Die Familie Darner. Roman in 3 Banden.
Fanny Lewald
Kapitel 28

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Achtundzwanzigstes ===p--s
IAfik-
Das schöne Wetter hatte lange angehalten. Es
kam in der Nacht ein Gewitter und regnete den ganzen
folgenden Tag.
, Frank und Polydor haben uns den Sonnen-
schein mit fortgenommen,' bemerkte Justine, als man
am Morgen beisammen war. ,Ich hoffe, sie kommen
bald und bringen ihn uns wieder!?
,Zunächst werde ich übermorgen nach Königsberg
fahren, wie ich dem Verwalter gestern schon gesagt,''
erinnerte der Vater.
Justine wollte wissen, ob er lange fortzubleiben
denke. ,Nur über den Monatsabschluß,'' antwortete
er; ,daß ich Dir Deinen Mann mitbringe, bezweifle
ich jedoch. Er muß ja unserem Gaste jetzt die
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Honneurs machen, und das wird ihn in Rckstand
bringen.?
,.Was sie nur vornehmen werden, er und Poly-
dor? meinte Justine, und nun die Rede einmal auf
diesen gekommen war, blieb die Unterhältung mit
ihm beschäftigt. Von seinen Eltern sprach man, von
seinem Bruder, der sich neuerdings mit der Tochter
eines französischen Generalkonsuls in Smyrna ver-
heirathet hatte. Virginie bewunderte, wie vollkommen
er des Deutschen määchtig sei. Der Vater sagte,
Polydors Mutter sei eine Deutsch-Russin, eine schöne
Erbe; sein Aeußeres danke er dem Vater, dem er
völlig gleiche. Man redete von ihm, wie man im
guten Sinne von einem gern gesehenen Gast redet,
der das Haus besucht und verlassen hat. Von einer
Wiederkehr erwähnte Niemand etwas, aber Dolores
fühlte, daß Jeder sie als Feststehendes betrachtete,

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und sie konnte sich nicht erklären, was dabei in ihr
vorging.
Es war still' in ihr geworden. War es Er-
müdung, war es Ergebung? Sie wußte es nicht.
Besser als der Kampf des gestrigen Tages war es
immer; und wenn Eberhard gelitten, gerungen hatte
wie sie, wenn es still in ihm werden konnte, wie es
heute in ihr war, wie hatte sie ihm das zu wünschen!
Sie konnte es mit Gelassenheit anhören, was man
Gutes rühmte an Polydor. Sie hatte das selbst ge-
funden und erkannt, ehe er ihr seine Liebeserklärung
gemacht hatte. Wenn sie Eberhard befreien, Polydor
beglücken, des Vaters Willen thun konnte, was kam
es da auf sie an? Glltck gab's ja doch für sie nicht
auf der Welt; und wenn sie auch nicht glücklich war,
es ging doch Alles seinen Weg.
Draußen regnete es immer gelassen fort, in
dichten feinen Tropfen. Der Himmel grau, grau
und unbewegt das Wasser, Luft und Meer in eins
verschwimmend und Alles still, im Hause sowie
draußen.
Sie saßen in den verschiedenen Stuben,. sie thaten
Jeder das Seine, wie an jedem Tage. Der Vater
blieb bis zum Mittage für sich wie immer. Justine
machte sich mit dem Lorenz viel zu schaffen. Die
Leute kamen vom Felde, gingen wieder an die Arbeit,
trotz des Regens, heute wie alle Tage - als ob
gestern nichts, gar nichts geschehen wäre. Bald nach
dem Essen fuhr der Inspektor in den Hof. Er brachte
die Glocke mit. Der Vater nahm sie in Augenschein,
man lüeß sie klingen. Der Zimmermann wurde ge-
rufen, der das Gerüst dafür bauen sollte.
Darüber kam der Abend heran, die Sonne sank
unter schwerem Gewölk. Dann stieg ein Wind auf,
die Wolken zogen vorüber; es war von Sternen
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hell, als man sich vom Tisch erhob. Die Fenster
wurden alle geöffnet. Das erste Viertel des Mondes
stand am Himmel, so hell, so leuchtend! -,Als ob
Alles, Alles gut wäre!' rief es in Dolores' Herzen,
und die Thränen zurückdrängend, die ihr in die
Augen traten, eilte sie plötzlich davon.
Virginie, die den ganzen Tag keinen Blick von
ihr gelassen hatte, wollte ihr folgen. Der Vater hielt
sie mit einem Wink davon zurück. Neber eine be-
schlossene Sache wurde nicht mehr gesprochen, und daß
es eine beschlossene Sache war, das wußten sie.
,,Dolores muß sich doch am Ende auch ergeben
in die glänzende Zukunft, die sich vor ihr aufthut!'r
scherzte Justine. ,Es werden sie Viele darum be-
neiden. Mein Gott, das alte Schloß in Waldritten
mag sehr romantisch sein, aber der Palazzo Ferra-
monte ist es wahrhaftig doch nicht minder; es hat
sie ja auch Niemand gebeten, von Waldritten Besitz
zu nehmen. Zu sentimental, zu überschwänglich muß
der Mensch nicht sein!
Virginie konnte dem nicht widersprechen, und als
im Alleinsein mit ihr Dolores wieder von ihrem
Liebeskummer, von der ihr zugedachten Verbindung
zu reden anhob, wies sie dieselbe mit den Worten
der Schwägerin zurück.
So blieb es auch den ganzen nächsten Tag. Am
Abende rief zum ersten Mal die neue Glocke die
Leute von der Arbeit in das Dorf und in den Hof
zurück. Darner sah es mit Vergnügen, wie Lorenz,
achtsam horchend, den hellen Klang verfolgte und mit
den großen dunklen Augen suchte, und wie die Leute
heimkehrten zur rechten Zeit. Dann sagte er, da sie
Alle im Zimmer beieinander waren, zu Justine:
,Nimm den Lorenz fort, laß mich mit Dolores
allein!'?

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Sie gehorchten. ,Komm, Dolores, setze Dich zu
mir l'' bedeutete er sie, nachdem er seinen gewohnten
Platz am Fenster eingenommen, von dem aus man
den Hof und hinaussehen konnte nach der See; ,ich
will mit Dir sprechen, da ich Dich füür verständig
halte. Du weißt, um was es sich handelt, Du weißt,
daß Euer Glück mir am Herzen liegt, und hast, so
jung Du bist, die Erfahrung in unserm Hause ge-
macht, daß Alles, was ich für Euch gethan, das Rich-
tige gewesen ist. Ich habe also zu verlangen, daß
Du mir vertraust, und ich verlange es auch.?
,Meinen Sie, Polydor?' fragte sie mit beben-
der Stimme, die Augen bang auf den Vater gerichtet.
,Ich spreche nicht mit Dir,' entgegnete er, ,von
den Gründen, die mich dazu bestimmt haben, meinem
Freunde Deine Hand, die Hand meiner erstgeborenen
Tochter, seinem ältesten Sohne zuzusagen; das ist
allein meine Sache! Ich mache Dich nur darauf auf-
merksam, daß es für ein Mädchen nichts Kleines ist,
das Wohlgefallen, wir wollen einfach sagen, die Liebe
eines schönen, in jedem Betrachte ausgezeichneten
Mannes, in dem Grade zu erwecken, daß er darüber
die hergebrachte Form vergißt, die er doch, wie Du
selbst bemerkt hast, in hohem Grade besitzt. Weil er
es wußte, daß Du ihm bestimmt bist, glaubte er auch
Dich davon unterrichtet, und das entschuldigt ihn,
wenn's Deiner Eitelkeit nicht doch geschmeichelt hat,
wie er Dir huldigte. Ich habe Dir von der Heirath
nicht sprechen wollen, ehe Du den Mann gesehen, den
ich Dir bestimmt; ich habe Dir jettt Zeit gelassen,
Dich an den Gedanken zu gewömnen, daß Du uns
verlassen wirst. Ich gehe morgen in die Stadt, um
meine unterbrochene Bekanntschaft mit Polydor fort-
zusetzen; sicher, daß er die Anerkennung verdient,
welche Dein Bruder ihm zollt. In ein paar Tagen



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kehre ich mit ihm hierher,zurück und ich rechne darauf,
daß Du ihm dann mit der Zuversicht begegnest,
welche der Mann, den ich für Dich gewählt und der
Dir seine Hand, seinen Namen und eine ausgezeichnete
Stellung bietet, von Dir zu fordern hat. ?
,Vater!' sagte sie, gleich bei dem ersten Worte
stockend.
,,Nun, was hast Du zu erwidern??
,Vater, Sie wissen ja Alles, kann ich es denn?
,Laß die Thorheit! Du kannst es nicht nr,
sondern Du hast Dich meinem Willen zu fügen, weil
ich das Rechte, das Gehörige von Dir verlange. Mit
Deinen sentimentalen Einbildungen Nachsicht zu haben,
wäre: ein Unrecht gegen Dich. ?
,Aber es wird mir so schwer! Es kommt mir
wie -?
Er ließ sie nicht vollenden, und sie streng an-
blickend, sprach er:
,Nichts mehr davon! Oder war es eine Redens-
art, als Du mir sagtest, Du wolltest gut machen,
was Deine Mutter mir zu leid gethan?=- Die Ge-
legenheit ist da. Mache Dein Wort wahr, spiele nicht
länger die ungehörige Rolle einer Romanprinzeß. Du
bist mein Kind, bist eine Darner, und eine Darner
respektirt sich und hält ihr Wort!'?
Alles Blut war aus ihren Wangen gewichen.
Sie hob die Augen langsam zu ihm empor und reichte
ihm die Hand.,Sagen Sie's ihm denn !'' sprach sie
mit einem Tone, der,in seiner Bestimmtheit fremd an
ihres Vaters Ohr klang; aber laut weinend schluchzte
sie im nächsten Augenblicke:,Daß ich fort soll von
Ihnen, von Virginie -
,Das muß jedes Mädchen, wenn es sich oer-
heirathet, das wirst Du verschmerzen im eigenen Hause