Die Familie Darner. Roman in 3 Banden.
Fanny Lewald
Kapitel 21

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Einundzwanzigstes o=»-=s-
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,, st der Herr Generalkonsul Darner zu sprechen??
fragte am nächsten Tage John Kollmann, als er in
das Komptoir eintrat.
Einer der Handlungsgehilfen, welcher, der
russischen Sprache mächtig, zum Konsulatssekretär
gemacht worden war, bejahte die Frage und öffnete
ihm die Thür des zur rechten Seite des Komptoirs
gelegenen kleinen Zimmers, über welcher die Worte:
,, Kaiserlich russisches Generalkonsulat'' zu lesen waren.
Er werde den Herrn Generalkonsul sofort benach-
richtigen, sagte er.
Die kleine Stube war für den Zweck eingerichtet,
dem sie zu dienen hatte. Das Bild des Kaisers
Alexander hing über dem Sopha, Karten des russischen
Reiches zu beiden Seiten. Eine kleine Bibliothek,
ein großer, zweiseitiger Schreibtisch entsprachen den
Bedürfnissen; und kaum hatte John mit seinem Blick
den kleinen Raum überflogen, als Frank hineintrat.
Die beiden Männer standen einander zum ersten
Male gegenüber; Frank nach seines Vaters Sinn
und Weisung entschlossen, keinem der Kollmanns
einen Schritt entgegen zu thun.
Wie er dann nun Justinens Vetter, den von
ihr verschmähten Bewerber, vor sich sah, fand er es
zunächst sehr natürlich, daß sie ihm den Vorzug vor
jenem gegeben; aber das gestrige Abendgespräch mit
seiner Frau und ihre Bitte wirkten in ihm nach,
und es ging ihm mit John, wie es ihr mit ihren .
Anverwandten geschehen war. Er fühlte sich als
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, Herr John Kollmann ! sagte ex, da der Sekretär,
der John kannte, ihn als diesen angemeldet hatte;
und wäre er der Regung des Augenblicks gefolgt,
so hätte er John die Hand geboten und ihn will-
kommen geheißen in seinem Hause. Die schnelle
Neberlegung, das rasche Durchdenken der Verhältnisse,
an welche das Leben den Geschäftsmann gewöhnen,
hielten ihn jedoch davon zurück. Er durfte keine
Zuvorkommenheit zeigen, welche zurückgewiesen oder
nicht dankbar aufgenommen werden konnte. Er hatte
John auch nicht in seinem Hause zu begrüßen, denn
er war in das Komptoir, also vorarssichtlich wegen
einer Geschästsangelegenheit gekommen, und den Mittel-
weg einschlagend, sagte er:,Willkommen in der Heimat,
Herr Kollmann! Ich erfuhr bereits duurch meine Frau
von Ihrer Anwesenheit. Sie hatte Sie gesehen, als
sie mit meinen Schwestern zu dem Empfang bei der
Königin nach dem Schlosse fuhr, und ich weiß durch
das Zirkular Ihres Hauses, daß Sie hier zu bleiben
denken. Wann sind Sie angelangt und wie haben
Sie die Wege gefunden? Ich muß in den nächsten
Tagen hinauf nach Petersburg.?
Während er das gesprochen, hatte er John mit
einer Handbewegung genöthigt, auf dem kleinen Sopha
Platz zu nehmen und sich ihm gegenüber gesetzt. Das
war John eine Art von Erleichterung gewesen.
Er hatte unter Franks Worten Justine wieder
in ihrer Herrlichkeit an sich und seinem Vater vor-
überfahren sehen; die Erinnerung an das Zirkular,
welches die Auflösung des von ihm geführten Rigaer
Geschäftes gemeldet, war ihm auch nicht erfreulich,
und daß Frank, der ihn um mehr als Kopfeshöhe
überragte, gleichsam von oben herab zu ihm sprach,
daß er mit dem hellen Ausdruck seiner stolzen Stirne
sich gegen ihn so unbefangen erwies, als läge zwischen

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den beiden Familien nichts Störendes, das Alles
war ihm peinlich gewesen, in seiner Voreingenommen-
heit gegen Frank, ohne daß er sich über die Einzel-
heiten seines Mißempfindens Rechenschaft gegeben
hätte.
Es wollte ihm nicht gleich vom Herzen. Frank
für seinen Willkomm zu danken. Er hielt sich also
an dessen Fragen. ,Ich bin vorgestern Abend hier
angelangt, sagte er. ,Bis zur Grenze waren die
Wege noch fest, diesseits, wie immer in dieser Jahres-
zeit, zwischen Halten und Brechen. Ich war zufrieden,
die Effekten, die ich aus meinem Rigaer Hause mit
hinüber zu nehmen hatte, schon Ende der porigen
Monats expedirt zu haben. Sie sind vor mir an-
gekommen, lagern im Packhof, und ihretwegen sehen
Sie mich hier. Das hiesige Zollamt fordert, an-
geblich infolge einer neuen Verordnung, die Be-
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die ich hierher nehme. Wollen Sie die Güte haben,
diese Certifikate zu bescheinigen??
Er zog dabei ein paar Papiere aus seiner
Brieftasche und bot sie Frank zur Ansicht dar, der
sie prüfend durchlas.
,Sie sind des Russischen mächtig?' bemerkte
John, offenbar davon überrascht.
,, Ich habe es erlernt, als ich hierher gekommen
bin, und es ist mir in den letzten Zeitläufen sehr zu
statten gekommen.?
Er war damit an das Pult getreten, hatte die
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Scheine beglaubigt, ein Licht angezündet, sie mit dem
Amtssiegel versehen, und sie John wieder zurück-
gegeben, der sie mit dankender Verneigung empfing
und sich erhob, um sich, sehr mit sich zufrieden, jn

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schäftsmäßiges Verhalten gegenüber den Darners und
gegen Frank persönlich, seine Stellung genommen
habe. So aber hatte dieser es nicht gewollt; und
während John schon den Drücker in der Hand hielt,
warf Frank im leichtesten Tone die Frage hin:
,,Sie wissen, daß das Haus?-- er nannte eine
der größten Petersburger Firmen - ,von der
Spiritusaffaire zurücktritt und daß die ganze Ange-
legenheit damit ajournirt, wenn nicht aufgegeben ist??
John blieb stehen. ,Nein! sagte er, ,wir sind
davon bis jetzt nicht unterrichtet. Darf ich Sie fragen,
von wem die Meldung Ihnen kommt? Als ich Riga
verließ, vor acht Tagen, hielt man die Ausführung
für nahe,?
Frank wußte, wie wichtig die Entscheidung für
die betreffenden Häuser war, sprach es aber nicht aus,
sondern sagte gleichmüthig:
,, Unsere Nachrichten sind verbürgt. Die erste
kam uns vor drei Tagen, anläßlich einer sich auf
ein anderes Geschäft beziehenden Estafette, die zweite
gestern mit der Post. Ich erwähnte der Sache gegen
Sie, weil wir gehört, daß Sie mit der Gruppe von
Reval in der esthländischen Pacht zu operiren ge-
dächten.?
Das Geschäft, von dem Frank sprach, bezog sich
auf jenes Projekt der russischen Regierung, die
Spiritusfabrikation und den Spiritushandel im russi-
schen Reiche in gewissem Sinne zu monopolisiren und
das Monopol in den verschiedenen Provinzen zu ver-
pachten.
Es war John nicht lieb, die Darners so weit
von den Plänen seines Hauses unterrichtet zu sehen;
er beantwortete also die Berührung der Angelegenheit
nur mit der Frage:
, Und Sie, reflektirten Sie auch darauf?

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,MNein! Man hatte uns allerdings proponirt,
an der Generalübernahme zu partizipiren, indeß wir -
sind nicht gewillt, große Kapitalien, bei den jetigen -
Zeitläufen, und vollends im Auslande, in industriellen
Unternehmungen festzulegen. Wir beschränken uns
mehr und mehr auf das reine Bankgeschäft. Aber,'?-
und er wendete sich dabei nach der Ühr an der Wand,
,, nachgrade müssen wir wohl beide fort!?
Jetzt war er es und nicht John, der das Zeichen
zum Aufbruch gab, und eben wollte er diesem die
Thüre öffnen, welche aus dem Zimmer in die Haus-
flur führte, als sie von außen aufgemacht wurde und
Justine, ihren Sohn im Arme, gefolgt von den beiden
Schwägerinnen, in der Stube erschien, so daß John
genöthigt war, zurückzutreten.
Ee-ar?
, Wollt Ihr fort!r fragte Frank mit frende-
zu sehen.?
,Lorenz muß sich seinen beiden künftigen Chefs
doch präsentiren, ehe er zum ersten Male in die weite
Welt geht!'r scherzte Justine, und John plötzlich er-
blickend, der mit einem höflichen Gruß an ihr vor-
übergehen wollte, sagte sie:
,John, um den Jungen wär's doch schade ge-
wesen, wenn mir damals etwas zugestoßen wäre!
Es ist sein erster Ausgang! Laß ihm kein unfreund-
liches Gesicht begegnen. Gieb ihm die Hand, und
mir !'?
John hatte Mühe sich zu fassen. Eine Mutter
zurüchhuweisen, die ihm ihr Kind entgegenhielt, Ju-
stine zurückzuweisen, an welche die Erinnerungen
seiner ganzen Juugend sich knüpften, die er geliebt;
sich gkfüihllos zu zeigen gegenüber den beiden schönen
Schwestern, Frank den Glauben aufzudringen, daß

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er Justine noch heute nicht verschmerzen könne, das
empfand er alles als Unmöglichkeiten; und die Hand
fassend, welche Justine ihm bot, sagte er, während
er mit der andern leise des Kindes Haupt berührte:
,,Erhalte der Himmel Dir all. Dein Gluck! Dir
und Ihnen !' setzte er hinzu uud ging von dannen,
mehr erschüttert, als er es zeigen wollte. Frank gab
ihm ein paar Schritte das Geleit, aber sie schwiegen
beide.
Justine, von den beiden Mädchen gefolgt, war
durch das Komptoir nach ihres Schwiegervaters
Kabinet gegangen. Der Buchhalter, die Gehilfen,
der Kassirer aus seinem vergitterten Arbeitsplatze,
sahen mit wohlgefälligem Lächeln auf den Zug. Es
kam nicht leicht vor, daß Justine einmal in der
Thüre des Komptoirs erschien, nach ihrem Manne
zu fragen, und die Darner'schen Töchter waren,
während die Gehilfen in demselben arbeiteten, nie
in demselben gewesen. Frank folgte ihnen auf dem
Fuße.
Darner erhob sich, als er die Seinen allesammt
plötzlich vor sich sah. ,In Prozession? rief er ihnen
entgegen. ,Also soll der Monsieur zum ersten Male
in die Luft? Nun das Wetter ist wie gemacht dazu !'r
Und des Kleinen Hand erfassend, lächelte er, als dieser
das Händchen um den Finger schloß, den der Groß-
vater ihm hingehalten hatte. ,Er greift schon zu!'
bemerkte er.
, Und er hält auch schon fest,? meinte die Mutter,
,Eanz ordentlich fest! Aber er ist gekommen,' sagte
sie, den Scherz wiederholend, ,sich bei seinen beiden
künftigen Chefs zu melden und sich ihren Segen für
seine erste Reise zu erbitten.?
,Den soll er haben!'r sprach der Großvater, den
Knaben streichelnd.

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, Er hat auch gleich ein Abenteuer gehabt und
eine Bekanntschaft gemacht!'' rief Virginie dazwischen.
,Ja!r fiel Justine ein, welche den Vorgang
lieber selbst berichten als von einem andern erzählen
lassen wollte; ,als wir bei Frank eintraten, fanden
wir John Kollmann bei ihm=-
, John Kollmann?' fragte Darner, ,was hatte
der hier zu suchen??
, Frank legte sich rasch ins Mittel. Er sagte,
welches Geschäft Kollmann zu ihm geführt, und in
wechselnden Berichten erfuhr Darner von Frank und
von Justine, was sich zwischen ihr und ihrem Vetter
zugetragen hatte.
Darners Stirne hatte sich während ihres Sprechens
verfinstert, sein Mund sich fest geschlossen. Die Seinen
kannten diesen Ausdruck.
,,Genügt Dir's nicht an der Liebe, die Du unter
uns gefunden, daß Du für den Sohn Deines Mannes
um die Liebe von denen bitten mußt, die sich Dir
abgewendet, weil Du die Unsere gewoxden bist?
fragte er kalt und streng; aber auf Frank blickend,
hielt er inne. Er durfte, ohne seiner Würde zu ver-
geben, dessen Auflehnung nicht noch einmal zu er-
fahren haben, und rasch einlenkend, setzte er hinzu:
,Frank wird vermuthlich mit dieser Schwäche
Nachsicht haben, denn Dein weiches Herz und Dein
Liebebedürfniß kommen ihm zu gute. Ein Fehler war
dies Entgegenkommen dennoch! Der Junge hat mich
und seinen Vater; er brauchte keines- andern. Es
ist nicht an uns, jenen die Hand zu bieten! Sie
haben zu kommen, wir zu entscheiden, ob es uns
gefällt, sie jetzt noch zu empfangen.-- Nun aber
macht Euch. mit dem Burschen auf den Weg und
bleibt nicht zu lange draußen!?
Er gab Justine die Hand, küßte die Töchter.

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Frank ging mit ihnen fort, ihnen in den Wagen zu
helfen.
,,Der Vater war im Recht! Du bist zu weit
gegangen!'' sagte Frank. ,Sie werden's auszubeuten
wissen! Mach' kein zweites ähnliches Experiment,
wenn ich von Hause fort bin. Auch mit der Gött-
ling nicht!?
,,Gewiß nicht! betheuerte Justine fest, ,und doch
--- bereuen thue ich es nicht!''
,Er sah so erschreckt, so gutmüthig und so traurig
aus! fiel Virginie ein.
Frank gab darauf nicht Acht. Er half den
Frauen, der Wärterin und seinem Sohne in den
Wagen, dann kehrte er in das Komptoir zurück.
,Ich danke Ihnen, Vater,? sagte er, ,daß Sie
es übernommen, Justine auf den richtigen Stand-
punkt zu stellen. Sie wünscht eine Aussöhnung mit
den Ihren, mit der Göttling. Sie hat gestern schon
mit mir davon gesprochen; und da ihr John heute
grade in den Weg trat, gab sie sich ohne Rückhalt.
Ihre Natur war spröder, als ich sie kennen lernte.
Unsere Liebe und unser Glück haben sie milder gee
macht -- und mir noch theurer !'?
Darner hörte ihn ruhig an. ,Es ist, wie Du
sagst!'' entgegnete er darauf, ,um so mehr jedoch
hast Du darauf zu achten, daß sie nicht weichlich
wird und Dich zu falscher Nachsicht verleitet. Je
mehr Du auf sie hältst, um so mehr mußt Du ihr
Herr bleiben; denn das Wort der Bibel bleibt be-
stehen: Er soll Dein Herr sein! - Ohne das kein
Gluck in der Ehe, keine sichere Führung in der
Familie! Vergiß das nie!r
Er sprach das fest und bestimmt, aber er war
sich bewußt, daß er zum zweiten Male nachgegeben,
daß dies nicht zum letzten Male geschehen sein, daß