Die Familie Darner. Roman in 3 Banden.
Fanny Lewald
Kapitel 36

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Sechsunddreißigsies Kapites!
,So früh auf?? fragte Darner, der wenig
Schlaf bedurfte und sich immer vor allen Anderen
- erhob, als er, an Justinens Zimmer vorübergehend,
die Fenster auch bei ihr schon offen und sie an ihrem
Sekretär erblickte.
Sie erhob sich und sagte, Lorenz sei wie der
Großvater, er habe sie früh geweckt und sie habe
- die Stille und Frische des Morgens benutzen wollen,
ihrem Manne, dem Onkel und Madame Göttling zu
schreiben.
Der Vater lobte das, bat sie aber, für ein paar
Augenblicke zu ihm hinauszukommen. Sie gehorchte,
er bot ihr den Arm, und wie er dann vor dem
Hause mit ihr auf und nieder ging, sagte er:
,Ich weiß, Tochter, daß man sich auf Dich und
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Deinen Takt verlassen kann, und ich spreche es Dir
gern aus, daß ich mich in Dir nicht geirrt habe,
däß Du gewesen bist und gehalten hast, was ich von
Anfang von Dir erwartet. Was Du der Göttling
zu schreiben denkst, wirst Du nach Deinem Ermessen
und nach der Kenntniß machen, die Du von ihr hast.
Sie wird glücklich genug sein, von dem Wege, den
sie thöricht eingeschlagen, mit so guter Art zu uns
zurückkehren zu können. Mit Deinem Onkel ist es ein
Anderes. Ich habe ihm die Hand geboten, weil er
Hilfe nöthig hat und weil ich weiß, daß ich Dir eine
Genugthuung damit bereite. Zeige Dich' ihm an-
hänglich, denn er hat gut für Dich gesorgt, bis Du
die Unsere geworden bist, aber wäge Deine Worte;
weder er noch sein Sohn dürfen darüber im Unklaren
sein, wer die Verzeihenden, die Gewährenden sind.
Du schuldest das mir, Deinem Manne und Dir selbst.?

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,Wollen Sie, daß ich Ihnen den Brief zeige,
lieber Vater??
,Nein, ich verlasse mich auf Dich; nur über
unsere nächsten Einrichtungen will ich Dich unter-
richten. Ich habe mir die Sache in der Nacht zu-
rechtgelegt: wir müssen morgen in acht Tagen auf
dem Wege nach Venedig sein. Polydor soll Dich,
den Knaben und Virginie morgen zur Stadt geleiten.
Ihr nehmt den großen Wagen. Du hast dann noch
eine Woche mit Mann und Kind für Dich, kannst
zu Kollmann gehen, die Göttling bei dem Knaben
einrichten. Nchsten Dienstag Abend folge ich Euch
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mit Dolores nach, und ich wünsche, daß die Koll-
manns am Mittwoch unsere Gäste sind, sie allein.
Was für Dolores nöthig sein könnte, werdet Ihr be-
sorgen. Am Donnerstag reisen wir. Und nun geh,
Tochter, und schreibe Deine Briefe; ich will den
Wagen nachsehen lassen noch vor dem Frühstück.
Ich verlasse mich auf Dich! wiederholte er.
,Das können Sie, Vater, denn ich verstehe Sie
vollkommen in allen Ihren Anordnungen.?
,,Das hatte ich erwartet! entgegnete er ihr, ohne
daß es zwischen ihnen ausgesprochen ward, weshalb
er Dolores allein bei sich zurückbehielt. ,Ich denke,
auch der Junge, den Frank und Du mir gegeben,
soll nicht aus der Art schlagen und Verstand und
Festigkeit haben wie ich, wie Frank und Du.?
Stolz auf sein Lob, denn er lobte selten, ging
Justine in ihr Zimmer. Die langen Briefe waren
durch die neuen Anordnungen überflüssig geworden.
Die beiden Billette, welche nach der Ankunft in der
Stadt in das Kollmann'sche Haus zu senden waren,
um das bevorstehende Wiedersehen und das zu stellende
Verlangen einzuleiten,. waren bald in des Schwieger-
vaters Sinn geschrieben. Justine hatte sich dabei
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mit ihrer Zurückhaltung gegen den Onkel keinen
Zwang aufßuerlegen. Sie hatte es bitter empfunden,
wie die Ihren sie nach ihrer Verheirathung aus Hoch-
muth aufgegeben; und grade in dem Augenblicke der
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beabsichtigten und von ihr gewünschten Aussöhnung
tauchte die Erinnerung an jenen Morgen wieder deut-
licher, als es ihr lieb war, in ihr auf.
Als dann aber die Familie sich zusammenfand,
waren alle Stirnen frei und hell wie der Tag, der
über ihnen leuchtete. Die schlafreiche Nacht hatte
Dolores beruhigt. Vgginie sprach ihr von dem ver-
gangenen Abende nicht, sie selber mochte sich nicht
an ihn erinnern, auch Polydor sollte ihn vergessen;
und wie wenig sie sonst daran dachte, ihre Schönheit
durch ihre Kleidung noch mehr zur Geltung zu bringen,
hatte sie an dem Morgen einen Anzug angelegt,
dessen offene Aermel ihre schönen Arme zeigten und
das ungeflochtene Haar mit blauen Bändern so zu-
sammengenestelt, daß es mit seinem weichen glänzen-
-'den Gelock ihr Stirn und Wangen umspielend, auf
ihre Schultern und auf ihre Brust herniederfloß.
Polydor sollte sie schön finden, sollte sehen, daß sie
des Schmuckes entrathen könne; und da er im Ver-
kehr mit Frauen ein guter Beobachter geworden war,
erkannte er ihre Absicht auch bei dem ersten Blick.
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So sorglos heiter war man seit der Verlobung
nicht beisammen gewesen.
Dolores, die bis dahin, wenn sie von Polydor
gesprochen,. ihn immer nur mit diesem Namen be-
zeichnet, nannte ihn heute, wenn sie von ihm redete,
ihren Bräutigam und lächelte fröhlich, wenn sie das
Wort gesprochen hatte. Der zuversichtliche Familien-
ton beherrschte das Gespräch. Aber die für den

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nächsten Morgen unerwartet festgesetzte. Abreise von
Justine und Virginie gab den Beiden viel zu schaffen.
Sie entfernten sich also bald. Auch der Vater ar-
beitete in seinem Zimmer, weil eine Anzahl Briefe
und seine sonstigen Aufträge für das Geschäft morgen
nach der Stadt mitgenommen werden sollten, und das
Brautpaar blieb also fast den ganzen Tag sich selber
überlassen.
Polydor war dessen froh. Er wich nicht von der
Seite seiner Braut, er genoß sich in der Fülle der
geistreichen Liebenswürdigkeit, mit welcher er sie über-
schüttete; und da er in der Gesellschaft von Peters-
burg, Paris und Venedig, in der er von früh an
gelebt, jungen Mädchen und vor Allem einem Mädchen
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Am Nachmittag führte er sie nach dem Pavillon
auf der Düne hinaus. Der Weg war nicht weit,
das Ziel bald erreicht. Das breite, schützende Dach,
die bequemen Sitze luden zum Ruhen ein. Arm in
Arm, wie sie gegangen waren, ließen sie sich nieder.
,Unabsehbar breitete das Meer sich vor ihnen aus in
tiefer Stille, keine Welle auf seinem Wasser, kein
wehender Hauch vom Himmel, dessen tiefes Blau sich
spiegelte in der weitgebreiteten Fläche. Aber das
Wasser und die Luft und der weiße Ufersand funkelten
im Sonnenlicht, die Wärme zitterte und flimmerte
in der Luft und strahlte zurück von dem trockenen,
durchglühten Sand der Düne.
,Hier ist's schön!r sagte Dolores.
,Ja, hier ist's schön,? wiederholte Polydor, ,denn
hier habe ich Dich allein für mich, und ich werde
die Stunden zählen, bis zu der ersehnten, in der es
mir wieder so gut wird wie hier. Sieh,? fuhr er
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fort, ,sieh, dort hinten ganz am Rand des Horizontes
liegt ein Schiff; siehst Du's? Die Winbstille hat es
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aufstehen, daß er es zu uns brächte, und jett gleich
in dieser Stunde führte ich Dich mit mir fort!r
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,,Wenn Du das könntest!?
,Dolores, wie beseligt mich der Wunsch!'r rief
er und zog sie an sich.
,Ja,' sagte sie, ,gleich fort mit Dir, dann
wär's geschehen, dann wär's vorbei, das Scheiden,
das Trennen, dann wär's gut! Wenn es käme, das
- Schiff! Versuch es, ruf! es, vielleicht kommt es, und
dann laß uns ziehen!?
Aber er rief es nicht. Ihre Worte durchfröstelten
ihn und es half ihm nichts, daß er sich sagte, ihre
Empfindung sei berechtigt, denn sie habe zu scheiden
von dem Vaterhause und von den Zhren, um einem
Fremden in ein fremdes Land zu folgen. Der Ge-
danke, daß noch ein anderes Scheiden ihr das Herz
belaste, quälte ihn. Er hätte den Namen nicht
kennen mögen, der gestern vor ihm ausgesprochen
worden. Wie ein böser Zauber hatte' er ihn aus
dem,Traume des höchsten Glücks erweckt. Er hatte
das Leben erprobt von seinen Höhen bis. in seine
Tiefen. Liebe, Leidenschaft, sinnlicher Genuß, Alles
war ihm zu Theil geworden. Seiner Person und
seinem Reichthum hatte er Eroberungen aller Art,
Täuschungen und Enttäuschungen die Fülle zu ver-
daken gehabt. In Dolores hatte er zu finden ge-
glaubt, was er nie zuvor besessen: ein durch keine
Erinnerung entweihtes Herz, das ganz und ungetheilt,
allein ihm eigen. Er war bereit gewesen, sie dafür
anzubeten. Wenn sie Gedanken, eine Sehnsucht
hatte, die sich auf Andere, auf einen Andern richten

konnten als auf ihn, so konnte er sie immer noch
lieben, schön, bezaubernd finden, heiß begehren; aber
sie war nicht mehr sein Jdeal, um das er seine ganze
Vergangenheit vergessen wollte. Sie war ein Weib
wie andere auch= und er hatte wieder eine Ent-
täuschung erlitten. Er schalt sich einen Schwärmer,
einen Phantasten und erkannte es sich doch als einen
Vorzug an, daß er ein solcher noch zu sein ver-
mochte; und er, der immer rasch Entschlossene, war
ungewiß, ob er aussprechen solle, was er empfinde,
ob er in den Augen des Mädchens, das seine Braut
war, seine Frau werden sollte, dadurch gewinnen
oder verlieren werde. Er hätte es -wissen mögen,
ob ein Anderer vor ihm diese feuchtschimmernden
Augen in vorahnendem Bangen auf sich gerichtet ge-
sehen, ob eines Andern Arm den schlanken Leib ,um-
fangen, ein Anderer vor ihm die schwellenden Lippen
berührt. Und er wagte die Frage nicht zu thun,
aus Furcht, zu erfahren, was ihm das Glück zerstören
könnte, an das zu glauben er begehrte.
Sein ungewohntes Schweigen fiel ihr auf.
,Woran denkst Du, Polydor? fragte sie ihn.
, Und Du? entgegnete er ihr, aus seinem Sinnen
aufgerufen.
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,Ich dachte, daß es immer so warm und still.
sein wird bei uns in Venedig.?
,Engel, mein süßer Engel, mein Abgott! rief
er, von den beiden schlichten Worten ,bei uns' hin-
weggehoben über all sein Zweifeln. ,a, es wird
schön sein und hell immerdar bei uns, wenn Deine
Augen, über mir leuchten! Thor, der ich war, der
Schatten eines Traumes quälte mich, und ich hielt
das blühende Leben in meinen Armenl
,Wovon sprichst Du? Ich verstehe Dich nicht!?
,,Das sollst Du auch nicht, nur glauben sollst
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Du, daß ich Dich liebe, daß Du mir eine zweite,
schönere Jugend giebst, und versprechen, fest ver-
sprechen sollst Du mir, daß Du nichts behalten willst
für Dich allein, daß jeder Deiner Gedanken, jeder
Deiner Träume mein sein soll, mein allein! Versprichst
Du mir das, meine, meine Dolores??
,a, gewiß!r sagte sie, übexrascht und hinge-
nommen von so viel Leidenschaft und. über sich selbst
erstaunt, weil sie es war, die ihn, ohne zu wissen
wodurch, aus seinem Sinnen in diesen Freudenrausch
verwandelt.
Sie lehnte mit ihrem Kopf an seiner Brust,
, seine Hand ruhte auf ihrem Herzen, sie fühlte seinen
Athem auf ihrer Stirn, seine Liebesworte klangen in
ihr wider. Er hatte ihr nie so gut, so ganz gefallen;
und so sollte es immer sein fortan, fortan, wenn sie
bei ihm sein würde in Venedig.
Die Segel des fernen Schiffes waren aufgezogen,
der Wind, der sich am Ufer leise fühlbar zu machen
degann, mußte stärker sein auf hohem Meer, er hatte
die Segel geschwellt. Langsam, langsam zog das
Schiff dahin gen Westen.
,,Daß ich es rufen könnte, daß es uns mit sich
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nähme, Dich und mich!' sagte Polydor, das frühere -
Wort seiner Bxgut jetzt vollen Herzens zu dem seinen
machend.
Und als sie am andern Morgen von einander
schieden, als sie von ihr gingen, die Schwester und
Justine und das Kind und Polydor, da galten die
Thränen von Dolores vor Allen ihrem Bräutigam
und ihr ,Auf Wiedersehen!r ihm vor Allen.
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