Die Familie Darner. Roman in 3 Banden.
Fanny Lewald
Kapitel 31

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Einunddreißigstes Kapitel
Die Zufriedenheit, die Heiterkeit konnten nicht
größer in der Familie sein als in den Tagen, welche
der Verlobung von Dolores folgten, und sie selber
zeigte sich ebenso. Alle waren mit ihr zufrieden,
umgaben sie mit noch erhöhter Liebe. Polydor, von
ihrer Schönheit wie bei dem ersten Blick entzückt,
und erfreut, seinen Willen so leichten Kaufs erreicht
zu haben, hatte kein sehnlicheres Verlangen, als sie
heimzuführen und Dolores zeigte kein Widerstreben
gegen die möglichste Beschleunigung ihrer Verbindung,
denn Polydor hatte sie für sich eingenommen. Ihn
sehen, ihn sprechen hören, mit ihm am Strande zu
gehen und zu reiten, bei den Fahrten in das Meer
es isich von ihm mit seiner schlanken biegsamen Ge-
stalt vormachen zu lassen, wie die Gondeliere stehend
die Gondel führen, ihn die Lieder seiner Heimat
singen zu hören, die immer wiederholten Betheuerungen
seiner Liebe zu vernehmen und sich sagen zu können,
das werde in Venedig natürlich nur noch schöner
sein, das Alles machte ihr Vergnügen. Jede Stunde
brachte ihr einen neuen, sie überraschenden Eindruck.
Sie kam gar nicht zu sich selber, und sie fing sich
zu fragen an, wie es ihr sein werde, wenn Polydor
nicht mehr an ihrer Seite, wenn er fortgegangen
sein würde; denn allzu lange verweilen durfte er
nicht. Die Geschäfte forderten seine Anwesenheit
in seinem Hause.
,,Aber warum müssen wir denn scheiden?' fragte
Polydor. ,Warum soll ich durch Monate mein Gllck
entbehren? Wer bringt sie uns wieder, die Zeit,
die wir verlieren? In meinem Hause ist für uns
Alle Raum. Ich eile Ihnen voraus, Sie folgen mir
?,

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langsam nach. Die Jahreszeit ist günstig.-- Sie
haben mein Gluck in Ihrer Hand !' sagte er zu
Darner, ,machen Sie es voll, indem Sie mir es
gleich gewähren.?
Frank und Justine stellten sich auf seine Seite.
Ihr Brautstand hatte auch nur kurze Zeit gewährt,
und wenn Polydor gegangen war, wer wollte dann
bei den kriegerischen Zeiten es voraussagen, wie
lange ein freier Reiseverkehr, vollends ein Reisever-
kehr für Frauen, gesichert bleiben würde.
Das Verlangen seines künftigen Schwiegersohnes,
die Fürbitte des Sohnes und der Schwiegertochter
kamen Darner nicht ungelegen. Er liebte, abgethan
zu haben, was geschehen sollte; dazu war der Hinweis
auf die Zwischenfälle, welche der in der Luft schwebende
Ausbruch eines Krieges mit Desterreich erzeugen
konnte, sehr berechtigt und von ihm selbst um so
mehr erwogen worden, als die Trauung des jungen
Paares bei der Religionsverschiedenheit desselben nicht
in Preußen und nicht in Rußland, sondern nur in
einen zgde vollzogen werden konnte, in welchem
nach dem neugeschaffenen französischen Gesetze die
staatliche, die bürgerliche Trauung eingeführt war,
wie in dem ebenfalls neugegründeten Königreich
Jtalien, in Venedig. War diese Eiviltrauung dort
geschlossen, so hatte man alle Aussicht, die Ehe,
welcher Darner um Dolores willen die kirchliche
Trauung nicht entgehen lassen wollte, von einem
der in Jtalien in der Diaspora lebenden protestan-
tischen Geistlichen leichter als von einem der heimischen
eingesegnet zu sehen. Die Trauung im Auslande
- war die Voraussetzung gewesen, unter welcher man
die Heirath verabredet, da man sich von der einen
wie von der andern Seite zu einem Religionswechsel
nicht bequemen wollte, wenn schon bei beiden Vätern,

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ebenso wie bei Polydor keine religiösen Bedenken,
sondern nur äußere Gründe und Erwägungen einem
solchen entgegenstanden.
Drei Tage waren in der Weise in allseitigem
Behagen hingegangen; am Morgen des vierten Tages
galt es, sich für kurze Zeit zu trennen.-- Man
hatte die Verlobung bekannt zu machen, Polydor
hatte mit den Kollmanns sich wegen der Bernstein-
pachtung zu besprechen, um seinem Vater und Bruder
die erhaltene Auskunft und den von Darner ihm
nahegelegten Plan mitzutheilen, und wie Dolores
vor der Ankunft Polydors die Stunden gezählt, so
zählte sie sie jett vor seiner Abreise.
Sie war wie umgewandelt. Sie trug sich straffer,
ihre Bewegungen, ihre Stimme waren lebhafter, ihre
Ausdrucksweise entschiedener geworden. Die Ver-
änderung konnte Niemand entgehen.
,Habe ich Recht gehabt,r fragte Frank seine
Frau, ,als ich Dich in Deiner Sorge um Dolores
damit tröstete, daß sie geträumt bis jetzt, daß man
abzuwarten habe, was die ersten Küsse eines Mannes
aus ihr machen würden?=- Du siehst, sie ist erwacht,
und sie ist nur reizender dadurch geworden !'
Justine mußte das zugeben, doch lag etwas in
der heiteren Sicherheit der Braut, das ihr nicht ver-
ständlich war; aber Dolores selber war mit sich zu-
frieden.
Als die Männer sich am Morgen des festgesetzten
Tages bereits für die Abfahrt rüsteten und Polydor
noch einmal in seine Zimmer hinaufgegangen war,
standen der Vater und Dolores zufällig in einer der
Fensterbrüstungen beisammen. Mit einem Male er-
griff sie seine Hand und küßte sie, und wie er sie
darauf ansah, sprach sie:
, Ich danke Ihnen, Vater!?
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