Die Familie Darner. Roman in 3 Banden.
Fanny Lewald
Kapitel 32

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,,bDu siehst, daß ich Euch am Besten kenne.
Halte daran fest!r?
,, Ich bin ja eine Darner, Vater!'' antwortete
sie und hob, ohne es zu wissen, das Haupt empor
in ihres Vaters Weise, so daß es ihm selber auffiel.
,, Seit Sie mir das gesagt haben, ist Alles anders
geworden, Allea !?
,,Was also jetzt zunächst?? fragte er mit Wohl-
gefallen an seinem Liebling.
,, Ich kann's nicht sagen, wie ich's meine !' lächelte
sie, sah ihm aber doch frei in das Gesicht.
, Gieb Dir Mühe; man kann, was man wirkich
will!r?
,,Das gerade mein' ich, Vater! Ich - wie soll.
ich's sagen? Ich-- ich weiß jeht, daß ich-- daß
ich etwas wollen kann, daß ich etwas bin-- daß
eine Darner sich respektiren miuß, und wenn ich fort
werde, werde ich =-?
sein
,, Nun, was wirst Du??
Sie lachte freundlich auf, umarmte ihn und
sagte:
, Thun, was ich will!r
, Bravo!'' rief der Vater. ,Das wird Polydor
gefallen und gefällt auch mir. So geht eine Darner
in das Leben und in ihres Mannes Haus! Bravo,
Dolores!'?
gggggngMgg
Bweiunddreißigstes Kapitel
Die Komptoirstunde war vorüber. Kollmann
und der Sohn saßen oben in der Wohnstube bei-
sammen. Beide Fenster derselben waren geöffnet.
Es hatte lange nicht geregnet, die Hitze war drückend
Lewald. Die Familie Darner. U.

- A?g-
in der Stadt. Das Abendroth, das röthlich an dem
Himmel schimmerte und die Spitzen der Domthürme
umspielte, war gedämpft durch den feinen Staub,
der seit Tagen unbewegt die Luft erfüllte. Man ,
empfand ihn bei jedem Athemzuge, man fühlte ihn
an der trockenen Haut, an den schweren Augenlidern,
auf den dürstenden Lippen.
Kollmann hatte den Platz in der Sophaecke inne,
auf dem er sich sonst seiner Frau gegenüber be-
funden. Er hatte die Pfeife fortgestellt, selbst zum
Rauchen war es ihm zu schwül. Das Glas Kalte-
schale, welches Madame Göttling vor ihn hingesezt,
war noch unberührt.
Er hatte das grau und kahl gewordene Haupt
auf die linke Hand gestützt, seine Rechte schob achtlos

den Feuerstahl hin und her, der auf dem Tische lag.
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,Heil Dir im Siegerkranz'' in das Zimmer hinauf;
auch der Leiermann war müde. John saß auf dem
Fensterbrett, sich so viel Luft als möglich zu schaffen.
Das Sopha stand dicht am Fenster.
Es hatte eine Erörterung zwischen Vater und
Sohn stattgefunden, ein Schweigen war ihr gefolgt.
,Wenn man das Geschäft in der bisherigen z
Weise fortführen und daneben sich in das Unternehmen
einlassen könnte, würde ich dafür und dabei sein,?
nahm der Vater das Wort, ,aber das bisherige
Geschäft ganz umgestalten, auflösen - nein! Willst
Du die Sache allein auf Deine Kappe nehmen, willst
Du Dein mütterliches Vermögen, das Du in Riga
gehabt hast, herausziehen? Thue es, ich werde auch
ohne das fertig werden können!'
John wollte eine heftige Bewegung machen, ein
Blick auf seines Vaters von Sorgen durchfurchtes

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Gesicht hielt ihn zurück. Kollmann war der Alte nicht
mehr. Von Jugend auf an einem ruhigen, regel-
mäßigen Geschäftsbetrieb gewöhnt, in welchem vor-
kommende Störungen der Konjunkturen bald auszu-
gleichen gewesen waren, hatten die Stürme, welche
seit dem amerikanischen Freiheitskrieg in immer
wachsender Gewaltigkeit die Handelsinteressen durch-
einander geschleudert, größere Wagnisse, größere Ent-
schlossenheit von dem Einzelnen im Großhandel ar-
beitenden Kaufmann verlangt, als er sie in sich zu
erzwingen vermocht. Er war sich bewußt, manche
falsche Maßregel ergriffen, durch Zaudern günstige
Augenblicke verpaßt zu haben, und die Einsicht, in
seinen Zustand, die ihn doch zu keinem andern machen
konnte, hatte ihn noch mehr gelähmt und verstimmt.
Sein Geschäft und er waren in ihm eins gewesen
von je an. Es ändern, es umgestalten, hieß sich
selber umgestalten, und das war mehr, als er von
sich zu erringen, sich zuzumuthen vermochte. Er
war den Forderungen der Zeit nicht gewachsen ge-
wesen, sein Königsberger Geschäft war hinter den
Bedingungen derselben zurückgeblieben, war veraltet;
während John, in Riga auf sich und seine augen-
blickliche Entscheidung gestellt, von den Zeitverhältnissen
getragen, sich in den letzten Jahren frei entwickelt
und schon dort die hier nur gesteigerte Neberzeugung
gewonnen hatte, daß ein anderer Geist, ein ganz
neues Element in das Geschäft gebracht werden
müßte, wenn man die Firma überhaupt aufrecht er-
halten wollte.
Er ließ sich denn auch durch des Vaters Ge-
reiztheit nicht beirren.
,Ich will gern glauben,' sagte er, ,daß Sie
auch ohne das Vermögen der Mutter'!- er nannte
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es feinfühlend nicht sein mütterliches Vermögen-
,,weiter fortarbeiten könnten, indeß leicht würde es
nicht sein; deimnn wäre es das, so hätten Sie mich
nicht veranlaßt, das Rigaer Geschäft, das ja gut
vorwärts kam, aufzulösen, um uns hier zu kon-
zentriren. Daß ich mich nicht herauszuziehen, Sie
in Sorgen, in möglichen Verlegenheiten zurückzulassen
im Stande bin, darauf, Vater, kennen Sie mich
hoffentlich. Aber ich bin durchaus der Meinung, daß
es gerathen ist, gegen das Wort der Bibel, einen
neuen Wein in die alten Schläuche zu füllen. Es
ist fraglos zweckmäßiger, ein neues, großes, sichern
Gewinn versprechendes Geschäft unter alter Firma
in Gang zu bringen, als uns in den jetigen be-
denklichen Zeiten mit vermindertem Kapital und stark
angespannten Krediten allenWechselfällen der politischen
Ereignisse in dem bis jetzt betriebenen Geschäfte aus-
zusetzen, in dem wir ohnehin von Darner lange über-
flügelt sinb.?
Sowie der Name ausgesprochen, fühlte er, welchen
Fehler er damit gemacht.
Kollmanns Brauen zogen sich finster zusammen,
ein schnalzender Laut des Aergers glitt über seine
Lippen.
,Willst Du mir vorwerfen, daß ich nicht wie
er beständig Hazard gespielt? Er hatte nichts zu
verlieren?.. ,?
,,Verzeihen Sie, fiel John ihm ein, ,Darner --
ich habe das aus Ihrem Munde - war ein reicher
Mann, als er hierher kam . . ?
,,Er hatte keine Firma wie die unsere, kein An-
sehen auf das Spiel zu setzen. Auf dem Stamm-
hause Deiner Mutter steht die Jahreszahl 1820.
Wir hier, wir haben vor acht Jahren das hundert-
jährige Jubiläum unseres Handelshauses gefeiert.

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Es sind die ältesten Namen der hiesigen Kaufmann-
schaft.?
, Und Darner wohnt in dem Willberg'schen
Hause, und wir-- wir . . .
,Nun? fiel Kollmann ein, indem er sich heftig
erhob und den Feuerstahl, den er immer noch in der
Hand gehalten hatte, klappend zu Boden fallen ließ.
John bückte sich, ihn aufzuheben.
,Wir,' sagte er, indem er ihn an seinen ge-
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durchzuwettern, das in seinem gegenwärtigen Zustande
nicht mit den Schnellseglern konkurriren kann, statt
uns ein neues zu zimmern und damit unter der alten,
ehrenwerthen Flagge vorwärts zu gehen.?
,,Liquidiren?? rief Kollmann, heftig in der Stube
auf und nieder. gehend.'-
,Gewiß nicht,t begütigte John,,aber da es noch
Zeit ist, lassen Sie uns, wie es Valentin Rosen in
Bremen, wie es Brandillier krsres in Antwerpen in
allen Ehren gethan, ruhig und im Stillen realisiren.
Macht man dann den Pakt mit der Regierung der
Art, daß wir die geforderte Kaution in zwei Raten
zahlen - und sie wird darauf eingehen, da sie ja
auch Geld im Augenblicke braucht-- so deckt die
von Joannu gemachte Offerte die erste Rate, für
die zweite treten wir dann selber mit Bequemlichkeit
ein . .,?
,,Und werden Herrn Darner dafür in seinem
Sinne tributär!r siel Kollmann ihm verdrießlich in
die Rede.
,Er ist in keiner Weise dabei hervorgetreten;
Joannu sagte ausdrücklich, er habe' in zufälligem Ge-
spräch von meinem Plan gehört! - Er nannte weder
Sie noch Darner.?

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,Aber er steht dahinter, er wird wie immer
hervortreten in dem Augenblick, in dem er es für sich
gerathen findet. Soll ich mich noch einmal von ihm-
benützen lassen wie in den Tagen, in denen er --
Niemand hatte je von ihm gehört - hierher kam?
Soll ich es ihm vergessen, wie er Justine umstrickt
hat, wie er sie Dir abgewendet??
,Vater, ich denke, das könnten Sie vergessen, da
ich lange darüber fort bin! Sie hat den Mann
gefunden, der ihr paßte; ich werde mir, wenn's so
weit sein wird, die Frau nehmen, die mir paßt.
Sie hat mir herzlich und mit offener Freude die
Hand geboten, als wir uns unerwartet begegnet sind,
hat meine Liebe für ihren Sohn begehrt. Soll ich
ihr das Vergnügen machen, ihr und ihrem Manne,
den Untröstlichen, den Gekränkten vor ihnen zu spielen,
da ich ihnen ihr Gllck aufrichtig gönne? Es liegt
mir doch wahrhaftig mehr auf als jene alte, längst
begrabene Jugendgeschichte.?
- ,Soll ich vergessen,? brauste Kollmann auf, ,wie
Darner sich versündigt an Deiner leiblichen Mutter
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Sterbetag, wie er und Justine ihr den letzten Wunsch
versagt in ihrer letzten Stunde??
,Sie hatten mit ihnen gebrochen, Vater, an
Justinens ersten Ehestandsmorgen, weil Frank seine
Mutter und ihre niedere Herkunft nicht verleugnet.
Vergessen sie auch das nicht, Vater!
,, Und wenn Du von dem Bernsteingeschäft noch
was verständest!r fuhr Kollmann, plötzlich ablenkend,
dazwischen.
,Ich werde es erlernen!fk entgegnete John. ,Ich
habe die Sache reiflich überlegt, ich werde mir einen
der bisherigen kleinen Pächter heranziehen, werde
nöthigenfalls, wie Sie es angedeutet, die Pachtung
für mich allein, ganz mit fremdem Kapital, wenn alsö

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auch vorläufig mit beträchtlich geringerem Gewinn,
zu übernehmen suchen, und ich denke, daß man mich
den anderen Bewerbern vorziehen wird, da unser
Name und Ihr Haus bei den Behörden bekannt und
geachtet sind.?
Daß der Sohn ihm sein Vermögen in dem Ge-
schäft belassen wollte, zu welchem er das Vertrauen
verloren hatte, daß er für sich auf das mütterliche
Erbe zu des Vaters Gunsten zunächst keinen Anspruch
machte, weit entfernt sich darüber zu freuen, verletzte
Kollmann in der Stimmung, in der er sich befand.
Er wollte keinen Dienst, keine Großmuth annehmen
von seinem Sohne; und daß dieser, trotz der Vorsicht,
mit welcher er sich äußerte, dennoch fest erklärte, seine
Zukunft, wenn immer möglich, auf das neue Unter-
nehmen zu bauen, kränkte ihn noch mehr. Er hielt
sich nicht länger:
,Die ganze zähe Willberg'sche Natur, der ganze
stille Eigensinn!r sprach er vor sich hin.
,Vater, rief der Sohn, der seinen Platz' am
Fenster lange schon verlassen hatte, nun ebenfalls
gereizt, ,bedenken Sie, daß Sie vor mir von meiner
Mutter sprechen!' Aber sich ebenso schnell' mäßigend,
wie er aufgefahren war, setze er hinzu: ,Von der
Mutter, die Sie geliebt, die so eins mit Ihnen war,
daß Sie Beide auch nur eines sind in mir. Seien
Sie nicht ungerecht gegen mich und gegen sich. Sie
haben mich früh bei den Schwägern in Lübeck und
Kopenhagen arbeiten lassen, weil Sie damals schon
gefunden, daß der hiesige Geschäftsbetrieb veraltet
war. Sie haben mir, gegen die Ansicht Ihrer Freunde,
sehr früh das Geschäft in Riga übergeben und haben
sich in mir nicht getäuscht. Sie haben mich selber
zuexst aufmerksam gemacht. auf Darners kaufmännische
Bedeutung, auf seine raschen Entscheidungen; auf die

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Umsicht, mit der er überallhin den Zwischenfällen
Front zu machen, das sich unerwartet. Bietende mit
Sicherheit zu ergreifen und auszunuten weiß. Soll
ich von dem Allen nichts für mich gelernt haben?
Lassen Sie mich .. ?
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, Ich habe das nicht gesagt,' sprach er darnach
mit einer Bestimmtheit, die sehr abstach gegen seine
bisherige Haltung, ,ich habe, auf mein Wort, Vater,
auch in, diesem Augenblick nicht daran gedacht; aber,
ich spreche das mit Bedacht aus, ja: im gegebenen
Falle würde ich es thun. Frank hat Fch schicklich,
Justine freundlich gegen mich betragen; und wenn es
wirklich Darner wäre, der Joanmu den Gedanken
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beitet doch Jeder für sich und seinen Vortheil, warum
nicht ich wie er, und er wie ich!'
,Du wirst thun, was Dir geboten scheint, da ich
es nicht hindern kann.?
,Zwingen Sie mich nicht, ohne Ihre Zustimmung
zu handeln, überlegen Sie es noch einmal. Bedenken
Sie, was das Vertrauen der Regierung, wenn sie
mit uns auf weit hinaus kontrahirt, der Firma und
unserem Kredite werth ist. Joannu's Anwesenheit
erleichtert Alles und die Entscheidung drängt. ?
John brach damit ab.
Kollmann entgegnete ihm nichts.
Darüber ging eine Weile hin. .s schlug drei-
viertel auf acht von der Domthurmuhr. John. zeg
seine Ühr heraus, verglich sie, und stand äuf.
,Du willst ausgehen?? fragte der Vater.


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,,Sie haben ja Ihre Partie zusammen!'' ant-
wortete der Sohn, ,und-- mich dünkt, da kommen
sie schon!' fügte er hinzu, als man von unten die
Glocke an der Hausthüre erklingen hörte. Gleich
darauf kamen Konsul Armfield und seine Frau in
Begleitung von Madame Göttling in das Zimmer.
Es galt der gewohnten Spielpartie, die man sich an
dem Tage weder im Winter noch im Sommer gern
entgehen ließ.
Frau Armfield, wie immer grau in grau gekleidet,
daß sie mit ihren grauen Schleiertüchern wie ein
Nachtschmetterling anzusehen war, der sich in den
Tag verirrt hat, entschuldigte in ihrem sanftesten Ton,
daß sie sich verspätet hätten.
,,Wir waren ein wenig draußen,? sagte sie, ,um
es doch zu merken, daß es nicht nur heiß, sondern
auch so herrlich und so schön ist in unseres lieben
Herrgotts Welt, und als wir dann langsam hierher
gingen, trafen wir am Bohlwerk mit Hilgers, das
heißt nicht mit Johann Hilgers, sondern mit dem
Darner'schen Disponenten zusammen, der uns an-
redete, um uns aus erster Hand eine Neuigkeit zu
erzählen, eine Neuigkeit, auf die kein Mensch gefaßt
sein konnte.. ?
,,Verzeihen Sie, daß ich Sie unterbreche,'' sagte
John, ,haben Sie von Hilgers vielleicht zufällig er-
fahren, ob die Darners zurück sind? Sie wollten
mit Herrn Joannu, wie er mir sagte, auf das Gut
hinaus.?
,Zurück, ja freilich sind sie zurück, und wie, und
wie! Sie werden sich auch wundern, meine liebe
Göttling, ob freuen, weiß ich freilich nicht. Darnerisch
ist's freilich wieder, echt Darnerisch !?
,So komm doch zu Rande, Frau!'r fiel ihr der
Konsul ein, ,Du spannst ja die arme Madame Gött-

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ling förmlich auf die Folter. Sie sind heute Mittag
zurückgekommen alle drei, und Joannu obenein als
Darners künftiger Schwiegersohn. Er hat sich
draußen.. .?
,Verlobt, mit wem, ich bitte Sie, mit wem??
rief Madame Göttling, in weiblicher Verlobungs-
freude für alle Fälle die Hände zusammenschlagend
vor Vergnügen.
,Habe ich recht gehabt, daß er dahinter steht?
fragte leise Kollmann seinen Sohn.
,Das ändert an der Sache nichts für mich!'?
gab John ebenso zurück; und währenddessen meldete
Madame Armsield, daß Dolores die Erwählte sei,
und Madame Göttling rief:
,,Dolores, ach, das geliebte Kind, Dolores Braut!
Kennen Sie ihn denn, Herr Konsul? Wie alt ist er?
Sie haben ihn ja auch gefehen, Herr John, wie sieht
er aus F?
,Er ist, denke ich, in der Mitte der Dreißiger!??
sagte John.
,Und ein sehr hübscher Mann, ein Gentleman!r
bekräftigte der Konsul. ,Das ist nun das zweite
schöne Paar im Hause.?
,Ja, schön ist Dolores, ohne Frage das schönste
Mädchen in der Stadt! sagte John. ,Für beide
Theile eine schöne Heirath !?
,,Nun, wie wär's denn, lieber John? meinte
der Konsul; , die Zwillingsschwester ist ja noch da und
größer, kräftiger als die Braut: dabei eine gute Haus-
frau, wie man sagt, und - der Friede nährt, Un-
friede verzehrt!'
,Ihr Scherz trifft nicht zu, Ihr Sprichwort auch
nicht! bedeutete ihm Kollmann. ,Aber, bitte, Madame
Göttling, zünden Sie die Lichter an, es ist Zeit, daß
wir zum Spieltisch kommen, es ist spät!rr

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John nahm die letzte Bemerkung auf, um sich
zu entfernen, Madame Göttling ging in die Neben-
stube, die Armfield mit ihr.
,Hilgers sagte,? so berichtete sie, ,sie hätten, als
er fortgegangen wäre, bei einandergesessen, Frank und
der neue Schwager, die Listen für die zu versenden-
den Karten und Briefe zu entwerfen; und die Karten
sollen zur Hälfte deutsch, zur Hälste französisch aus-
gefertigt werden; Alles im großen Stil.?
,Ja, das ist doch natürlich für Rußland, für
Jtalien, und sie sind ja auch ein großes Haus. Gott,?
rief Madame Göttling,,wenn ich sie nur sehen könnte,
und so weit fort! Aber was meinten Sie damit,
Frau Konsul.. .?
,Womit??
,Mit dem Darnerischen, daß es Darnerisch sei,
was ist denn besonderes dabei??
Die Armfield sah sich um, ob die Männer nicht
in ihrer Nähe wären.
,Muß ich Ihnen das erst sagen? Eine Sünde
ist's und eine schwere Gewissenssache für das arme
junge Geschöpf. Er ist ja katholifch, griechisch oben-
ein! Man müßte sie warnen, Sie - gerade Sie
sollten ihr schreiben . . .?
Madame Göttling war erschrocken, aber sie sagte
entschlossen, das sei nicht ihres Amtes, wenn die
Sache auch traurig genug sei.
,Sehen Sie,? fiel hier die Armfield ein, ,unsere
selige, verstorbene, liebe Gräfin, die für uns Alle und
für den Verein viel zu früh gestorben ist, hatte so
Recht, so Recht, wenn sie immer vox der ruchlosen
Anbetung des goldenen Kalbes warnte und daran
mahnte, daß man sich nicht viel einlassen sollte mit
den Fremden. Wir haben ja unsere Tochter trottdem
an einen Russen verheirathet, aber auf Geld baben

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wir dabei nicht gesehen, denn ich habe, Gott sei
Dank, das arme, glückselige Pfarrhaus nicht vergessen,
aus dem ich stamme: und wenn unsere Tochter auch
nicht in einen Palast wohnen und Brillanten tragen
wird, so ist sie doch in eine ehrliche lutherische Fa-
milie gekommen. Aber so ist die Welt, selbst mein
Mann! Weil die Joannus vielfache Millionäre sind
-- ist das ein Grund- soll deshalb Alles gut,
Alles vergessen sein??
,Nun, sind die Damen fertig?? fragte Koll-
mann.
,Freilich!' antwortete Madame Göttling; aber
noch während die beiden Männer aus der einen Stube
in die andere kamen, sagte Madame Armfield:
,Vergessen, und weshalb, weil Darner hier ein
Geschäftshaus gegründet, wie die Provinz noch keines
je gehabt? Die Provinz ist ja vorher auch ohne ihn
fertig geworden! Weil er bei der Kontribution, bei
den Anleihen sich coulant und groß gezeigt, weil er
für die Lazarethe so viel gethan? Lieber Gott, er
hatte sich ja erst wieder einzukaufen in die gute
Meinung und wir nicht; und er hat deshalb nicht
eine Flasche Champagner weniger auf seinem Tisch
gehabt!- Nein!r rief sie plötzlich dazwischen, ,nein,
liebster Mann, wir beide können doch nicht zusammen-
spielen! Du mußt drüben hin!?
Man setzte sich auf die rechten Plätze, aber Koll-
mann und die Göttling spielten heute beide schlecht.
Ihm lag die Unterredung mit seinem Sohn im Sinn;
ihre ganze Seele war bei Dolores.