Die Familie Darner. Roman in 3 Banden.
Fanny Lewald
Kapitel 30

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Dreißigsies Kapilel!
,Vergiß nicht, daß Du eine Darner bist! Eine
Darner respektirt sich, eine Darner hält ihr Wort!?
Dolores hörte die Mahnung fort und fort mit
ihres Vaters Stimme in sich erklingen. Sie gewann
allmälig eine feste Gestalt für sie. Wachsend und
immer wachsend baute sie sich auf zwischen dem Tage.
an welchem er sie ihr zugerufen, und zwischen der
Vergangenheit; und wenn sie zurückblicken wollte in
dieselbe, kam dieselbe ihr weit entfernt vor, und sie
sich als eine ganz Andere als an jenem Tage, der
den Lorenz geboren und an dem Eberhard zu- ihr
gesprochen hatte.
Sie durfte ja auch nicht mehr die Dolores sein,
die sie dazumal gewesen. Sie war eine Darner,
hatte sich zu respektiren, hatte das Wort zu halten,
das sie ihrem Vater für Polydor gegeben. Sie war
ihm zugesagt, sollte sich ihm verloben, sollte ihn
heirathen.
Sie sagte sich das vor wie eine Aufgabe, die
man auswendig zu lernen, zu begreifen hat. Sie
sprach davon mit Justine und mit der Schwester,
die sich darüber freuten, sie lobten, sie umarmten,
ihr Glück priesen und sie küßten. Seit der Vater
sie verlassen, war nuur noch von ihr, von Polydor,
von ihrer Ausstattung, von Venedig die Rede und
von all dem unbekannten Schönen, das sie dort er-
wartete. Erst ängstigte sie das Alles, selbst ihr eigenes
Sprechen, wie ein banger Traum, in welchem sich
die Dinge durcheinander wirren;, und wenn in diesem
Durcheinander plötzlich Eberhards Bild vor ihr er-
schien, so sagte sie sich: ,Wenn er mich nicht will,
so ist's ja gleich für ihn und mich, mit wem ich gehe


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und wohin !=- Sie sagte sich das, bis sie zu
glauben begann; aber was würde Eberhard denken,
wenn er es erfahren würde? - ,Er wird sich be-
freit fühlen vielleicht! sagte sie mit Bitterkeit.--
Eine Darner hatte sich zu respektiren!
,,Spiele nicht länger die Romanprinzessin !' hatte
der Vater ihr mit Strenge zugerufen. Jetzt kam sie
sich wie in einem Märchen, wie verzaubert vor, wenn
sie an den Palazzo Ferramonte, an den Herrn
desselben, an Polydor und sich in der Lagunenstadt
als Herrin dieses Palastes dachte.
Erst hatte sie Thränen vergossen bei dem Ge-
danken an die Trennung von den Ihren; allmälig
fing sie an, sich in der Vorstellung zu gefallen, wie
sie den Vater, wie sie Virginie, Alle, Alle, empfangen,
wie sie sie in ihrer Göndel hinaus fahren werde in
das Meer; und das Meer, das Meer, das sie so sehr
geliebt in dem Land, in dem sie ihre ersten Jahre,
gelebt, fing an, ihr zu leuchten, sie zu locken gen
Süden hin, gen Süden! Es war ihr eben Alles
märchenhaft! Untreu war sie ja nicht, er hatte ja
ihrer Treue nicht begehrt und konnte ihr nicht Treue
halten wegen seines Majorates! Er mußte sie ver-
gessen, sie ihn auch, denn trauern um ihn fort und
fort?-- Nimmermehr!- Eine Darner hatte sich zu
respektiren, und sie war ja jung und schön! Sie
wollte sich wieder freuen, wollte ihr Leben genießen,
sie war des Herzeleides satt.
Und doch erschrak sie, doch verdeckte sie die Augen
mit der Hand, als am nächsten Posttage Justine
fröhlich mit einem Briefe und mit dem Ausruf
zu den Schwestern in das Zimmer trat: ,Morgen
kommen sie, aber erst gegen den Abend hin !?
,Schreibt das der Vater? fragte Virginie.
,,Nein, mein Mann, und lauter Gutes! Polydor

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gefällt dem Vater sehr, der Vater hat auch volles
Zutrauen in seine Einsicht als Geschäftsmann ges
wonnen, und, was mich über alles Sagen freut, es
ist Aussicht vorhanden, daß der Onkel und John
mit den Joannus in eine vortheilhafte Verbindung
treten, in eine Verbindung, die der Vater eingeleitet
hat. Sie haben einander besucht =-?
,Der Vater und Dein Onkel?? fiel Virginie
verwundert ein.
,Nein, John und Polydor! John ist in meinem
Zimmer gewesen, in dem Zimmer, in dem wir als
Kinder zusammen gespielt--
,,Wann kommen sie?? unterbrach Dolores diese
Mittheilungen.
,Morgen Abend, wie Du hörst!?
,Alle?? --
,Freilich! Und nun, Schatz, besinne Dich auch
nicht lange, mach', daß es bald zu einem fröhlichen
Ende kommt. Ein Anderer an seiner Stelle wäre
nicht wiedergekommen; denn die Männer, glaube mir
das, sind weit eitler als wir Frauen. Ein Mann,
der seine Eitelkeit überwindet, aus Liebe überwindet,
der ist =-
- ,Was?' fragte Virginie, ,was ist der??
,Verliebt wie Polydor! scherzte Justine und
ließ die Schwestern allein.
,Noch vierundzwanzig Stunden!'' sagte Dolores
ernsthaft. ,Wer weiß, wie lange ich Euch dann noch
gehöre??
,Du bist traurig, Lora!'' warf Virginie ein.
, Ich weiß es selbst nicht. So konnte es ja
nicht bleiben -
, Und glaube doch nur das Eine,'? setzte Virginie
hinzu, ,wenn der Vater nicht gewiß wäre, daß es

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zu Deinem Glück führt, so wüürde er es ja nicht
wollen.?
,Das sage ich mir auch. Polydor ist ja liebens-
würdig. Ich lerne vielleicht ihn lieben, vielleicht
wird Alles gut! Nur sieh mich nicht so zärtlich an!
Das halte ich nicht aus! Komm, wir wollen an den
Strand gehen. Wie's nur an dem Strand des Lido
sein mag?- Ach,? rief sie, indem sie die Schwester
umarmte, ,wie werde ich mich nach Dir bangen, Du
mein halbes Leben!'
, Und wie glücklich werden wir sein, wenn wir
uns wiedersehen!' ergänzte Virginie. ,Nun, wir
werden's ja bald wissen, wann Du gehst und wann
wir kommen. Bis morgen Abend ist's ja nicht
mehr lang.?
In der That vergingen die vierundzwanzig
Stunden ihnen noch schneller, als sie es erwartet
hatten. Die Sonne war noch nicht ins Meer ver-
sunken, aber die wachsende Mondsichel stand schon
am Himmel, als Polydor zum zweiten Male vor
dem Schlosse ausstieg.
Justine und Virginie empfingen ihn wie einen
alten Bekannten, und als er dann Dolores in dem
Zimmer vor sich sah, trat er sie mit den Worten an:
, Ich bin gekommen, Mademoiselle Dolores, mir Ihre
Verzeihung zu erbitten und zu verdienen.?
Sie suchte nach einer Antwort und fand sie
nicht; aber sie reichte ihm, wie die Anderen es gethan,
die Hand, und es gefiel ihr, daß er sie ihr nicht küßte.
Er schloß sich dann den beiden Männern an,
man saß unter dem Laubdach, man speiste zu Nacht,
es war ein alltäglicher Verkehr. Polydor saß zwischen
Virginie und Justine, Dolores gegenüber. Er kam
ihr älter als neulich, ernsthafter, stiller vor. Sie
mußte ihn ansehen, sie mochte wollen oder nicht.

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Seine Augen waren freundlich, wenn er sprach, und
sie leuchteten hell.
Das war also der Mann, dem sie gehören, dem
sie folgen sollte! Justine hatte Recht: seine Hände
waren ungewöhnlich fein und sahen doch wie eines
starken Mannes Hände, nicht weibisch aus. Schön
war er überhaupt! Wär's nur erst gesprochen!
Wie würde es sein, würde der Vater reden,
würde Polydor ihr's sagen?-- Die Ungewißheit
quälte sie.-- Sie hatte ja ihr Wort gegeben; worauf
warteten sie noch?
Die Mahlzeit währte ihr viel zu lange. Als
man sich endlich vom Tische erhob, war sie die Erste,
die. aus dem Zimmer und gleich hinunter in den
Garten ging; die übrigen kamen einer um den
andern nach. Man machte den Spaziergang nach
dem Pavillon auf der Düne, den der Vaker sich
selten einmal nach dem Abendbrod versagte.
Frank hatte natürlich gleich seine Frau am
Arme, Polydor ging neben dem Vater einher, die
Schwestern schlenderten neben und hinter ihnen nach.
Flüchtiges, lichtumsäumtes Gewölk zog rasch über
den Mond hinweg. Wenn es entschwand, spiegelte
er sich in den langsam dahinziehenden Wellen, die
auf dem glänzenden Ufersand silberhell zerflossen.
Der Vater sprach Polydor von den verschiedenen
- Wolkenbildungen im Norden und in den Tropen,
und machte ihn aufmerksam auf die ganz eigenthüm-
liche Formenschönheit des Gewölkes an der Ostsee.
Was konnte ihn das küümmern in dem Augenblick?
In der Unruhe, in der Ungewißheit, in dem
herzklopfenden Bangen die Nacht durchwachen zu
sollen, die Aussicht war Dolores schrecklich. Sie
hatte keinen andern Gedanken, als die ihr bevor-
stehende Erklärung zwischen Polydor und ihr. Virginie

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errieth an ihrem Schweigen, was in ihr vorging.
Es war ihr selber nicht viel anders zu Sinn, und
mit gewohnter Entschlossenheit sich ins Mittel legend,
fragte sie den Vater, ob in Jtalien die Wolken-
erscheinungen denn auch schon anders als hier im
Norden wären.
Der Vater gab ihr Bescheid und nahm sie bei
der Hand. Polydor hatte nur darauf gewartet, daß
sie von der Schwester entfernt werde. Er blieb stehen,
wäährend jene vorwärts schritten.
, Endlich, endlich!'' sagte er. ,Aber Sie sollen
nicht zum zweiten Male vor mir zu erschrecken haben.
Nur die Frage erlauben Sie mir: Sind Sie mir
noch böse??
Er hatte ihren Arm in den seinen gelegt, sie
hatte es geschehen lassen. ,Antworten Sie mir!'?
. bat er, da sie zögerte.
,Ich hab' es ja gesagt-- dem Vater!?
,,Was, was haben Sie ihm gesagt? Ach, wieder-
holen Sie es mir!?
,Daß ich mit Ihnen gehen will-- und-- ich
halte Wort!r
,Dolores, Mäbchen, Geliebteste!r rief er, und
sie in seine Arme ziehend bedeckte er sie mit seinen
Küssen. Sie lag erbebend an seinem Herzen, ein
heißer Feuerstrom rann durch ihre Adern, es war
Ales, Alles anders, als in dem Augenblick vorher.
Sie kannte sich nicht wieder in der Empfindung, mit
der sie an seinem Halse hing.
,Liebst Du mich, Dolores?? fragte er sie.
,Ach,'? stammelte sie, ,nun ist die Angst von
mir, nun ist es gut!'?
, Und Du bist mein, mein?' wiederholte er.
, Ja!'' sagte sie und lehnte den Kopf an seine Brust.