Die Familie Darner. Roman in 3 Banden.
Fanny Lewald
Kapitel 22


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er fortan immer dem Sohne und dessen Willen
Rechnung zu tragen haben würde, so weit es dessen
Familienleben betraf. Er hatte die Herrschaft nicht
mehr allein in Häänden.
Er hatte Frank nach seinem Vorbilde erzogen;
nuun es geschehen war, stand derselbe ihm als eine
Kraft gegenüber, die er geschaffen, die sein und nicht
sein war, die er schätzte und die neben sich zu er-
tragen, er sich doch erst zu gewöhnen, mit schwerer
Selbstüberwindung zu gewöhnen hatte. Der Sohn,
den er erzogen, zwang ihn, ohne es zu beabsichtigen,
sich zu beschränken, wenn er nicht zerstören wollte,
was er in langer Arbeit für die Zukunft aufgebaut.
Der Sohn, den er erzogen, zwang ihn, sich jetzt selber
auch noch zu erziehen.
Iweiundzwanzigstes o==-=s
sApik-
Es war wieder einmal Frühling geworden, voller,
warmer Frühling, und er war so schnell heraufge-
kommen, als wolle er mit seinem Segen die Leiden
und die Noth vergessen machen, welche das unglück-
liche Königreich Preußen in den letzten Jahren zu
bestehen gehabt hatte. Auf den Feldern schossen die
Saaten so üppig empor, daß man einer reichen Ernte
entgegen sah, und man durfte hoffen, sie in Frieden
einzuführen, obschon die Kriegsfackel in Europa nicht
erloschen war. Der Krieg wüthete in Spanien und
stand für Desterreich in nächster Nähe bevor. Indeß
die Menschheit hatte es seit einem Jahrzehnt erlernen
müssen, im Augenblick zu leben, wenn sie überhaupt
ihres Daseins noch froh werden wollte; und einmal

b=- Jßß -
aufathmen, um Kraft zu neuem Erleben zu gewinen,
das mußte am Ende ein Feder.
So war denn auch die königliche Familie aus
dem Königsberger Schlosse hinausgezogen nach einem
bescheidenen Landsitz vor den Thoren der Stadt, den
eine begüterte bürgerliche Familie ihr zur Verfügung
gestellt; und in den wenigen öffentlichen Gärten, wie
in den nahe gelegenen Lustorten und auf den be-
scheidenen Spazierwegen sah man an den schönen,
im Norden so langen Abenden jettt eine Gesellschaft
erscheinen, wie man sie dort bisher niemals wahr-
genommen hatte.
Auch im Darner'schen Hause dachte man an eine
Nebersiedelung nach Strandwiek, denn Darner hatte
die Vorrichtungen derart treffen lassen, daß die Frauen
der Familie mit dem kleinen Lorenz den Sommer
dort in aller Behaglichkeit verleben konnten. Justine
wollte jedoch nicht auf das Land gehen, bevor Frank
von seiner Reise heimgekehrt sein würde, und die Art
seiner Geschäfte nöthigte ihn, seinen Aufenthalt in
Rußland beträchtlich länger auszudehnen, als es vor-
auszusehen gewesen war.
Der Juni hatte die Rosen in dem kleinen am
Pregel gelegenen Vorgarten des Darner'schen Hauses
schon zur vollen Blüthe gebracht, als Virginie und
Dolores an einem hellen Vormittag im Wohnzimmer
am Fenster saßen.
Da der Handelsverkehr lebhaft im Gange war,
ankerten die Schiffe auch in dem linken Arm des
Flusses, und grade unter dem Fenster hatte ein großer
Engländer angelegt. Der warme Westwind spielte
mit dem langen Wimpel des Fockmastes, das Schiff
hatte längst gelöscht, lag hoch und die Matrosen
putzten und scheuerten, was irgend an dem Schiff
zn puutzen und zu scheuern war; denn es war Sonn-
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abend und der Sonntag sollte alles klar und blank
antreffen. Auch die Kapitänsfrau ließ es nicht
daran fehlen. Sie hatte den ganzen Küchenkram aufs
Deck gebracht; und zwischen den blitzenden kupfernen
Kesseln und der Theekanne und dem Kohleneimer
trieben ein schlanker, krausköpfiger Junge und ein
dralles kleines Mädchen ihr Wesen mit dem Pudel,
der es nicht müde wurde, nach den Panamanüssen
zu springen, welche einer der Matrosen für die Kinder
in Tagen stiller Fahrt zum Spiel ausgehöhlt und
auf langer Schnur aneinandergereiht hatte.
, Wie das lustig ist! sagte Virginie.
, Was denn?? fragte Dolores, ohne von ihrer
Arbeit aufzublicken.
,Die drüben auf dem Schiff, die Kinder mit dem
Hunde. Ich sehe ihnen schon wer weiß wie lange z,
aber Du nähst heute wieder einmal wie ums liebe
Brod und sprichst kein Wort.?
, Ich hab' es nicht gemerkt!' antwortete Dolores.
Virginie stand auf.
,, Komm,' rief sie, ,und wirf Dein langweiliges
Nähzeug einmal hin, Du wirst selbst langweilig!
Sieh einmal drüben den Jungen, wie der sich ab-
auält, den Pudel dahin zu bringen, daß er die
Strickleiter emporgeht. Er macht's ihm vor, und er
kommt schon hoch hinauf, und sie lassen es zu; und
numn hält er den Pudel und setzt ihm Fuß um Fuß,
und der Pudel, der Pudel begreift's! Sieh, sieh nuur,
der Junge macht mir das größte Vergnügen! Wenn
wir heute hinunter- und ausgehen, nehme ich ihm
etwas mit und winke ihm und geb's ihm.?
,Was denn? fragte Dolores zerstreut.
,, Irgend etwas: eins von unseren alten Bilder-
büüchern, von den alten englischen, und dann lade ich
ihn mir mit seinem Pudel ein !'?

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,Du kennst ihn ja gar nicht!
, Ich sehe ihn ja schon all die Tage, und Vater
und Mutter und die kleine Dicke auch! Muß man
denn wissen, wer die Menschen sind, um sie gern zu
haben??
,,Ich mache mir aus fremden Menschen nichts;
ich mache mir überhaupt nichts aus den Menschen!?
sagte Dolores mit einer Festigkeit, die schroff abstach
gegen ihr ganzes Sein und Wesen.
,,Dolores!'r rief Virginie ganz erschrocken und
mit raschem Entschlusse setzte sie dann hinzu: ,Wenn
das die Liebe ist, daß man sich an nichts mehr freuen
kann, was nicht sein eigenes Selbst ist, daß man
gleichgiltig wird gegen seine Nächsten, Liebsten, daß
man sich an unserem Lorenz nicht mehr freut, daß=
daß Du nicht siehst und fühlst, wie.. .? Sie brach
ab und sagte dann mit bebender Stimme, ik der die
Thränen zitterten: ,Wenn das die Liebe ist, dann
danke ich meinem Herrgott, daß ich sie nicht kenne!''
Dolores warf sich ihr mit beiden Armen, laut
schluchzend, um den Hals, aber sie konnte nicht
sprechen.
,,Sehen wir es denn nicht alle liebe Tage, Justine
und ich,'' fing Virginie wieder an, ,daß wir Dir
Alle nichts mehr sind? Glaubst Du, ich, die ich mit
Dir geboren bin, ich fühlte es nicht, daß ich Dir
gleichgiltig bin, wie unten der liebe Junge und sein
Pudel, daß ich nichts thun kann, Dich loszureißen
von Deinem Grübeln und Grämen? Kannst Du
denn gar nichts Anderes denken, gar nichts Anderes
lieben, als - nur den Einen??
,Nein!' entgegnete Dolores und schlug mit der
ihr eigenthümlichen Bewegung die Hände vors Gesicht.
,Das ist fürchterlich!' fuhr Virginie auf. ,Sie
sagen, ich sei kalt! Ich kann nichts dafür, daß ich

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mir Mlles klar machen muß im Stillen, und zugreifen,
wo es nachher noth thut. Sagen kann man das ja
nicht, ich seh's und thu's. Ich habe es ja auch schon
in der Pension gewußt, daß wir Beide verschieden
sind, und hab' Dich darum lieber gehabt, weil ich
dachte, ohne mich könntest Du nicht sein und ich müßte
sorgen für Dich. Ich bin die Martha, Du die Maria
gewesen von Anfang an, und ich bin immer zufrieden
gewesen mit meinem Theil, besonders seit die Göttling
fort ist und ich schaffen konnte für unsern Vater.
Ich habe ja gesehen, daß Jeder seine Art hat und
die behalten muß, und hab' mich im Stillen
daran gefreut, wenn ich gesehen habe, daß Du schöner
bist als ich und daß sie Dich poetischer finden; und
Gott weiß es, ob ich Dir nicht alles Glück in der-
Welt gewünscht hätte, ob ich Dir's nicht holen gehen s
möchte, vom Himmel herunter, wenn ich's könnte. s
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so wie Du und sähe blaß aus so wie Du und Du f
haßtest ihn wie ich!'
, Sprich das Wort nicht aus, Virginie, sprich's f
nicht aus,' flehte Dolores, ,denn er ist unglücklich ;
wie ich !?
, Wer hat Dir das gesagt??
,Mein Herz sagt es mir!'
Virginie wendete sich ungeduldig von ihr ab,
zuckte die Schultern und trat ans Fenster. Es ent-
stand eine Pause. Unten auf dem englischen Schiffe
und auf den anderen Schiffen läuteten die kleinen
Glocken; es war Mittag, die Sonne drang von der
Seite schon in das Gemach. Virginie ließ die Mar-
quisen herunter und wollte sich darnach entfernen,
blieb jedoch mit einem Mal stehen.
Lewald. Die Famile Darner. U.
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,, Und wenn's nur Dich allein beträfe,'' sagte sie,
,aber der Vater sieht Dich auch oft ängstlich an,
wenn Du's in Deiner Versunkenheit auch nicht be-
merkst! Was soll er denn mit Dir machen? Du
weißt, daß wir Kaufleute heirathen sollen, und er
kann doch auch unmöglich zu einem Menschen, der
Dich gar nicht gefordert hat, der Dich nicht heirathen
will, sagen gehen: ,Seien Sie so gut und heirathen
Sie meine Tochter, die sich's in den Kopf gesett
hat, Sie haben zu wollen. Schämst Du Dich nicht?
,Virginie,' rief Dolores, ,ich bitte Dich, kein
Wort weiter, Du bringst mich um, Du bist fürchter-
lich!r Wie sie das aber gesprochen hatte, sah sie, daß
dicke Thränen in der Schwester Augen perlten, und
ihr die Hand hinreichend, bat sie: ,Sei nicht böse,
ich bin ja unglücklich genug !''
,Das fehlte noch, daß ich böse auf Dich ,wwäre!r
rief Virginie, sich rasch wieder zusammennehmend.
, Ich habe es seit Wochen jeden Tag auf dem Herzen
gehabt und es immer nicht heruntergebracht, weil ich
wußte, daß Du weinen würdest und denken würdest,
ich sei hart und hätte kein Mitleid mit Dir! Und
sagen muß Dir's einer doch; und wenn der Vater
Dir es sagen wird, so wird es Dir noch fürchterlicher
sein-- und Du wirst doch thun müssen, was er
wollen wird . . ,?
Sie hielt inne, schöpfte Athem, und wäre Dolores
nicht so ausschließlich mit sich selbst beschäftigt ge-
wesen, so hätte sie erkennen müssen, daß und wie die
Schwester mit sich zu Rathe ging.
Das währte jedoch nur einen Augenblick, dann
sagte sie mit der Entschlossenheit, mit welcher ein um-
sichtiger Spieler seine letzte sichere Karte ausspielt:
,Glaubst Du denn, ich hätte es nicht machen
können wie Du? Glaubst Du, der Hauptmann,

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der ein so schöner und so guter und so kluger Mann
ist und ganz ohne Redensarten, nur mit Ja und
Nein, der könnte mir nicht auch gefallen? Und daß
er mich gern hat, das hast Du selbst gesehen und
mir gesagt, und er hat mir ja auch so sehr den Hof
gemacht zuerst, daß Du und Justine mich damit
geneckt habt .. ?
, Und nachher? fragte Dolores, plötzlich auf-
horchend.
,Nachher? wiederholte Virginie. ,Ja, ich habe
es nie sagen wollen und nun sage ich es doch,
Deinetwegen! Neulich'? - sie stockte - ,neulich,
an dem Tage, an dem wir zur Cour gewesen waren
und Du dem Vater Alles gesagt hattest, war Abends
doch der Hauptmann bei Franks zum Thee. Er
war sehr gut zu mir; und wie wir vom Thee auf-
standen und er mir die Hand gab, drückte er mir
die Hand so herzlich und sah mich an, daß es mir
heiß durch den ganzen Körper rieselte. Ich mußte
sehr an mich halten. Wie sie dann gleich darauf
zufällig davon sprachen, daß Nora Armfield den
Major Rutenstein von den russischen Kürassieren
heirathet, der bei ihnen im Quartier gewesen ist, da
dachte ich, meinetwegen soll der Hauptmann keinen
Kummer haben und sich keinen Korb vom Vater
holen; und so sagte ich zu ihm: gut, daß keiner von
unserer Einquartierung sich in eine von uns verliebt
hat, denn wir dürfen keine Offiziere, wir sollen Kauf-
leute heirathen!'
,Das hast Du gesagt,'' rief Dolores voll. Ver-
wunderung, ,und Du hast ihn gern??
,,Grade darum! Wenn es doch nicht sein kann!'
,, Und was hat er Dir darauf geantwortet??
,Nichts! Er hat keine Miene dabei verzogen.
Zuuletzt, als er fortgegangen ist, und ich mit ihm zu-
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gleich im Korridor gewesen bin, hat er mir gesagt:
,Gute Nacht, Mademoiselle Virginie, gute Nacht; an
mir haben Sie einen Freund auf jede Probe!? und
das glaube ich ihm. Er geht nun mit mir um, wie
mit Justine und mit Frank. ?
Sie sprach das Alles mit fester Stimme, aber
man konnte hören, welchen Zwang sie sich anthat.
Ihre Selbstbeherrschung machte auf die Schwester
einen bannenden Eindruck.
Sie saßen wieder am Fenster einander gegenüber.
Virginie hatte den Schlüsselkorb zur Hand genommen
und sah in einem kleinen Kalender etwas nach.
Dolores spielte gedankenlos mit einem Topasenkreuz,
das sie an goldener Kette am Halse trug. Die Mutter
hatte beiden Kindern diese Kreuzchen an ihrenn ersten
Geburtstage umgehängt und Darner später ihnen
neue Ketten dazu machen lassen.
Virginie blickte über den Kalender weg, ab und
zu nach der Schwester hinüber. Dolores bemerkte das
endlich, und sich aufrichtend, sagte sie:
,,So hast Du nie zu mir geredet!'r
,,Es ist auch kein Vergnügen, einen Andern, den
man liebt, hart anzufassen, aber wenn man sieht,
daß er ertrinkt, nimmt man ihn bei den Haaren,
wenn's ihm auch weh thut!? Sie erhob sich wieder,
ihre Aufregung ließ sie nicht rasten: ,Sei vernünftig,
Liebling!r bat sie, Dolores umfassend und küssend,
wie man es mit einem Kinde thut.
,Sag mir nur, was soll ich thun? flehte diese
gerührt von ihrer Schwester Liebe.
,Du sollst Dir ehrlich sagen, daß Eberhard, wie
der Vater es Dir erklärt hat, sein Majorat lieber hat
als Dich, daß er Dich also nicht liebt wie Du ihn -
und sollst dem Vater keinen Kummer machen, sondern
ihm gehorchen und Dich zufrieden geben. Denn
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und wieder stockte sie, und wieder überwand sie
sich und sagte: ,Heute spreche ich einmal Alles aus,
Alles, und das kann ich Niemand sagen als nuur
Dir! Wir Beide, Du und ich, wir sind ja nicht
wie andere Kinder mit ihrem Vater; wir dürfen
dem Vater keinen Kummer machen, weil unsere
Mutter es gethan hat. Unsere Mutter ist keine gute
Frau und keine Mutter gewesen zu uns. Ihr sind--
wie dem Eberhard sein Majorat-- ihre Kirche und
ihre Priester lieber gewesen als der Vater und wir;
und sie hat ihn und uns verlassen, uns alle Beide
und auch ihn !'?
Dolores fuhr erschrocken empor, der Gedanke war
ihr nie gekommen.
, Ja,' rief sie, ,ia, das hat sie gethan!
, Und der Vater hat sie so geliebt,r? fiel Virginie
ein, ,daß Du, weil Du wie sie aussiehst, sein Lieb-
ling gewesen bist von Anfang an. Wer hätte den
Vater denn gehindert- das hat unsere Göttling
einmal zu Justine gesagt und ich hab's gehört -
wer hätte den Vater denn gehindert, sich scheiden zu
lassen von unserer Mutter, die von ihm gegangen
ist, und eine andere Frau zu nehmen? Hundert für
eine hätte er gefunden, und er hat's nicht gethan.
Er hat uns zu sich genommen; und einen bessern
Vater giebt's ja nicht! Wir haben an ihm gut zu
machen, was unsexe Mutter ihm zu leid gethan hat!
Das hab' ich mir seitdem immer gesagt, und ich
werd' es thun, und Du mußt's auch !'?
Dolores war wie in eine andere Welt ver-
sett.
Virginie genoß, ohne es sich einzugestehen, bei
aller Zärtlichkeit für die Schwester, doch ein Behagen
in ihrer Neberlegenheit; sie wurde wieder ruhig in
dem Bestreben, Dolores zur Fassung zu bringen.