte Eberhard die freiheit-
gebende Kraft des Geldes für den Einzelnen in
höchstem Grade schätzen lernen, so daß er und die
Darners in ihren Ansichten einander viel näher ge-
kommen, als es je zu erwarten gewesen war.
Arbeiten, um in der amtlichen Laufbahn eine
Stellung zu finden, die an sich etwas bedeutete,
arbeiten, um in dieser Stellung so viel Geld zu ver-
dienen, als er persönlich bedurfte, dies Bedürfen
auf dem bisherigen bescheidensten Anspruch zu er-
halten und so den ganzen Ertrag von Waldritten,
sobald von einem solchen wieder die Rede sein konnte,
zur Tilgung seiner Schuld zu benüten, arbeiten, um
in der Arbeit seine Liebe zu vergesen, und den
Verkehr nach außen einzuschränken, um der Geliebten
nicht zu begegnen, das war die Losung, unter die
Eberhard sich bannte; und die Zurückgezogenheit,
welche sie ihm auferlegte, war ihm erwünscht, obschon
grade jetzt in Königsberg die Geselligkeit sich zu be-
leben und in einer bisher nicht gekannten Weise zu
gestalten begann.
, Achtzehntes Kapitel
Das Jahr, während desssn die königliche Familie
in Memel in dem Hause eiies der dortigen reichen
Kaufleute gewohnt, die opferfreudige Hingebung, mit
welcher die Bürger und die Kaufmannschaft in
Memel, wie jetzt bei der Rückkehr nach Königsberg,

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sich beeifert hatten, dem Königspaar in den mannig-
fachen Entbehrungen zu Hilfe zu kommen, denen
es sich ausgesetzt gefunden, hatten es den Werth
dieser Treue und Liebe noch höher schätzen machen
als vordem.
Den Ständen von Königsberg hatte der König
das Pathenamt bei seiner bald nach der Nebersied-
lung nach Königsberg geborenen Tochter übertragen.
Die Kaufmannschaft war in einer besonderen De-
putation von dem Könige empfangen worden, Koll-
mann und Darner hatten natürlich in derselben
nicht gefehlt, und gegen das Ende des Aprilmonats,
kurz vor dem Osterfeste, hatte mgn erfahren, daß ;
die Königin am zweiten Ostertage auch die Damen
der Stadt zu empfangen gedenke, welche sich zu dem
wohlthätigen Frauenverein zusammengethan. Der
Verein hatte in den Spitälern, wie in den Familien
Hilfe geleistet und leistete sie noch, wo sie von
Nöthen war.
Am erstenOstertage hatte dieTaufe imDarner'schen
Hause stattgefunden. Man konnte jetzt den kleinen
Lorenz schon bei seinem Namen rufen, ohne Dolores
zu beunruhigen; und gleich nach dem Osterfeste, wenn
das große Ereigniß des Tages, der Empfang bei der
Königin, vorüber sein würde, sollte der Generalkonsul
seine Reise nach Rußland antreten.
Der zweite Ostertag ging hell und freundlich auf.
,Heute ist der Empfang bei der Königin!r sagte
Einer dem Andern, wie man sich sonst den guten
Morgen bietet auf der Straße.
Schon um elf Ühr sah man vor dem und jenem
Hause einen geschlossenen Wagen halten, und wo ein
solcher Wagen hielt, blieben die Leute in der Muße
des Feiertages neugierig stehen; denn man war sicher,
hier fuhren Damen nach Hof, und diese Damen

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wollte- man sich ansehen in ihrem Schmuck. Man
war so zufrieden, daß man wieder einmal etwas
Anderes vor Augen haben konnte als nur, verwundete
Soldaten und in ihrem Elend jammernde und Hilfe
fordernde Gestalten.
Auch Eberhard war an dem Morgen, weil man
in der Osterwoche keine Sitzungen hatte und das
schöne Wetter ihn verlockt, einmal zeitig ausgegangen,
den Hauptmann zu einem Spaziergang aufzufordern.
Wie er auf dem Heimweg in der Langgasse- vor
dem Darner'schen Hause angelangt war, trat aus der
gegenüberliegenden Straße Kollmann in, Begleitung
eines jungen Mannes heraus und an den Baron heran.
, Ich freue mich, daß wir Ihnen begegnen, Herr
Baron,'' sagte er, ,und daß ich damit die Gelegenheit
finde, Ihnen gleich meinen Sohn und Partner, John
Kollmann, vorzustellen, der sein Geschäft in Riga
aufgegeben hat, um mich im Alter nicht allein zu
lassen. Er ist seit vier Tagen hier und... Tausend
noch einmal, das ist ja ganz was Neues !r rief er,
sich selber unterbrechend, als, aus der kleinen Straße
aer?
trug, vor das Darner'sche Haus vorfuhr.
Der Hausknecht kam eilig aus dem Hause heraus,
breitete einen Teppich über den Wolm und die von
demselben zur Straße hinunterführende Treppe. Ein
Diener in der gleichen Livree wie der Kutscher, war
ihm dabei behilflich.
,Also Privateigenthum des Generalkonsuls!-
setzte Kollmann hinzu, wendete sich dann aber ab
und fragte den Baron, wohin er gehe.
. Eberhard antwortete, daß er zu sich nach Hause
wolle, und da er dabei den Namen der Straße
nannte, sagte John:

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, So haben wir denselben Weg; wir wollen nach
dem Kirchhof hinaus. Ich bin seit fünfviertel Jahren
nicht hier gewesen und habe das Grab meiner Mutter
noch nicht gesehen.'?
,,Sie wissen's, Herr Baron,' bemerkte Kollmann,
,, meine arme Frau ist vor Schrecken gestorben an
dem Tage, an welchem die Franzosen hier ein-
gezogen sind. ?
Eberhard entgegnete, er habe das von ihm und
von Madame Göttling gehört.
,,Unsere gute Hausgenossin ist eben auch nach dem
Schlosse gefahren!r berichtete John, als der rasch
herankommende Darner'sche Landauer, der einem ihm
begegnenden Wagen in der engen Schuhgasse aus-
zuweichen hatte, die drei Männer nöthigte, sich hart
an eines der Häuser heranzudrängen, während Justine
und die ihr gegenübersitzende Dolores sich weit aus-
dem Fenster des Wagens herausbeugten, die beiden
Kollmann und den Baron zu begrüßen.
,,Wer war das?? rief John, und man hörte
ihm seine Neberraschung und sein Entzücken an.
,,Du wirst doch Deine leibliche Cousine noch er-
kennen,'' entgegnete der Vater, ,obschon sie eine ganze
Darner geworden istlr?
,Ich meinte nicht Justine, ich meinte die Andere.
War das eine von Darners Töchtern??
,Es war Mademoiselle Dolores!'' sagte Eberhard
und das Herz klopfte ihm, da er den Namen vor
den Beiden aussprechen mußte. Er hatte sie so lange
nicht gesehen- und wie im Fluge war sie ihm,
wieder entrückt.
,Das ist ja eine ganz besondere Schönheit!r
rief John.
,Kreolenblut!' warf der Vater dazwischen. ,Aber
schön sind die Mädchen und auch wohl erzogen.?

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John fragte nichts weiter und sie gingen, jeder
mit sich selbst beschäftigt, den Berg hinauf.
Kollmann empfand den Abstand zwischen sich, der
mit seinem Sohne nach dem Grabe der Mutter ging,
und zwischen Justine, die glückstrahlend in dem präch-
tigen neuen Wagen nach Hofe fuhr, mit Bitterkeit.
John mußte sich eingestehen, daß er der Stolzen
einen solchen Luxus zu bieten nicht vermocht, und
es verdroß ihn, daß er genöthigt war, an einem der
nächsten Tage mit ihrem Manne, dem Generalkonsul,
wegen des freien Einganges der Sachen zu ver-
handeln, die er aus Riga nach seiner Vaterstadt
hinüber zu nehmen wünschte.
Eberhard, still in sich versunken, fragte sich:
, Was denkt Dolores jetzt von Dir??
Da fuhr John plötzlich mit der Frage dazwischen:
,Was ist Frank Darner für ein Mann??
,Ein Ehrenmann durch und durch, und mir ein
engverbundener Freund !? erwiderte Eberhard mit
Bestimmtheit, denn der Ton, in welchem John die
Frage gethan hatte, hatte ihm mißfallen.
, Sie sind viel in dem Hause?' fragte John
aufs Neue.
- ,Ich muß gegenwärtig so ausschließlich meiner
Arbeit leben,? entgegnete der Baron, ,daß ich auch
meinen Freund in den letzten Wochen kaum gesehen
habe.?
Die Unterhaltung war damit wieder zu Ende,
es lag etwas zwischen ihnen, das sie hemmte. Als
sie oben in den Schloßhof kamen, sahen sie eine
Anzahl Wagen aufgefahren, es' kamen auch noch neue
Wagen hinzu und der Platz war belebt von Menschen.
- Mit einem Male entstand unter der Menge von halb-
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Lewald. Die Familie Darner. .
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Der Ruf: ,Hurrah, die alte Zeit,, da kommt
die alte Zeit!'r den einer der Burschen äusgestoßen
hatte, ging sofort von Mund zu Mund, daß der Platz
davon erschallte.
, Die ganze Schar drängte nach einer Seite hin.
,Da kommt die alte Zeit, da kommt der Affen-
kasten!' rief es von rechts und links, und sich um-
wendend nach der, Richtung, nach welcher alle Blicke
sich lenkten, erkannte Eberhard seine Großtante, die
sich, aufgeputht in der alterthümlichen Tracht, der sie
treu geblieben war, in ihrer alten, mit dem Wappen
der Elmenreich geschmückten Portechaise nach dem
Schlosse tragen ließ.
Die Polizisten versuchten die Jungen fortzu-
scheuchen, das machte dieselben aber nur noch aus-
gelassener; und die Mützen in die Luft werfend, daß
sie auf die Portechaise niederfielen, waren sie nahe
an dieselbe herangekommen, als Eberhard zwischen
sie trat.
,Schreit Hurrah und drauf los, wenn es einmal
gegen die Franzosen gehen wird, aber haltet die alte
Dame nicht auf, die muß zu unserer Königin! Soll
unsere Königin warten, damit Ihr Euren dummen
Spaß habt? Schämt Euch und macht Euch fort!?
gebot er.
Vor dem ersten Wort des vornehm aussehenden
jungen Mannes stutzten die ihm zunächststehenden
Burschen. Sie hielten inne, sahen, wie auf den Gruß
des Barons die Gräfin das Fenster der Portechaise
herabließ, wie sie ihrem Befreier die Hand reichte,
wie dieser sie ehrerbietig küßte und wie er, neben
der Portechaise herschreitend, während der alte, in
eine Livree gesteckte Diener an der andern Seite der-
selben ging, sie bis an die Treppe geleitete, an welcher
die Damen auszusteigen hatten.