Die Familie Darner. Roman in 3 Banden.
Fanny Lewald
Kapitel 25

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Mutter warmes Blut in Rechnuung; sie träumt von
Liebe, aber ihre Sinne schlafen noch. Sie hat's
noch nicht empfunden, was des Mannes erster, heißer
Kuß entzündet in des Weibes Adern. Polydor ist
einnehmend und wird von ihr bezaubert sein wie
Jeder! Es ist ein glänzendes Los, das ihr geboten
wird. Zuletzt - ein Wagniß bleibt in Allem, was
man unternimmt, und jede Eheschließung ist ein ge-
wagtes Spiel! Wir haben unser Heil versucht, sie
werden das ihre zu versuchen haben. Und nun
komm, wir haben gerade noch Zeit zu einem Wege
an den Strand l?
,,Wann wirst Du wiederkommen??
,,Das hängt von Polydor ab, wie Du weißt.?
,Dolores soll ihn heirathen und ich muß ihn
ersehnen und die Tage zählen, bis er kommt!
scherzte Juustine. ,Gebe der Himmel, daß auch sie
ihn ersehnen lernt, daß ich mich in ihr irre, und
nicht Ihr!r
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Jünfundzwanzigstes Kapüies
Es fehlte, wie schon gesagt, in Strandwiek nichts,
was den drei Frauen das Schloßleben und den Auf-
enthalt am Meere verschönern konnte. Die Wagen-
und Reitpferde waren nachgekommen, für die Hänge-
matte im Wäldchen waren die Haken eingeschlagen,
die sie zu tragen hatten, die Vorrathskammern waren
gefüllt mit allem Wünschenswerthen, der Keller wohl-
versorgt, und Neberfluß vorhanden, mit welchem man
freigebig sein konnte, wo man es angemessen und sich
dazu geneigt fand. Das Wetter war herrlich; und
wenn Justine es auch noch so sehr bedauerte, daß ihr
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Mann in der Stadt an seinem Pulte sitzen müsse, so
gingen die Tage ihnen in der gleichmäßigen Luft
rasch wie im Fluge hin.
Niemals hatten seine Kinder Darner so heiter
gesehen; er machte den Kavalier für Alle, er hatte
eine besondere Aufmerksamkeit für eine jede der drei
Frauen. Zu Wagen, zu Pferde, auf dem Wasser
war er mit ihnen; und damit keinem seine Liebe fehle,
, ließ er sich's nicht nehmen, den kleinen Lorenz in der
Hängematte zu bewachen und zu wiegen und seine
Blicke auf das Meer zu lenken, damit er frühzeitig
das Auge an den Weg gewöhne, den er wie sein
Großvater einst vielfach zu durchmessen haben werde.
Darners stolzes Antli und die Wangen der
drei Frauen färbten sich dunkler im heißen Strahl
der Sonne, selbst Dolores hatte ihre frische Farbe
wiedergewonnen, und Justine und die Schwester
freuten sich, daß sie endlich wieder einmal im Augen-
blicke lebte und daß sie, wenn ihre Gedanken sich
rückwärts wendeten, ausschließlich mit den fxühesten
Tagen ihrer Kindheit, oder mit dem Aufenthalt in
der Pension beschäftigt, das Leben in der Natur und
in schöner Umgebung wieder als ein Glück genoß
und pries. Es war dadurch oft vom Süden, von
Jtalien die Rede und der Vater kam gefällig auf
den einmal rege gewordenen Gedanken an Venedig
zurück.
Man lebte ganz in der Familie. Darner hatte
es absichtlich vermieden, Besuche auf den benachbarten
Gütern zu machen. Eberhard hatte Angehörige und
Bekannte unter ihren Besitzern, man konnte dort
seiner erwähnen, und Dolores sollte nicht gestört
werden in dem Stillleben, in dem sie sich erholte.
Zehn Tage waren in der Weise hingegangen,
als wieder einmal ein Reitender dje Posttasche nach

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dem Schlosse brachte und Darner, sie öffnend, aus
den Geschäftsbriefen den Brief seines Sohnes an
Justine heraussuchte, den er ihr übergab, wäihrend
er sich in sein Zimmer zurückhog, die geschäftlichen
Meldungen durchzusehen.
Justine überflog das Schreiben ihres Mannes
und hielt mitten im Lesen inne.
,Da ist etwas für Dich, Virginie!'' sagte sie.
, Für mich, von Franke?
, Ja, die Nachricht, daß Frank morgen schon
herauskommen, zu meiner Freude einige Tage bei
uns bleiben und einen Gast, den jungen Joannu,
mitbringen wird, für den Du Zimmer herrichten,
recht hübsch herrichten lassen sollst.?
,,Es isi überall hübsch bei uns!' meinte Virginie,
und Dolores fragte:
,Den Polydor, mit dem er von Moskau nach
Petersburg gereist ist??
Justine klopfte das Herz, als Dolores den Namen
Polydors so harmlos aussprach.
,,Was wird er ihr bedeuten, wird sie die Stunde
segnen oder sie verwünschen, in der ich ihr sein
Kommen anzukündigen hatte? dachte sie, und von
ihrem Bangen hingerissen, küßte sie Dolores.
,Was hast Du? fragte diese.
,Ich freue mich, daß Du so wohl aussiehst, daß
Du so heiter bist!?
,Wie sollte ich nicht? Der Vater ist ja wie
verjüngt, ist jung wie wir, und das Meer ist so schön.
Wenn ich hinaussehe, weit und immer weiter, dann
denke ich, die Welt gehört mir, und ich möchte Flügel
haben, all ihre Herrlichkeit zu schauen. Es war so
schön bei uns in der Havanna und in der Pension,
ich wollte, Du wüßtest, wie schön es war.?

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,,Polydor muß Zimmer nach der Seeseite be-
kommen !'? fiel Virginie ein. ,Was meinst Du,
Justine, zu den beiden Eckstuben oben? Da hört
er nichts von Lorenz und von Euch, und hätte den
Blick aufs Meer und nach dem Walde.?
Justine stimmte ihr bei. Nur von den Vorbe-
reitungen für den Gast, nicht von ihm selber, war
die Rede. Die Wahl für die erste Mahlzeit wurde
getroffen, die Speisen für den nächsten Mittag be-
stimmt. Der Fischer sollte gleich nach Tagesanbruch
zum Fang hinaus; die Haushälterin wurde beschieden,
man hatte mit ihr zu berathen, ob das Gewollte zu:
schaffen sein würde, und Justine erinnerte warnend
daran, daß es nicht klug sei, all sein bestes Pulver
zuerst und gleich auf einmal zu verschießen.
Gäste in der Stadt aufzunehmen, war man im
Darner'schen Hause sehr gewöhnt; einen Fremden als
Mitbewohner, den ersten Gast im Schlosse zu be-
wirthen, war den Frauen neu und dadurch ein Er-
eigniß, das sie beschäftigte. Frank hatte gemeldet,
daß er sich mit seinem Freunde in der Morgenfrühe
aufmachen werde. Man hatte sie also, da wie immer
mit gewechselten Postpferden gefahren werden sollte,
schon zum Mittag zu erwarten, und die Schloßuhr
hatte eben Eins geschlagen, als das Posthorn erklang.
Gleich darauf hielt die Kalesche vor dem Hause.
Frank, der auf der Seite des Schlosses saß,
stieg zuerst aus dem Wagen.
Darner war bis in die Thüre gekommen, den
Sohn seines Freundes zu empfangen, den er in den
Jünglingsjahren in Petersburg gesehen.
Justine war dem Vater vorangeeilt, ihrem Manne
entgegen.
Es gab ein Vorstellen, ein Begrüßen, ein flüchtiges
Gespräch während des Hineingehens in das Haus.

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Dann ging Frank, den Gast in die für ihn be-
reiteten Zimmer zu geleiten, damit er sich nach der
heißen Fahrt erfrischen könne; und wie Frank darauf
in die Wohnstube zurückkehrte, in der sich der Vater
und die drei Frauen befanden, rief Justine sichtlich
erfreut:
,Das ist ja ein schöner Mann, und wie elegant
er in seinen Bewegungen ist! Ein Prinz kann nicht
vornehmer aussehen als er! Habt Ihr Mädchen ihn
gesehen??
Dolores lächelte.
,,Wir haben seitwärts, hinter den Gardinen
hervorgeguckt; Frank hatte uns mit seinem Lobe
neugierig gemacht!'?
,Aber Du hast nicht zu viel von ihm gesagt,.'
meinte Virginie. ,Für den Elegant muß man wirk-
lich noch eine kleine Extratoilette machen!'?
,Ihr dürft mich nicht ausstechen!' scherzte
Justine, während sie mit ihrem Manne hinaufging
zu dem Kinde.
,, Kommst Du mit?? fragte Virginie, der es
ernst gewesen war mit ihrem Vorschlage. ,Ihch will
eine Schärpe und die Korallen umbinden!'-
,Ich bin ja angezogen!'' entgegnete Dolores
und blieb in ihrem schlichten weißen Kleide, mit der
Rose vor der Brust. die sie zu tragen liebte, wenn
sie sie irgend haben konnte, ruhig in dem Sessel am
Fenster sitzen, während die Schwester sich entfernte
und auch der Vater das Zimmer verließ.
Kaum aber war das geschehen, so meldete der
Diener Herrn Joannu. Seine Ungeduld, das ihm
bestimnnte Mädchen kennen zu lernen, hatte Polydor
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und in das Zimmer eintretend, sagte Polydor, da er
sich Dolores gegenüber und mit ihr allein fand:
,,Verzeihen Sie mir, Mademoiselle, wenn ich
nicht abgewartet habe, bis man mich rief. Mein
Verlangen, den Schwestern meines Freundes vorge-
stellt zu werden, nachdem mich seine schöne Frau be-
grüßte, macht mich Ihnen vielleicht zudringlich er-
scheinen. Sie kennen meinen Namen, möchte er
Ihnen so geläufig sein, als mir die Ihren, die ich
so oft von Ihrem Bruder hörte. Wer sind Sie,
Mademoiselle Virginie oder Mademoiselle Dolores?
,Ich bin Dolores!' gab sie ihm zur Antwort
und sah ihn lächelnd an, weil seine Lebhaftigkeit ihr
wohlgefiel.
,Sie,? rief er, ,Sie sinb Dolores!rr und küßte
ihre Hand, die er ergriffen hatte. ,Wie schön sind
Sief?
,Ach, sagen Sie das nicht! bat sie, ihm rasch
und ängstlich ihre Hand entziehend und auf dem
Punkte, sich zu entfernen; denn so wie jetzt vor diesem
Fremden, hatte sie vor Eberhard gestanden an dem
Tage, an welchem er ihr sein Herz enthüllt, an dem
sie ihn zum letzten Mal gesprochen; und es dünkte
sie wie eine Entweihung jener Stunde, daß ein
Anderer sie und ihre Schönheit pries.
Polydor sah sie mit seinem feinen Lächeln an.
,Ich begreife,? sagte er, ,daß Sie es müde
sein müssen, bewundert zu werden; indeß einem Gast-
freund und vollends einem Südländer müssen Sie es
nachsehen, wenn er ausspricht, was er fühlt. Wir
sind gewohnt, das Herz auf der Lippe zu tragen,
und der Kultus der Schönheit ist Stammeserbe für
uns Griechen.?
Sie war stehen geblieben, denn sie durfte den
Gast doch nicht verlassen, konnte nicht wie ein Kind

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die Anderen rufen gehen, ihn nicht glauben machen,
daß sie der Lebensart entbehre; und das Hinzu-
kommen des Vaters und der Schwester enthob sie
der Verlegenheit wie des Kampfes in ihrem Innern.
Der Vater stellte den Gast Virginien als der
eigentlichen Hausfrau vor. Sie sah wie das Leben
selber aus, und da sie sich in ihrer Rolle sehr gefiel,
ergriff sie den Anlaß, Polydor zu fragen, ob er Alles
nach seinem Bedürfen gefunden, ihn zu bitten, daß
er fordern möge, was ihm fehle, sagen, was seinen
Gewohnheiten nicht entspreche.
- Der Vater freute sich- der Gewandtheit, mit
welcher Virginie sich in die neue Aufgabe schickte;
Polydor zeigte sich mehr als befriedigt von dem was
ihm geboten ward. -
, Und Gewohnheiten,'' scherzte er, ,sich Gewohn-
heiten anzueignen, ist das Jahrhundert Bonaparte's
ebensowenig gemacht als mein Leben. Von Archangel
bis in unsern griechischen Archipel, von Moskau bis -
Marseille, von Paris und London bis nach Peters-
burg wechseln die Gewohnheiten und die Betten.
Weiß man nur sich richtig hinzulegen, so schläft man
überall; aber freilich nirgends besser als an des
Meeres Ufern oder bei mir zu Hause, it der Stille
von Venedig, wo kein Laut das Ohr berührt als das
leise Anschlagen der Wellen an des Traghetto Stufen.'?
,Sie bewohnen den Palazzo Ferramonte!'' be-
merkte Darner.
- ,Den kleinen,? bedeutete Polydor, ,der große
stand auch zum Kauf, als mein Vater die Nieder-
lassung gründete. Er zog aber mit Recht den kleinen
vor. Für unsere Verhältnisse lassen sich die Residenzen
der alten Dogengeschlechter nicht benützen; und nur
das Genie eines Pariser Baumeisters hat es ver-
mocht, mit kluger Verwendung des vorhandenen

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Materials an Freskodecken, an Bildern und Skulp-:
turen, und mit Hinzuziehung dessen, was man in
Paris und bei uns in Petersburg zur Lebensbequem-
lichkeit verfertigt, ein Ganzes herzustellen, in dem es
sich leben läßt und in dem man es wagen dürfte,
Jemand eine Gastfreundschaft anzubieten wie die,
mit welcher Sie mich hier beehren.?
Er hatte, die Frage beantwortend, zugleich mit
geschickter Berechnung ein Bild der Zustände ent-
worfen, in denen er in Venedig lebte; aber sein Auge
war, während er redete,i immer wieder zu Dolores
zurückgekehrt, und wie sein rascher Blick dem Auge,
das er suchte, sicher zu begegnen wußte, so wußte
er es an sich festzuhalten mit seiner Wärme. Er
war eine in jedem Sinne anziehende Erscheinung.
Nicht ganz so groß und weniger kräftig gebaut
als die beiden Darner, war seine Gestalt schlank
und biegsam, seine Bewegungen leicht. Der schmale
Kopf, die gelbliche Farbe, das scharfgeschnittene Profil,
die feinen Züge des Gesichtes stimmten gut zusammen
mit seiner Gestalt, mit den weißen, wohlgepflegten
Händen; und das glänzend schwarze Haar, das er
nach französischer Mode in einer großen Locke auf
der Stirne trug, der ebenso modische starke Backen-
bart, wie das bewegte Mienenspiel und die deutsamen
Handbewegungen, mit denen er seine Rede begleitete,
kennzeichneten auf das Bestimmteste den Südländer,
wie seine Tracht und sein Betragen den Mann von
Welt, der gewillt und gewohnt war, durch seine
Sicherheit zu gefallen
Darner beobachtete ihn mit Zufriedenheit. Das
war ein Schwiegersohn, wie er ihm paßte; und da
auch die Erkundigungen, die man unter der Hand
in Venedig wie in Petersburg über Polydor einge-
zogen hatte, nicht gegen ihn sprachen, obschon man
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ihn als einen Lebemann bezeichnete, so gab Darner
sich dem Gaste mit einer Zuvorkommenheit hin, die
er sonst nicht leicht Jemand erwies, die Polydgr
unter den obwaltenden Verhältnissen aber zu er-
warten berechtigt war. Einem Tugendspiegel, einem
Seraph in einem Manne von zweiunddreißig Jahren
zu begegnen, der in der großen Welt lebte, hatte
Darner weder verlangt noch erwartet; und daß Dolores
in die Hand eines lebenskundigen Gatten kam, der
sein Eigenthum zu beschützen und zu führen wissen
würde, war für sie eben recht.
Man saß zu sechs Personen an der Tafel, es
fehlte nichts, was ihren Reiz erhöhen konnte. Die
drei Frauenzimmer waren schön, die Männer gleichem
Stande angehörend, alle drei sicher beruhend in der
Macht ihres Reichthums, durch ihre Geschäfte über die
Welt hin mit denselben Personen verbunden und zum
Theil auch von Auge zu Auge bekannt. Man hatte
Berührungspunkte, wie sie sich sonst nur unter alten
FreundenFinden. Das letzte Beisammensein in Peters-
burg, die gemeinsame Reise durch Rußland, hatten
Frank und Polydor vertraulich gemacht.
- Weil die Erzählungen, welche er von Polydor
in den Stunden der einsamen Fahrt vernommen, ihn
gut unterhalten hatten, machte es Frank Vergnüügen,
ihn darauf zurückzubringen, und Polydor sprach gut,
hörte sich also gerne sprechen und fand begierige Zuu-
hörerinnen an den Frauen. Ihn aber muthete, bei
dem Reichthum, der sich in dem ganzen Haushalt
und an Darners Tafel unverkennbar kundgab, doch
der Anstrich deutschen, bürgerlichen Familienlebens
als etwas Fremdes und Schönes an. Justine hatte
diese vornehme Bürgerlichkeit aus ihrem, wie aus
ihres Onkels Hause, als ein altes Erbe in die Dar-
ner'sche Familie, als einen Segen übertragen, und

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beide Darner, ihr Schwiegervater wie ihr Gatte,
ehrten sie dafür.
Man erfreute sich während der Mahlzeit des
größten Behagens. Von den Rutschbergen auf der
Newa, von den Osterfeierlichkeiten in Petersburg, von
Konstantinopel und von dem Karneval. in Venedig
hätte Polydor gesprochen, ohne daß es gesucht erscheinen
konnte; und während dessen war seine Achtsamkeit doch
beständig seinen Wirthen, seinen beiden Nachbarinnen,
Justine und Dolores, zugewendet geblieben. Er er-
rieth, was sie wünschten, noch ehe sie es forderten;
jede seiner Bewegungen hatte etwas Verbindliches,
jede seiner Mittheilungen wußte er auf die Anwesen-
den zurückhuführen. Sprach er von Petersburg, so
erinnerte er Darner daran, daß sein Vater noch immer
auf den Besuch warte, den Darner ihm vor, zwei
Jahren zugesagt, und daß er ihm nicht erlassen werden
könne. Gedachte er der letzten Reisen, so wußte er
Justinen nicht geng zu versichern, welch ein un-
vergleichlicher Gefährte ihm Frank gewesen sei und
wie sie sich überhaupt nach allen Seiten hin mit ein-
ander im Einklang befanden. Wenn er der russischen
Osterkuchen erwähnte und sie ein köstliches Gebäck ge-
nannt hatte, so bemerkte er gegen Virginie, wie aber
das Backwerk, das sie auftragen lasse, natürlich ein viel
feineres und köstlicheres sei; und durch das Alles hin
zog sich sein ausgesprochener Wunsch, daß die beiden
Familien, nun sie endlich auf den Fuß der wahren
Gastfreundschaft gekommen wären, sich durchaus und
bald einmal zu einem Besuch in seinem Hause in
Venedig zusammenfinden müßten.
Man war beim Nachtisch, als er dieses wieder-
holte, und wie an jedem Tage brachte die Wärterin,
r Reered

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zu, aber seines Vaters Arme breiteten sich ihm ent-
gegen, der Kleine streckte die Händchen nach ihm aus,
und wie Frank ihn in die Höhe hob und küßte, wie
das glückliche Lächeln von dem schönen Antlitz der
Mutter auch alle Anderen überstrahlte, rief Polydor:
, Ja, freilich, das kann ich Ihnen nicht bei mir
bieten, bei mir finden Sie nur ein leeres Haus-
und wie leer es ist, das erkenne ich erst hier! Sie sind
zu preisen, mein Freund, denn hier wohnen die Liebe
und das häusliche, das Eheglück!'?
,Lassen Sie uns darauf anstoßen, daß es so
bleibe für immer! fiel Frank ihm ein, und des
Kleinen Hand mit der seinen um das Glas legend,
sagte er: ,Komm, bring' Du den Toast aus, auf
Liebe und auf Glück für uns und auch für Siefr?
Polydor that Allen Bescheid, als man die Gläser
gegen einander neigte und lachend zusah, wie Frank
dem Kleinen mit dem schäumenden Wein die rosigen
Lippen nette, der sich das wohl gefallen ließ. Als
Polydor darauf aber mit Dolores anstieß, sagte er,
nur für sie vernehmbar:
,, Ich würde sehr traurig zurückkehren in mein
Haus ohne die Gewißheit, Sie einmal einzuführen
in dasselbe!r?
Es durfte das für eine bloße Wiederholung
seines vorher gethanen Vorschlags gelten; indeß der
zärtliche Druck, mit dem er ihre Hand berührte, als
er sie wie die der beiden anderen Frauen an seine
Lippen zog, und sein heißer, verlangender Blick, der
ihr das Blut in die Wangen trieb, daß sie sich hoch
erröthend von ihm wendete, konnten ihr keinen Zweifel
über seine wahre Meinung lassen.
Virginie, ihr Recht als Hausfrau zu behaupten,
hob die Tafel auf.
Justine und Dolores folgten ihrem Beispiel. Der

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Knabe wurde fortgebracht, die Männer blieben noch
beim Weine sitzen.
,,Es ist doch etwas Eigenes um einen Mann von
Welt! sagte Justine. ,Wie angenehm spricht Poly-
dor, wie beherrscht er Alles, was er gesehen und er-
lebt hat, und wie hat er es zur Hand !?
Sie hatte in Wahrheit große Freude an dem
Verkehr mit Polydor gehabt und noch größere darüber,
daß dies ein Mann sei, den zu lieben Dolores lernen,
mit dem glücklich zu werden sie alle Hoffnung haben
könne. ,Er hat offenbar dem Vater auch gefallen!?
sette sie zur Bekräftigung ihres Lobes hinzu.
,,Mir über alle Maßen!'' versicherte Virginie.
Dolores stand von ihnen fern.
,Laß ihn Dir nicht zu sehr gefallen!r warnte
Fustine wie im Scherz, jedoch Virginie verstagd die
Meinung, und sich rasch fassend, entgegnete sie:
,,Du meinst, weil Dolores eine Eroberung an
ihm gemacht hat? O, das habe ich gesehen; Lora,
warum wurdest Du so roth, als er Dir die Hand
geküßt hat?
,Ach- laß die Thorheit!r bat Dolores.
Man war gewohnt, ihr nachzugeben, sie ge-
währen zu lassen, trotdem fragte Justine, ob er ihr
denn nicht gefallen, ob seine Erzählungen sie nicht
unterhalten hätten.
,Gefallen? Ja, er hat mir gefallen, denn er
ist hübsch und er ist so besonders. Er hat ja auch
sehr viel gesehen, was man sehen möchte; aber er hat
mit den Augen gesehen und erzählt mit den Lippen.?
Virginie lachte.
,Das Urtheil ist noch viel besonderer als er selbst.
Womit soll er denn sehen als mit den Augen, und
womit sprechen als mit den Lippen?
,Mit dem Herzen!r