Die Familie Darner. Roman in 3 Banden.
Fanny Lewald
Kapitel 34

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Hoffnung trug er ja wie Tausende im Herzen: mit
ihr, für ihre Erfüllung lohnte es, zu leben, auch ohne
eigenes Gllck!
Und den Nothstand in dem Kreise zu mindern,
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in den der Krieg, die Feinde ihn gestürzt, war ja
ein Schaffen für des Vaterlandes Wohl. Er nahm
die Akten, die er unmuthig fortgelegt, noch einmal in
die Hand; stehenden Fußes sah er den Schluß der
Arbeit prüfend durch; sie war besser gelungen, als
er es erwartet hatte, und es war hohe Zeit, in die
Sitzung zu gehen.
,Aber sie,' fragte er sich, als er sich schon auf
der Straße befand, ,sie, ob sie ihn denn wirklich
liebt? Ob er sie verdient, ob er ahnt, welch ein
Wesen, welch ein Jdeal sie ist? Ach, wohl ihr,
wenn sie leichteren Sinnes wäre, als ich geglaubt!r
Eine halbe Stunde später stattete er seinen Bericht
ab und ward gelobt für ihn. Was galt ihm das
an diesem Tag? -
Vierunddreißigsies Kapites
Kollmann hatte sich stets seiner unverwüstlichen
Gesundheit, seiner nie aussetzenden Eßlust, seines
festen, traumlosen Schlafes gerühmt und sie als ein
altes Kollmann'sches Stammeserbe gesegnet. Appetit
und Schlaf hatten ihn selbst bei dem Tode seiner
Frau nicht verlassen, hatten vorgehalten in allen
Schrecken der letzten Jahre. Von der Unruhe und
von den Sorgen des Tages hatte die Nacht ihn
regelmäßig hergestellt, daß er am Morgen mit klarem
Kopf erwacht, die Zustände gelassen übersehen und
das Gebotene hatte thun können.

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Die Nacht aber schlief er nicht. Mit offenen,
müden Augen, sich umherwerfend auf seinem Lager,
- war ihm Alles wie ein Traum; und er sollte mitwirken,
lebend, handelnd in demselben gegen seinen Willen.
Die wiederholte Erörterung zwischen ihm und
seinem Sohne war an dem Abend lang und ernst
gewesen. John hatte es an Ehrerbietung nicht
mangeln lassen, es mit dem Scherz versucht, wo der
Ernst verletzen konnte. Jetzt standen die Thatsachen
fest, verlangten Anerkennung und erschütterten Koll-
manns bisher unangetastetes Vertrauen zu, sich selbst.
Wieder und wieder fiel ihm ein Wort von Darner
ein. ,Der wahre Kaufmann,' hatte der einmal gesagt,
,,muß unbeweglich festhalten an seinen übernommenen
Verpflichtungen, aber beweglich und stets bereit sein,
sich mit seinem Geschäfte den Erfordernisen des
Augenblicks ohne langes Zaudern anzupassen. Wenn
er noch nicht reich genug ist, mit der immer gangs
baren Waare, mit Geld, zu handeln, muß er gegebenen
Falls auch mit Zopfband handeln, wenn man Zöpfe
trägt, und mit Scheeren, wenn man sie abschneidet!
Damals hatte man über den Ausspruch beim Glase
Wein gelacht, jetzt hatte er in der Stille an ihn zu
denken.
Das war es gewesen! Er hatte sich nicht den
Bedingungen des Tages anzupassen vermocht, hatte
fortgehen wollen auf dem eng begrenzten Wege, auf
dem das Haus in den alten Zeiten emporgekommen;
er hatte nichts wagen, sich nicht aussetzen wollen in
der Zeit des allgemeinen. Wagens. Er hatte mit
Zopfband handeln wollen - und die Zöpfe waren
abgeschnitten.
Kleinen Verlegenheiten, in die er gerathen, war
durch den alten Kredit Anfangs leicht zu begegnen
gewesen; aber da sie sich oft und öfter wiederholt,

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waren die Häuser, auf die er sich sonst gestützt, dar-
auf aufmerksam geworden. Sie waren mit ihren
Kapitalien zurückhaltender geworden, waren eben durch
die veränderten Zustände auch anderweitig engagirt
gewesen. Ein paar alte Firmen in den russischen
Ostseeprovinzen, in Preußen und in Pommern, hatten
unter der Kriegsnoth ihre Zahlungen eingestellt, hatten
Kollmann dadurch in Mitleidenschaft gezogen. Wer
konnte dafür stehen, daß er nicht in die gleiche Lage
gedrängt ward? Und er war dieser Möglichkeit näher,
als er es sich bisher hatte eingestehen wollen. Er
hatte nichts wagen wollen, und war jetzt fortdauernd
auf Hoffnungen, auf Möglichkeiten, auf Erwartungen
gestellt, die ihn manchmal schon getäuscht. Er ver-
traute auf die alte Festigkeit des Hauses, während der
Boden erschüttert war, auf dem es stand. Er hatte
nicht sehen wollen, was Andere bereits besprachen.
Daß er sich das länger nicht verbergen konnte,
kam ihm hart an; daß der Sohn, von der Noth-
wendigkeit dazu gedrängt, es ihm vorgehalten, war
ihm härter. Es war ihm mit John ergangen wie
dem Gärtner, der eine Pflanze aus dem engen
Zimmer in die freie Luft versetzt, und wenn er sie
zurückholt, es zu gewahren hat, daß sie über sein
Erwarten sich entwickelt hat, daß sie in den alten
Kübel nicht mehr hineinzuzwängen ist.
Was half es ihm, daß der Sohn, um ihm die
Sache eingänglich zu machen, ihm Polydors Glossen
über das Zeitalter der Parvenus mitgetheilt, soweit
es möglich gewesen war, ohne den Vater zu verletzen.
Polydor hatte Recht. So war es; und John hatte
ebenso Recht in Allem, was er über das alte Geschäft
wie über seine Absichten ausgesprochen, und er hatte
dazu, was Kollmann allmälig abhanden gekommen
war, Entschlossenheit und Muth. Ihm fehlten sie.
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Es war ein zorniges Weh, mit dem er es sich
gestand; er hatte sich eingesponnen in Gewohnheiten,
so im Geschäft wie in seinem Leben überhaupt. Er
hatte sich gehen lassen in der bequemen Sicherheit
alten Besitzes, er war mit sechzig Jahren alt geworden
vor der Zeit. Der alte Kollmann war nicht mehr
der Konrad Kollmann, der Darner vor noch wenig
Jahren unter seinen Schutz genommen, der die weib-
lichen Gäste seiner Frau auf die aus dem Volke
hervorgegangenen Marschälle Napoleons verwiesen,
als sie den Fremden nicht hatten gelten lassen wollen.
Er war selber vorurtheilsvoll geworden; und der
fremde, unbekannte Mann hatte es gut verstanden,
sich Geltung zu erzwingen mit seinem besonnenen
Wagen. Darner war der Mann des Tages in der
Königsberger Kaufmannschaft; er war der Sieger nach
allen Seiten hin, Kollmann der Besiegte geworden.
Es war schon lange her, daß die Ühr vom Dom-
thurm die Mitternachtsstunde angezeigt. Endlich ein
Schlag, das war halb eins! Und er lag und lag
und zählte und zählte von eins bis hundert und
weiter fort, sich zu zerstreuen, zu ermüden, aber wie
er auch zählte und wie er sich das Lager umbettete,
die Zahlen, die er aussprach, stellten sich schwarz auf
weiß in langen, wohlgeordneten Reihen, wie in seinem
Hauptbuch, vor ihm äuf, ordneten sich unter das Debit
und das Kredit und ließen ihn nicht schlafen.
Wieder ein Schlag von der Ühr: ein Ühr! Der
Nachtwächter rief die Stunde aus. Der hatte es gut,
der that seine Schuldigkeit und hat keine Sorgen
und keine Gedanken. Es war ja auch ein Wagniß,
ein großes, ein großmüthiges Wagniß, daß John sein
Muttererbe daran setzte, ihn zu stützen, und er mußte
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eben jetzt in der Geschäftswelt eingetretene Krisis

überdauerte, wenn für John das Geschäft mit der
Regierung zu Stande kam, das Zeugniß gab für das
Vertrauen der Regierung, so war der Kredit des
Hauses glänzend hergestellt.
Wie langsam sie hinging eine so kurze Sommer-
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schon gegen den Morgen sein, er hatte gewiß das
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Schlagen der Ühr, den weiteren Ruf des Wächters
überhört.
Da schlug's! Wieder nur ein Schlag! ,Halb
zwei! rief: der Wächter. Die Ewigkeit konnte nicht
länger dauern! - Warum entfliehen die Stunden des
Tages so schnell, warum haben die Stunden der
Nacht so schwere Sohlen?
Und was verlangte der Sohn denn voi ihm
für das Opfer, zu dem er sich erboten? Er sollte
die Darner, er sollte die Joannu nicht vor den Kopf
stoßen, denn John brauchte Beider guten Willen. Er
sollte sich in das Gleiche setzen mit Darner, sollte
sich erinnern, daß er es gewesen, der Darner an
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Justinens Ehrentag den Stuhl hart vor die Thür
gestellt, sollte bedenken, daß Darner ihm an offener j
Börse entgegengekommen war.
Zugeben mußte er das, aber er hätte es gern h
noch erst beschlafen; und der Schlaf, sein guter, alter
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müden Mann!
Was war das, wovon wurden ihm die Wimpern
feucht? Thränen? Mitleid mit sich selber? Er konnte
das nicht ertragen.


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Er stand auf, schlug Licht an, warf den Schlaf-
rock über und öffnete das Fenster. Der Wind war
nach Osten herumgegangen, die Luft strömte ihm er-
frischend entgegen. Die Nacht war so hell, daß er
die kleinste Einzelheit der Baugliederung des Domes -
genau unterscheiden konnte.
Das alte Portal mit seinen mäßig gewölbten
Bogen hatte er vor sich gehabt, so lange er denken
konnte. Sein Großvater, sein Vater, er selber, seine
Frau, seine Kinder waren in dem Dome getauft;
vor seinem Altar waren ihre Einsegnungen, ihre
Trauungen vollzogen, den Hingegangenen waxen die
Leichenreden dort gehalten worden, und es war Lang-
lebigkeit, es war Dauer gewesen in dem ganzen Ge-.
schlecht und in dem Hause. Das Rückwärtsblicken
that ihm wohl. Sein Großvater, hatte es bis zum
neunzigsten Jahre gebracht und ohne Brille gelesen
bis zuletzt. Seine Augen waren auch noch scharf wie
die eines Jünglings. Als man seinen Großvater
begraben, er entsann sich dessen ganz genau, es war
im Hochsommer gewesen, hatte man in der Kirche
das schöne Klopstocksche Lied gesungen: ,Auferstehn,
ja auferstehn wirst du mein Leib, nach kurzer Ruh' !
Er hatte es bestellt und singen lassen bei seiner
Eltern, bei seiner Frau Tod, auch ihm sollte es ein-
mal gesungen werden, es, war ein schönes Lied. Er
sprach die Worte vor sich hin: ,Auferstehn, ja auf-
erstehn !rr Sie erhoben ihm das Herz. Seine Stirne,
seine Augen hatten sich unter der frischen Luft ge-
kühlt; er athmete wieder tief und frei. Das Lied
war schön, aber es ihm zu fingen hatte es noch Zeit.
So bald galt es hoffentlich noch keine Auferstehung
in einer bessern Welt!
Er ging, auch das andere Fenster aufßumachen,
dabei kam er an dem Spiegel vorbei, auf dem Tische

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vor demselben brannte das Licht, das er sich ange- z
zündet hatte, er warf einen Blick in das helle Glas.
Nun ja, er war ein Sechziger, seine Stirn war
hoch geworden, sein Haar war weiß, aber - er
richtete sich auf - sein Nacken war noch ungebeugt.
Er brauchte nur zu wollen, nur auferstehen zu wollen P
für die Welt, wie sie sich um ihn her gestaltet hatte,
um wieder in ihr seinen Platz zu behaupten, wenn
er mit Neberwindung seines innern Widerstrebens der
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berechtigten Forderung seines braven Sohnes nach-
Za Lächeln bei dem Vergleiche in seinen Augen, da
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- Friedrich Wilhelm Frieden gemacht mit Bonaparte,
so konnte er auch, ohne sich etwas zu vergeben, seinen z
Frieden schließen mit Lorenz Darner, wenn das Koll-
mann'sche Interesse es erheischte, und es erheischte es
durchaus.
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nach den offenen erleuchteten Fenstern des Hauses ?
hinauf.
,Ist was passirt, Herr Kollmann?' rief er hin-
auf, dicht herantretend an das Haus.
,Nichts, gar nichts !' antwortete Kollmann dem
ihm altbekannten Mann.
,Na, denn gute Nacht, Herr Kollmann!?
,,Gut'Nacht, morgen soll Er einTrinkgeld haben!r
Damit schloß Kollmann das Fenster.
Das Zimmer war inzwischen ausgekühlt. Koll-
mann ging wieder zu Bett mit dem Gedanken, daß
er die durchwachte Nacht nicht zu bereuen habe; und
der treue Kollmann'sche Schlaf ließ nun auch nicht
lange auf sich warten. Still und tief senkte er sich
auf ihn nieder, fest den Traumlosen umfangend und
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erquickend. Er erwachte darnach klaren Kopfes und
mit gewandeltem Herzen, mit neuer Selbsterkenntniß
und mit neuem Muthe.
Zur gewohnten Stunde stand er am Morgen auf
seinem alten Platz: John war schon. vor ihm in das
Komptoir gekommen.
Er hatte nach dem gestrigen Gespräch nicht ohne
Besorgniß an das Begegnen mit dem Vater gedacht,
aber Kollmann sah heiter aus bei seinem Eintritt
in das Komptoir. Er hatte sich sorgfältig frisirt,
und nach der englischen Stehuhr blickend, die auf
demselben Flecke stand, auf welchem sie gestanden
seit Kollmanns Großvater, der große Rhederei be;
trieben, sie auf eigenem Schiff aus London mitge-
bracht, sagte er:
,Wir wollen heute sehen, hier so abzukommen,
daß wir noch vor der Börse zu Darner gehen;
expedire daher das Nothwendige bald.?
,Soll geschehen!' entgegnete John, von Herzen
froh, so weit zu sein. ,Joannu erwartet mich vor
zwölf Uhr.?
,Also um halb zwölf!' sagte der Vater und
setzte sich in seinem bequemen Drehstuhl an sein
Pult.
John hatte ein paar Mal aufßustehen, um Briefe
in das Komptoir zu tragen, es kamen verschiedene
Personen, mit denen man zu sprechen hatte; als er
dann wieder in das Privatzimmer zurückkam, war
die bestimmte Stunde da.
Kollmann stand vor. dem. Spiegel, zupfte den
steifen, hohen Hemdkragen bis unter die Ohren hinauf,
lockerte das in vielfachen Windungen um den Hals
geschlungene weiße Batisttuch, daß es das Kinn voll.
umgab, und hob das feingefältete Batistjabot aus der
gelben Piquetweste hervor, daß es sich präsentirte, wie

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es sich gehörte. Er wollte nicht älter aussehen, als
er war.
John that, als bemerke er es nicht, obschon es
ihn freute. Er war gesprächig auf dem Wege, Koll-
mann schweigsam. Die kurze Strecke war schnell.
durchmessen. Langsam stieg Kollmann die Treppe
nach dem Wolm hinauf. Er war sie ungezählte Mal
gegangen zu seiner Schwiegereltern und seines
Schwagers, des seligen Willbergs Zeiten; sie jett
noch einmal wieder zu betreten, hatte er nicht ge-
dacht.
Der Wechselmakler, der zufällig aus dem Komptoir
ihnen entgegenkam, sah ihn verwundert an. Es war
Kollmann verdrießlich.
,,Ein Gratulationsbesuch bei Jöannu!' sagte er,
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indem er grüßend an ihm vorüberging; aber der
Makler, der an dem Windfang ein wenig innehielt,
hörte es noch, wie Kollmann dem Diener den Auftrag
gab, ihn und seinen Sohn bei den Herren Darner
und Joannu zu melden, wie der Diener die Herren
hinaufwies in das erste Stockwerk.
,Also die Versöhnung ist komplet! Gut für den
Vater, besser noch für den Sohn! sagte der Makler
zu sich selber und zog die Thür hinter sich zu.
Da stand nun oben in dem Saale Kollmann an
derselben Stelle, von welcher er im Zorn von Darner
geschieden. Es hatte Thränen gegeben damals, hier
und dort; die waren lange getrocknet. Der Einen
lachte das Leben und das Glück, die Andere lag im
Grabe. Was sie denken würde, wenn sie ihn hier
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an seinem Platze; und seiner Mißempfindung das
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das über dem Sofa hing: ,Ich habe Dir ein großes
Opfer gebracht, vergiß das nicht!?
,Gewiß nicht, aber hoffentlich kein vergebliches
Opfer! setzte der Sohn hinzu, als die Thüre rasch
aufging und Darner festen Schrittes, ihm die Hand.
entgegenreichend, an Kollmann herantrat.
,Erfreut, Sie zu sehen!r sprach er. ,Gutes
Gluck kommt nie allein! Nehmen Sie Platz. Die
Verlobung meiner Tochter bringt mir Sie und Ihren
Sohn. Willkommen alle Beide!r
Seine freie Stirn, seine klangvolle Stimme, die
offene Bewegung, mit welcher er Kollmann und dann
John die mächtige Hand bot,; die unverkennbare
Zufriedenheit, welche aus seinen Mienen spraäh, hatten
etwas Unwiderstehliches. - Seinen Willen im Großen
wie im Kleinsten durchzusetzen, das war sein Lebens-
genuß, und gering, wie dieser Erfolg war neben dem
vielen Großen, das er errungen, hatte er eine Be-
friedigung darin, daß Kollmann, der vor den Augen
und Ohren seiner Gäste, in diesem seinem Zimmer,
ihm seine niedere Herkunft vorgeworfen hatte, ihm
kommen mußte, auf dieselbe Stelle, seines Beistandes
bedürftig für sich und seinen Sohn!
Frank und Polydor waren mit Darner fast
gleichzeitig erschienen.
Kollmann hatte den warmen Empfang, den ihm
alle Drei bereiteten, nur zu loben, aber er hatte sich
ihn anders erwartet, er hätte ihn anders, kälter,
förmlicher haben mögen, Darners Entgegenkommen
paßte nicht in sein Programm. Nichts von Allem,
was er auf dem Herzen gehabt, was er Darner,
Frank zu sagen gedacht, war anzuwenden nach des
Hausherrn sicherem Freimuth, der ihn hegrüßte, als
wären sie gestern erst beisammen gewesen, und ver-
traulicher mit ihm verkehrte, denn je zuvor. Darner

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hatte den Ton anzugeben, der zwischen ihnen walten
sollte, Kollmann ihn anzunehmen. Es ging Alles so
glatt, so selbstverständlich vor sich.
Polydor sprach von seiner Braut, Frank von
seiner Frau und seinem Sohne, den Kollmann durch-
aus sehen müsse und an dem er Freude haben würde,
weil der Bursche mit seinen sechs Monaten schon
ganz klug um sich blicke. John sprach seine Zufrieden-
heit darüber aus, wieder in seinem Vaterlande zu
sein, weil man in Rußland fest an ein Bündniß
Alexgnders und Napoleons auf Kosten Preußens
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glaube.

Darner meinte, so lange Napoleon mit Portugal
und Spanien nicht in Ordnung sei, habe man im
Norden auf eine Rast zu hoffen. Von den Siegen
war die Rede, welche die Engländer in Portugal
unter General Arthur Wellesley gegen die Franzosen
erfochten; von dem Blutbad, das die Franzosen nach
dem Verrath von Bayonne in Madrid angerichtet;
von der Erhebung Joseph Bonaparte's zum Könige
von Spanien, über welche eben die ersten ausführ-
lichen Berichte aus den französischen Zeitungen in
die Königsberger übergegangen waren, und vor Allem
war es wieder der in Sicht stehende Kongreß zwischen
dem russischen Kaiser und Napoleon, der in Preußen
die Besorgniß wach erhielt.
Die Unterhaltung konnte in einem Gesellschafts-
saale nicht unpersönlicher fließen, bis Darner, als
man des Kongresses erwähnte, die Bemerkung machte,
da es durchaus nicht abzusehen sei, welche Wendung
die Ereignisse nach demselben für Preußen nehmen
würden, so möchte es für John gerathen sein, die Ver-
tragsangelegenheit mit der preußischen Regierung bald-
möglichst zu festem Abschluß zu bringen; und mit
dem Worte war man mitten im Geschäfte.
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Darüber war die Zeit vergangen. Darner mahnte
an die Börsenstunde, die Kollmanns erhoben sich so
wie er.
,,Wenn die Herren ein wenig verziehen wollen,'
sagte er, sich zu den Beiden wendend, ,so gehen wir
gemeinsam. Mein Sohn erfährt dabei, was er im
Interesse unserer Freunde wissen muß, da er die
Antwort von ihnen erhalten wird; denn ich gehe
gleich nach der Börse mit Herrn Joannu zu meinen
Kindern hinaus, und wenn Herr John mir sagt,
welche Schritte er hier bereits gethan, welche Aus-
sichten man ihm eröffnet hat, so besprechen wir, wie
man die Sache, und durch wen man sie;an sich
bringen kann.?
Man hatte das dankbar anzunehmen, doch eben
dies Dankenmüssen war's, was Kollmann drückte; und
als sollte Alles dazu kommen, ihm diese erste Be-
gegnmg empfindlicher zu machen, fuhr der Doktor vor-
über, als er an Darners Seite aus dem Hause kam.
,Gratulor', gratulor' !r rief der Doktor voll Er-
staunen, es den Beiden überlassend, worauf sie den
Glückwwunsch beziehen wollten, während er Miene
machte, von der niedrigen russischen Droschke abzu-
steigen, deren er im Sommer sich bediente.
Darner verhinderte es.
,Auf später, Doktor! wir müssen vorwärts!r be-
deutete er ihn; und Kollmann, formell wie immer
die rechte Seite einräumend, bemerkte er gegen ihn:
,,In dem Kreise unserer Bekannten werden wir heute
dem neuen Könige von Spanien das Interesse streitig
machen. Ein Zerwürfniß überrascht die Leute nie;
ein Ausgleich immer!'?
,Sie haben hoffentlich mehr zu thun, als sich
um die Privatangelegenheiten von Privatleuten zu
bekümmern!fs meinte Kollmann,
Lewald. Die Familie Darner. .
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