Die Familie Darner. Roman in 3 Banden.
Fanny Lewald
Kapitel 35

A
=- Z06 =--
z
,Privatleute,' wiederholte Darner, ,Privatleute
sind wir ihnen nicht. Wollen sie uns als Groß-



mächte behandeln, haben wir uns darnach zu ge-
riren!?
,Wir, wir?' klang es noch in Kollmann nach,
als sie, mit einander sprechend, in die Börse ein-
traten und die Augen der Näächststehenden sich auf
?
z
sie wendeten, noch bevor er sich von Darner hatte,
trennen können.
,Er nimmt mich ins Schlepptau wie sein Sklaven-
schiff und bugsirt mich in den Hafen!r sagte er zu
John.
,Wenn er Sie und mich in das rechte Fahr-
wasser und in den sichern Hafen bringt, haben wir
ihm zu danken.r
,Das ist es ja!' antwortete der Vater.
Er hatte in der Nacht mit Selbsterkenntniß das
Schuldig gegen sich ausgesprochen und konnte es doch
noch nicht verschmerzen, daß er begnadigt ward und
die Gnade anzunehmen hatte.
zoeoOaaewoaoeoeaewoeooeeaeewogpppgspssgspssppppsp
Süünfunddreißigstes Kapites
z
,Haltet mir Dolores so munter!' hatte der
Vater zu Justine und Virginie gesagt, als er mit .
Polydor Strandwiek verlassen; und in ihrer eigenen
Fröhlichkeit waren die Beiden noch an dem Abend,
auf den Gedanken gekommen, zur Erinnerung an den
Verlobungstag das Schloß mit einer großen Fahne
zu schmücken, um sie, wie es nach des Vaters und
Franks Mittheilung in England der Brauch sein
sollte, bei der Anwesenheit des Schloßherrn in seinem
-
I
z

s
?

n

v
==- Z0? =-
Schlosse, als Zeichen für dieselbe aufzuziehen. Der
Zustimmung des Vaters hielt man sich gewiß, da sie
zum Andenken der Verlobung gestiftet wurde, und
wenn der Vater und Polydor zurückkehren würden,
sollte sie zum ersten Male ihre Parade machen.
Wollte man das erreichen, so hatte man der
Arbeit und der Beschäftigung -geng. Es mußte in-
die Stadt gefahren werden, zu sehen, was man dort
an Flaggentuch etwa vorräthig fände, unter welchen
Farben man zu wählen haben werde.-Mit dem
Schreiner, mit dem Schmied und mit dem Seiler
galt es zu verhandeln; die Fahne wollte auch genäht,
sollte von ihnen selbst genäht sein, und das Alles
kam schneller und besser zu Stande, als sie es selbst
erwartet hatten.
Nach vielem Neberlegen, ob man die mecklen-
burger oder die preußischen Farben nehmen müsse,
nach Berathen mit dem Hafenkapitän des kleinen
Ortes, der natürlich ein Flaggenkundiger war, hatte
man, da Dolores es vorschlug, schwarzes, rothes und
gelbes Flaggentuch gekauft. Es sah schön neben ein-
ander aus, obschon der Hafenkapitän gesagt, solch
eine Flagge gäbe es nicht auf dem Meere. Dolores
entgegnete, das seien die deutschen Farben.
Virginie blickte Justine an, sie erriethen Beide,
woher ihr dies Wissen gekommen sein konnte; aber
um durch Entgegnung keine Erörterung zu veranlassen
und um ihr ihren Willen zu thun, ließen sie es da-
bei bewenden. Man brachte das gekaufte Tuch im
Triumph nach Hause, und ging sogleich ans Werk.
Als man am nächsten Tage die drei Streifen
aneinander genäht, bemerkte Virginie, wenn die
Flagge recht schön sein sollte, so müsse sie eigentlich
doch in der Mitte noch ein Emblem haben, und da
man ja so glücklich in dem Schlosse sei, so müsse
Ah

-=- Z0s--
von Rechtswegen aus weißem Zeug noch ein recht
großer Stern geschnitten und als Glücksstern auf die
Flagge doppelseitig aufgenäht werden. Der Vorschlag
fand frohen Beifall, aber es hatte Eile, denn es war
unbestimmt, wann der Vater und der Bräutigam
wiederkehren würden.
Die Hände durften nicht rasten und das Plaudern
rastete auch nicht. Man dachte bei der freudigen
Arbeit des Staunens, mit welchem der Vater schon
von Ferne die lustig in der Luft fliegende Fahne
erblicken werde, und dabei flogen die Gedanken der
Fleißigen auch weithin durch die Luft, nach den
großen, berühmten Magazinen in Paris, von denen
die Ausstattung für die Braut, um Zollschwierigkeiten
zu ersparen, nach Venedig in den Palazzo Ferramonte
geliefert werden sollte; und nach dem hohen Dache
des Palastes, auf dem, wie Justine zuversichtlichh be-
hauptete, die weithin sichtbare Fahne auch nicht fehlen
würde bei Dolores' Ankunft.
Justine, in ihrem Shakespeare wohl bewandert,
nannte Polydor immer nur Antonio, den königlichen
Kaufmann von Venedig. Sie waren zuletzt der
Gegenwart ganz entrückt in ihrer Unterhaltung. Vor-
ahnend nahm der Zauber von Venedig sie Alle in
Beschlag. An dem heimischen Strande wiegten sie
sich in den schwellenden Polsterkissen der Gondeln
auf dem Canale grande; und wie nun in dem
Spiel der Phantasie ein Wort das andere gab, sagte
Virginie:
,Weißt Du, Justine, wir wollen sie auch nicht
mehr Dolores, wir wollen sie Porzia nennen von
heute ab!r?
,Ja, thut das!r rief Dolores, und in dem Ton,
mit welchem sie das sprach, lag ein Ernst, der den
Anderen auffiel.

=- 09==-
,Was seht Ihr mich so an? Ich meine es
ernsthaft,? sezte sie hinzu, ,lo, wie ich's sage.?
,Ernsthaft, was soll das heißen?' fragte Justine.
,Der Vater hat gesagt, ich solle eine Andere
werden, das habe ich ihm versprochen und bin es
auch; und da ich nicht mehr Dolores sein soll, will
ich Porzia sein. Jettzt will ich es Euch sagen, früher
hätte ich es nicht gekonnt: ich glaube an Namen.?
,Aber Dolores, was sprichst Du denn, was
heißt das wieder?? fragte Fustine abermals und
hielt in ihrer Arbeit inne.
,,Namen bedeuten etwas,? sagte sie, ,und wenn -
ich Virginie und nachher Dich, Justine, immer habe
sprechen und lachen und mit den Dingen und den
Menschen habe gleich fertig werden sehen, und ich
habe das nicht gekonnt, so habe ich immer gedacht,
das kommt von Deinem Namen. Dolores heißt
Schmerzenreich, und Du bist nicht zum Glück be-
stimmt!r
Virginie sprang auf und legte der Schwester
beide Hände auf die Schulter.
,, Und das hast Du nie, auch mir niemals gesagt?
Dolores schüttelte den Kopf.
,Ich konnte nicht, ich dachte, wenn ich's sagte,
würde es schlimmer!'
,Hast Du je so etwas geglaubt!'r rief Virginie
in dem Ton des Vorwurfs aus. ,Unser Leben lang
sind wir beisammen gewesen, Tag und Nacht, und
sie hat für sich allein gelebt! Siehst Du, jett könnte
ich mich Schmerzenreich nennen und weinen und
klagen über Dich!?
Dolores küßte sie.
,Sei gut, nun ist es ja vorbei, aber - im
Winter, wie ich so traurig war, da habe ich es
immer vor Augen gehabt, das Bild. Besinnst Du

-=- Z10 =-
Dich, das kleine Bilb! Es hing über dem Bette
unserer Mutter, und sie hat es mitgenommen in das
Kloster, die kleine Ksrtsr äoloross. mit dem Schwert
im Herzen. Damals habe ich immer gedacht, ich
habe auch das Schwert im Herzen, und das ist mir
vorausbestimmt, und darum haben sie mich Dolores
genannt!'
,Wahrhaftig,? fiel Justine ein, welche Eile hatte,
dieses Gespräch und diese Erinnerungen nicht auf-
kommen zu lassen, ,es ist Zeit, daß wir Deinen
königlichen Kaufmann anhalten, Dich Porzia zu
nennen, denn Du giebst uns lauter Räthsel auf,
und es ist ein Glück, daß er Dir die verschlossenen
Lippen mit seinen Küssen geöffnet hat, damit es doch
herauskommt. Was meinst Du, Virginie, wenn wir
zum Lohn dafür ihn beim Willkomm unter, dem
Banner unseres Hauses umarmten und küßten? Ge-
fallen wird er es sich lassen, denke ich! Aber gieb
die Stecknadeln her und hilf mir die Flagge flach
auf den Boden breiten. Mein Stern ist schön ge-
säumt, die Ecken alle scharf und spitt. Wir müssen
sehen, ihn recht in die Mitte zu bringen. Mache,
daß Du mit Deinem Stern auch fertig wirst, die
Fahne muß heute noch aufgezogen werden,'auf und
nieder, daß wir ihrer sicher sind, wenn der Schloß-
herr kommt mit Porzia's Paladin.r
Die Wärterin mit Lorenz kam dazwischen.
,Wenn man zaubern, wenn man den malen
könnte als den Sternträger auf der Fahne!'' wünschte
Virginie, und in dem fröhlichen Arbeiten ging der
Tag hin, bis am Abend die Handwerker sich in dem
Schloß zusammenfanden und nach mehrstündigem
Schaffen endlich unter ihrem Vivatrufen die Fahne
aufgebracht wurde und, von dem Abendwinde bewegt,
unter dem Jubel der Kinder und der von ihrer

=- Z11--
Arbeit heimkehrenden Leute zum ersten Mal stolz
auf dem Schlosse sich erhob.
Mit dem Gedanken an die Fahne schliefen sie
ein, mit dem Gedanken an die Fahne erwachten sie.
Ob man sie gleich aufziehen, ob man sie verborgen
halten und erst aufhissen müsse, wenn man den
Postillon werde blasen hören; ob die Erwarteten
heute, und zu welcher Stunde sie kommen, ob Frank
sie begleiten würde, das wurde überlegt, berathen;
und mit jeder fortschreitenden Stunde steigerte sich
die Spannung und die fröhliche Erregung. Weil
man sich die beiden letzten Tage zu hasten gehabt,
verfiel man in den freien Stunden bald auf dies
und bald auf das. Virginie band bunte Blumen
zusammen, welche als Kranz um die im Hause ge-
backene, große Torte prangen sollten. Dolores füllte
alle Vasen mit frischen Blumen, und als sie dann,
wie an dem Tage, an. welchem Polydor sie zuerst
gesehen, wieder Rosen vom Strauche brach, um sie
an ihre Brust zu stecken, sagte sie:
,,Daß ich mir in Venedig auch im Winter werde
Rosen pflücken können, das denke ich mir schön !r
Je länger es währte, je mehr die Sonne sank,
um so ungeduldiger wurden sie Alle.
Justine war zu ihrem Knaben hinaufgegangen,
ihn selbst zur Ruhe zu bringen. -
Die Schwestern waren allein. Dolores stand
zum öfteren auf, ihre Ühr mit der Ühr im Zimmer, mit
der Sonnenuhr im Hofe- zu vergleichen, dann ging
sie sehen, ob der Hofmann sich noch nicht zum Läuten
rüste. Sie sprach viel und lebhaft durcheinander,
Virginie hatte ihre Freude daran; sie dachte, wie
gut es sei, daß der Vater Dolores verheirathe, daß
er sie aus dem Träumen herausgerissen habe, es sei
doch jetzt anders und besser mit ihr.


R
-=- 8A -
, Ich wollte, sie wären schon da!r sagte Dolores.
,Polydor wird auch den Pferden Flügel wünschen,
und wie würde er sich freuen, wenn er Dich sähe in
Deiner Ungeduld!?
,Ja, ich bin ungeduldig, ich habe keine Ruhe.
Ich bin neugierig, was er sagen, wie Alles wieder
sein wird. Man weiß es und kann es sich nicht
denken, man begreift es eigentlich gar nicht, und
dann nachher, wenn er da ist, ist Alles so natürlich,
so von selbst.-- Nun, Du wirst es auch erleben,
wenn Du Braut sein wirst!r?
,, Fängst Du das Lied noch einmal an?r ent-
gegnete ihr die Schwester, und einstimmig riefen sie:
,Da sind sie!?
Das Posthorn erklang wieder aus der Ferne
wie an dem Tage, an welchem Dolores so bangen
Herzens den ihr bestimmten Mann erwartet hatte.
Der Diener hastete die Treppe hinauf, die Flagge
zu hissen, die Schwestern eilten vor die Thüre hin-
aus, Justine war auch herbeigekommen. Dolores'
Wangen brannten, ihre Augen glänzten noch heller
als vorhin, ihre Hände waren kalt.
Der Wagen hielt, Polydor sprang heraus, das
Lächeln der Braut winkte ihm, er hatte sie in seinen
Armen, sie machte sich los, den Vater eilig zu be-
grüßen; dann wendete sie sich wieder zu Polydor und
zog ihn mit sich in das Haus.
Darner sah es mit Zufriedenheit, daß sie sich
an ihren Verlobten hing. Aber noch ehe die Anderen
ihm den Willkomm bieten konnten, sagte er, und sie
hörten und sahen es ihm an, daß es ihm mißsiel:
,Wie kommt die Flagge auf das Dach!r
,Zu Ihrer Neberraschung, Vater, sie sollte Sie
und Polydor schon von Weitem grüßen; sehen Sie,
Ha ? zwse

?

-
- Z1Z --
wie sie lustig flattert; wir haben die ganzen Tage
daran genäht,'' berichteten Justine und Virginie.
Er hörte nicht darauf.
,,Treibt solche Spielerei in Eurer, in der Kinder-
stube, nicht an meinem Hause, auf offener Straße!
Die Fahne herunter, Franz!''
,,Vater, um Gotteswillen, Vater!=- Wart' Er
noch, Franz!-- Lassen Sie die Fahne, lieber Vater,
wir haben den Glücksstern darauf genäht -- Lora --
Sie wissen es nicht, Vater, aber Lora ist so aber-
gläubisch, sie hat ja das Alles früher nicht gesagt.
Sie hatten uns befohlen, wir sollten sie zerstreuen.
Sie hat sich so gefreut mit der Fahne, lassen Sie die
Fahne! Dolores würde es als ein böses Zeichen
ansehen, zöge man sie ein!rr baten und mahnten die
Beiden mit eiligen Worten wechselnd durcheinander.
,Nehme Er die Fahne herunter !' gebot Darner
noch einmal.
Die Frauen verstummten, der Diener entfernte
sich, den Befehl zu vollstrecken.
Darner ging in das Haus, die Andern folgten
ihm schweigend.
Mitten in der Wohnstube kam Dolores ihnen
entgegen.
,Seht, wie mein Glücksstern funkelt? rief sie,
auf das Halsband von Brillanten und auf die
Stirnbinde hinzeigend, die sich durch das Haar
geschlungen uüd in deren Mitte ein Diamantstern
in hellstem Lichte strahlte. Sie hatte' das Geschenk,
das Polydor ihr mitgebracht, vor dem Spiegel angelegt
und freute sich an ihrer reich geschmückten Schönheit. ,
Juustine hatte sich schnell gefaßt.
,Sagt' ich's nicht? sprach sie; ,der königliche
Kaufmann von Venedig! Mag sein Stern Dir immer
fröhlich leuchten!

= -
V
r
==- ZI =-
, Und mögen die einfachen Reifen, die ich Ihnen
im Namen meiner Braut zu bieten wage, Sie Beide
freundlich an uns erinnern, wenn wir fern von Ihnen
sein werden!r schloß Polydor sich ihren Worten an,
ihr und Virginie jeder ein Kästchen überreichend, in
welchem ein kostbarer Solitair eine Anzahl feiner
Goldreifen als Ring zusammenhielt.
Sie waren an Schmuck gewöhnt, doch die Pracht
dieser Diamanten, welche Polydor in der Gewißheit,
die Braut zu gewinnen, von Petersburg mitgebracht,
hatte auch für ihr Auge sein Blendendes, und sie
waren alle jung und schön. Während sie die Ringe
mit Wohlgefallen an die schlanken Finger steckten,
und Dolores sie die Armbänder und das Gürtelschloß
bewundern ließ, die das Geschenk ihres Bräutigams
vervollständigten, zog Darner zwei Briefe aus, der
Brusttasche und händigte den einen seiner Schwieger-
tochter, den andern Dolores aus.
,Vom Onkel?? fragte Justine voll. Erstaunen.
,,Ach, von unserer Göttling! rief Dolores;
,,heite kommt lauter Gutes!'
Und der Schmuck und der Bräutigam und die
gesenkte Fahne wurden darüber für den Augenblick
vergessen.
Kollmann hatte nur mit wenigen Worten ge-
schrieben, daß ein Ausgleich zwischen ihm und den
Darners zu Stande gekommen sei, daß er mit Ge-
ngthuung von Justinens Wohlergehen erfahren habe,
daß er sie wiederzusehen erwarte bei ihrer Rückkehr
in die Stadt. Ein herzlicher Brief ihres Vetters
war in den des Onkels eingeschlossen; aber lebhaft,
wie ihre Freude war, hatte sie Selbstbeherrschung
genug, sie nicht vor dem neuen und doch immer noch
fremden Familienmitglied zu äußern. Sie drückte
und küßte mit einem Worte des Dankes ihres

!
s

!

g
==- 81B=-
Schwiegervaters Hand; er leß es ebenso wortlos
geschehen. Ihre Zurückhaltung war nach seinem
Sinne.
Mit Dolores war es ein, Anderes. Sobald sie
die ersten Zeilen des erhaltenen Briefes durchflogen,
begann sie in ihrer gerührten Freude ihn laut vor-
zulesen, und Madame Göttling, der es endlich wieder
einmal freigestanden, ihr Herz vor ihren Pflegetöchtern
auszuschütten, hatte sich gehen lassen in der Schilde-
rung ihrer Sehnsucht, in der Freude, das Kind ihrer
Justine, den Bräutigam ihrer Dolores kennen zu
lernen, ihre geliebte Virginie wieder umarmen, und
die glücklichste Zeugin all dieses Glückes werden zu
können. -
Der Brief war lang und gegen die sonstige Ge-
wohnheit der verständigen Frau sehr überschwenglich;
aber Dolores las ihn mit Entzücken, sich fortwährend
unterbrechend, um ihrem Verlobte eingänglich zu
machen, wer die Schreiberin sei und um was es sich
zwischen ihnen handle.
Darner hatte das Zimmer bald verlassen, Poly-
dor an einem der Fenster Platz genommen. Er
nickte anfangs freundlich, entgegnete auch' ab und zu
ein Wort auf die Erklärung seiner Braut, dann
ward er still, und Justine, welche die Achtsamkeit auf
ihre Umgebung nicht leicht verlor, bemerkte, daß er
in berechtigter Ungeduld leise mit den Fingern auf
dem kleinen Tich trommelte, der an seiner Seite
stand. Sie legte sich schnell' in das Mittel, indem
sie lachend der Schwägerin den Brief aus der Hand
nahm.
,Nun aber genug von der treuen Seele,? rief
sie, ,die läuft uns ja nicht weg, und Dein Bräutigam
wird eifersüchtig werden und Furcht bekommen vor
einer so ausgiebigen Treue!r?-

n
b=- I1sß--
,Ach, daran hab' ich nicht gedacht! sagte
Dolores.
,Das eben beklage ich! entgegnete Polydor, und
sie sah an seiner Miene, daß er empfindlich war.
,Polydor, bist Du wirklich eifersüchtig?? fragte
sie, indem sie ihre Hand auf seine Schulter legte.
,Nein, aber Du bist verschwenderisch mit den
flüchtigen Stunden, die mir gegönnt sind, und ich
zähle sie- und frage mich dabei, ob ich Dir die
Dame nicht mitnehmen müßte, über die Du mich so
ganz vergißt!rr
Dolores stand erschrocken vor ihm; sein Auge
war ernst und kalt auf sie gerichtet, und weil sie das
Wort nicht fand, ihm zu erwidern, sagte Justine:
,,Wie sie nun dasteht! Aber wir Alle tragen die
Schuld, wir haben sie Alle verzogen, und sie eiß
es noch nicht, daß kein Mann theilen mag. Merk!
Dir das, Lora! Selbst unser Herrgott will ja keine
Götter haben neben sich!?
Sie warf das wie im Scherze hin, nahm Virginie
unter den Arm und ging mit ihr davon, das Braut-
paar sich selber überlassend.
Justine hatte ausgesprochen, was Polydor ge-
dacht; die Erinnerung an den Abend, an welchem
Dolores sein leidenschaftliches Werben abgewiesen,
kam dazu, ihn zu verstimmen. Dolores hatte ihn
verletzt und Justine hatte Recht. Reizend, wie
Dolores ihm war, hatte er sie, das von Allen ver-
wöhnte Kind, doch nach seinem Sinne, nach seinem
Bedürfen zu erziehen; denn sie war jett sein, ihm
verlobt von ihrem Vater, und gleich in dieser Stunde
hatte er es beizubringen, daß sie nicht allein die
Beglückende sei, sondern auch die Beglückte. Sie
sollte einsehen lernen, daß das Mädchen, welches er
gewählt, stolz darauf zu sein habe; sie sollte sich ihm
?

P
=
==- Z? =-
fügen mit Glücksgefühl, wie manch' schönes Weib sich
ihm gefügt; wenn sie ihm auch schöner, begehrens-
werther dünkte als je ein Weib zuvor, und wenn es
ihm auch schwer fiel, ihres bittenden Blickes nicht
zu achten, den schlanken Leib, der sich zu ihm neigte,
nicht in seine Arme zu ziehen. Sie hatte ihm weh
gethan, sie sollte nicht glauben, daß er's ihr nicht
vergelten könne. Er fühlte seine Liebe an seinem
Zorn, wie klein auch der Anlaß gewesen, der ihn
erregt.
Dolores blieb stehen. Ein paar Sekunden ver-
gingen. Er wartete vergebens auf ein Wort aus
ihrem Munde, die flüchtigen Augenblicke lasteten
auf ihm. Aber sie stand regungslos und sein Wort
erwartend, wie er das ihre,- Ihre Augen waren
fest auf ihn, gerichtet. Er sah es nicht, denn er hatte
sich in dem selbstgefälligen Spiel mit ihr, von ihr
abgewendet.-
Mit einem Mal zuckte ein tiefer Ernst durch ihr
Gesicht, sie richtete sich auf, trat vor den Spiegel
hin. Polydor, jett rasch ihrer Bewegung folgend,
sah, wie sie die Hand erhob und nach dem Stirn-
, band griff.
,Dolores, um Gotteswillen, was soll das??
rief er, an sie herantretend und ihre Hand er-
greifend.
Abet, sie hatte den Stern schon aus ihrem Haar
- gezogen. f,
,Was soll mir der Stern, wenn Du Dich von
. mir wendest! sagte ße.
Er kannte den Ton nicht wieder; wie ihres
Vaters Stimme klang es von ihren Lippen. Das
Erstaunen, das Erschrecken war jetzt an ihm. War
das Dolores, die Alle wie ein Kind behandelten, die
er unterjochen zu können geglaubt durch einen Blick?

- ata ?
Ihr Ernst hatte etwas Königliches, das ihn über-
wältigte, dem er wehren, das er beugen mußte.
Er umschlang sie, und jetzt wendete sie sich von
ihm ab. In dem Bestreben, sie zu halten, sank er
ihr hingerissen zu Füßen, er preßte sie an sich:
,Dolores, Dolores, fühlst Du es denn nicht,
daß nur die Liebe, meine heiße Liebe zu Dir, mich
zu dem Wahnsinn getrieben, Dir die freundliche Er-
innerung zu neiden??
,,Ich liebe die Liebe nicht, die mir keine andere
Liebe gönnt, und ich will nicht lütgen!'?
,,Liebe, wen Du willst, wie Du willst, nur liebe
mich auch, denn ich bete Dich an!' rief er, und der
Gewalt und Gluth seiner Worte, seiner Küsse wider-
stand sie nicht. Sie lehnte den Kopf an seine Brust,
er settte sich, zog sie auf seine Kniee und küßte ihr
die Thränen von den Augen, bis sie erweicht, den
Arm um seinen Nacken legte; aber in Trunkenheit
seines Glückes wußte er es jetzt dennoch, daß eine
Kraft, die er nicht geahnt, sich barg in ihrem Innern,
daß er mit Dolores nicht spielen dürfe, wie er ge-
spielt mit anderen Frauen.
Die Glocke rief zur Mahlzeit.
,, Komm, sagte Dolores, ,der Vater mag nicht
warten !?
,Nur ein Wort noch!'' bat er. ,bDie Stimme,
mit der Du zu mir sprichst, ist noch nicht die Deine.
Was muß ich thun, damit ich wieder den süßen
Laut, den geliebten Laut vernehme, den ich nicht ent-
behren kann??
Ihre Augen sahen ihn freundlich an.
,Was Du thun sollst? Mich lassen, wie ich
bin, und mir Alles lassen, was ich doch nicht lassen
kann, auch wenn ich bei Dir sein werde, weit
von hier !

-
BaS? ,-, F-
-=- Z9-
,Alles, Alles, wie Du's willst, Geliebte, sei nur
wieder Du selbst, meine Dolores! Sieh' mich an,
sprich, lächle und komm! Stecke den Stern wieder
in Dein liebes Haar!r
,Du bist der Herr und sollst gehorcht sein!r?
sagte sie in der Sprache des Landes, das sie mit
ihm bewohnen sollte, und sie klang ihm doppelt süß
von ihren Lippen.
Der Vater hatte sich, als sie hinzukamen, bereits
am Theetisch niedergelassen. Polydor erbat Ver-
zeihung fir sein Zögern.
Darner sagte, man werde sich gewöhnen müssen,
Dolores zu entbehren, und habe sie schon jetzt mit
ihm zu theilen.
Die Frauen sahen sie darauf an, wie jener erste
kleine Zwiespalt geendet haben mochte; aber das
weiche, hingebende Lächeln der Braut, die überwallende
Zärtlichkeit des Bräutigams sprachen für sich selber;
und es gab, da Polydor wieder nur vierundzwanzig
Stunden verweilen konnte, viel Nothwendiges zu be-
rathen, was schriftlich kaum abzumachen war, da eine
so weite Entfernung die Ostsee von dem mittel-
ländischen Meere trennte, und selbst eine Estafette
mit allem ihrem Kostenaufwand für Anfrage und
Antwort die Zeit von mehr als vierzehn Tagen in
Anspruch nahm.
Wollte Polydor nicht wie ein Courier den Raum
durchmessen, so mußte er sich gleich trennen von seiner
Braut, um die Frau, wie er es wünschte, bei sich
empfangen zu können. Da man die Hochzeit schon
auf die Mitte des August angesettt, so hatte auch
Darner mit den Seinen sehr bald von Königsberg
aufzubrechen; denn die Frauen sollten nicht ermüdet
werden, die Sommerhitze erheischte doppelte Vorsicht.
Darner war auch der Ansicht, daß jeder Kaufmann,

=-; - -
-

-;-=- -?
- ZW0 -
dessen Geschäfte weit hinausreichten in die Welt, zur
Zeit des von Napoleon geplanten Kongresses, dessen
Folgen nicht vorauszusehen waren, an seinem Platz
in seinem Hause sein müsse, um allen Möglichkeiten
begegnen, die günstigen Aussichten benüten, den be-
drohlichen vorbeugen zu können.
Daß man bei der Reise und bei der Hochzeit
auf Frank zu verzichten habe, hatte schon in Königs-
berg zwischen den Männern festgestanden, und ebenso,
daß auf die Anwesenheit von Joannu's Vater und
Bruder nicht zu rechnen sei. Um so mehr aber
wünschte Dolores, daß Justine ihr nicht fehlen möge.
Auch diese meinte jedoch, es ablehnen zu müssen.
Sie hatte sich sonst wohl gemeinsam mit den Schwä
gerinnen in dem Gedanken an weite Reisen, an
Reisen nach Jtalien gewiegt; nun die Aufforderung
zu einer solchen an sie herantrat, stellte sich ihre Be-
sorgniß vor der weiten Entfernung, vor der langen
Trennung von ihrem Manne und vor Aüüem ron
ihrem Kinde als ein Hinderniß dazwischen. Sie er-
klärte, den Knaben unmöglich hiwr auf dem Lande
allein zurücklassen zu können.,
,Wer sagt Dir denn,' fragte Darner, ,daß er
hier bleiben muß? Dder glaubst Du, Tochter, daß ich
mich wenigee um ihn und seine Erhaltung sorge als
Du,daß ich nicht an ihn und seine Sicherheit ge-
dacht habe? Hier natürlich kann er nicht bleiben.
Er muß in die Stadt, zu seinem Vater, in das Haus,
in dem Du ganz ohne Mutter erwachsen bist; und
die Frau, die Dich in demselben gehütet, als Du so
alt gewesen bist wie er, wird auch ihn versorgen!r
,Die Göttling? die ist ja gebundenl'r rief Justine,
überrascht von dem Gedanken.
,Gebunden freilich, aber zu entbehren!' ant-
wortete Darner. ,Schreibe ihr, daß ich, daß wir es
Haw=sss=s======o== =-==== ====Faas=aasa
a. SAa-ueuaRea

-'
=- I2 =-
z wünschen, ihr Lorenz anzuvertrauen. Sie wird arlt
Freuden dazu bereit sein, ihn zu übernehmen. Schreibe,

==
f-
k-
ß
s -
: -
-

e .
wen Du willst, auch Deinem Onkel. Er pvird die
Forderung nicht abweisen, wenn Du sie stellst, wenn
Polydor sie ihm in Deinem und neinem Namen
überbringt.?
Die Schwestern jubelten dem ßlane zu, er leuchtete
auch Justinen ein, ihre Reiselust kam dazu. Konnte-
sie mitgehen, so war es nur unter diesen Voraus-
setungen möglich. Sie meinte jedoch, ihre Aussöhnung
mit ihrer Familie nicht damit beginnen zu dürfen,
daß sie ein Opfer von ihrem Onkel heischte, welches
ihm schwer fallen- könne.
,Kein Bedenken darüber, Justine!f sagte er;
Dein Oikel und Dein Vetter brauchen uns und
Polydor, güd wir brauchen Madame Göttling für ein
paax- Monate. Sie werden fextig werden auch ohne
sie; unh Du sollst Dolores mit mir in ihre künftige
Heimat' gslehten, wie Polydor es wünscht und Frank
mit ihm.? -
? Die Seinen' kannten den Ton, der keine Wider-
-rede zuließ. Venedig lockte, alle Theile zeigten sich
befriedigt, selbst die Aüssicht, morgen der alten
Freundin schreiben zu können, wag ggfreulich; und
wie Iman dann befreiten Sinnes -Einzelhejten über
Einzelheiten durchsprach und berieth, rief mit''einen---
.-,
mal Dghores:
,Mn allem Möglichen wird geredet und an alles
Mögliche wird gedacht, nur an unsere schöne Fahne
denkt kein Mensch mehr! Was haben Sie' denn ge-
sagt, Vater, als sie Ihnen schon von ferne das
,Villkommen zu Hause!! entgegengewinkt hat??
,Ich habe dem Postillon befohlen, schnell zu
fahren, damit sie bald herunterkam von meinem
Dache.?
Lealb. Die Janillie Darner. Ü.
et

-
z
=- 82A =-
z
z
,Unsere schöne Fahne?
,,Der Vater hat sie abnehmen lassen!r bedeutete
Virginie, üch entsinnend, daß die Schwester dem Vor-
gange nicht beigewohnt.

s
, Unsere Fahne, die deutschen Farben??
Der Vater lachte.
,,Es giebt gar keine deutschen Farben und keine
deutsche Flagge, weder auf dem Lande noch zur See;
und unter fremder Flagge oder gar unter einer
Phantasieflagge lebt man nicht und fährt man nicht.
Aber wer hat Dir, Euch Allen denn die Mär erzählt
von Deutschlands Fahne und von ihren Farben??
,,Eberhard !r stieß Dolores hervor, erröthend vom
Scheitel bis zur Brust, da sie den Namen ausge-
T. --
Polydor entging das nicht und ebensowenig ihre
d
,Wer?' fragte er.
,Ein Baron Stromberg, ein Freund meines
Sohnes, ein wackerer Mann, aber leider ein Phantast!
äntwortete der Vater schnell und setzte dann, gegen
die Seinen gewendet, hinzu: ,Legt die Legende von
den drei Farben und von der deutschen Fahne zu
den andern Märchen und Phantasien, mit denen er
Euch unterhalten hat und die auch in der Luft hingen,
wie Euer Spielzeug heute.
Man stand auf, da der Vater das Zeichen dazu ,
gab, und ging ins Freie.
Eberhard von Stromberg! Den Namen hatte sich
Polydor gemerkt. Als man sich dann trennte für die
Nacht, küßte er Dolores noch einmal.
,,Träume von mir l'r bat er und er betonte das -
letzte Wort eigenthümlich, daß es Dolores auffiel.
Oben auf ihrem Zimmer blieb sie stehen, und
sah sich um.
z
s

ß
H

l
- a
-- 82 --
Virginie fragte, was sie suche.
,Mich!r gab sie zur Antwort. ,Wenn ich denke,
daß wir in wenig Tagen fortgehen werdeß, daß Ihr
dann wiederkommen werdet ohne mich, und wie Du
allein hier wohnen und mich suchen wirst und ich
Euch suchen werde in dem Palast, ohne Euch zu
finden- Scheiden ist gar zu hart.? -
E 1L?- =
und in lebhafter Rede erzählte sie der Schwester
Alles, was zwischen ihr und ihrem Bräutigam vor-
gekomnmen war.
,Aber weshalb hast Du das gethan, weshalb
, hast Du das Stirnband abgelegt??
,Ich that's mit Absicht, ich war nahe am Weinen,
als ich sah, daß Polydor mir zürnte; aber Ihr hattet
mich auch vor ihm wieder ein verzogenes Kind ge-
nannt, ich wollte das nicht mehr sein, ich wollte ihm
zeigen, daß ich es nicht mehr bin. Ich war zornig
über seinen Zorn. Er sollte sehen, daß Diamanten
mir nichts werth sind, daß man mich mit ihnen nicht
gewinnt und nicht beglückt. Ich haßte sie in dem Augen-
blick und wollte sie von mir werfen ihm zum Trotz.?
, ,Und was hat Polydor dazu gesagt??
,Zu Füßen ist er mir gesunken voller Zärtlich-
keit, da er gesehen hgt, daß seine Diamanten mich
nicht glücklich machen, und er hat mich angesehen
mit seinen schönen Augen, mit seinem guten Gesicht.
Denn er ist, nicht wie der Vater und-- die Anderen,
-- die'nur ein Gesicht haben. Er hat zwei, und das
eine leb' ich, das andere - vor dem andern hab'
ich Furcht. ?
,Ich bitte Dich, Dolores, sprich nicht so, rege
Dich nicht so auf; auch Du hast heut ein anderes
Gesicht, ich kenne Dich nicht wieder.?

Ay

,
z
-= Z2T--
,Ich kenne michselbst nicht mehr, ich liebe Polydor!
Ich denke immerfort an ihn, ich sehne mich in seine
Arme und träume von ihm in der Nacht. Das
Herz klopft mir, sowie er kommt; ich mag nicht, daß
er geht, ich sehne mich neben ihm in seinem Hause,
allein mit ihm; und sieh, Virginie, wenn ich mir
nicht immer sagte, daß ich kein Kind mehr sein darf,
und daß mich Tausende beneiden werden um mein
Glück und seine Liebe = -ich könnte aufschreien und
weinen wie ein Kind, immerfort, immerfort! Wäre
unsere Mutter nur nicht von uns fortgegangen!
Virginie wurde immer rathloser.
,So weine Dich aus,? sagte sie und umschlang
die Schwester, ,Du hast Dir die Nerven überreizt
und es ist spät; laß uns zur Ruhe gehen, Du mußt
schlafen!? Sie nahm ihr dgbei das GeschmeideJ ab
- und fing an sich zu entkleiden, Dolores folgte ihiem
Beispiel.
Als sie zu Bett gegangen war, trat die Schwester -
noch einmal an sie heran, sie liebkosend und küssend.
,Du wiegst mich ein wie Justine ihren Lorenz;
küsse mir auch noch die Augen, wie sie es ihm thut.
So, nun mache ich sie nicht mehr auf, denn ich will -
träumen von Polydor. Er hat mich ja darum ge-
beten, und er kann so zärtlich sein. Gute Nacht,
mein anderes Ich!r
Nach einer kleinen Weile war es still in der
Stube. Virginie hörte die ruhigen, tiefen Athemzüge
der Schwester, die schnell eingeschlafen war; aber sie
wachte lange und mit schwerem Herzen.