Die Familie Darner. Roman in 3 Banden.
Fanny Lewald
Kapitel 01

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l ahezu vier Monate waren vergangen, seit die
F Franzosen nach Königsberg gekommen, und
diese vier Monate waren für die gesammten Ein-s
wohner der Landeshauptstadt voll von den größtens
Ereignissen, voll von bitterer Noth und schwersten !
Sorgen gewesen. Jeder Einzelne hatte sein reiches
Theil davon z tragen gehabt, Kollmann gerade im
ersten Augenblick das Schwerste.
Der gegen die Gewohnheit beschlennigten Hochzeit
in seinem Hause hatte er eine noch eiligere Beerdi-
gung seiner Frau folgen lassen müssen. Da sie
wäährend des Bombardements gestorben war, hatten
kaum die nächsten Nachbarn und Freunde von dem
Tode erfahren. Man hatte nicht daran denken
können, ihn durch Anzeigen in den Zeitungen be-
kannt zu machen. Die Druckereien hatten nicht
gearbeitet, die Zeitungen waren nicht erschienen,
Boten zum Herumschicken hatte man, während es
in der Stadt brannte, nicht finden können. Kaun;
der Sarg war in der Verwirrung herbeizuschaffen;
und ebenso unmöglich war es gewesen, die Leiche in
Hause zu behalten, da die angelangten Franzosen,
ihre Quaxtierbillette in den Häusern gewaltsanu-
Lewald. Die Familie Darner. T.

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geltend machten. Fast unbegleitet hatte der tiefge-
beugte Mann die Gattin in die Familiengruft be-
stattet und dazu erst die Erlaubniß bei den französischen
Behörden einzuholen gehabt, da man auf dem Wege
nach dem Friedhof das französische Lager zu durch-
messen hatte, in das man bei der ersten Eile den
Kirchhof mit eingeschlossen. Zum Trauern um den
Verlust des Einzelnen hatte man keine Zeit gehabt,
wo Alle auf das Aeußerste bedrängt waren von der
a llgemeinen Noth.
Wenige Tage nach ihrem Einrücken hatten die
I ranzosen der Stadt eine unerschwingliche Kriegs-
l.ntribution auferlegt, von welcher eine Million
Thaler in den ersten vierundzwanzig Stunden zu
zuhlen war, wenn Königsberg nicht, wie vorher
Lübeck, der Plünderung preisgegeben werden sollte.
Was sich von Lebenömitteln in der Stadt befand,
selbst das Getreide, das auf den mehr als zwei-
hundert im Hafen befindlichen russischen und polnischen
Floßschiffen herangebracht worden, wurde in Beschlag
genommen, obschon die Kaufleute darauf, wie üblich,
beträchtliche Vorschüsse gemacht, die damit ebenfalls
für dieselben verloren waren. Und als sollte die
Noth so sehr als möglich gesteigert werden, hatten
noch in aller Eile auf Kosten der Stadt große
Bäckereien für die französische Armee vor den
Thoren errichtet werden müssen, als man in der
Stadt selbst das tägliche Brot kaum zu schaffen ver-
mochte.
Von den Fenstern des Schlosses, an denen man
am Ende des verwichenen Jahres den König und
die Königin zu sehen gewohnt worden, hatte der
Kaiser Napoleon mit stolzem, kaltem Blicke hernieder-
geschaut auf die eroberte Stadt zu seinen Füßen.
Man hatte ihn ein paar Tage hindurch mit seinem

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ganzen Gefolge durch die Straßen reiten, das fran-
zösische Lager, den Hafen, die Flußmündung in
Augenschein nehmen, die Bäckereien besuchen und
dann wieder die Stadt verlassen sehen; und die Erde
hatte sich nicht aufgethan, kein Blitz war vom Himmel
herniedergefahren. Die Sonne hatte so hell ge-
schienen, das Wetter war herrlich gewesen, die Vögel
hatten gesungen in den Bäumen, als wären es lauter
Freudentage gewesen, die man durchlebt, als rauchten
die Trümmerstätten nicht, als lägen nicht unzählige
Kranke und Verwundete in öffentlichen Gebäuden,
im Theater wie in den Kirchen und in den Häusern
der Bütrger, wo irgend eine Stätte für sie gefunden
werden konnte.
Dann war der Friede zu Tilsit geschlossen worden
mit den schweren Verlusten und Demüthigungen für
Preußen, zu denen die falsche Freundschaft der Russen
dem Franzosenkaiser die Hand selbstsütchtig geboten;
und obschon der Hof noch in Memel verblieb, kehrten
die Beamten nach Königsberg zurück und die Ver-
waltung des Landes ging wieder in die Hände der
preußischen Regierung über.
Es sah trgurig in Königsberg aus, und was
man von der Gemüthsverfassung des Königs vernahm,
war nicht tröstlich. Man sagte, daß sein Herz bis
zum Verzweifeln entmuthigt sei, daß er sich vom
sHimmel zum Unglück bestimmt erachte und daß er
keiner Hoffnung auf bessere Tage Raum zu geben
vermöge, auf welche der hohe Sinn der Königin mit
Zuversicht vertraue.
Kaum eine Familie fand man in Königsberg,
der die furchtbaren Epidemien nicht einen der Ihren
entrissen. Jedweder, namentlich aber die Kaufmann-
schaft, hatte schwere Vermögensverluste erlitten.
Alte große Firmen waren genöthigt worden, ihre

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Zahlungen einzustellen, oder, akkordirend, sie weit
hinauszuschieben.
Wohin man blickte, sah man Trauerkleider,
wohin man hörte, vernahm man Klagen und hatte
man Einschränkungen zu machen. Das Gefühl des
Unglücks, der Erniedrigung lag über dem Lande und
über den Einwohnern. Trotzdem bemerkte man, daß
in all der Noth ein gewisses neues Leben in der
Stadt sich kund zu geben begann.
Man sprach davon, daß der Hof mit dem Neu-
jahr seine Residenz in Königsberg aufschlagen werde.
Es langten Personen an, welche sich nach einem
Unterkommen für die preußischen Minister, für die
Gesandten der fremden Mächte in der Stadt umthaten,
die dem Hofe nach seiner Residenz zu folgen hatten.
Ein Theil des hohen Adels, einige der fürstlichen
Familien, welche in den noch von den Franzosen
besetzten Provinzen ansässig waren, gingen nach
Memel, dem Königspaar ihre unveränderte Treue
huldigend zu erweisen, und verweilten längere oder
kürzere Zeit in den Gasthöfen der Stadt. Indeß,
wie man sich dieser Zeichen einer Wandlung auch
erfreute, die Noth blieb noch dieselbe, und die An-
forderungen an die Barmherzigkeit jedes Einzelnen
mußten sich mit dem Herannahen des Herbstes
steigern. An ein Nachlassen war auf weit hinaus
gar nicht zu denken.
Auch Darner versorgte noch eine Anzahl der
Familien, die er bei sich an dem Tage aufgenommen,
an welchem man den alten Garten niedergebrannt,
die eine derselben beherbergte er sogar noch unter
seinem Dache. Er hatte seiner Jugend nicht ver-
gessen, und die Erinnerung an dieselbe erhöhte seine
Wohlthätigkeit. Jedoch auch ihm waren sehr be-
deutende Verluste nicht erspart geblieben, und auch
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in seinem Hause hatten sich Wandlungen vollzogen,
wenn freilich weder er noch einer der Seinen diese
letzteren, wie die Verhältnisse sich gestaltet, wesentlich
zu beklagen hatte.
Sein Bruch mit Kollmann hatte seit dem Tode
von dessen Frau die letzte unabänderliche Bestätigung
erhalten, und Madame Göttling hatte das Darner'sche
Haus verlassen.
Sie war, seit Justine in dasselbe eingetreten,
ohnehin in die zweite Stelle gerückt worden, denn
Justinens Umsicht und Tüchtigkeit hatten sie ent-
behrlich gemacht. Die Vorgänge an dem Todestag
der Tante hatten Darner und Madame Göttling
ggegen einander verstimmt, und Kollmann hatte eine
Hausfrau nöthig gehabt.
So war ihr Austritt aus dem Darner'schen, ihr
Eintritt in das Kollmann'sche Haus sofort und an-
scheinend im besten Einvernehmen zwischen Madame
Göttling und den Darners vollzogen worden. Dessen
ungeachtet hatte der Verkehr zwischen den bisherigen
Lebensgenossen völlig aufgehört, und wenn schon dies
bei den gegebenen Verhältnissen selbstverständlich er-
scheinen mußte, hatte man es doch erklärt und ge-
rechtfertigt haben wollen, da Madame Göttling bis
zu Justinens Verlobung stets voll von Darners Lob
gewesen war, und sich über ihr Wohlbefinden in
dem Darner'schen Hause und über ihre junge Pflege-
befohlene immer nur mit der größten Zufriedenheit
ausgesprochen hatte.
Man hatte an all das Gute, das sie berichtete,
nie recht geglaubt. Jett, da man durch Kollmann
und durch den Doktor erfahren, was bei dem Tode
der Tante vorgegangen war, wunderte man sich, daß
Madame Göttling es so lange in dem Hauuse auus-
gehalten hatte. Man nannte es selbstverständlich,

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daß der Doktor sich durch Darners Weigerung, ihm
Justine anzuvertrauen, persönlich beleidigt gefühlt.
Was der Doktor von der kalten Hartherzigkeit ge-
sagt, die er selbst von Darner erlebt, das war nicht
abzuleugnen. Denn wem durfte man vertrauen,
wenn nicht dem treuen, bewährten Freunde, dem
Hausarzt, der selber von sich aussagte, daß auch
er sich durch Darners sicheres Auftreten über dessen
Natur und wahren Werth lange habe täuschen lassen.
Wenn Madame Göttling auch jetzt noch, der Wahr-
heit die Ehre gebend, Darners Zärtlichkeit für seine
Kinder und das Eheglück Justinens rühmte, schrieb
man das ihrem guten Herzen und ihrem Anstands-
gefühle zu, das auch den Schein einer üblen Nach-
rede zu vermeiden wünsche. Denn was man von
Darner zu halten habe, das meinte man zu wissen,
seit man durch Kollmann und dessen verstorbene Frau
mit Darners Jugendgeschichte bekannt geworden, die,
mit Mißverständnissen, Zusätzen, Nebertreibungen und
entstellenden Voraussetzungen und Schlüssen verbrämt,
legendenhaft von einem Munde zum andern gegangen
war, weil jeder der Erzählenden doch noch etwas
mehr hatte wissen wollen als die anderen.-- Was
war denn auch von einem Manne von solcher Her-
kunft, von einem entlaufenen Leibeigenen, von einem
Matrosen, einem Sklavenhändler zu erwarten! Wo
sollte der die Großmuth, die Liebe, die Rücsichten
auf Andere herbekommen haben, von denen die gute
Göttling anfangs so viel Rühmens gemacht hatte!
- Der Doktor, der immer eine ganz besondere Vor-
liebe für Justine gehabt, hatte gewiß recht, wenn er
sagte, er wünsche der armen Frau, daß sie künftig
nicht noch Anderes zu bedauern haben möge als die
allerdings unfreiwillige Sünde, ihrer einzigen Ver-

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wandten, sozusagen ihrer Mutter, in ihrer Sterbe-
stunde gefehlt zu haben.
Daß der Doktor dies selbst eine unfreiwillige
Sünde genannt, das hatte man bald vergessen. Aber
Alle sagten es mit Selbstgefühl von sich aus, daß
sie einer solchen Lieblosigkeit nicht fähig gewesen sein
würden. Man nannte es durchaus richtig, daß der
Onkel auf Justinens verspätete Reue nicht geachtet.
Sie hatte es ja leicht genug genommen, als ihr
Onkel und die Tante sich von ihr zurückgezogen.
Schon als ganz junges Mädchen hatte sie in dem
großen eigenen Hause darnach getrachtet, anders zu
sein und zu handeln als die anderen Mädchen sammt
und sonders. Jedem hatte sie es zu fühlen gegeben,
daß sie ihre eigene Herrin sei. - Dafür hatte sie
jezt in ihrem Schwiegervater endlich den ihr ge-
bührenden Herrn gefunden; und ihr Dnkel hatte nicht
zu hart über sie geurtheilt mit seinem Worte: ,Sie
hat ja schon mit ihrer Heirath ihre Wahl getroffen
zwischen jenen und uns! Mag sie bleiben, wo ihr
die Sonne wäirmer scheint!'?
Und die Sonne schien ihr warm, und es war
ihr wohl mit ihrem Manne in ihres Schwieger-
vaters Hause, denn jener Zug des Eigenwillens, der
Justine angeboren und der sich durch ihre frühe
Selbstständigkeit noch bestimmter in ihr ausgebildet,
war beiden Männern, ihrem Manne und ihrem
Schwiegervater, genehm, und verband sie ihnen noch
enger. Keiner von den Dreien täuschte sich darüber,
daß jener enggeschlossene Kreis, der sich als die alte
gute Gesellschaft der Kaufmannsaristokratie mit dem
ausschließlichen ,Wir'' zu bezeichnen liebte, es nicht
verwinden konnte, in Darner seit den fünf Jahren,
die er in Königsberg verlebt, seinen Herrn und
Meister gefunden zu haben; und wie diese unausge-

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sprochene Gemeinschaft sich damit gentg zu thun
trachtete, daß sie sich in gesellschaftlicher Beziehung
von den Darners immer ferner hielt, so behagte es
Darner, es sie empfinden zu machen, wie wenig ihn
dies anfocht und wie sehr man seiner bedurfte.
Gleich an dem Tage, an welchem der Stadt die
schwere Kriegskontribution auferlegt worden war,
hatte die Stadtverwaltung Darners Rath und Hilfe
begehrt, obschon er nicht zu derselben gehörte. Seiner
persönlichen Bekanntschaft mit den großen Finanz-
leuten des Auslandes, seiner Verbindung mit den
bedeutendsten Berliner Bankiers hatte man es zu
danken, daß es möglich geworden war, der ersten,
sonst unerschwinglichen Forderung zu genüügen; und
als es sich dann darum gehandelt, Aufschub und
theilweise Zahlungsfristen zu erlangen für die Kontri-
bution, hatte man sich abermals seiner auf den Rath
des königlichen Bankdirektors bedient, das System
festzustellen und die Art und Weise berathen zu helfen,
mittels welcher man den auszustellenden Schuldver-
pflichtungen der Stadt, den Promessenscheinen, wie
man sie nannte, rechtliche Anerkennung und Geltung
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verschaffen könne, wodurch allein für das Erste der
Verkehr im Lande und das Flüssigwerden des Geldes
in der Provinz bewerkstelligt werden konnten.
Die preußischen und die französischen Behörden
hatten dabei, ebenso wie vorher der Oberkommandirende
der Russen, Darners Einsicht und Umsicht und die ent-
schlossene Thatkraft anzuerkennen gehabt, mit welcher
er jeder neuen Nothwendigkeit zu begegnen wußte,
und sie hatten das offen und bereitwillig gethan.
So kam es denn, daß in jenen Tagen, in denen
fast alle Anderen in gedrücktester Verfassung nur von
Noth und Widerwärtigkeiten, von Kränkungen und
Demüthigungen zu sprechen hatten, für Darner da-