Die Familie Darner. Roman in 3 Banden.
Fanny Lewald
Kapitel 02

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- zwischen doch immer noch eine oder die andere Quelle
der Selbstbefriedigung sich erschloß.
Man hörte ihn nicht klagen, er trug den Kopf
wie immer stolz und hoch, und bald nachdem die
französischen Garden ihrem Kaiser gefolgt, die Stabt
von den Franzosen geräumt und die Einwohnerschaft,
endlich einmal frei von Einquartierung, wieder Herr
in ihren Häusern geworden war, hatte Darner seine
gewohnte Lebensweise wieder aufgenommen.
Täglich sah man ihn und die Seinen wieder
ihre Fahrten und Spaziergänge machen; man be-
gegnete ihm und seinem Sohne zu Pferde, es wurde
wieder in jeder Woche ein Mittagbrot gegeben, und
die Rückkehr des preußischen Militärs und der Be-
amten bot den gern benützten Anlaß für eine lebhafte
Geselligkeit, noch ehe die dem Hofe folgenden Fremden,
die zum Theil bei Darner akkreditirt waren, dieselbe
steigerten und farbiger machten.
Bweites Kaptlel
Gleichzeitig mit den ersten preußischen Beamten,
im Herbste des Jahres 180?, war auch der Regierungs-
assessor Baron Eberhard von Stromberg in seine ihm
fast fremd gewordene Heimat zurückgekehrt; denn nur
die ersten zehn Jahre seines Lebens hatte er in dem
Schlosse Waldritten zugebracht.
Seinen Vater, der durch einen Sturz mit dem
Pferde den Tod gefunden, ehe Eberhard noch sprechen
lernte, kannte er nur aus den Erzählungen seiner
Mutter und nach dem Bilde, das in dem großen
Saal des Schlosses den Baron Reginald in der

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Uniform seines Regiments zeigte. Er hatte bei den
preußischen Küürassieren gedient und seinen Abschied
genommen, als er die bedeutend jüngere schöne Gräfin
Kunigunde von Elmenhorst geheirathet und auf das
Land in sein Stammschloß gegangen war.
Das Bild dieser Mutter stand, mit einer lichten
Glorie umgeben, im Mittelpunkt von ihres Sohnes
Herzen. In tiefer Trauer um den Gatten, hatte sie
mit Eberhard, ihrem einzigen Kinde, in klösterlicher
Einsaukeit zehn Jahre lang in ihrem Schlosse gelebt,
als der Tod sie ihm entrissen.
Sie war seine Wärterin, sein Lehrer, seine Ge-
fährtin bei seinen Spielen gewesen. Früh schon hatte
sie ihm die Geschichte des deutschen Ordens erzählt.
Von den Thaten der Ritter als Krankenpfleger,
von seinen Kämpfen im Orient gegen die Musel-
männer, wie hier gegen die heidnischen Preußen,
von dem Glanz und der Macht, wie von dem durch
seine Schuld verdienten Niedergang des Ordens, hatte
sie ihm berichtet, und jenen gottesfürchtigen und
mannhaften Ritter Eberhard von Stromberg hatte
sie ihm zum Vorbild aufgestellt, der mit seinem
Hochmeister, dem Herzog Albrecht von Brandenburg,
ein Lutheraner geworden war, und darnach seinem
bisherigen geistlichen Souverän im Weltlichen gedient,
wie alle seine Nachkommen den Nachkommen des
Herzogs als treue Unterthanen. Das Alles hatte
Wurzel geschlagen in dem phantasiereichen Knaben.
Die Erinnerungen hatten ihn begleitet, als sein Vor -
mund ihn nach der Mutter Tode von Waldritten
fortgenommen und nach Schnepfenthal in die von
Salzmann begründete, schnell berühmt gewordene
Erziehungsanstalt gebracht hatte.
Dort war Eberhard verblieben und zu einem
an Leib und Seele gesunden Jüngling herangewachsen.

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Daß er wie seine Vorfahren dem Könige von Preußen,
sei es im Heere oder in der Verwaltung, zu dienen
habe, ehe er dauernd auf seinem Schlosse leben dürfe,
hatte für ihn als eine Art von Familienordnung
festgestanden. Er hatte also, wie sein Onkel, der
General, es im Kollmann'schen Hause mitgetheilt, seine
Studien und seine kameralistischen Prüfungen durch-
gemacht, hatte sich in der Welt umgesehen. Als er
aber darnach in die Heimat zurückgekehrt war, sich
um eine Anstellung zu bewerben, war dazu die Mög-
lichkeit nicht vorhanden gewesen. Die Franzosen
waren in Berlin, die Russen in Königsberg, die
Zahl der in ihren Aemtern unbrauchbaren Beamten
überall groß gewesen. Sich selbst üiberlassen, war er
hingenommen von der Geistesströmung, welche, von
den großen Dichtern ausgehend, die deutsche Jugend
gerahe unter dem Druck der Fremdherrschaft nur noch
lebhafter ergriffen, noch einmal nach Jena zurückge-
kehrt. Dort hatte er Trost und Erhebung gesucht
in dem Schmerz über die Niederlage Deutschlands,
über die eigensüchtige und verzagte Unterwürfigkeit
der meisten deutschen Fürsten unter das napoleonische
Joch. Dort hatte er es gelernt, sich an die Volks-
seele zu halten, und aus dem Rückblick in die bessere
Vorzeit Muth und Glauben und Hoffnung zu schöpfen,
für eine Auferstehung aller deutschen Lande zu einem
einigen deutschen Vaterlande, zu dessen Neugestaltung
fortan jeder Einzelne, so viel an ihm war, in sich
und in Anderen mitzuwirken berufen war.
Sobald er also die Nachricht erhalten, daß sein
Stammgut von den Feinden verlassen worden, war
er, dem Zuge seines Herzens und seiner Neberzeugung
folgend, nach Preußen zurückgekehrt und hatte, ohne
in Königsberg zu verweilen, sich geraden Weges auf
das Land, auf sein Schloß begeben.

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Er hatte England, Frankreich, Jtalien und
Spanien durchreist, war auch nach Schweden ge-
gangen. Nur auf seinem Gut war er nicht gewesen
seit seinen Knabenjahren; und die Zerstörung, welche
er dort vorfand, war doch noch größer, noch furcht-
barer, als er sie selbst nach den düsteren Schilderungen
seines Gutsverwalters, des Amtmannes, wie man
ihn nannte, irgend erwartet hatte.
Bayern und Württemberger hatten als französische
Hilfstruppen fürchterlich in der Gegend gehaust. Das
Schloß war verwüstet, die Wirthschaftsgebäude, die
Kathen der Leute im ärgsten Verfall, Gärten, Wald
und Feld in Grund und Boden vernichtet. Was
man hatte brauchen können, war rücksichtslos ge-
braucht und mißbraucht worden; und mit Erschrecken
hatte Eberhard selbst die Marmorplatten, welche im
Schloßgarten das Grab seiner Eltern bedeckt, in den
Mauern eines in Eile hergestellten Backofens wieder
erkannt.
Voll Beschämung war er stehen geblieben vor
der Verwüstung und der Noth. Seinen Bildungs-
zwecken hatte er gelebt, wäihrend, wie er sich jetzt
sagte, es seine Pflicht gewesen wäre, mit den Menschen,
zu denen er und die zu seinem Geschlecht seit Jahr-
hunderten gehörten, das schwere Geschick zu theilen,
das über sie hereingebrochen war. Aber auf sein
Empfinden kam es jezt nicht an.
Er verstand nichts von der Wirthschaft, und wie
er den umsichtigen und redlichen Amtmann auch mit
der Frage bestürmte, in welcher Weise hier zu helfen
sei und was er thun könne, dem Nothstande zu be-
gegnen, er erhielt immer nur die eine Antwort:
, Sie können hier gar nichts nützen; denn ohne
Geld ist nichts zu machen, und Geld ist jetzt nicht

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zu schaffen, Herr Baron! Man muß Geduld haben
und mit langsamem Aufbauen es zu bessern suchen.?
Auf den Gütern seiner Nachbarn und der ihm
verwandten Familien, überall, wohin er kam, be-
gegnete er den gleichen Zuständen, der gleichen Un-
möglichkeit, ihnen abzuhelfen. Die adeligen Grund-
besitzer rechneten und hofften auf Beistand von Seiten
des Staates, obwohl sich der Staat in eben solcher
Lage befand, und die frei zu lassenden Hörigen
wurden in dem allgemeinen Elend ihrer Freiheit
auch zunächst nicht froh, denn man hatte die Mittel
nicht, ihnen lohnende Arbeit zu geben. Selbst die
bestgesinnten Gutsbesitzer mußten sich begnüügen,
ihnen so nothdürftig fortzuhelfen, als sie es eben
vermochten.
Sorgenvoll und mit schwerem Herzen kehrte
Eberhard von seinem Schlosse nach Königsberg
zurück. Er wußte nicht, was er mit sich machen solle.
Er hatte sich um den Eintritt bei der Regierung
beworben und war angenommen worden; doch war
die Zeit, ihn zu beschäftigen, noch nicht da, und der
Zweifel plagte ihn, ob es nicht für ihn geboten sei,
den Gedanken an den Staatsdienst aufzugeben und
bei strengster Sparsamkeit auf seinem Grund und
Boden die Bewirthschaftung desselben erlernen zu
gehen.
Der Gedanke an ein Leben und Arbeiten in
freier Natur lag, von Rousseau angeregt, damals
ohnehin in den Menschen. Er war in Eberhard
durch seine Erziehung in Schnepfenthal wie durch
die in England gemachten Erfahrungen genährt, und
doch konnte er sich nicht sofort entschließen, dem eben
eingereichten Gesuch um eine Anstellng die Er-
klärung folgen zu lassen, daß er auf dieselbe ver-
zichte. Er beschloß also, zunächst noch in der Stadt

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zu bleiben; aber ernsthaft in seinem Wollen sagte
er sich, daß, wo große Noth vorhanden sei, auch die
kleinste Abhilfe derselben nicht gering geachtet werden
dürfe und daß er, obschon er niemals ein Ver-
schwender gewesen, jetzt seine Ausgaben, soweit
immer möglich, zu beschränken habe, um seinem
Gute unnöthig nicht einen Thaler des Geldes zu
entziehen, ohne das auf kein Emporbringen desselben
gerechnet werden konnte.
In dieser Gemüthsverfassung hatte er sich in
Königsberg eingerichtet und war darnach ausgegangen,
die einzige ihm dort lebende nahe Anverwandte, die
Gräfin Gottfriede von Elmenhorst, eine Tante seiner
Mutter, aufzusuchen.
Nur ein Mal in seinem Leben hatte er sie ge-
sehen, als er mit seiner Mutter fünf, sechs Tage
lang bei der Großtante zum Besuch gewesen war;
aber das kleine, in einer Seitenstraße der oberen
Stadt in seinem ummauerten Gärtchen gelegene
Haus, war ihm mit seiner Besitzerin und deren
Dienerschaft deutlich im Gedächtniß geblieben, und er
, war gerührt, als derselbe altgewordene Gärtner ihm
das grüne Holzthor in der Mauer aufschloß, dieselbe,
jetzt ergraute Kammerfrau, sobald er seinen Namen
genannt, ohne ihn erst melden zu gehen, mit dem
Anruf: ,GGnädigste Comtesse, der junge Herr Baron
aus Waldritten ist da! ihm die Thüre des Zimmers
öffnete, als der unvergessene Duft des Potpourri
ihm entgegenströmte und er die Großtante auf dem-
selben Flecke wieder erblickte, an welchem er sie in
jenen früheren Tagen zuerst gesehen hatte.
Sie saß in ihrem Lehnstuhl vor ihrem Näh-
tischchen, das an dem Fenster stand, und sich nach
der Thüre umwendend, sagte sie:
,Höre ich recht? Wer ist da?

-- ,h---
, Ich, gnädigste Tante!' rief er, ,Eberhard
Stromberg, und ich bin glücklich, wirklich sehr gliick
lich, Sie ggg wiederzusehen!'
Comtesss Gottfriede hatte sich erhoben. Sie wa.
mit ihren siebenzig Jahren noch eine aufrechte Ge-
stalt, und die hohe Frisur mit dem übergeworfenen
Spitzentuch, die lange, fest anliegende Taille, die
engen halblangen Aermel mit den faltenreichen
Manchetten, aus denen die mageren Arme und die
Hände mit den großen Ringen ß ls Kurgniso her-
vorsahen, machten sie noch größer erscheinen.
, Sieh da, Herr Großneffe!' sagte sie, indem sie
ihm die Hand hinreichte, die er, sich neigend, küßte.
,Also Sie haben den Weg zu der alten Tante Ihrer
Mutter doch noch gefunden. Das freut mich, das
spricht für ein guutes Herz; denn das Gedächtnis:
hat seinen Sitz im Herzen, und die Herzen der
jetzigen Menschen sind eng geworden, haben nicht
Platz dafür. -- Aber-- Regine, einen Stuhl für
den Herrn Baron!'' rief sie ihrer Dienerin zu, die
sich zurückgezogen hatte.
, Lassen Sie es, ich helfe mir schon selbst!'?
antwortete er, den nächststehenden Sessel ergreifend.
, Nein, nein! Alles wie es sich gehört!' mahnte
die Comtesse.
,M Nun denn, so nennen Sie mich auch Du,
gnädigste Tante, wie es sich und mir gehört!'' fiel
ihr Eberhard ein; ,oder wollen Sie mir diese ver-
wandtschaftliche Gunst entziehen, weil Sie mich nicht
mehr auf den Schooß nehmen können wie vor jenen
zwanzig Jahren, als ich mit der guten Mutter hier
war und Sie mich und Ihren klugen Papagei um
die Wette mit Zuckerbrot fütterten. Aber er ist
ja nicht mehr da, Ihr Koko. Er war auch wohl
schon alt?

b ,ß--
Die Comtesse schüttelte mit dem Haupte. ,Solche
Thiere leben lange, und er hätte immer noch leben
können. Nein, der Hund eines französischen Chasseur-
offiziers hat ihn todt gebissen, als wir ihn einmal in
den Garten getragen. Solch ein Thier, wenn man
es auch vierzig Jahre lang gehegt hat, verschmerzt
man ja, mit Menschen ist das anders. Mein Diener
- besinnst Du Dich auf den Dietrich? - auch mein
Dietrich ist todt. Er ist wie meine Köchin am Nerven-
fieber gestorben, das sie uns eingeschleppt; und ihre
Tochter, die ich hier erzogen, ist mit einem Bayern
auf schlechte Wege gerathen und als Marketenderin
mit ihnen fortgegangen. Nun, wir haben uns be-
helfen lernen! Meine Regine ist Koch und Diener
und Kammerfrau in einer Person, und es muß das
jett so sein, denn die Zeiten sind schlecht. Wir
haben hier etwas durchgemacht, mein Lieber, indeß'
-- Comtesse Gottfriede faltete die Häände und hob
die Augen gen Himmel - ,er weiß, was er uns
auferlegt. Was er uns zu tragen giebt, dazu giebt
er uns auch die Kraft; und er wird ja auch mich
rufen, wenn er die Zeit dazu gekommen findet!
Sie schwieg und Eberhard wagte nicht, sie sofort
zu unterbrechen. Das Gefühl freudiger Rührung,
mit dem er eingetreten, war vorüber; und wie er
nun die Gräfin anblickte, wie er sich in der kleinen
Stube umsah, gewahrte er auch hier in dem sorglich
gehaltenen kleinen Raum und vor allem an der
Gräfin selbst die Spuren der Vergänglichkeit und des
Verfalls, die ihm in seiner ersten Aufwallung ent-
gangen waren.
Die Einrichtung, welche ihm schon als Kind als
eine zwar altmodische, jedoch vornehme erschienen,
r et enr.

Vorhänge mißfarbig verblichen, die künstlichen Blumen
sahen unter den hohen Gläsern grau und kläglich
aus, und die Flora auf dem Potpourri, deren Schönheit
der Knabe einst bewundert, hatte häßliche Kittstreifen
um ihren Hals und ihre Arme bekommen. Nur der
geheime Zauber der Vornehmheit, des Althergekomme-
nen, lag noch über der Wohnung und über ihrer
Besitzerin, obschon Eberhard in ihre letzten Worte, in
ihre entsagende Gottergebenheit sich nicht recht zu
finden wußte. Er hatte sich der Großtante stets als
einer heiteren Dame erinnert, deren Gespräche selbst
seine sonst so ernsthafte Mutter zum Scherzen und
Lachen hingerissen hatten. Nun war das anders.
Schön war Comtesse Gottfriede nie gewesen. Die
Blattern hatten ihr langes, schmales Gesicht in früher
Jugend arg entstellt, hatten ihr da eine Bein durch
schlechte Vernarbuung etwas verkürzt, und weil sie
dadurch auf manche Juugendfreude zu verzichten gehalt,
hatte die Liebe der Eltern und Geschwister sie durc
Nachgiebigkeit bei ihren sonstigen Wünschen zu ent-
schädigen getrachtet. Sie allein war bei den Eltern
geblieben, als die Brüder und die Schwestern das
Haus verlassen; auf ihre Meinung hatte man mehr
und mehr Gewicht gelegt, sie hatte deshalb an sic
glauben lernen, und Comtesse Gottfriede war auf
diese Weise allmälig zu einer Respektsperson für die
ganze Familie, zu der lebenden Familienchronik ge-
worden und hatte eine Art von anerkaunter Macht-
stellung in dem Geschlechte der Elmenhorst erlangt.
Ohne nach dem Tode der Eltern mehr als ihr
Auskommen zu besitzen, denn die Elmenhorst waren
nicht reich, wenn schon mit den reichsten Adelsfamilien
verwandt, hatte sie sich immer schicklich zu behaupten
gewußt; und als dann ihre Geschwister und deren
Lewald. Die Familie Darne r. 1.
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-- 1Z--
Kinder allmälig theils gestorben, theils weit von
Königsberg ihren Lebensoeg gegangen waren, hatte
sich die Comtesse ganz in der Stadt niedergelassen
und dort in Zurüückgezogenheit gelebt. Weder ihre
Tracht noch ihre Lebensgewohnheiten hatte sie geändert.
Man bekam sie auch in der Stadt selten einmal
anders als bei dem Gottesdienste in der Schloßkirche
zu sehen. Trotzdem, oder gerade deshalb sprach man
doch von ihr, von ,der Comtesse', als von einem
Original, von einem der Wahrzeichen der Stadt; und
wer irgend einmal Gelegenheit gehabt, zu der Com-
tesse in ihr kleines Heim zu kommen, rühmte sich
dessen als eines Ereignisses, als eines Abenteuers.
Nur die Armen wußten mehr von ihr zu sagen als
alle Anderen; und als der Hof nach der Schlacht
vön Saalfeld flüchtend nach Königsberg gekommen
war, hatte die Comtesse sich in ihren besten Staat
geworfen und um die Erlaubniß gebeten, den Maje-
stäten, wie es ihr zustand, aufwarten und die Hand
küssen zu dürfen. Sie war gnädig empfangen, zur
Wiederkehr befohlen worden, und diese Besuche bei
Hofe waren zu einem Lichtpunkte in ihren alten Tagen,
zu einem Wendepunkt in ihrem Leben geworden.
Jetzt hatte des Großneffen unerwartetes Kommten
sie gefreut, seine Bitte, ihm das verwandtschaftliche
Du seiner Kinderjahre nicht zu entziehen, hatte ihr
gefallen, und nachdem sie sich bei der Erwähnung
ihrer verstorbenen Dienstboten und der durchlebten
schweren Zeiten ein paar Augenblicke in ihre Ge-
danken versenkt, wendete sie sich wieder ihrem Gaste
zu, ein wohlwollendes Lächeln auf ihren schmalen
bleichen Lippen.
,Du sollst Deinen Willen haben, mein junger
Freund!r sagte sie, ,obschon ich Deine Anhänglich-
keit an mich kaum noch erwartet hatte. Du hast

-- ,9 --
selten, hast jetzt seit Jahr und Tag nichts von Dir
hören lassen .. -
Er wollte sich entschuldigen, sie gab ihm das
nicht zu. ,Bemühe Dich nicht damit,i' sagte ße. ,Ich
weiß, was es werth ist, sich Du heißen zu lassen von
alten Anverwandten, wenn man keine Eltern mehr
besitzt, und lange in der Fremde und unter Fremden
gelebt hat, so wie Du; und um uneigennützige Theil-
nahme und leichte Verzeihung zu finden, mus man
ja zu den Einsamen, zu uns alten Jungfern kommen.
Wir sind nicht selbstsüichtig wie die Mütter und nicht
durch Liebe und Rücksicht verwöhnt, wie die Frauen.
Wir haben Theilnahme auch für die, die wir nicht
geboren und die nicht an uns gekettet sind. Also--
es ist gut, daß Du da bist und Du sollst willkommen
sein, Herr Großneffe, heute und für alle Zeit; das
heißt, etwa bis zu Deinem Hochzeitstage.
,, Bis zu meinem Hochzeitstage?? wiederholte
Eberhard. ,Ich bin nicht verlobt, gnädigste Tante,
habe ans Heirathen noch nicht gedacht und kann auch
noch gar nicht daran denken. Was meinten Sie mit
jenem Zusatz?
,, Warte es ab bis zu dem rechten Augenblick,
dann wird Dir das Verständniß schon von selber
kommen.?
Er drang in sie, ihm die Erklärung schon jet
zu geben, sie weigerte sich dessen; und die Meldung
der Kammerfrau, daß Frau Konsul Armfield ihre
Aufwartung zu machen wünsche, unterbrach das
Gespräch.
Die Comtesse nahm den Besuch an; und, wie
immer grau in grau gekleidet, trat schnell und leise
Madame Armfield mit tiefen Knixen bei ihr ein.
, Gnädigste Gräfin,'' sagte sie,,ich hörte, daß
Sie eine große Freude gehabt haben, und dankte
z

-- W0 --
Gott dafür; aber soll ich denn nicht lieber gehen?
Störe ich Sie nicht?
Eberhard wollte sich entfernen, die Gräfin hielt
ihn davon zurück.
,Da Sie sicher in einer unserer Angelegenheiten
kommen,'' sagte sie zu Madame Armfield, ,so versteht
es sich, daß wir diese abhandeln. Inzwischen finden
Sie mich in der That erfreut durch die unerwartete
Ankunft meines Großneffen, des Herrn Baron Eber-
hard von Strouberg aus dem Hause derer von
Waldritten. Er ist viel gereist, ist auch in Ihrem
Vaterlande gewesen, von wo er mir geschrieben.?
Dann richtete sie sich zu Eberhard hin mit der
Bemerkung:
,Das ist Madame Armfield, die Frau des
hiesigen schwedischen Konsuls, eine würdige Frau, mit
mir und anderen Gleichgesinnten verbunden durch
den Glauben an das eine, was uns Allen noth thut
und ohne das kein Heil ist für die Welt. ?
Eberhard war betroffen. Der Ton von religiöser
Demuth, mit welchem die Gräfin diese letzten Worte
gesprochen, stach sehr ab gegen die bewußte Herab-
lassung, mit der sie Madame Armfield empfangen.
Madame Armfield jedoch schien darin nichts Auffallen-
des zu finden, und des Verkehrs mit Fremden sehr
gewohnt in ihrem Hause, erkundigte sie sich, um die
Unterhaltung zu beginnen, ob Eberhard längere Zeit
in der Provinz, ob er in Königsberg zu bleiben denke?
Er gab ihr darauf den nöthigen Bescheid.
,Verzeihen Sie, daß ich noch weiter frage,' fuhr
sie fort; ,sind Sie ein Verwandter eines russischen
Generals von Stromberg? Er war in der uns eng
befreundeten Familie des Kaufmanns Kollmann in
Quartier, und auch im Hause eines Herrn Darner
sind wir ihm begegnet.?

,, as war mein Onkel!'' antwortete ihr Eberhard,
,, und den beiden von Ihnen genannten Herren hat
er mich empfohlen. ?
,, So, allen beiden?? fragte Madame Armfield
mit einem Blick auf die Comtesse, welchen diese zu
verstehen schien.,DDer General von Stromberg ist
ein ganz vortrefflicher Herr, wir waren sehr glüücklich,
ihn kennen zu lernen. Ein Mann ohne alle Vor-
urtheile und so jugendlich! Man verehrte ihn sehr
im Kollmann'schen Hause, sehr. ?
, Ich kenne die Leute zwar nicht,' warf die
Comtesse dazwischen, ,aber Dein Onkel hat sie auch
mir gerühmt. Es soll ein sehr anständiges Haus
sein, das Kollmann'sche.?
, Sie werden es nur jetzt nicht so gesellig finden
als zu den Zeiten des Herrn General. Herr Koll-
mann hat das Unglütck gehabt, seine ganz vortreffliche
Frau zu verlieren, deren Stelle eine Freundin von
mir vertritt, welche Sie, gnädigste Comtesse, auch im:
Frauenverein haben kennen lernen: die verwittwete
Madame Göttling. Die Familie ist in Trauer, und
die schöne Nichte, die große Anziehungskraft, ist auch
nicht mehr im Hause. ?
. ,Sie hat ja wohl einen von den Darners ge-
heirathet? Ich meine die Anzeige in der Zeitung
gelesen zu haben,' bemerkte die Comtesse; ,und irre
ich nicht, so haben Sie mir gesagt, daß man sich
darüber gewundert und weshalb. Aber nun ent-
schuldige es mein Lieber, daß ich Dich entlassen muß.
Madame Armfield muß um zwölf Ühr im Vereine
sein und ist, wie Du gehört, in dessen Angelegenheit
gekommen. Laß Dich bald wieder bei mir sehen.?
Eberhard bat um Verzeihung, falls er zu lang
verweilt. Die Tante geleitete ihn bis gegen die