Die Familie Darner. Roman in 3 Banden.
Fanny Lewald
Kapitel 26

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,Von Osterkuchen, von Baschibozuks und voin
Polichinel,'' rief Justine, ,davon kann man doch nicht
mit dem Herzen reden; und daß er, wie ich gesagt,
nicht ohne Herz ist, das beweisen mir seine Zuneigung
zu Frank und seine Rührung als er unsern Juungen
und all unser Glück gesehen hat!'?
Sie sprach das in vollem Glauben. Wer ihren
Frank und ihren Lorenz zu würdigen verstand, der
war ihr Mann, und in der That mußte man ander-
weit hingenommen sein, um Polydor in der Weise, in
welcher er sich dargestellt, nicht liebenswürdig gefunden
zu haben.
Dolores erkannte das auch selber an, und gleich-
sam sich zu entschuldigen und dem Gaste gerecht zu
werden, fagte sie:
, Ihr wißt es ja, ich gewöhne mich schwer an
Fremdes, und, ich weiß nicht, man muß ihn immer
ansehen, man kommt nicht zur Ruhe neben ihm. Aber
ich möchte wohl auch wie er gestanden haben unter dem
Kiosk am Goldenen Horn und hinabgesehen haben von
der Loggia über den Canale grande ,n warmer Nacht
beim Mondenschein !'? Sie hatte die letzten, einem
damals üblichen Liede entlehnten Worte, singend aus-
gesprochen und darnach das Zimmer verlassen.
MFFMMEEwzEEEEUpggg
Sechsundzwanzigstes Kapites.
Dolores hatte sich kaum entfernt, als Virginie
rasch an die Schwägerin herantrat.
,Ehrlich, Justine,'' bat fie, ,weshalb ist Polydor
gekommen, was weißt Du davon??
,Das, was Du vermuthest!'?

K
- ge.
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,Du weißt's bestimmt, Du kannst es mir ver-
trauen; Du hast's erprobt, ich kann schweigen!'
Justine bedachte sich auch nicht.
, Ja,' sagte sie, ,es ist Verlaß auf Dich, und
nun ich Polydor gesehen habe, bin ich für die Sache.
Die Väter wollen die Verbindung, Polydor ist das
Junggesellenthum satt, er sehnt sich nach Familienleben.
Frank hat die Meinung, er werde gut zum Ehemann
taugen, und Dolores muß es doch endlich lernen, nicht
zu wünschen, was nicht zu erreichen ist, nicht wie ein
Kind nach dem Monde zu greifen.
,Das Alles hab' ich ihr, Du weißt's, schon oft
gesagt,'' versicherte Virginie. ,Hätte sie einen Tropfen
kalten Bluts im Herzen, so würde sie sich schämen, nach
Eberhard zu schmachten. Ich thät's, ich heirathete an
ihrer Stelle ihm zum Trotz; sie muß es auch thun, sie
muß Polydor heirathen, Venedig -- das paßt recht
JF Vs D. =e a oo o ewo
,,Davon war nicht die Rede!'r
, Und Frankr?
,Auch das weiß ich nicht! Richte Dich immer
auf ein paar Tage ein.?
Sie hatten sich mit ihren Arbeiten an die Thüre
der kleinen Gallerie gesetzt, die sich an der Seite vor
dem Erdgeschosse hinzog.
,Ich werde mich sehr bangen, sehr! sagte Vir-
ginie, nachdem beide eine Weile geschwiegen hatten.
,Bis Du Dich verheirathest!
,Weißt Du so bestimmt, daß ich das thue?
fragte Virginie.
Justine gab darauf keine Antwort, sondern lachte.
,,Lache nicht, ich meine es ernsthaft! Eine von
uns muß bei unserm Vater bleiben, und er sieht
es auch so an. Er hat mich heute wieder, Du hast

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es ja gehört, als seine Hausfrau dargestellt, und
der Vater scherzt mit solchen Worten nicht.?
,Wäre ich empfindlich,' bemerkte Fustine, ,und
hielt ich Deinen Ausspruch für mehr als einen Ein-
fall, so könnte ich Dir es übelnehmen. Ist Frank
nicht da, bin ich nicht da, sind wir denn nicht des
Vaters Kinder??
,Mein Gott, ja, aber Ihr gehört einander, ge-
hört dem Kleinen, werdet noch andere Kinder haben.
Ich kann es nicht sagen, wie einem das im Innern
klar wird, wie man sich es zurecht macht und wie es
dann nicht anders sein kann. Alle dürfen wir nicht
von ihm fortgehen !''
,Wer ist denn schon fortgegangen??
Virginie stockte und sagte darnach rasch:
,,Die Göttling - ?
,Ich bin sicher,' meinte Justine, ,bie bereut
es schwer genug --- und ich, ich habe es bedauert
und bedauere es noch heute, daß sie es gethan hat.
Wenn Frank manchmal davon spricht, daß er mich auf
Neisen mit sich nehmen, mit mir nach London gehen
möchte, nach Paris-- wie leicht ließe sich das Alles
machen, wäre sie noch mit uns und der Junge unter
ihrer Hut. Aber freilich, der Onkel hat sie ebenfalls
nöthig, und der Onkel sieht übel aus; er thut mir
leid und John nicht minder. Es ist ein freudloses
Haus geworden, das Kollmann'sche, das sieht man
und hört man ja auch durch Dritte. Weißt Du,''
fuhr sie plötzlich auf und brach dann ab.
,Was soll ich wissen?
,Ach, nichts! Horch!rr
,Es fiel ein Schuß!
,Komm, sie sind schon draußen! Ich dachte es
mir,'' sagte Justine, von dem bisherigen Gespräche
Lewald. Die Familie Darner. U.

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ablenkend; ,der Vater hat dem Frank eine große
Freude mit dem Herrichten des Schießstandes gemacht.
Wir werden ihn wohl jetzt immer draußen zu suchen
haben. Mich sollte es wundern,? setzte sie lachend
hinzu, ,wenn er den Lorenz nicht dabei hätte, damit
der Junge zeitig an Männlichkeit gewöhnt wird und
an den Klang der Waffen!r
Sie gingen mitsammen durch den Speisesaal,
dig Treppe hinunter, die nach dem Garten führte;
am Ende desselben hatte ein kleines Gewächshaus
gestanden,' das, im Kriege zerstört, nicht wieder an
derselben Stelle erbaut werden sollte. An der stehen-
gebliebenen Mauer desselben hatte man der Sicherheit
wegen die Scheibe aufgerichtet.
Die Sonne brannte hell und heiß hernieder, daß
man den Sand am Ufer funkeln und die Wärme
flimmern sah in der Luft; aber der vom Meere
kommende Wind erfrischte und machte sie zum Athmen
leicht. Unter der in voller Blüthe stehenden Gaisblatt-
laube hatte man für die Männer den Kaffee aufge-
tragen. Der Pistolenkasten, die Kugelbüchse, standen
auf einem kleinen Tische außerhalb der Laube, und
als Justine mit der Schwägerin näher an die Laube
herankam, sahen sie zu ihrer Verwunderung auch
Dolores in derselben.
Polydor stand ihr zur Seite; sie hatte ein
Körbchen voll Eichenlaub vor sich, dessen Blätter sie
mit den Stengeln durcheinandersteckte, einen Kranz
daraus zu machen.
,Wir suchten Dich! Wie kommst Du hierher??
fragten gleichzeitig Justine und die Schwester, und
ehe Dolores noch dazu kam, eine Antwort zu geben,
sagte Polydor:
,Wir hatten das gute Glück, Mademoiselle bei
dem Verlassen des Speisezimmers zu begegnen, und
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ich die Kühnheit, sie ihnen mit Herrn Darners Zun-
stimmung zu entführen, denn wo man umeinen Sieg
ringt, darf Frauenhuld nicht fehlen, den Sieger zu
krönen. Leider habe ich nur wenig Aussicht, dieser
Glückliche zu sein, ich bin kein sonderlicher Schütze. ?
,,So lassen wir die Sache, wenn Sie kein
Freund von derselben sind!? sagte Darner.
Polydor versicherte das Gegentheil.
,Man liebt und übt ja Manches, worin man
kein Meister ist, die Musik, die Poesie und wie vieles
Andere,? meinte er, ,und ganz ohne Nebung in den
Waffen bin ich nicht, denn ich bin ein leidenschaft-
licher Jäger - wenn schon sich mir in Venedig
wenig Gelegenheit bietet für die Jagd.?
Frank war der Ansicht, ihr Gast wolle nur vor-
beugen, um vielleicht überraschen zu können, und sie
machten sich also an das Werk.
Darner, dem man natürlich den ersten Schuß
überließ, nachdem der Sohn ihm die Pistole geladen,
trat in der bezeichneten Entfernung vor das Ziel,
faßte es mit einem Blick fest ins Auge und gab den
Schuß rasch ab. Er hatte mitten in das Schwarze
getroffen. Die Seinen und Polydor riefen ihm ihr
Bravo zu.
,Man muß doch von Zeit zu Zeit einmal er-
proben,' sagte er lächelnd, ,was man an sich hat
und ob Auge und Hand noch dieselben sind ! Damit
ergriff er die andere Pistole, schon mit derselben
sichern Schnelle, und wieder schlug die Kugel fest auf
die erste in den Mittelpunkt der Scheibe ein.
Sie freuten sich seiner Alle.
,,Gott erhalte Sie in dieser schönen Kraft!r'
rief Justine und legte ihre Hand auf seine Schulter.
,Wir. finden in unserm Vater immer unsern
Meister! bemerkte Frank mit Stolz gegen Polydor,
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und dieser meinte, nun könne man das Wettschießen
nur unterlassen.
Indeß das wollte Darner nicht zugeben, und
der dritte Schuß war für Polydor.
Der nahm die Pistole, wog sie in der Hand,
hielt sie, ehe er sich zum Schusse stellte, prüfend eine
Weile, das Korn bemessend, vor das Auge, trat dann
heran, zielte lange, und wenn er auch nicht so sicher
in das Zentrum traf wie Darner, so war es immer
ein guter Schuß, ein Schuß ins Schwarze.
- Darner belobte ihn.
,Wir, ich und mein Sohn, sind übrigens sehr
wesentlich im Vortheil gegen Sie,? sagte er. ,Wenn
wir sie auch lange nicht gebraucht, so kennen wir die
Pistolen doch, und Sie nicht. Aber nun vorwärts,
Kessisnrs! Sie haben Ihren zweiten Schuß, und
Jeder giebt wie ich zwei Schüsse ab, denn erst der
zweite und die folgenden Schüsse bewähren die eigent-
lich feste Hand.?
Das Schießen hatte darnach seinen ruhigen Fort-
gang, jedoch abgesehen davon, daß die beiden Darner
bessere Schützen waren als ihr Gast, nahm diesem
gerade sein Bestreben, es ihnen gleich zu thun, um
vor Dolores nicht zu seinem Nachtheil zu erscheinen,
die nöthige Ruhe. Er schoß im Verlaufe schlechter als
am Anfang, und da es nicht an ihm war, die Partie
abzubrechen, legte Justine, seinen Zustand erkennend,
sich mit einem Scherze in das Mittel.
,Wie selbstsüchtig Sie heute sind, lieber Vater!
rief sie. ,Sie denken in Ihrer Siegesfreude heute
gar nicht an uns. Frank ist für ein paar Tage hier,
Herrn Joannu's sind wir auch nicht so sicher als Sie
Ihrer Meisterschaft, und Dolores steht mit ihrem
fertigen Kranze da, Sie zu krönen. Wollen Sie uns
mit unserer Ungeduld Ihren Triumph bezahlen lassen?

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Darner verstand die Mahnung.
,Was die Frau will, das will Gott!' sagte er,
ließ Polydor, an dem die Reihe war, noch einmal
schießen.
Der Schuß glückte- und die Pistole aus der
Hand legend, war Polydor der erste, der sich wieder
-- zu den Frauen wendete.
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Dolores eilte mit ihrem Kranze auf den Vater zu.
,Keine Possen, Kind sprach er, ihr wehrend.
, Aber er ist doch nun einmal für den Sieger
gemacht, und wenn Sie ihn nicht nehmen .?
,Dann setzest Du ihn selber auf!' sagte der
Vater, nahm ihr den Kranz aus der Hand und wollte
ihr denselben in das Haar drücken; da sie sich aber
bückte, um ihm auszuweichen, fiel er zu Boden.
Polydor hob ihn auf und legte ihn in seinen Hut,
der neben ihm auf einem der Stühle lag. Dolores
beachtete es nicht, den Andern aber entging es nicht,
obschon das Gespräch der Männer noch mit der Partie
beschäftigt blieb und Polydor mit dem Eifer eines
an Erfolg gewöhnten Mannes bemüht war, sein
Unterliegen zu rechtfertigen.
Darner kam ihm dabei zu Hilfe, indem er wieder-
holt des Vortheils gedachte, den er und sein Sohn
im Gebrauch der eigenen Pistolen gehabt hätten.
,,Aber, setzte er hinzu, ,Sie begehen einen
Fehler, den man freilich einem lebhaften Manne als
eine gute Eigenschaft anzurechnen hätte.?
,, Und der wäre??
,Weil Sie Ihres Schusses durchaus sicher sein
wollen, zielen Sie - zu lange, das ermüdet Hand und
Auge. Wären wir nicht Leute, in deren soliden Ver-
hältnissen von sogenanten Ehrenhändeln nicht die Rede
sein kann, mit denen es dem Ael, dem Militär und
den studirten Herren beliebt, und halbwegs von der

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Unsitte geboten ist, sich außerhalb des Gesetzes zu
stellen, so dürften Sie, im Falle eines Zweikampfes
nicht auf ein gleichzeitiges Schießen eingehen, Sie
könnten den Kürzern dabei ziehen. Jedoch liegen diese
Mittelalterlichkeiten, die enge mit der Bevorzugung
gewisser Stände zusammenhängen und mit dieser ihr
Ende erreichen werden, glücklicher Weise außer unserer
kaufmännischen Gewohnheit, und wir haben mit ihnen
nicht zu rechnen.''
,Wer will sagen, was ihm inzwischen der nächste
Tag, die nächste Stunde bringen! rief Polydor. ,Ich
will mich aber nicht besser stellen, als ich bin; ich
finde etwas Schönes in dem Zweikampf, und wo,
wie bei uns in Jtalien, seit der französischen Herr-
schaft, von Standesunterschieden nicht mehr die Rede
ist gegenüber der Gleichheit aller Bürger, ist's -mit
dem Mittelalter ja ohnehin vorbei. Für mich würde
ein Reiz darin liegen, mir Mann gegen Mann selber
mein Recht zu schaffen!
Frank sah den Schatten auf seines Vaters Stirn,
und um das Gespräch nicht eine ernste und bedenk-
liche Wendung nehmen zu lassen, sagte er:
,Sich selber Recht zu nehmen, indem Sie sich von
dem Mann, der Sie beleidigt hat, erschießen lassen!r?
,,Um darzuthun, daß mir meine Ehre höher als
mein Leben steht!' entgegnete Polydor, mehr und
mehr erregt. ,Ein Hazardspiel bleibt es allerdings.?
,Mit höchstem Einsaz!r bemerkte Frank.
,Die Größe des Einsatzes adelt es!'r entgegnete
Polydor.
Frank yünschte von dem Kapitel des Zwei-
kampfes fortzukommen, und um ganz davon abzu-
lenken, sagte er:
,,Ich habe immer eine Abneigung dagegen ge
habt, mich der Macht des Zufalls gegenüber zu

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stellen, und immer nur gespielt, wenn ich es eben
mußte. Nebenher langweilt es mich, das Fürmich
oder Widermich der Karten müßig abzuwarten.?
,,Sie wissen, man spielt viel bei, uns, doch bin
auch ich kein Spieler aus Neigung oder von Passion;
was Sie jedoch den blinden Zufall nennen, das nenne
ich die Göttin des Glücks; und in dem breitgetretenen
Weg des täglichen Lebens mag ich mich wohl bis-
weilen einmal überzeugen, wie wir mit einander stehen
und ob sie mir noch hold ist. Ich habe übrigens nie
Glück gehabt im Spiel.
,Also Gluck in der Liebe!' begütigte ihn Frank.
,,Wenn ich das hätte,'' rief Polydor, ,wenn ich
das hätte, mit meinem ganzen Leben wollt' ich es
bezahlen!?
In der leichten Weise, in welcher die ganze
Unterhaltung zwischen den Beiden geführt worden
war, hatte der lebhafte, offenbar von der Empfindung
eingegebene Ausruf etwas Neberraschendes. Alle
sahen ihn, sahen einander an, und fortgerissen
von dem eigenen Wort, sich zu Dolores wendend,
sagte er:
., Weshalb warten? Es wird ja morgen und
immerdar dasselbe sein! Lassen Sie mich's heute,
lassen Sie es mich jett gleich erproben, ob das höchste
Glück, ob Sie mir hold sind !?
, Herr Joannu!' stieß sie erschreckend hervor und
wollte sich entfernen.
,Nein, bleiben Sie, hören Sie mich!'' bat er,
indem er ihre Hand ergriff. ,Unsere Väter sind
Freunde, alte Freunde! Sie wissen, oder Sie wissen
es nicht, daß sie unsere Verbindung wünschen. Seit
ich Sie heute erblickt, ist sie mein heißestes Ver-
langenh' Er hielt einen Augenblick inne und sagte
dann mit wachsender Lebhaftigkeit und Schnelle:

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,,Ihr Bruder hat mich selber hieher geführt, glauben
Sie ihm! Glauben, vertrauen Sie mir, werden Sie
meine Frau, und als die Göttin meines Glücks will
ich Sie halten, Ihnen zu eigen sein, werden Sie
meine Frau !?
Das hatte Niemand erwartet.
Darner selbst fand sich betroffen von dem Un-
gestüm.
Dolores war bleich geworden, und zitternd ihre
Hand aus der seinen befreiend, sagte sie:
,Ich kenne Sie ja gar nicht!'
,Ja,' rief er, ihr folgend, da sie sich Schus
suchend zu dem Vater flüchtete, der sie an sich fest-
hielt, ,ia, Sie kennen mich, denn meine Leidenschaft
hat mich überwältigt und mich Ihnen preisgegeben,
wie ich bin !?
,Ich kenne Sie ja nicht! wiederholte sie, in
Thränen ausbrechend, den Kopf an ihres Vaters
Brust verbergend, der es fühlte, wie ihr ganzer
Körper bebte.
,Meine Liebe wird Sie lehren, mich zu lieben!r
betheuerte er; und er sah schön aus in dem Feuer
der begehrenden Leidenschaft, in dem er rasch erglüht
war. Darner jedoch hob abwehrend die Hand gegen
ihn empor.
,,Gemach, mein Freund,? sagte er, ,Liebe und
Vertrauen wollen erworben, nicht im Sturm erobert
sein. Sie haben uns Alle überrascht, meine Tochter
erschreckt, gönnen Sie ihr, uns Allen, Zeit zur Neber-
legung. Geh, Dolores! Geht mit ihr,'' gebot er
den beiden andern Frauen; ,sie hat Ruhe nöthig,
geht!r
Dolores neigte sich und küßte ihm die Hand.
Er legte sie ihr auf das Haupt und, nur ihrem Ohre
vernehmbar, sprach er:

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=== LZZ --
,Sei verständig, Lora; er meint es, wie er's
sagte! Geh, mein Kind!?
Justine bot ihr den Arm, Virginie folgte ihnen.
Der Vorgang war für alle Theile peinlich.
Polydor hatte sich entfärbt, tiefe, düstere Falten
zogen sich zwischen seinen Brauen zusammen, der
Zorn, den er gegen sich selber fühlte, schnürte ihm
die Kehle zu. Er wollte sprechen, aber wie er sich
auch zu meistern strebte, es zuckte um seine feinen,
schmalen Lippen, als er, zu Darner gewendet, die
Worte hervorstieß:
,Ich habe einen Fehler begangen, ich muß Ihnen
erklären . . ??
,, Lassen Sie das, ich bitte,'' sagte Darner, ,es
bedarf dessen nicht, es erklärt sich von selbst. Sie
haben Glück gehabt bei Frauen, das ist begreiflich,
aber es hat Sie verwegen, hat Sie leider den Unter-
schied zwischen einer Ehewerbung und einem Aben-
teuer, hat Sie vergessen machen, daß es ein junges
Mädchen, daß es meine Tochter war, die Sie be-
stürmten.?
Polydor biß die Zähne zusammen. Darner war
in seinem Rechte, aber das durfte nichts ändern in
der Sache, und mit sicherem Griff hielt er sich an
das ,leider'', das Darner ausgesprochen hatte; seine
Selbstgewißheit richtete sich an demselben sofort
wieder empor.
, Sie tadeln mich nicht härter, als ich selbst es
thue! sagte er. ,Ich gestehe mit Beschämung, ich
habe meinem Temperamente unberechtigt, unerlaubt,
die Herrschaft über das Herkommen verstattet. Aber
warum ist sie so schön! Der Gedanke, daß man mir
dies Kleinod zugedacht . . .?
Darner fiel ihm in das Wort. So leichten
Kaufes sollte Polydor sich nicht befreien.

ZZZ -
,Der Gedanke hat Sie zu einem Wagniß ver-
leitet, das meine Tochter verletzen mußte, das mir,
ich bekenne es Ihnen, ein gerechtes Bedenken ein-
geflößt hat und dessen Wirkung wir abzuwarten
haben. Ich muß Sie bitten, uns zu verlassen --
heute noch!r
Polydor trat zurück und verneigte sich.
,Sie sind der Herr! sagte er. ,Ich-- ich
habe Ihren Herrn Sohn also wohl nur noch um
seinen Wagen zu bitten.
Frank konnte es nicht ertragen, den Mann, mit
dem er seit Wochen engen Verkehr gehabt, über den
er sich vortheilhaft geäußert, den er selber in sein
Vaterhaus geführt, in demselben, wie er auch gefehlt,
so gedemüthigt zu sehen, und sich in das Mittel
legend, mahnte er:
,Vater, war ich denn nicht auch von Justinen
hingerissen durch den ersten Blick, und sie war mir
nicht bestimmt!'-
,Aber Du hast ihr Zeit gelassen, ihrem Onkel
Zeit gelassen, Dich kennen und achten zu lernen,
und hast mit Deiner Erklärung gewartet bis zur
rechten Stunde.?
,,So lassen Sie auch mich warten,? rief Polydor,
die gebotene Hilfe benütend, ,bis Sie, bis Made-
moiselle Dolores meine Aufwallung vergessen! Soll
denn ein unbewachter Augenblick zerstören, was lange
Freundschaft Sie und meinen Vater wünschen machen?
Soll er mir die Aussicht auf ein so ersehntes Glück
entziehen? Ich gebe meine Hoffnungen, geben Sie
mich nicht aufl'?
Darner blickte ihn, ruhig an.
,Es ist nicht meine Weise, leicht aufzugeben,
was ich beabsichtigt, und Ihres Vaters Weise ebenso-
wenig,' sagte er; ,auch Sie beharren, wie ich sehe.

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-=- H--
Aber ein Plan ist keine bindende Zusage, und Sie
haben die Ausführung des unsern erschwert. Ihre
Leidenschaftlichkeit macht mich fürchten für die Ruhe
und den Frieden, die eine Frau in der Ehe neben
ihrem Manne finden soll; und Sie haben überdem
die Entscheidung aus meiner Hand in die meiner
Tochter verlegt. Kann ich die Zuversicht gewinnen,
daß, fern von mir, meine Tochter in Ihrem Schutze
wohl geborgen ist, wendet sie selbst sich Ihnen z,
so soll Beides mir willkommen sein, wie Sie selbst
mir's waren. Lassen Sie sich's gefallen in meinem
Hause in der Stadt. Mein Sohn wird Sie begleiten.
Ich komme in ein paar Tagen auch dorthin; und
es soll mir lieb sein, wenn ich Sie wieder hier be-
grüßen könnte.?
Polydor hatte jedes dieser Worte vernommen,
keines von ihnen konnte er von sich weisen, und
grade darum brannte es in seinem Herzen, trieben
seine Gedanken wie im Wirbel durcheinander.
Er, er konnte ja nicht seinem Vater, seinen
Freunden unter die Augen treten als ein Verschmähter!
Was er hier, jetzt eben hier erfahren -- er konnte
es weder vergeben, noch vergessen! Nie hatte ein
Mensch mit so berechtigter Neberlegenheit, mit solch
stolzer Höflichkeit zu ihm gesprochen; nie hatte ein
Mädchen ihm, dem Vielerfahrenen, bei dem ersten
Blick die Sinne so entzündet, seine Leidenschaft zu
solcher Gluth entfacht! Diese sanften, schmachtenden
Augen, die weichen, wie des Kusses verlangenden
Lippen! Er fühlte ihren Blick im tiefsten Innern.
Sie hatte es ihm angethan, er wollte sie nicht lassen.
Er war ergrimmt gegen den stolzen Vater, gegen die
Fürbitte des Bruders, gegen Dolores selbst. Er hätte
sie alle vernichtet wissen mögen, alle-- hätte er
Dolores nicht besitzen müssen- und das mußte,


= AZZ =
das mußte er! Sie sollte es fühlen lernen, daß er
der Herr und Meister sei, daß sie nur zu wählen
habe zwischen seiner Liebe und seinem Haß! Haß?
Konnte man sie hassen, sie, die Unvergleichliche? az
Wie im Fieber, wie ein Rasender kam er sich
vor, als diese Gedanken in Blitzesflucht sein Gehirn
durchjagten; nur das klare Bewußtsein, den festen
Vorsay hatte er, daß man ihm Dolores geben müsse,
daß sie im Palazzo Ferramonte als sein Weib den
Neid der Anderen erregen und sein Entzücken machen
solle; und von diesem Gedanken über den Augenblick
hinweggetragen, rief er:
,,Lassen Sie uns gehen, mein Freund, Ihr Vater
hat entschieden, wie er mußte; wir müssen fort, um
-- je eher um so besser - wiederkehren und bleiben
zu dürfen bis zu der Stunde meines Glücka
Er reichte Darner die Hand, der sie nicht zurück-
wies; war Polydor doch seines Freundes Sohn, sein
Gast. Dann gingen die beiden jungen Männer nach
dem Hause, und Frank kam bald darnach zurück.
,Was macht er?? fragte der Vater.
,,Er schreibt an Dolores!r
,Natürlich, er kennt die Frauen!''
,,Justine und Virginie hat er für sich gewonnen!r
meldete ihm Frank.
,, Und ebenso die ihm unerläßliche Lektion!r
setzte Darner hinzu.
,,So denken Sie sich zurückhuziehen??
Darner antwortete nicht auf die, Frage.
,,Es spricht für ihn und seine Energie,'' sagte
er, ,daß seine Eitelkeit die Lehre, die er erhalten, -
hinnimmt, daß er sich heugt, um an sein Ziel zu
kommen, und ich bin seiner Herr. Verweigere ich
ihm Dolores, bin ich gegenüber seiner Maßlosigkeit
auch vor seinem Vater in meinem vollen Rechte; ge-