Die Familie Darner. Roman in 3 Banden.
Fanny Lewald
Kapitel 29

b-- LHZ -
an eines Mannes Seite, der, Dich liebt! Und nun
gehe zu den Anderen und erzähle es ihnen. Ich will
morgen in aller Frühe fort, und habe mit dem Ver-
walter noch zu reden. Geh, mein Kind !?
Meunundzwanzigstes Kaptlell
Frank und Polydor saßen bei dem Gabelfrühstück,
als Darner früher, als man es erwartet, ankam.
Der Sohn eilte die Treppe hinunter, ihn zu empfangen;
Polydor ging mit ihm, blieb aber auf halbem Wege
stehen, und entschloß sich dann nach kurzem Zögern,
dem Freunde zu folgen.
Sein Mißempfinden hatte sich seit der Entfernung
von Strandwiek gesteigert. Trotz seines freundlichen
Verkehrs mit Frank war ihm der Gedanke nahe ge-
treten, daß er den Spieß nur umzukehren brauche,
um sich nicht nur mit allen Ehren zuxückhuziehen,
sondern Darner zu vergelten, was dieser ihm gethan.
Er brauchte nur zu sagen, das Mädchen, die Ver-
hältnisse der Familie hätten ihm nicht gefallen, die
ihm Zugedachte habe einen andern Liebeshandel im
Sinne gehabt. Wer konnte es ihm verargen, wenn
er abbrach? Wie Darner sich Herr der Sachlage
fühlte, that Polydor dies ebenso.
Aber Dolores war schön, eine schönere Frau,
eine, die ihm begehrenswerther schien, konnte er schwer-
lich finden. Frank war ihm werth, die Häuslichkeit
Darners hatte ihm behagt, die Geschäftsverbindung
der beiden Häuser war feststehend zu erhalten. Er
hatte es gar nicht nöthig, abzubrechen, denn - und

s
s
-- Z -
darin irrte er sich nicht-- Darner mußte das Alles
ebenfalls erwogen haben. Es lag in ihrem beider-
seitigen Interesse, daß die Angelegenheit zu Stande
kam; und am Ende war er doch Polydor!.
,Sie treffen mich noch als Ihren Gast,'' sagte
er mit der ihm eigenthümlichen glatten Freundlichkeit,
als er und der Hausherr einander in der Hausflur
gegenüberstanden.
, In der Gewißheit kam ich her,' entgegnete
ihm Darner. ,Der kleine Abstecher, den Sie zu
machen gehabt, hat Sie hoffentlich nicht gereut. Also
willkommen auch in diesem meinem Hause!'
Man saß gleich darauf wieder gemeinsam an
der kleinen Tafel. Frank fragte nach den Seinen,
der Vater gab Bescheid.
,, Und mir,'' erkundigte sich Polydor,, mir bringen
Sie nichts?
, Ein wenig Geduld, mein Freund !' entgegnete
ihm Darner. ,Die Saat ist gestreut, lassen wir ihr
eine kurze Frist zum Aufgehen. Wir sprechen bald -
mehr davon.- Waren Sie an der Börse??
Polydor, mit der erhaltenen Antwort zufrieden,
verneinte die Frage. ,So beglsiten Sie heute mich
und meinen Sohn dahin!' schkug ihm Darner vor.
Er war dazu bereit, und da die Börsenstunde ge-
kommen war, ging man, sie einzuhalten.
,Mit den russischen Branntweinpachtungen ist es
nichts,? sagte Frank, als man schon unterwegs war,
und Polydor erörterte mit kluger Einsicht, wie die
Sache sich in diesem Augenblicke nicht habe realisiren
können, wie aber die Regierung, er wisse das aus
bester Qtelle, sicher früher oder später darauf zurück
kommen und sie zur Ausführung bringen werde.
,Inzwischen,' sagte er, ,tritt, wie ich von Ihrem
Sohne hörte, ein anderes Pachtgeschäft hier bei Ihnen

- s
-- ZHT --
in Preußen in den Vordergrund, das uns näher an-
geht, obschon wir als Ausländer dabei nicht persönlich
konkurriren können.?
,,Und das wäre? erkundigte sich Darner.
,Sie erinnern sich,'? fiel Frank ein, ,daß im
nächsten Jahre die Bernsteinpacht für die bisherigen
Pächter abläuft. Die Pächter waren kleine Leute,
hatten kleine Parzellen des Strandes in Pacht,
zahlten einen Spottpreis und sind alle natürlich
vermögend dabei geworden. Jetzt will die Regierung
den ganzen Strand fürs Bernsteinfischen und fürs
Graben einem einzigen Pächter, allerdings zu einem
mehr als dreifach so hohen Preise, auf eine Reihe
von Jahren überantworten. Sie will keine Theilung,
will es mit keinen Unterpächtern zu thun haben, und
,eee üao gouor, bewte Dane.,eu i
verlangt dann auch natürlich eine Kaution, die ins
Gewicht fällt. ?
darauf Reflektanten hier am Orte?
Sie traten in dem Augenblicke durch die Mittel-
thüre der Börse in dieselbe hinein, gleichzeitig mit
ihnen Kollmann und sein Sohn.
,Eben sie!' sagte Frank, während die Männer
einander mit der Förmlichkeit begrüßten, die seit
ihrem Zerwürfniß üblich zwischen ihnen geworden
war; und kaum hatte der Vater des Sohnes Wort
vernommen, so trat er Kollmann in den Weg, und
sich gegen ihn verneigend, sagte er:
,.Einen Augenblick, wenn ich bitten darf! Er-
lauben Sie mir, daß ich Ihnen den Sohn von
Philippos Joannu, Herrn Polydor Joannu, den
Chef der venetianischen Kommandite vorstelle: Herr
Konrad Samuel Kollmann - Herr Polydor Joannu,
Lc- =- = =

-=- LIJ ---
Beide Kollmanns wußten nicht, was das be-
deuten solle. Es war seit dem Todestag pon Koll-
manns Frau kein Wort gewechselt worden zwischen
Konrad Kollmann und Lorenz Darner; allein sich
gegen einen Dritten, gegen den Sohn von Philippos
Joannu unhöflich abweisend zu verhalten, weil man
mit dem Manne auseinander war, der ihn vorstellte,
war nicht angemessen.
Die gewöhnlichen Begrüßüngsfornen, wurden
also von beiden Seiten gewechselt. Darner entfernte
sich sofort, und schnell übersehend, was diesen, zu der
Vorstellung veranlaßt haben konnte, sagte Polydor,
er habe soeben von dem Generalkonsul Darner ver-
nommen, daß das Haus Kollmann in die neue Bern-
steinpacht einzutreten denke. Das interessire ihn,
wenn auch nicht für ihn selber, so doch für seinen
Bruder, dessen Haus, wie Kollmenu wissen werde,
in Konstantinopel den Bernsteinhandel nach Asien in
Händen habe und dort den Markt beherrsche.
Kollmann wußte das sehr wohl, aber er sah
John, John sah ihn an. Sie konnten sich das Ver-
halten Darners nicht erklären.
,Sie haben die Kollmanns überrascht!'' sagte
Frank, nachdem er und der Vater aus ihrem Be-
reiche waren.
,Ich sehe, wenn ich es nicht ohnehin wüßte, an
den verschiedenen herumtastenden Unternehmungs-
planen von Kollmann, daß er nicht mehr, auf festem
Boden steht. Eine der ältesten Firmen fallen zu
lassen, ist nicht vortheilhaft für einen Plaz.?
,Denken Sie ihm die Hand zu bieten??
,Indirekt! Die Joannu's können ihn bei der
Kaution subveniren, falls es ihm schwer fallen sollte,
ein solches Kapital aus dem Geschäft zu ziehen.
Das bindet sie nach unserer Seite, und Alexgnder

==- LHs --
Joannu hat natürlich Vortheil davon, in der Pacht
stillschweigend zu partizipiren.?
,Naturlich! bekräftigte der Sohn. ,Für Koll-
mann wär's von höchstem Werthe und für die Joan-
nus bequem l?
,, Kollmann war seiner Zeit mir auch bequem l?
entgegnete der Vater kurz, ,und da wir ihn in
keiner Weise brauchen, kann man ihm dienen, ohne
sich etwas zu vergeben !'r Damit trennten sie sich.
Frank gesellte sich zu Joannu, stellte diesen noch
einigen anderen Personen, namentlich - den Konsuln
der vexschiedenen Länder vor; aber obschon um des s
Ultimo willen der Verkehr an der Börse ein leb-
hafter war, hatte man es doch bemerkt, daß Darner
mit Kollmann gesprochen, daß er ihm Joannu zuerst
vorgestellt hatte, von dessen Anwesenheit in Königs-
berg, wie von dessen Besuch in Strandwiek, man
bereits unterrichtet war und über die man sich in
allerlei Deutungen ergangen.
Der alte Makler, welcher seiner Zeit der erste
gewesen, mit Kollmann über den Verkauf des Will-
berg'schen Hauses an Lorenz Darner zu sprechen, und
dessen Neugier in den Jahren sich so wenig als seine
zudringliche Redseligkeit vermindert hatten, wagte sich
an ihn mit der Frage heran, ob man gratuliren dürfe?
,,Wem, wozu ? erwiderte Darner, und ohne die
Antwort abzuwarten, wendete er sich zu dem Agenten,
der die Geschäfte der königlichen Bank vertrat, so
weit sie an der Börse abzumachen waren, und erkun-
digte sich, ob man Weiteres erfahren habe.
,, Ihre Wiener Nachrichten stimmen mit den
unseren überein!r sagte der Agent. ,Napoleon und
Alexgnder werden zusammenkommen, trotz des Auf-
standes in Spanien. Was man davon erwartet, be-
weisen die Rüstungen in Desterreich.?

b=- IH? -
,Ich war gewiß, daß ich Sie neulich richtig
avisirte, denn Arnstein und Eskeles sind immer gut
informirt!'r meinte Darner; ,und wenn man hier
auch, so lange die Franzosen noch im Lande und in
Berlin sind, an Häänden und Füßen gebunden ist--
der Minister Stein ist wieder da - und neben dem
andern, das sich in der Finanzverwaltung vollzogen
hat, ist die geplante Veräußerung der königlichen
Domainen auch vielbedeutend. Wie in Wien will
man sich auch hier für alle Eventualitäten decken.?
,Darnach operiren wir auch!''' entgegnete der
Agent, ohne daß einer von Beiden die Ereignisse,
an welche man dachte, bezeichnet hätte. Dritte Per-
sonen traten dazwischen. Es war der unruhige
Verkehr der Sommerzeit an der Börse. Polnische
Gutsbesitzer, zum Theil noch in der alten Starosten-
tracht, tauchten zwischen der ansässigen Kaufmannschaft
auf. Kapitäne von den großen Seefahrern, die Zu-
tritt hatten, kamen und gingen., Draußen trieben
Schaaren von polnischen Juden ihr Gewerbe. Sie
machten die Zwischenhändler des ganzen polnischen
und russischen Produktenhandels. - Fremde und doch
den Königsbergern vertraute Erscheinungen, bewegten
sie sich mit ihren langen Bärten, ihren assgrischen
Seitenlocken, die pelzverbrämten spitzen Sammet-
mühen trotz der Sommerhitze auf dem Kopfe, in ihren
hängenden schwarzen Kaftans ruhelos durcheinander,
lebhaft gestikulirend und in dem Kauderwelsch ihrer
Mischsprache weithin vernehmbar; von Allen gering-
schätzig behandelt, von Allen benutzt und gebraucht.
Um ein Ühr, als die Börse geschlossen ward
und man sich im Hinausgehen nahe berührte, kam
Darner mit Frank und Polydor wieder dicht an den
Kollmanns vorüber.
Lewald. Die Famiie Darner. K.

=- ZHs -
,,Sie werden ihm wohl ein Wort sagen müssen,
Vater!f erinnerte der Sohn.
Kollmanns Gesicht verdüsterte sich. ,Mach! Du
es ab mit ihrem Generalkonsullr antwortete der
Vater und ging mit tief gezogenem Hute an jenen
vorüber. John schloß sich den Darners an, indem
er sich bei Polydor erkundigte, wie lange er noch in
Königsberg zu verweilen gedenke. Das sei ungewiß,
erhielt er zur Antwort. Frank meinte, so bald ließen
sie jhn nicht wieber fort, und da sie während dessen
- ins Freie hinausgekommen waren, sagte John:
, Sie erlauben, daß ich Sie begleite?=- Frank
verneigte sich höflich zustimmend. So gingen sie zu
Vieren fort.
,,John Kollmann mit den Darners, was bedeutet
das?? sagte Der und sagte Jener; und Der und Jener
machten sich mit dem Spürsinn, der in allen ge-
schlossenen Gemeinschaften herrscht, und die Königs-
berger wie alle ayderen Börsen war eine solche, ihre
Gedanken darüber und knüpften ihre Vermuthungen
daran.
,Für Kollmann ist's kein Nachtheil!'r bemerkte
Konsul Armfield.
,Vielleicht hat er den ersten Schritt dazu gethan??
meinte ein Anderer.
,So sah's nicht aus !' sagte der Konsul, ,denn
Kollmann war ebenso wie John betroffen.?
,DDarner ist wieder überall. dabei!r hob ein
Dritter hervor. ,Die Kabinetsräthe und selbst der
Minister Stein,' setzte er hinzu, ,haben ihn vor
einigen Wochen auch wieder durch den Bankdirektor
in einem Konvertirungsprojekt berathen, das freilich
nicht zu Stande gekommen ist. ?
,Sie sollten ihn nur lieber gleich zum Finanz-
minister machen!''

==- 59 -
, Wenn er von Adel wäre, fertig bringen würd'
er's! und höher könnte er den Kopf nicht tragen.
Wenn man übrigens bedenkt, daß ihn vor fünf
Jahren Niemand kannte, daß er erst seit fünf Jahren
hier am Platze arbeitet=-
,,Schaden hat hier Niemand von ihm gehabt!''
unterbrach ihn Konsul Armfield, ,und er hat viel
gethan in der schweren Zeit. Das muß man an-
erkennen.?
,Vielleicht adeln sie ihn noch??
, In Wien haben sie ja sogar jüdische Bankiers
geadelt!'' scherzte der Erste.
Der Konsul schüttelte den Kopf. ,Er ist sich
auch ohne das genuug!''
Während die Leute sich in solcher Weise mit
Darner und seinem Thun beschäftigten, war er mit
seinen drei jüngeren Begleitern an die Ecke der
Straße gelangt, an welcher die Wege nach seinem
und nach dem Kollmann'schen Hause sich trennten,
und es siel Darner ein, wie er eben an dieser Stelle
damals von Kollmann Justinens Hand für Frank
gefordert hatte. Die Werbung war ihnen Allen zum
Heil ausgeschlagen. Er hielt sich gewiß, daß es mit der
Heirath von Dolores dasselbe sein werde; denn Polydor
gefiel ihm; und die Vortheil versprechende Kombination,
welche sein Vorgehen gegen Kollmann veranlaßt
hatte, beschäftigte ihn gleichfalls angenehm. Er war
gut aufgelegt.
John, der die geforderte Gefälligkeit erweisen,
nicht aber sich den Darners gegenüüber zu beflissen
zeigen wollte, obschon ihm die Anknüpfung sehr will-
kommen war, empfahl sich den Anderen mit der Be-
merkung, daß es ihm ein Vergnügen sei, Polydor
kennen gelernt zu haben. Polydor entgegnete, er
werde nicht ermangeln, den Herren sein Kompliment
z

-=- Iß0 -
zu machen, und Darner sagte, Herr John Kollmann
wisse ja auch, wo er Polydor zu finden habe.
Er werde nicht verfehlen, entgegnete John mit
höflicher Verneigung. Damit war es abgethan.
,Sie haben Justine, ich weiß es, eine Freude
gemacht,? versicherte Frank seinem Vater.
,Ein Luxus, den man sich jett gestatten kann,?
antwortete dieser mit einem Lächeln, und erging sich
dann gegen den Gast wie gegen seinen Sohn in
kluger und kurzer Erwägung der Vortheile, welche
für Alexgnder Joannu wie für die Kollmanns daraus
erwachsen konnten, wenn man diesen Letzteren, falls
sie des bedürften, zur Erlangung der Bernsteinpach-
tung behilflich wäre, da sie bei überdachter, einheit-
licher Benutzung einen weit bedeutenderen Ertrag als
den bisherigen zu bieten verspreche. Man verständigte
sich darüber leicht, Frank erhielt den Auftrag, die
näheren Erkundigungen einzuziehen. Der Tag ver-
ging angenehm; am Abende, als Darner den Vor-
schlag gemacht, das Theater zu besuchen, da es
regnerisch geworden, erklärte Frank, daß er nicht
dabei sein könne, da er in den wissenschaftlichen Verein
zu gehen habe.
Der Verein hatte seit der Rückkehr des Hofes
nach Königsberg bedeutend an Mitgliedern gewonnen,
und je unerträglicher die napoleonische Gewaltherr-
schaft auf dem Lande lastete, je tiefer man die Herab-
würdigung des preußischen Königshauses empfand,
um so mehr war der Gedanke, daß dies nicht so bleiben,
daß Preußen wieder auferstehen und zu seiner alten
Macht erhoben werden müsse, in der Seele aller
seiner Theilnehmer zu einer Glaubenssache, zu ihrer
Religion geworden. Die spanische Erhebung belebte
die Hoffnung auf Erfolg.
Volksbildung, Volkskraft, Volksgeist-- die Worte

= 26--
waren in aller Munde. Es galt, Hand anzulegen
überall. Sich selber hatte man brauchbar für den
Kampf zu machen, zu dem es doch endlich kommen
mußte; und die männliche Jugend hatte, man von
Kindesbeinen an für den Zweck zu erziehen. Eber-
hard, Frank und der Hauptmann gehörten zu den
eifrigsten Mitgliedern des Vereins. Darner war nicht
eingetreten in denselben, aber er billigte und verfolgte
dessen Zwecke. Er war der ersten Einer gewesen, der
auf seine Kosten eine Schule in Strandwiek errichtet,
auf deren Besuch er strenge hielt. Eberhard hatte,
gleich Andern, trotz seiner beschränkten Mitteln das
Nämliche gethan; und seit man dahin gekommen
war, sich selber im Gebrauch der Waffen zu üben,
soferne man deren nicht mächtig gewesen war, ver-
handelte man in dem Verein darüber, wie es zu
machen sei, durch Einexerziren der Jugend auf dem
Lande wie in der Stadt, dem von Scharnhorst be-
gründeten Krümpersystem zu Hülfe zu kommen, indem
man vorgebildete Leute in die Regimenter stellte, die
also bald wieder entlassen, durch neue ersetzt, im be-
trrffenden Augenblicke eine Truppe, eine Ergänzung
des preußischen Heeres werden konnten, das nach dem
Befehl Napoleons gegenwärtig die Zahl von vierzig-
tausend Mann nicht überschreiten durfte. Man hatte
dabei vor Allem den Argwohn der französischen Spione
nicht zu wecken, von denen man sich umgeben wußte,
um der Regierung durch jene Maßnahmen keine
Verlegenheiten zu bereiten.
Eberhard, der es zugesagt hatte, an dem Abende
einige mit Gutsbesitzern und Geistlichen berathene,
darauf zielende Vorschläge zu machen und darnach
einen Vortrag über die Erhebung der Niederlande
zu halten, hatte sich am Morgen abmelden lassen.
Es war ein Professor, der Philosophie für ihn ein-

=- AßZ -
getreten, der seinen Vortrag über die Freiheit des
Willens eben beendet hatte, als Frank in der Thüre,
welche in das Nebenzimmer führte, Eberhard erblickte.
Da Frank viel unterwegs, Eberhard, so oft es
für ihn möglich, in Waldritten gewesen war, hatten
sie einander lange nicht getroffen, und bemerkend,
daß der Baron ganz schwarz gekleidet war, ging Frank
ihn mit der Frage an:
,Du bist in Trauer, ist Dir Jemand gestorben??
,,Meine Großtante, die Gräfin Elmenreich, ist
gestern in der Frühe hingegangen,' sagte er.
,Trifft der Verlust Dich schwer?
,, Ich trage freundliche Jugenderinnerungen mit
ihr zu Grabe - und doch ist das nicht wahr im
Grunde, denn diese Erinnerungen bleiben mir ja.
Aber die Stätte, an der sie geweilt, wird leer sein
fortan; und da sie mich zum Vollstrecker ihres letzten
Willens, und mich ganz unerwartet auch zu ihrem
Erben eingesetzt hat, sind mir die beiden Tage mit
unabweislichen Geschäften vnd auch mit Rückblicken
auf die Vergangenheit verflossen. Man wird damit
ungeduldig im Harren auf eine Zukunft, die jener
Tage unseres Vaterlandes wieder würdig wird.
Aber =-?
,Wir schreiten vorwärts ! meinte Frank.
,Ja, entschieden! Die Umgestaltung vollzieht sich
von innen heraus -= und das ist mein Trost,?
Er brach ab, Frank hatte allen Grund, das
gelten zu lassen. Er fragte, woran die Gräfin ge-
storben' sei.
,,An unserer Zeit und an den Wandlungen in
ihr; das klingt wie eine Redensart und ist doch
wahr. Man hatte vor ihr von der mit Bestimmtheit
bevorstehenden Aufhebung der Adelsvorrechte ge-
sprochen. Das hat ihr den letzten Stoß gegeben.

-=- ZZ -
Sie konnte sich nicht mehr finden in die Zeit, fühlte
sich entwurzelt, quälte sich Tag und Nacht damit,
und ist müde entschlafen. Ihrer Vorliebe für das
Bestehende verdanke ich es, ihr Erbe zu sein. Sie
hat mir ihr ganzes Vermögen hinterlassen. Es ist
nicht groß, doch wird es hinreichen, das Darlehen
zurückzuzahlen, das ich durch Deine Vermittelung er-
halten. Das nimmt eine Last von mir und ich werde
dadurch frei, ganz meinem Amte zu leben.?
, Und die Thätigkeit in Deinem Amte, befriedigt
sie Dich?
, Sie macht den Gehalt meines Lebens! Der -
frische Geist, der durch den ganzen Organismus
unserer Regierung geht, im Niederreißen wie im
Schaffen auf das eine Ziel gerichtet, giebt Lust auch
an dem Kleinsten, das man dabei mitwirkt. Man
gehorcht mit Freude, man verfügt mit Zuversicht und
hofft für das Vaterland, wenn nicht für sich selber -
denn hoffen muß man! -- Aber Deiner Fraun,
Deinem Knaben, wie ergeht es ihnen??
Frank gab Bescheid, erzählte, daß die Familie
den Sommer in Strandwiek verbringe. Seiner
Schwestern ward Erwähnung nicht gethan, und auch
von dem Gaste, den man beherbergte, sprach er nicht.
Sie hatten sich Beide ihres Begegnens gefreut und
waren doch Beide zufrieden, als die allgemeine Be-
sprechung, die Eberhard vorgehabt, sie von einander
ahzog. An offene Mittheilung gewöhnt, fiel die Zurück-
haltung ihnen schwer, die sie sich aufzuerlegen hatten.
Nur der Händedruck, mit welchem sie am Abend
von einander schieden, das ,Auf Wiedersehen, Eber-
hard!=- Auf Wiedersehen, Frank! kamen Beiden
von Herzen. Sie wußten, daß sie einander unver-
lierbar waren.
zE AF