Die Familie Darner. Roman in 3 Banden.
Fanny Lewald
Kapitel 33


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Dreiunddreißigstes Kapites.
Am andern Morgen trugen dieselben Lohndiener,
welche seinerzeit die Meldungskarten von Frank und
Justine in den befreundeten Familien vertheilt, die
Anzeige von der neuen Verlobung in der Stadt herum.
Es waren wieder die großen, goldgeränderten rosa-
farhenen Karten, aber der Bräutigam, Herr' Polydor
Joannu, war auf den von Darner vertheilten Karten
als Sohn des Herrn Philippos Joannu in Petersburg
bezeichnet; und neben diesen Karten, welche Darner
herumschickte, hatte man noch andere anfertigen lassen,
mittels deren Herr Polydor Joannu seine Verlobung
seinen Freunden und Geschäftsverbündeten Jebenfalls
mit Nennung des Vaters seiner Zukünftigen ankündigte,
was sonst in der Stadt nicht Brauch gewesen war.
Eine dieser letzten Karten ward unter der Koll-
mannschen Geschäftsadresse in den Morgenstunden
im Kollmannschen Komptoir abgegeben. Nicht allzu
lange darnach erschien Polydor in demselben und
wurde in das zweite Zimmer, in welchem Kollmann
und der Sohn ihre Arbeitstische hatten, hineingewiesen.
Sie erhoben sich, und mit der ihm, dem Reich-
geborenen, eigenen hochmüthigen und doch leichten
Sicherheit, rief Polydor gleich im Eintreten, da er
die Verlobungskarte auf dem Pulte erblickte:
,Sie sehen, meine Herren, ich habe es eilig,
mir Ihren Glückwunsch einzukassiren, aber ich bin
überhaupt in Eile!?,
Kollmann stattete ihm den Glückwunsch ab, wie
? - sich's gebührt, John pries die Schönheit der Braut
und gratulirte ihm zu derselben. ,
Wie man darnach Platz genommen hatte, sagte
Polpdor:

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,,Da Sie meine Braut kennen, werden Sie =-?
er wendete sich an John - ,auch meine Eile ver-
stehen, wieder zu ihr zurüchukehren. Ich möchte gleich
,Aber Sie bleiben noch längere Zeit in Preußen?? ?
heute wieder fort.r
fragte John.
,Nein, mein Aufenthalt ist kurz bemessen; unsere
Hochzeit soll schon im September gefeiert werden.
Ich will also bald nach Venedig, Alles vorzubereiten
für den Empfang meiner Frau. Mein Schwiegervater
wird sie mir mit der ganzen Familie zuführen, und
da die Pachtangelegenheit, um welche es sich zwischen
uns handelt, doch nicht direkt meine persönliche Sache,
sondern vor allen Dingen die meines Bruders und
des Petersburger Hauses ist, deren Meinung man
abzuwarten hat, um so mehr, als doch auch hier die
Verhandlungen nicht zwischen heute und morgen ab-
geschlossen werden können, so .. .?
,So denken Sie abzureisen, das begreift sich!
sagte Kollmann.
,Nicht wahr? Ich komme Sie eben deshalb auch
ersuchen, Alles, was inzwischen in dem Geschäfte etwa
.
der Notiz bedürfen könnte, hier dem Hause Darner
mitzutheilen, dem Vollmacht für dies Geschäft zu senden,
ich meinem Bruder vorgeschlagen habe.?
Kollmann schwieg, besann sich eine Weile, fing
zu sprechen an, hielt wieder inne, so daß Polydor
ihn fragend und verwundert ansah. Dann sagte er:
,,Der Plan, die Pachtung zu übernehmen, ist
nicht der meine; die ganze Angelegenheit ist meines
Sohnes persönliche Sache, und ich bin gewiß, er wird-
mit Ihrem Vorschlag einverstanden sein.?
John verneigte sich, ob gegen den Vater, ob
gegen Polydor, war schwer zu erkennen.
,,Durchaus einverstanden!' sagte er.

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Die Entscheidung zwischen Vater und Sohn war
damit ohne jede weitere Erörterung in einer Form
getroffen, die der Letztere nicht hatte voraussehen
können. Daß sein Vater nicht darunter zu leiden
haben, daß sein mütterliches Vermögen in dem alten
Geschäfte bleiben sollte, stand für John ohne allen
Zweifel fest. Aber wenn eben die Weise der Ent-
scheidung ihn auch kränkte, hatte der Gedanke, daß
er jett plötzlich ganz auf sich, allein angewiesen sei,
etwas, das ihn reizte, ihn in seinen Augen und
namentlich dem Vater gegenüber hob. Während er
in sich erwog, daß er jett zu zeigen habe,, was er
werth sei, sprachen sie von den Welthändeln,, von den
Handelskonjunkturen im Allgemeinen und , in den
deutschen Ostseeprovinzen im Besondern; von gemein-
samen Geschäftsfreunden in Rußland. Von dem
Pachtunternehmen und von Darner war mit keinem
Worte die Rede mehr.
Erst als Polydor sich nach kurzem Verweilen
empfahl, und John ihm das Geleit gab, sagte Jener,
leichthin, wie seine ganze Redeweise gewesen:
,Nicht wahr, Herr Kollmann, ich brauche Ihnen,
bei meiner jetzigen Verbindung mit den Darners, es
nicht erst zu sagen, daß ich von der Spannung
zwischen den beiden Familien und von den äußeren
eingestandenen Gründen derselben znterrichtet bin,
derlei kommt ja überall vor.?
John sprach sein Bedauern darüber aus, es an-
deutend, daß er in diesem Falle nicht ganz auf seines
Vaters Seite stehe:
,Was wollen Sie, mein Lieber,? rief Polydor, in
dem Gefühl, daß ein Joannu sich gegenüüber einem
Königsberger Kaufmann nichts durch eine freiwillige
Vertraulichkeit vergeben - könne, ,was wollen Sie!
Die Jahre trennen uns von unseren Vätern. Sie

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sind alt, sie kleben alle an den Vorurtheilen ihrer
Zeit, sie sind Aristokraten, in der Finanz, sowie im
Adel, hier wie überall!r
,Leider!r bekräftigte John. ,Auch bei meinem
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sonst wirklich vorurtheilslosen Vater beruht ein Theil
seiner Spannung mit Darner . . .
,Auf dem Stolz des alten Kaufmanns gegen
den Parvenu ! lachte Polydor. ,lonosco, esao mio!
und wir leben doch mitten in dem Zeitalter der
Parvenus, hier wie allerwegen! Mein Schwieger-
vater in sgs beherrscht die hiesige Börse, die grade
in diesem Augenblick ihre Bedeutung hat. In Peters-
burg sitzen die Stiglit uns dicht vor der Thüre,
die Torlonia in Rom, die Barings in London, sie
sind alle Parvenus! Die Rothschilds mitten in dem
bürgerstolzen Frankfurt! und Napoleon Bonaparte
ist der Herr der Herren. Daß er ein Parvenu ist,
verzeihen sie ihm am wenigsten. Hätte ein Bourbon,
ein Habsburger, sie von ihren Thronen gestoßen, wie
er die halbe Welt erobert, sie trügen's leichter; und
er übt doch seine Herrschaft und seine Tyrannei über
sie und die Welt, als hätten die Bonapartes seit
Karl dem Großen die Krone auf dem Kopfe und
das Scepter in den Händen gehabt von Gottes
Gnaden.r
Sie waren damit auf die Freitreppe hinausge-
kommen, Polydor in der besten Laune. Er warf,
wie immer, wenn er sich gehen ließ, die vielen ihm
geläufigen Sprachen durcheinander, und John eor-
äislsment die Hand schüttelnd, sagte er:
,langae, sn rsroir an der Börse, st comms
en fozugs, so ist auch im Leben lessenisl 'arrirsr.
Lassen Sie uns darauf bauen, daß wir reüssiren in
Allem, was wir wünschen!r
Er schied von John sehr zufrieden mit dem Ein-


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druck, welchen ihm gemacht zu haben, er sich über-
zeugt hielt, und ohne zu ahnen, daß er ihm das
Losungswort gegeben, mit welchem der Sohn des
alten patrizischen Geschlechtes seinen neuen Lebens-
weg zu gehen dachte.
Mochte sein Vater festhalten mit Allem, was sein
und seines Sohnes war, an dem alten Geschäft und
es betreiben in der alten Weise; er wünschte ihm
Gedeihen und Bestehen, war auch bereit, dem Vater
zu dienen, so weit er es vermochte; ihn selber aber
durfte es fortan nicht hindern, seine Kraft nach eigenem
Ermessen zu verwerthen. Polydor hatte es, ausge-
sprochen: man lebte in dem Zeitalter der Empor-
kömmlinge, und er war ein Kind dieser Zeit. Er
mußte sich auf sich selbst stellen, wenn sein Vater
nicht mit dabei sein wollte. Darners gewichtiger Rath
konnte ihm dabei nicht fehlen, schon der Joannus
wegen nicht; und ohne noch einmal in ihr Arbeits-
zimmer zurüchukehren, ging er, den Direktor im
Finanzbureau aufzusuchen, mit welchem die Pachtungs-
sache zu verhandeln war.
Auf dem Wege traf er mit Frank zusammen.
Es verstand sich für Beide von selbst, daß sie sich
einander näherten, daß sie, die Verlobung ebenso wie
das Geschäft besprechend, eine Strecke miteinander vor-
wärts gingen. Dabei erwähnte John, wie er allein
die Pachtung zu übernehmen denke, und bedauerte es
deshalb, daß er durch seine mehrjährige Entfernung
von Königsberg in den Beamtenkreisen nicht bekannt
sei, denen die Pachtverleihung obliegen werde.
Frank bemerkte dazu, sein Vater sei verschiedentlich
von den Finanz- wie von den Regierungsräthen zu
Rathe gezogen worden, würde also Auskunft geben
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,Da wir Ihnen ja voraussichtlich in naher Zeit
die Antwort unserer Geschäftsfreunde mitzutheilen in
der Lage sein werden, die, wie ich annehme, zustimmend
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sein wird, so bemühen Sie sich vielleicht zu uns, und
man kann dann zusehen, welche Schritte die geeignetsten
für Sie sein dürften.r
John nahm das dankbar an.
Von der einen wie von der andern Seite war
der Verkehr einfach und frei. John hatte die Zu-
kunft Fo ernst im Sinne, daß die Vergangenheit für
ihn davor zurücktrat, als wäre sie nie gewesen; und
Frank hatte gerade jett große Eile, vorwärts zu
kommen, wenn er Eberhard noch in seiner Behausung
treffen wollte, und das mußte er.
Seit vollen sechs Monaten hatte er des Freundes
Wohnung nicht mehr betreten, und wie er zun die
enge Treppe hinanstieg, welche in dem alten Hause
zu den kleinen Zimmern führte, die Eberhard immer
noch inne hatte, blieb er zaudernd einen Augenblick
vor der niedern Thür stehen, dann klopfte er.
, Herein!r erscholl es von innen.
Frank stand vor dem Freunde.
Eberhard sprang von seinem Arbeitstisch enpor.
,De, Frank, Du? rief er. ,Gott im Himmel,
, daß mich das überrascht! Sei willkommen, seze Dich!
Wie geht Dir'e? Was bringst Du? Sei will-
kommenl'
Seine Bewegung, wie er sie auch bemeistern
wollte, bewies Frank, daß er wohlgethan, ihn auf-
zusuchen.
,Ich bringe Dir eine Nachricht, die ich Dir
selber mittheilen wollte.r
,Dolores,? rief Eberhard, mit der nicht irrenden
Ahnung der Liebe, ,was ist ihr geschehen??
,Sie ist verlobt!r

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Eberhard zuckte zusammen.
,Ich danke Dir, daß Du mir's sagst ,- .?
,Ich wußte, daß es Dir nahe gehen würde,
darum kam ich selbst, noch ehe der Hauptmann die
Anzeige erhalten und Dir dieMNachricht gebracht haben
konnte.?
,Daran erkenne ich Dich, ich danke Dir !? wieder-
holte Eberhard; ,aber wer'r =- die Worte wollten
nicht über seine Lippen -= ,wem ist sie verlobt?
Frank kannte des Freundes Stimme, jein Gesicht
nicht wieder, sie waren wie erstarrt, in der, Gewalt,
die er sich anthat. Er nannte ihm Polydor, deutete
- dessen Verhältnisse an und bezeichnete ihn, als einen
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Mann von Ehre.
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Eberhard hörte es, ohne eine Miene zu verziehen,
- mit einem Male aber fuhr er auf:
,Dolores, Dolores eines Andern Weib und ich
lebe, ich stehe hier, der Sklave meiner selbst! Welch
ein Wahnsinn! und wir machen uns ein Bewußtsein
daraus. Wahnsinn, Wahnsinn! Er warf sich auf
den Sessel nieder, der vor seinem Schreibtisch stand,
sein Gesicht mit den Händen bedeckend, wendete sich
aber gleich wieder zurück. ,Wenn Du wüßtest, wie
ich gerungen habe, wie der Gedanke mir nicht Ruhe
gelassen; Wirf Alles von Dir und gewinne sie!!
Wie mir das Herz geblutet, wenn ich es in mir
niedergekämpft mit der unerbittlichen Vernunft; wie
hundert Mal ich mir habe sagen müssen, ziehe sie nicht
mit hinein in den Strudel, in welchem Du Dich selbst
kaum zu behaupten permagst und dem sie nicht ge-
wachsen - und nun . . .? Er stand auf und nahm
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ist sie glücliehr
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,Sie war heiter, als wir von ihr schieden, sie
freute sich auf seine Wiederkehr. Des Vaters Zu-
friedenheit, die Aussicht auf ihre Zukunft in Venedig,
das Alles nahm sie hin.r
,Du weichst mir aus; aber mag es sein, was
habe ich auch zu fragen. Ich muß es ja wünschen,
daß sie mich vergißt. Fassen kann ich's nicht! Wer
kann den Tod begreifen, wenn er lebt?
Er ging ein paar Mal in den engen Raum auf
und nieder.
Frank war aufgestanden, Eberhard blieb vor ihm
stehen.
,Ja,' sagte er, ,geh! Ich hatte es ja anders nicht
erwartet. Es mußte so kommen, und doch! Vergiß es,
daß Du mich so fassungslos gesehen. Vergessen ist ja
heute die Losung, denke deshalb nicht klein von mir.?
,Eberhard, sprich das nicht aus; aber auch Du
wirst vergessen, mußt vergesen .. .?
Der Baron schüttelte verneinend das Haupt.
,Dir werde ich es nie vergessen, daß Du heute
kamst. Im Nebrigen,' er hielt inne, und sagte dann
mit einem tiefen Seufzer: ,mag ihr das Leben so
leicht sein, als mir die Stunde schwer!r
-' ,Seb wohl! sprach Frank.
,Hab Dank!r entgegnete Eberhard noch einmal,
und kaum hatte Frank die Thür hinter sich zugezogen,
so- setzte Eberhard sich an seinen Schreibtisch nieder
und nahm die Feder wieder in die Hand. Das
Aktenheft lag vor ihm, der Satz, in welchem er
unterbrochen worden, der Bericht, den er für die
heutige- Sitzung zu machen hatte, harrten ihrer Voll-
endung, die Stunde der Sitzung war nahe. Er mußte -
seine Gedanken zusammenhalten und er that es. Aber
mitten in der Arbeit sprang er empor; er war sich
unheimlich in diesem regelrechten Thun.
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Was kümmerte ihn der Nothstand in dem Kreise
LLabiau, was kümmerte es ihn, daß sie dort Vor-
schüsse begehrten den eingesessenen Bauern zu Hilfe
zu kommen, wie die Regierung den Rittergutsbesitzern
sie gewährt? Mochten sie untergehen in ihrer aus-
sichtslosen Arbeit! War er, er denn nicht, auch ohne
Hoffnung? Er sollte sorgen und arbeiten für Menschen,
die in ihrem Innern vielleicht weniger unglücklich
waren wie er in dieser Stunde! Ein Leben, ohne
ein ihm winkendes, beglückendes Ziel, was war das
werth? Er hatte geglaubt, mit sich, mit seiner Liebe
fertig geworden zu sein, nun empfand er, daß er
doch noch geliebt, gewünscht, gehofft, ohne' es sich zu
gestehen! Jetzt aber, jetzt war es zu Ende, und was
blieb ihm jetzt?
,Arbeiten!r sagte er zu sich selbst, daß es ihm
klang, als habe ein Anderer es gesprochen. ,äs,
das muß ich! sagte er und ging wieder an den
Schreibtisch, ruhig arbeitend, als ob ihm nichts ge-
schehen wäre, bis er seine Aufgabe vollendet.
, Es war elf Uhr, in einer halben Stunde mußte
er an seinem Platze sein; er packte die Akten sorg-
fältig zusammen. Daß er das nun alle Tage weiter
so wie heute thun werde, wie bisher, daß er im
Staatsdienst immer weiter fort zu arbeiten, für
Andere zu leben, seine Kraft einzusetzen haben werde
für das Allgemeine, und im Besonderen noch für
sein Stammgut, das bedrückte ihm heute dumpf den
Sinn, statt ihm wie sonst das Herz zu erheben.
Eine Aussicht, eine Hoffnung mußte er doch haben,
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an denen er nicht nur mit dem Verstande betheiligt
F . war; und eine solche Hoffnung gab es.- Es gab
noch etwas, worauf man hoffen konnte, hoffen mußte,
:
mit Allen gemeinsam und für sich selbst: des Vater-
landes Befreiung von der Fremden Knechtschaft. Die