Die Familie Darner. Roman in 3 Banden.
Fanny Lewald
Kapitel 20

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die Zuschauer, nach denen Dich's gelüstet. Oder
ist's Dir nicht genug an uns??
,Frank,? rief Justine, ,wie fiehst Du dem Vater
gleich, wenn Du so sprichst! Schilt mich nicht, ich
bin so stolz auf Dich und auf den Jungen!r
,Bleib's immer, bleib immer nur Du selbst,
dann sind wir geborgen! - In drei Tagen muß ich
fort. Was nachher sein kann, wird sich ja erweisen !''
Iwanzigstes Kapites.
,Ja, mein Herr Neffe! sagte an dem Nach-
mittage Comtesse Gottfriede, als Eberhard an ihrem
Kaffeetische saß, ,das sind nun die Ritterdienste,
welche man den Frauen in unserer Zeit zu leisten
hat. Rencontres mit Straßenjungen, mit der Erapule,
welche die Dichter Eurer Zeit als ,das Volk anzu-
singen lieben; aber um meine Gesundheit sorge Dich
deshalb nicht. Ein solcher Chok hat mir Gottlob
nichts an. Es giebt andere Dinge, die mir am
Herzen fressen, und in die man sich schicken zu lernen
hat in Ehrfurcht vor unseren Herrschaften.'?
,Wovon sprechen Sie, gnädige Tante? Und
was wollten Sie mir heute sagen, als wir uns
trennten? Sie können doch im Schlosse bei der
Königin dergleichen nicht erfahren haben??
,Nicht? Weißt Du das so bestimmt? Ist es
keine Erfahrung, die einem das Blut ins Gesicht
treibt, wenn man sehen muß, daß unsere Majestät
durch die Noth der Zeiten gezwungen wird, Krethi
und Plethi zu empfangen? Daß eine Judenfrau ge-

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würdigt wird, von ihr angesprochen zu werden, daß
die Fürstin Hedwig diese Judenfrau noch besonders
um ihrer Wohlthätigkeit willen rühmt, daß diese
Madame - wer kann die Namen solcher Leute
merken-- diese Madame sich mir selber vorstellt
und sich wundert, mich nicht im Frauenverein zu
sehen, obschon ich, weil die Majestäten ihn protegiren,
zu ihm gehöre. Als ob Jeder so, wie sie es jett
halten, sich wöchentlich in Scene setzen muß, um
das Aushängeschild für sein bischen Wohlthätigkeit
zu machen. Lieber Gott! An die Konsulsfrau, an
die Armfield- Du hast sie ja hier gesehen - und
an die Madame Göttling hat man sich ja gewöhnt!
Aber nun gar Juden! Und Red' und Antwort mußte
man ihr doch geben, wenn die Königin sich herab-
gelassen hatte, ihr das Wort zu gönnen.? -
,,Vergessen wir nicht,? wendete Eberhard ein,
,daß unser Heiland selbst dem Volke angehörte.?
,Ach! rief die Tante, ,was das Volk Israel
gewesen sein mag, als es unserem liebem Herrgott
gefallen hat, Jesum Christum unter ihm geboren
werden zu lassen, das weiß ich nicht, das geht mich
auch nichts an! Aber diese Leute, die ich noch ge-
kannt habe, ehe sie die Bankiers in dem großen
Hause geworden sind, deren Mutter und Vater ge-
schachert haben mit Band und solchem Trödel, diese
Frau, die mir die Päcke ins Haus getragen hat,
als sie noch die Rebekka vom alten Benjamin ge-
wesen ist =- die- im Schlosse bei der Königin,
behandelt so wie ich! Lache nicht, Eberhard! Frage
Dich lieber ernsthaft, wo kommen wir auf diese- z
Weise hin? Ich mag nicht leben, die Zeit und die
Welt zu sehen, die sie heraufbeschwören auf die Weise!
Alles, alles wird profanirt, selbst die Erhabenheit des
Thrones und des Königshauses !'

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Sie hatte in ihrem Entsetzen die Hände gefaltet,
die Thränen kamen ihr in die Augen; und so wenig
Eberhard sonst Gewicht legte auf die derartigen
Klagen der Gräfin, that sie ihm heute leid, und
seinen Trost auf ihr gutes Herz bauend, sagte er:
,Ich kann mich hineindenken in Ihr Empfinden,
theure Tante! Aber wollen Sie Anderen mißgönnen,
was Sie selbst beglückt; den Vorzug den, königlichen
Herrschaften persönlich ihre Huldigungen darbringen
zu dürfen? Soll' es die Königin nicht erfreuen, in
so vielen Augen als immer möglich den Widerschein
ihrer Huld ihr entgegen leuchten zu sehen? Und
sollen die Herrschaften nicht das Bebürfniß fühlen,
denen zu danken, die mit Hingebung an ihnen
hängen, die Hülfe bringen, wo der beste Wille des
königlichen Paares allein sie ausreichend zu gewähren
nicht vermöchte??
, Ja! rief die Comtesse, bei ihrem Sinn be-
harrend. ,Sie haben das Gold, und die Herrschaften
müssen ihren Pakt machen mit dem goldenen Kalb!
Das ist's ja gerade, was mich so empört! Und daß
wir ihnen darin folgen müssen, müssen, sage ich,
macht die Sache nicht besser! Mir, mir hat die
Majestät natürlich wie einer alten Bekannten schon
von Ferne zugenickt und mir im Vorübergehen gesagt:
,ich wußte, Gräfin, daß Sie uns nicht fehlen würden,
und es freut mich, Sie so rüstig zu sehen!! Ich
, war ganz gerührt davon. Aber bei der prachtvollen
Generalkonsulsfrau, bei der schönen Madame Darner,
ist sie stehen geblieben und es hat ein Pourparler
gegeben ohne Ende; und die, die davon etwas
gehört, haben sich des Todes darüber verwundert,
wie die Königin' sie behandelt, als ob sie eine
Fürstin wäre!?
,Ich kann Sie versichern, Tante,'' unterbrach

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Eberhard sie mit Absicht, ,daß Madame Darner
auch eine im besten Sinne fürstliche Natur ist!'?
,Sag' ich denn Nein dazu!r rief die Comtesse,
immer mehr sich erregend. ,Sie ist so groß und so
prachtvoll' blond wie die Königin selber, und es fiel
ihr gar nicht ein, sich neben ihr zu eklipsiren. Sie
stand da, als ob sie wirklich auch von Vorfahren
zu reden hätte, als ob sie wirklich ,eine Geborene!
wäre, freudestrahlend -- das ist wahr - aber
stolzer als die Königin selber. Und wie ich dann
nachher, weil die Königin sie so ausgezeichnet hatte,
es doch auch für meine Pflicht hielt, dem.Beispiel
nachzukommen und ihr, um doch einen goint äa
rslisment zu haben, es auszusprechen, daß ich von
ihr und von den Ihren durch Dich wisse, da =-
,Da hat sie Ihnen gesagt, hoffe ich, daß ich
ihr sehr ergeben und daß ihr Mann mir ein sehr
werther und treuer Freund ist, dem ich zu größtem s
Dank verpflichtet bin.?
,Nein, davon hat sie mir nichts gesagt. Sie
hat mir ihre Schwägerin, die Mamsell. Darner, vor-
gestellt; und nun begreife ich, daß der Verkehr mit
diesen Leuten Dir wohlgefällt. Die Frau schön!
Das Mädchen ganz apart.?
,Wie nannte Madame Darner Ihnen dieses
Mädchen?? fragte Eberhard mit Spannung.
,,Sie nannte es gar nicht, oder ich habe den
Namen überhört! Aber wofür kannst Du ihrem
Manne denn verpflichtet sein??
,,Füür ein beträchtliches Darlehen, dessen ich für
Waldritten nothwendig bedurfte und das er mir ge-
schafft hat.?
,Also auch das goldene Kalb! rief die Tante.
,Ja, damit zwingen sie es! Neberall schleichen sie
sich ein mit ihrem Gelde, das die Thüren öffnen

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muß, und dann kommen sie hinterher, nisten sich
ein und haben schon so manches von unseren alten
edlen Geschlechtern von seinem Grund und Boden
sortgetrieben, wie grade auch dieser Herr Darner,
der jetzt in Strandwiek sitzt und =-?
,Verzeihen Sie, Tante!r fiel Eberhard ihr ein.
,, Herr Darner hat Niemand vertrieben von seinem
Grund und Boden, wie Sie es nennen. Er kaufte
das Gut, als die Familie ausgestorben war, von den
entfernten Verwandten, die es ererbt hatten und nicht
gewillt waren, es zu benuutzen.?
,, Hätten die ersten Besitzer die rechte Ehre im
Leibe gehabt, hätten sie ein Majorat gegrüündet, wie
es sich für den auf die Erhaltung seines Geschlechtes
bedachten Edelmann geziemt, so würde Strandwiek
heute noch in ihrem Besitze sein und nicht ein Empor-
kömmling, ein Mensch ohne Namen in ihrem Schlosse
sizen.?
, Wäre ich frei wie dieser Mensch ohne Namen!r
fuhr Eberhard plötzlich auf, ungeduldig gemacht durch
die Comtesse und ihre Vorurtheile.
, Eberhard ! rief sie erschreckend, ,das sagst Duu,
ein Stromberg, der Majoratsherr von Waldritten?
Ihr Ausruf erinnerte ihn, zu wem er sprach,
aber seine Empfindung riß ihn fort; und den Ge-
danken, die er in den letzten Zeiten unablässig in
sich erwogen, Worte gebend, sprach er:
, Gott weiß es, daß es mich erhebt, einer langen
Reihe von wüürdigen Männern anzugehören, daß ich
die Verpflichtung fühle, ihnen gleich zu sein; aber
so wenig ich heute umhergehen könnte in dem Harnisch
Dagoberts von Stromberg oder in der Allongeperrücke
meines Großvaters, so wenig kann ich meine Pflicht,
ihnen an Würdigkeit gleich zu werden, erfüllen
unter den Bedingungen, unter welchen sie es allein
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Lewald. Die Familie Darner U.

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für möglich hielten. Der Wille einzelner Menschen
und Geschlechter hält die Wandlungen, die sich im
Laufe der Zeiten innerhalb der gesammten Menschheit
mit und aus Nothwendigkeiten vollziehen, nicht auf;
und wer es unternimmt, seine Nachkommen an
einen Willen und an die Bedingungen der Zeit
zu knüpfen, in der er selber lebte, der versündigt
sich an dem Menschenrecht seiner Nachkommen; denn
er nimmt ihnen mit der freien Bestimmung über
sich selbst die Möglichkeit, den Vedingungen ihrer
Zeit und sich selber zu genügen. Und fiele mir heute
der Besitz von ich weiß nicht welchen Herrschaften
zu, ich würde mich nicht vermessen, meinen Erben
auf Jahrhunderte hinaus zu befehlen: Du mußt sie
behalten, auch wenn sie Dich nicht freuen- und
mußt sie behalten unter Bedingungen, die gegen
Dein Glück verstoßen und gegen Deine Neberzeuguung.
Das ist kein Segen, das-?
Er brach plötzlich ab. Die Comtesse saß da,
als hätte ein Blitzstrahl sie getroffen, als wanke der
Boden unter ihren Füßen. Eberhard sah dies mit
dem vollen Bewußtsein, etwas durchaus Ungehöriges
gethan, und dem mächtigen Strom seiner Neberzeugung
an dem ungeeignetsten Orte den freien Lauf gelassen
zu haben; aber er konnte es nicht bereuen. Er s
wollte es nach außen kundgeben, es vor sich sinn-
lich festgestellt haben, was in ihm zur Klarheit ge-
kommen war und fortan die Richtschnur seines Lebens
und Handelns sein sollte; und die Comtesse sollte es
auch wissen, daß er gebrochen habe mit den An-
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und Grillen zu leiden haben, nicht mehr von ihr
Verunglimpfungen und Geringschätzung von Menschen
hören müssen, denen er sich angehörend fühlte, wenn

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schon er sie jetzt meiden mußte. Er wollte sich nicht
als Glück anrechnen lassen, was ihm schwer zu tragen
war, und er sagte sich: ,nuur wenn die Tante weiß,
auf welchem Boden ich stehe und auf welchem sie
mit mir zu verhandeln hat, kann ich sie mir, mich
ihr erhalten.?
Er hatte sich während des Sprechens erhoben.
Wie er geendet hatte, sah er, daß sie ihre Augen
trocknete; doch konnte er sich nicht dazu bringen,
ihre Verzeihung für seine Aeußerungen zu erbitten.
Sie erwartete sie auch nicht, sondern schüttelte nur
leise das Haupt und sagte in einem Tone, der Eber-
hard zu Herzen ging:
, Ja wohl, die Zeiten haben sich geändert, sehr
geändert, und man lernt das im Alter schwer be-
grefen, wenn man's auch noch so schwer empfindet.
Man möchte fort sein aus der Welt, inl welcher ge-
krönte Häupter unter dem Beil des Henkers gefallen
sind, aus einer Welt, in der unser König und unsere
Königin sich beugen mußten vor dem Bonaparte und
nur so viel Land und Unterthanen behalten haben,
als es ihm beliebt hatte, ihnen zu belassen. Man
kann eine Zeit ja nicht mehr verstehen, in der ein
guter Mensch wie Du, lieber ein komme äe risn
sein möchte, als der Majoratsherr von Waldritten.
Man vereinsamt sehr! Sei Du, was Dir zu sein
das Beste scheint!'?
Sie weinte wieder, trocknete die Augen, reichte
. ihm die Hand und sagte:
, Ein Ehrenmann wirst Du ja bleiben! Dafür
bürgt Dein Name wie Dein Blut- und verlassen
wirst Du mich ja nicht! Ich bin zu alt dazu. Es
lohnt nicht mehr!'
,Liebe, liebe Tante!r rief er und küßte ihre
welke Hand, ,es ist so gut von Ihnen, daß Sie
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mich gelten lassen. Ich hätte zu meiner Mutter
nicht anders sprechen können; und glauben Sie es
mir, ich bin Ihnen in diesem Augenblicke mehr denn
je zu eigen.?
,Das ist ja die Hauptsache! gab sie ihm zurück.
,,Gebe nur der Himmel, daß Du glücklich wirst auf
Deine Fason, wenn ich's auch nicht erlebe!-
Ich hab's ja heut gesehen! Wir Alten passen nicht
mehr in die neue Zeit! Wir sind ihr ein Schimpf
und Spott!'
,Der rohen Masse, nicht den Guten, Tante!?
sagte er, und weil sie ihm so hilflos vorkam in der
Stimmung, in die er sie versetzt, sagte er, aus
vollem Herzen zu begütigen geneigt: ,Ich bin ja
auch allein, Tante Gottfriede! Und wird's nun
wieder wohnlich und erfreulich bei mir draußen, so
hole ich Sie im Sommer zu mir hinaus, uid Sie
helfen mir im Ahnensaale mit Ihren Erinnerungen
nach. Denn wenn ich mich des Majorats auch
gerade nicht erfreue - ein Stromberg bin und bleibe
ich von Herzen und mit Freuden; und zurückzublicken
auf würdige Vorfahren erachte ich wie Sie, ich wieder-
hole es, als einen großen Vorzug.?
Da er sich zum Abschied vor ihr neigte, küßte
sie ihn auf die Stirn. Sie hatte das nie zuvor
gethan.
,So knüpfen alte und neue Zeit sich aneinander!
Es hat ja jede wohl ihr Gutes !r sprach sie gerüührt.
Darnach schied er von ihr, beschäftigt mit der
Vorstellung, daß sie noch gute Stunden haben sollte
mit ihm in seinem Schlosse.
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