Die Familie Darner. Roman in 3 Banden.
Fanny Lewald
Kapitel 24

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Es war ein Zufall, nicht Justinens Absicht ge-
wesen, daß sie von der Lagunenstadt gesprochen; aber
der Vater wußte es ihr Dank, sie hatte ihm damit
gedient.
Vierundzwanzigstes Kapitel.,
Frank war von seiner Reise heimgekehrt. Der
Vater war einverstanden mit der Art, in welcher er
die vorliegenden Geschäfte ausgeführt; und nachdem
er einige Tage des Beisammenseins mit Frau und
Kind genossen, hatte er selber die Seinen und die
Schwestern hinausgeleitet nach Strandwiek, wohin
der Vater vorausgegangen, dieselben zu erwarten.
Der Auszug auf das Land war ein Ereigniß
für alle Theile, denn es war damals noch nicht der
allgemeine Brauch, daß man im Sommer die Stadt
verließ, wenn nicht ernste Krankheit einmal eine
Reise in ein Bad veranlaßte. Von Sommerfrischen,
von Seebädern wußte man nichts, und Landgüter
besaßen in den bürgerlichen Ständen meist nur die-
jenigen Leute, welche die Bewirthschaftung derselben
als Beruf betrieben.
Vollends die Kaufmannswelt dachte nicht daran,
Kapitalien in Landbesitz festzulegen, welche im Handel
raschere und höhere Zinsen tragen konnten. Es war
gegen alle kaufmännische Gepflogenheit und galt für
einen nicht zu rechtfertigenden Luxus; wenn schon
man sehr reichen Leuten einen Garten oder ein be-
scheidenes Landhaus vor den Thoren, wie das,
welches die Königin jetzt bewohnte, allerdings zus
kömmlich erachtete.

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Justine war, wie die meisten Frauen ihres Kreises,
nie über die nächste Umgebung der Stadt hinaus-
gekommen; sie hatte das Meer, das ihren Schwä-
gerinnen aus ihrer frühesten Kindheit erinnerlich und
ein Gegenstand der Sehnsucht geblieben war, noch
nie gesehen.
Die Sonne senkte sich schon nach Westen, als
man das Gut erreichte.
Was die Kriegszeit in Strandwiek verwüstet,
das war von Darner im vollen Gebrauch seiner
Mittel in den neun Monaten wieder hergestellt, seit
denen man des Friedens genossen hatte.-
Aus den mit neuem Stroh gedeckten, festen Lehm-
häusern des Dorfes und von der Arbeit auf den
Feldern und den Wiesen traten die Frauen und
Männer an die Straße heran, als die Postillone
bliesen, als die beiden Wagen sichtbar wurden. Voran
in seiner leichten, zurückgeschlagenen Reisekalesche
Frank mit der Frau, ihnen folgend der schwere
englische Wagen, in welchem er die Schwestern vor
zwei Jahren in das Vaterhaus gebracht und in dem
sie nun mit dem kleinen Lorenz und den Dienerinnen
abermals ihren Einzug hielten in ein anderes ihrem
Vater gehörendes Haus, auf seinem eigenen Grund
und Boden stehend.
Es war ein großes, völlig schmuckloses Gebäude,
das Schloß Strandwiek; aber auf einer mäßig hohen
Düne, in geringer Entfernung vom Meeresstrand
gelegen, zweistöckig, vielfensterig und weiß getüncht,
sah es mit der breiten Eingangsthüre und der Ühr
im Giebel stattlich und wohnlich aus; und wie dann
Darner unter dem Thürbogen auf der Schwelle er-
schien, die Seinen in Empfang zu nehmen, rief
Justine, als sie, auf ihres Mannes Hand gestütt,
rasch aus dem Wagen stieg, dem Vater jbelnd entgegen:

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,Das ist recht Ihr Haus, lieber Vater, so mächtig
und so hell! Ach, ist das ein Gluc!?
,Willkommen, und laßt's Euch wohl sein auch
unter diesem meinem Dache!' entgegnete er ihr;
dann hob er zuerst den Schleier auf, mit welchem
man den schlafenden Knaben bedeckt, sah ihn an und
reichte darnach den Seinen der Reihe nach die Hand.
Aber die einfachen Worte, mit denen er sie begrüßte,
klangen wie ein Segen in der Gehobenheit, in welcher
er sie sprach.
Als er hinausgetreten war aus seinem Hause,
die Seinen in dasselbe einzuführen, war wie durch
einen Zauber plötzlich wieder einmal das Schloß der
Herren von Rinking in seiner Erinnerung aufge-
stiegen, und mit dem Auge des Geistes den weiten
Weg in Blizesschnelle überfliegend, der in seinem Er-
leben die beiden Herrensitze von einander trennte,
hatte er sich gesagt: ,Mich und sie habe ich hierher
gebracht! Mein ist ihr Geschick und bleibt es!
Er sah an, Alles was er gethan und fand es
wohl gethan! Das war es! dies Gefühl, die Vor-
sehung der Seinen zu sein und sie bleiben zu wollen
für alle Zeit, das ihn bewegt und ihm bei ihrem
Empfange das feste Herz geschwellt in stolzer Freude.
Justine hatte es richtig bezeichnet; es war ein
wetterfestes, helles Haus, Strandwiek. Drei der
Seiten hatten den Blick auf das Meer, die Hinter-
seite sah nach der in den Dünen gelegenen Kirche
und nach dem Pfarrhause hinaus; und da Frank und
Justine in Strandwiek als des Vaters Gäste leben
sollten, nahm Virginie mit der ihr angeerbten Lust
am Schaffen und Befehlen sogleich die Haushaltung
in die Hand, sich der wohleingeübten Wirthschafterin
als die Herrin darstellend, von der sie ihre Weisung
zu empfangen habe.

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Der Vater sah das gern. Er füührte sie Alle
durch Haus und Hof, durch den ganzen Besitz. Frank,
der seit dem Herbste nicht draußen gewesen war,
hatte es zu bewundern, was man herstellend geleistet.
Für Alles hatte Darner vorgesorgt, und wie Behagen
für Jeden innerhalb des Hauses bereitet war, fehlten
am Strande weder das große Segelboot in sicherer
Ankerbucht, noch die Badestätte, und ebensowenig ein
großer, aus festgefügtem Eichenholz errichteter Pavillon
auf der Höhe der Düne, an des Gartens Ende, den
Anblick des Sonnenuunterganges und des Mondlichtes
im Freien zu genießen.
Darner hatte beschlossen, die beiden nächsten
Wochen in Strandwiek zu verweilen. Das hatte die
Folge, daß Frank schon am Abend des Sonntags,
die Nacht zur Fahrt benutzend, aufbrechen mußte,
um am Montag die Börse nicht' zu versäumen. Es
galt also, den einen ihm gegönnten Tag voll aus-
zunüützen, und er genoß ihn doppelt in Justinens
Freude.
Mit Frank und ihrem Kinde vor der Thüre zu
sitzen unter dem duftenden Hollunderbusch, unter den
vier alten großen Weiden, die der Krieg verschont,
weil immer die Generalität in dem Hause einauartiert
gewesen war; die Wellen des Meeres rauschen zu
hören, den Hauch des Windes zu fühlen, wie er frisch
und salzig herüberkam vom Wasser, das war ihr ein
ungekanntes Entzücken. Es ließ sie nicht zur Ruhe
kommen an dem ersten Abende.
Dann kam der Sonntagmorgen und mit ihm
der Gottesdienst in der Kirche, die zum Dorfe gehörte,
deren Patron der Vater war und in welcher der vor-
nehmste Platz den Damen vom Schlosse gebührte.
Am Nachmittag die Segelfahrt ins Meer, bei welcher
der Vater selbst das Steuer des kleinen Fahrzeugs

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lenkte, das ihn und die Seinen trug. Das Alles, all
dieses Wohlgefühl und diese Lust verdankte sie Darner,
dem Vater ihres Frank. Sie war glücklich und stolz
darauf, daß er nun auch ihr Vater war, daß ihr
Sohn sein Enkel, daß sie in seinem Schlosse waren;
und als sie am Sonntag Nachmittag nach der See-
fahrt sich mit den beiden Männern allein in dem
Zimmer des Vaters befand, sprach sie ihm ihre Freude
aus und ihren Dank.
Er blickte sie zufrieden an.
,Ich meine auch,' sagte er, ,Ihr könntet Zuver-
sicht zu mir haben, und weil Du mir die Deine
kundgegeben hast, will ich es auch mit Dir versuchen,
denn Du bist verstäändig. Hat Dir Frank gesagt, daß
wir hier bald einen Gast zu erwarten haben?
Justine verneinte das.
, Und auch sonst hat er Dir über seinen beson-
dern Auftrag in Petersburg nichts gesagt?
,,Sie hatten ja bestimmt, daß ich auch zu meiner
Fraunichts von derSache erwähnen sollte!r sagteFrank.
,Recht so! Also ich will Dolores jett verhei-
rathen. Sie war schon seit Jahr und Tag dem
Sohn meines Freundes Joannu zugesagt, und es
muß ein Ende haben mit dem unfruchtbaren Sehnen,
das sie krank macht. Der junge Joannu war augen-
blicklich in Petersburg; Frank hat ihn kennen lernen,
nennt ihn einen sehr gescheidten Mann, einen voll-
kommenen Gentleman und schönen Menschen. Er
führt das Geschäft seines Vaters in Venedig, das paßt
für Dolores! Er wird in wenig Tagen nach Königs-
berg kommen, von wo Frank ihn zu uns bringen
wird; und ich rechne darauf, daß Du ihn freundlich
empfängst, daß Du Dolores auf seine Vorzüge hin-
weisest und sie meine Fürsorge erkennen machst in
der Wahl, die ich für sie getroffen.?

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Justine hatte dem Vater ehrerbietig zugehört.
Es lag in dem Brauche, die geschäftlichen Beziehungen
großer Handelshäuser durch EheschliHungen unter
ihren Angehörigen noch fester zu knüpfen, nichts, was
sie nicht als ein sehr natürliches Ereigniß anzusehen
gewohnt war; trotzdem erschrak sie jetzt davor, wie
vor der Mitwirkung, die ihr dabei als eine Vertrauens-
sache zugewiesen wurde.
,Werde ich von Dolores fordern können, was
ich selbst zu thun mich geweigert?? fragte sie und
wendete sich dabei an Frank, dem Blick des Vaters
ausweichend.
Frank nahm die Frage auf.
,Der Vater hat es ja Dolores schon selbst ge-
sagt, daß ihre und Deine Lage nicht die gleiche sind,
denn Du hattest keinen Vater, und Dein Onkel
dachte an seines Sohnes Glück, nicht an das Deine;
aber abgesehen davon, stand ich Dir gegenüber, ein
Mann, der nichts sehnlicher verlangte, als Dich ein-
zuführen in sein Haus. Hat Stromberg das begehrt,
hat er es begehren können? Nein! Es ist also ein
gutes Werk, die Scheidewand zwischen den Beiden
aufzurichten, hinter welcher sie zur Ruhe kommen
werden.'?
Es war dem Vater recht, daß Frank ihm die
Antwort ersparte, aber Justine gab sich nicht mit ihr
zufrieden.
,. Und wenn Dolores sich trotz ihrer Liebe für den
Vater, ihm zu gehorchen weigert??
,Sie wird es nicht thun, fiel der Vater ein,
der letzten Unterredung mit ihr gedenkend, ,und wenn
sie's thäte, würde ich sie zwingen, sich zu fügen!''
Justine schwieg, doch ihre Miene verrieth, was
sie zurückhielt.
Lewoald. Die Familie Darner. l.
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Darner sah das.
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,Du hast mich bisher geduldig gesehen gegenüber
ihrer Schwäche,'' sagte er, ,laß Dich dadurch nicht
täuschen. Ein Familienvater muß hart zu sein
wissen, wenn die Seinen zunächst auch nur die Härte -l
fühlen, ohne die weitsehende Liebe zu erkennen. Er
darf sich nicht durch Thränen rühren lassen; sie trocknen
mit dem vergehenden Augenblick,?
, Und wenn nicht,? wiederholte Justine, ,wenn
. Dolores nicht vergessen könnte, wenn sie nicht glück-
lich würde? Verzeihen Sie mir diese Frage. Dolores
ist Ihr Liebling - würden Sie es nicht bereuen??
,Nein! Man kann es bedauern, wenn man ge-
irrt, wo man nach bestem Wissen mit Neberzeugung
gehandelt; bereuen kann man's nicht! Aber Du weißt
nun, was Dir obliegt, handle danach. Die Verbindung
mit den Joannus ist beschlossene Sache, und Dolores
muß einen Mann bekommen. Mit Virginie hat es
keine solche Eile; sie macht sich selbst zu schaffen und
findet weiten Spielraum hier.?
Mit den Worten verließ er sie.
Justine schüttelte das schöne Haupt.
,Daß Du Dich auf des Vaters Seite stellst!r?
rief sie und settte dann rasch hinzu: ,Das sollte
mich beruhigen und thut es in gewissem Sinn! Aber
-- in den Armen eines ungeliebten Mannes! Das
Elend ermißt kein Mann! Keiner! Oder meinst
Du, ich hätte auch einem Andern als Dir gehören
können??
,Sprich das nicht aus !'r rief Frank, indem er
sie leidenschaftlich an sich zog und ihr mit Küssen
den Mund verschloß. ,Du und Dolores! Wie kannst f
Du das phantastisch träumerische Kind mit Dir ver-
gleichen, ihr leicht bewegtes Herz mit Deiner festen
Kraft? Der Vater, ich bin des sicher, bringt ihrer