Die Familie Darner. Roman in 3 Banden.
Fanny Lewald
Kapitel 23

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,Ich muß hinunter gehen, ich hab' zu thun,??
sagte sie, die Schwester an der Hand nehmend. ,Geh
in unsere Stube, wasche Dir die Augen und mach
Dich schön und bringe nachher die Guitarre mit.
Du hast ewig lange nicht gesungen. Fang heute
damit an, dem Vater zu beweisen, daß wir . .?
,Ich komme schon!' unterbrach sie sich selber,
da der Diener mit einer Frage eintrat, nahm ihren
Schlüsselkorb und ging hinaus.
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Dreiundzwanzigstes Kapitel
Zwischen Justine und Virginie hatte sich, seit sie
sich nach dem Fortgehen von Madame Göttling in
dem immerhin zweitheilig gebliebenen Hausregiment
zurecht zu setzen gehabt, ein Einvernehmen gebildet,
das, trotz des zwischen ihnen obwaltenden Alters-
unterschiedes, zu einer vertrauenden Freundschaft ge-
worden war, und selbst die Rolle der Beschützerin
hatten sie Dolores gegenüber liebevoll getheilt.
Auch jetzt machte Virginie der Schwägerin kein
Geheimniß daraus, daß sie versucht habe, die Schwester
von ihrer Liebessehnsucht abzulenken, ohne es jedoch
Justine preiszugeben, welche Geständnisse sie bei jenem
Anlaß der Schwester über ihre Mutter gemacht. Sie
waren Beide bemüht, Dolores zu zerstreuen, sie zu
stützen in dem Kampfe, den sie in sich aufgenommen
hatte, und er war fchwerer für sie, als die Anderen
es ihren Naturen nach ermessen konnten.
Ganz auf ihr Gefühlsleben gestellt, fehlte ihr ein
Boden, auf dem sie sich zurecht zu finden vermochte.

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Den Glauben an den Geliebten hatte man ihr zu
nehmen getrachtet, und bei ihrer Unkenntniß der ob-
waltenden, Eberhard bindenden Verhältnisse war ihr
selber auch wohl bisweilen der Gedanke gekommen,
daß sie anders gehandelt haben würde als er, daß
es für sie in seinem Falle kein Schwanken und kein
Wählen gegeben haben, daß sie der Nothwendigkeit
des Herzens gefolgt sein würde. Das Bild der
Mutter, wie sie es in sich gehegt und geliebt, hatte
die Schwester ihr zerstört; und weil aufgegeben, ver-
lassen, vergessen zu werden, ihr als das Entsetzlichste
erschien, wuchs neben dem Zweifel und der Anklage
gegen den Geliebten und gegen die Mutter, ein Ge-
fühl des unaussprechlichen Mitleids mit dem Vater
in ihr auf.
Sie konnte ihn nicht ansehen, ohne zu denken,
daß auch er wie sie gelitten habe. Wenn er schweigend
da saß, hingen ihre Augen unverwandt an ihm; sie
konnte, wenn er sie darauf betraf, oftmals nur mit
Mühe die Frage zurückdrängen, die ihr auf den
Lippen schwebte. Er kam ihr wie ein Leidensgefährte
vor, und er ward ihr näher dadurch gerückt.
Dem Vater entging die weiche Zärtlichkeit nicht,
mit welcher Dolores sich mehr noch denn zuvor jetzt
an ihn schmiegte, wenn er sie beim Morgen- und
Abendgruß umarmte. Er sah den Blick voll Liebe,
mit welchem sie nach der Mahlzeit ihm die Hand
bot und die seine küßte; aber er fragte weder sie
noch die Anderen, was sie habe. Wie er entscheidend
und gewaltsam eingriff, wo ihm dies gefordert schien,
verstand er, sich vollziehen zu lassen, was sich in sich
selbst entwickeln mußte, und dies ruhig abzuwarten.
Er hatte nicht vergebens die langen Nächte in
schweigender Achtsamkeit im Mastkorb und am Steuer
in Geduld durchwacht.

== Zßß -
Eines Abends, als Virginie sich im Haushalt
beschäftigte, das Nothwendige für die Mahlzeit zu be-
sorgen, und Justine noch einmal in ihre Wohnung
hinaufgegangen war, nach ihrem Knaben zu sehen, i
saß Darner am offenen Fenster, in das der Wider-
schein des späten Abendroths hineinfiel, während der
vom Wasser aufsteigende Lufthauch die Blätter des
großen Nußbaums sanft bewegte und den Duft der
Rosen in das Zimmer trug. Dolores war allein
mit ihm. Sie räumte die Noten zurecht, die auf dem
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,Willst Du etwas, mein Kint? fragte er sie.
,Ich bin Ihnen so gut, Vater, so gut!r sagte
sie, scheu sich an ihn schmiegend.
,Da thust Du nur Deine Schuldigkeit! Aber wie
kommst Du eben jetzt darauf, mir Deine Liebe aus-
zusprechen? Was willst Du, Kinb?
,, Ach, ich will nur lieber gehen, ich kann es doch
nicht sagen!
Der Vater wurde ernsthaft.
,Bleib,? gebot er, ,und sprich, Dolores! Ich
sehe seit lange, daß Du etwas auf dem Herzen hast!
Hast Du Dir etwas vorzuwerfen gegen mich??
,Ieh, ach nein, Vater, abeg unsere Mutter.. .?
Darner horchte hoch auf. Es war nie wieder
zwischen ihm und seinen Töchtern die Rede von ihrer
Mutter gewesen seit dem Abend, an welchem er
vor den Seinen und vor Kollmann seinen Lebens-
weg geschildert. Er konnte sich es also nicht erklären,
wie Dolores plötzlich dazu kam, der Mutter vor ihm
zu gedenken.
,Was ist's, das Dich auf die Erinnerung bringt,
was willst Du wissen von Deiner Mutter?? fragte
er ruhig, um Dolores nicht einzuschüchtern.


= Zß! --
, Vater,'' rief sie und kniete vor ihm nieder, seine
beiden Häände ergreifend, ,wen soll ich's denn fragen
als Sie, denn wer hat's erlebt? Sie haben sie ja
geliebt, unsere Mutter; haben Sie's vergessen können,
daß unsere Mutter Sie verlassen hat?? Sie weinte
bitterlich, da sie die Worte wie im Krampfe ausstieß.
Jetzt wußte Darner, woran er mit ihr war. Er
ließ sie auf ihren Knieen vor ihm liegen, aber er
legte seine Hand auf ihre Schulter, und erkennend,
daß er zu diesem Kinde in der Sprache des Herzens
reden mußte, die demselben allein verständlich war,
sagte er:
,, Vergessen habe ich es nicht und nicht vergeben,
aber ich habe es verschmerzt! Und Du wirst auch
verschmerzen, denn was hast Du zu verschmerzen?
Eine nicht erfüllte Hoffnung! Was will das besagen
neben dem . . ,-
Er vollendete nicht.
,, Was unsere Mutter Ihnen gethan, was Sie
erfahren haben !'' schaltete sie ein und senkte ihr Haupt
auf seine Hände.
, Ja! sagte er, und sie schwiegen Beide.
Wie in einer Beichte, im reinsten und höchsten
Sinne ihrer Bedeutung, empfand sich Dolores vor
dem Vater; alle Scheu war von ihr gewichen, ihr
Herz erschloß sich, wie es sich bisher nur im Gebet
vor Gott erschlossen; und der Mensch, der Vater, der
ihre Hand in der seinen hielt, der ihr sichtbar, er-
faßbar war, der ihr Antwort gab auf ihre Rede,
war ihr näher als der Unsichtbare.
,Vater, ich will's ja verschmerzen, weil Sie es
wollen. Glauben Sie mir Vater, es freut mich nicht,
daß ich so traurig bin. Aber wie haben Sie's ge-
macht, wie soll ich's machen?
,Blicke nicht rückwärts in müßigem Spiel, lebe

=- W0Z -
für mich, mein Kinb! mache einen Andern glücklich,
und sein Glick wird zu dem Deinen werden! Das
Leben, die ganze weite Welt liegt offen vor Dir. Du
wirst hinauskommen in das Leben und in die Welt
und wirst Dich wundern, wie thöricht Du gewesen,
wirst mir es in Gehorsam danken, daß ich Dich zurecht
und auf den rechten Pfad gewiesen.? Er zog sie
empor und küßte sie. ,Und nun genug davon, da
kommen die Anderen !'
, Vater,' bat Dolores,,ach Vater, sagen Sie
es ihnen nicht!'
,Daß Du mich genöthigt, Dir zu wiederholen,-
was ich Dir schon einmal in ihrem Beisein ausge-
sprochen??
Sie schüttelte den Kopf.
,Daß ich Sie gefragt, wie Sie's verschmerzt,
und,' sie hing sich noch einmal an ihn, ,Vater, ver-
zeihen Sie zmserer Mutter! Ich - ich will es gut
zu machen suchen, Vater!'
Er gab ihr die Hand. -
,,Das soll ein Wort sein, Dolores! Ich mahne
Dich daran, wenn's einmal nöthig wäre!'' sprach er
mit einem Ernste, der sie betroffen machte nach der
sanften Zärtlichkeit, mit welcher er sie behandelt.
Darauf nahm er ihren Arm in den seinen und führte
sie, wie er es oft mit ihnen machte, in das Zimmer,
inyvelches Justine und Virginie eben auch eingetreten
wäten.
Die Mahlzeit verging in heiterem Gespräch.
Draußen hatte der Abendwind sich gelegt, es war
drückend heiß, die Fenster offen; vom andern Ufer,
von der Speicherseite, an welcher die polnischen und
russischen Flößschiffe lagen, klangen, von den rauhen
Kehlen der Leute gesungen, die slavischen Melodien
in MollTönen herüber.

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,Daß die nordischen Lieder alle so schwermüüthig
klingen!'' bemerkte Virginie, während sie dem Vater
den Eigarrenkasten und das Licht ans Fenster trug.
, Schwermüthig oder wild ausgelassen, meinte
Justine, ,es ist immer ein Schwanken zwischen
Trunkenheit und Trauer. Ich möchte wohl einmal
die Gondeliere singen hören in den Nächten in
Venedig!''
,Ja,' fiel Dolores ein, ,ich auch. Der'-- sie
hielt inne und sagte dann, während sie über und
über erröthete: ,Jeder, der dort gewesen, ist davon
bezaubert. Wär's nicht gar so weit .. .?
,Was ist weit? scherzte der Vater. ,Mit Zeit
und Geld ist Alles zu erreichen; und Venedig lohnt
der Mühe, es ist einzig in der Welt. ?
,Zeit haben wir, Vater, und Gelb haben Sie,?
bedeutete Virginie, die Sache gleich von der prak-
tischen Seite erfassend, ,und im Herbst, wenn hier
die Schifffahrt aufhört, ist's gewiß noch herrlich dort
im Süden !'?
, Ich sage nicht nein zu Deinem Plane. Wenn
wir Frieden behalten, kann für uns Rath zu einer
Reise nach Venedig' werden, und Dolores wird sicher
die Erste sein, die sich des Lebens in der Wärme
freut! Was meinst Du, Turteltaube, zu einem Winter
ohne Schnee und Eia??
r Sie sah ihn lächelnd an.
,Zunächst aber gehen wir Alle nach Strandwiek,?
fuhr der Vater fort; ,der Junge muß als sein recht-
mäßiges Familienerbe Seeluft in die Lungen be-
kommen. Morgen erwarte ich die Nachricht, daß und
wann Dein Frank zurückkommt, und dann brecht Ihr ,
Frauen mit dem Jungen auf. Für heute gute Nacht,
laßt Euch was träumen von Venedig!'?