Die Familie Darner. Roman in 3 Banden.
Fanny Lewald
Kapitel 37

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Siebenunddreißigsies Kapitel!
Darners Voraussicht, der scharfe Verstand, der
auch in seiner Vaterliebe vorwaltete, hatte Alles wohl
berechnet. Unter seinen Augen sollte Dolores sich
an die Trennung von der Zwillingsschwester ge-
wöhnen, von der sie bis dahin nicht einen Tag ent-
fernt gewesen war. Sie sollte es lernen, daß man
einsame Stunden haben und wie man sie für sich
selber ausfüllen und nutzbar machen könne; und in
der Stadt sollten Frank und Justine mit dem Onkel
und mit dem Vetter zusammentreffen, bevor er selber
Kollmann wieder als geladenen Gast, in dem Raume
empfing, aus welchem dieser mit einer Beleidigung
gegen Darner und seinen Sohn geschieden war. ,
Wie man es verabredet, hatte Polydor sich gleich
nach der Ankunft in der Stadt zu Kollmann begeben,
um als ein Angehöriger der Darner'schen Familie,
als Justinens künftiger Schwager, die Briefe an den
Onkel und Madame Göttling in Person zu über-
bringen.
Mit der ihm gebührenden Zuvorkommenheit
empfangen, zeigte er sich, da man die Briefe in
seinem Beisein schicklicherweise nicht lesen konnte, von
dem Inhalt derselben unterrichtet, den er sofort be-
sprach, um im Voraus für die Gewährung von
Justinens Wunsch zu danken, da sie ja ihm und seiner
Braut zu Statten kommen solle.
- Er verkehrte mit John, den man herbeigerufen,
wie mit einem alten Bekannten, drückte Madame
Göttling seine Achtung für die Erziehung der drei
Darner'schen Damen aus, rühmte die Liebe, mit welcher
sie ihrer gedächten, erwähnte, wie er sogar darauf
gesonnen, die mütterliche Freundin seiner Braut Herrn
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Kollmann abwendig zu machen, um seiner jungen
Frau in Venedig eine so erprobte Gesellschafterin an
die Seite stellen zu können, und fügte mit Ver-
bindlichkeit hinzu, Herr Kollmann habe es allein sich
und seiner Frische und Rüstigkeit zuzuschreiben, wenn
er auf jenen allerdings etwas selbstsüchtigen Gedanken
verfallen sei; denn zwei Männer, wie Kollmann Vater
und Sohn könnten sich in jedem Fall und auf doppelte
Weise Ersaz für Madame Göttling schaffen, die ihm
so unschätzbar sein würde, als sie in diesem Augen-
blicke fur Madame Frank Darner unentbehrlich, sei.
Mit der sichern Gewohnheit eines gewandtens Ge-
schäftsmannes hatte er getrachtet, allen Einwendungen
zu begegnen, bevor sie ihm gemacht werden konnten,
und Jeden dabei in die Lage versetzt, sich durch die
Forderung, die man an ihn stellte, geehrt, geschmeichelt
und daneben fast in der Unmöglichkeit zu finden, sie
abweisen zu können.
Kollmann versicherte, daß es ihm lieb sei, wenn
seine Nichte und deren neue Familie es anerkennten,
wwie gut er für sie gesorgt, indem er seine verwaiste
Mündel dereinst Madame Göttling anwertraut, und
wie Herr Darner es gewiß nicht zu bereuen gehabt,
? daß er, Kollmann, zur rechten Stunde Justine in
seine und seiner Frau Obhut genommen und ihm
Madame Göttling zum Schut seiner Töchter über-
lassen habe.
Madame Göttling, stolz und gerührt, sich so an-
erkannt und begehrt zu sehen, versicherte, Herr Joannu
habe vollkommen Recht, Herr Kollmann sei rüstiger
als mancher junge Mann. Einer Gesellschafterin be-
dürfe er gar nicht, es würde ihm vielmehr recht
gesund sein, wenn er mehr unter Leute ginge als
bisher. Die fortdauernde Kränklichkeit seiner Frau
und die treue Rücksicht, welche er stets für sie ge-

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nommen, hätten, wenn sie darüber eine Meinung
äußern dürfe, ihn viel zu früh an das Haus und
den Lehnstuhl gewöhnt, und da Herr John ein ebenso
guter Sohn sei, lebe er dem Vater zu Liebe auch zu
abgeschlossen von der jungen Welt. Dazu sei der
Weg von dem Darner'schen nach dem Kollmann'schen
Hause so gering, die Dienstleute in dem letztern von
der verstorbenen Frau und von ihr so zuverlässig
eingeschult, daß man sich auf dieselben verlassen dürfe,-
umsomehr als sie ja selbst täglich nach dem Rechten
zu sehen vermöchte, wenn es Herr Kollmann so
wünschen würde; und daß sie Justinens Lorenz wie
ihren Augapfel hüten würde, das wisse Justine, sonst
würde sie bei ihrer Gewissenhaftigkeit gar nicht an
das Fortgehen denken; darauf kenne sie Fustine, und
ebenso auch Virginie und die Braut des Herrn
Joannu, die sanfte, geliebte Dolores.
Nach wenigen Minuten war, ohne daß eine be-
stimmte Zusage gegeben worden wäre, die Angelegen-
heit zu allseitiger Zufriedenheit abgemacht. Es war .
Kollmann recht, daß Justine sich ihm mit einer Bitte
nahen mußte; Darner hatte ihm diese Genugthuung
gegönnt, da der Onkel sie ihr nicht abschlagen konnte,
und es ihm vor Allem auf die Erreichung seiner
Absicht ankam..
John fand durchaus richtig, was Madame Gött-
ling über das Leben in seinem Vaterhause geäußert.
Er versprach sich eine angenehme Abwechslung im
Verkehr mit Justine, mit ihrem Manne und mit
Virginie, die ja auch schön und reizend war wie'',
wenig Andere, und für das Erste noch bei ihrem
Vater blieb; und Jeder von den Dreien übertrug
seine Zufriedenheit auf Polydor, der Alle wieder
einmal im Fluge für sich eingenommen hatte. Er
erbat sich, bevor er sich empfahl, Grüße für Madame
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Justine, versicherte, er gebe die Hoffnung nicht auf,
daß Herr Köllmann ihm noch einmal selber Madame
Göttling nach Venedig bringen und es seiner Frau
möglich machen werde, ihnen die Lagunenstadt zu
zeigen; dann lud er John ein, ihn noch zu begleiten,
der das sehr zufrieden war, und man trennte sich in
bestem Einvernehmen.
,Ein geborener Diplomat!f sagte Kollmann, als
Polydor das Zimmer verlassenhatte, während er den
Brief der Nichte vorsichtig mit dem Falzbein auf-
schnitt; aber der Ton, mit welchem er das Urtheil
aussprach, war ein befriedigter.; Es kam ihm, Konrad
Kollmann, zu, daß ein Joannu sich um ihn bemühte,
es gehörte sich. so!
Madame Göttling theilte seine Meinung.
, Ja, von dem können sie Alle lernen,' sagte sie,
, Herr Frank, und wenn Sie es nicht übelnehmen,
Herr Kollmann! auch Ihr Herr Sohn. Fein wie
ein Franzose, vornehm wie ein Engländer und so
verbindlich, so vorsorglich für das geliebte Mädchen.
Gott, wie ihr Glück mich freut! Sie trocknete sich
die Augen vor Freude und vor Rührung.
Unterdessen waren Polydor und John die Straße
? hinabgegangen, und Polydor hatte mit, derselben
Leichtigkeit, mit welcher er eben die Familienangelegen-
j
heit behandelt, des Geschäftes gedachtt, das John am
Herzen lag. Vor dem Darner'schen Hause blieb John
stehen.
,Kommen Sie nicht mit hinauf? fragte Poly-
-dox, als ob Jener ein täglicher Gast des Hauses ge-
wesen wäre.
- John zögerte, der Einladung zu folgen.
,Sind Sie so mißgünstig?? fragte Polydor
abermals.
,Mißgünstig, was meinen Sie damit??

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,Sie wollen es mir nicht gönnen, mich für die
Gastfreundschaft dankbar zu beweisen, die ich in
meines Schwagers Haus genossen, indem ich Sie
ihm -und seiner Frau zuführe. Bedenken Sie, es
ist der letzte Abend vor meinem Fortgehen, und -
s bon sntsnäsur äsmi mot! Sie machen sich, wenn
Sie kommen, in doppelter Weise nützlich.?
,,Gern, aber wie das?
Polydor zog die Augen ein wenig zusammen und
lächelte.
,Die Stufen, die Sie heute ersteigen, steigt
morgen Madame Justine freieren Herzens hinab und
Ihr Herr Vater leichter hinauf.?
,Sie können Recht haben, und man soll sich das
Leben erleichtern, wenn man kann.
,oild, das ist die wahre Philosophie, zu der
auch ich mich bekenne. Thun, ergreifen, was uns
freut; liegen lassen, von uns werfen, was uns hin-
dern könnte! Denn - das Jenseits in allen Ehren
=- man lebt doch nur einmal in dieser besten aller
Welten und muß ihr abzugewinnen suchen, was sie
uns zu bieten hat.?
,Gewiß,? bekräftigte John, zund daß ich es
Ihnen gestehe, es ist mir auch lieber, den ersten
Besuch für mich allein zu machen.?
- -,Man muß überhaupt keine Besuche zu Zweien
machen,? erwiderte Polydor, ,denn Einer steht dabei
immer mit Nothwendigkeit im Schatten, und neben
Ihrem Vater würde das Ihr Fall sein. Aber da -
sind wirlr
,Melden Sie uns bei Madame Darner!r befahl
John dem Diener, der ihnen entgegen kam.
,Nein, mich nicht, nur Herrn Kollmann!
Der Diener gehorchte.
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,,Sie wollen mich nicht in den Schatten stellen!r
scherzte John.
,Ich will nicht empfinden, daß ich im Vergleich
zu Ihnen in der Familie von Frank Darner noch
ein Fremder bin, und habe meine Sachen zusammen-
legen zu lassen, denn ich breche mit dem Tage auf.
In einer Viertelstunde bin ich bei Ihnen.?
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John wußte ihm die Rücksicht Dank, äber die Art,
in welcher Frank und Justine ihm begegneten, var
so einfach, daß sie die Anwesenheit jedes Zeugen
wohl vertragen konnte. Kein feierliches Willkommen-
heißen, kein Rückblicken, kein Erklären oder Erläutern;
die drei Menschen hatten einander nichts zu ver-
zeihen, und John empfand es an der Einfachheit
und dem Vertrauen, mit welchem auch Virginie ihm
begegnete, daß sie -nur in gutem Sinne von ihm
sprechen hören. Allerdings gab es des Fragens,
des Erzählens von beiden Seiten viel; aber es be-
gann doch erst, nachdem John an des schlafenden
Lorenz Wiege gestanden, nachdem Justine den Vetter
. durch das ganze Haus geführt, damit er sich in den
gemachten Aenderungen zurechtfinden lerne und
heimisch in demselben werde wie zuvor; und als
dann auch Polydor hinzukam, als man zu Fünfen an
dem Theetisch saß, als die drei vielgereisten, mitten
in dem Geschäftsleben ihrer Zeit stehenden Männer
ihre Erfahrungen und Meinungen austauschten, je
nachdem der Zufall es bot, während Justine und
Virginie hausfraulich am Theetisch walteten, fühlte
John ein Behagen, eine Heiterkeit, wie sie ihm,jett
im Vaterhause und schon lange vorher nicht äehr
zu Theil geworden war. Er sprach das offen aus.
Beide Eheleute, Frank sowohl als Justine, freuten
sich darüber, und als er die Bemerkung machte, er
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Lewald. Die Familie Darner. U.

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hoffe, Justine werde ihm helfen, den Vater wieder
zu erheitern, der das recht nöthig habe, gab ihm Frank
mit den Worten die Hand:
,Rechnen Sie auf uns Beide nach allen Seiten
hin, es ist Verlaß auf uns.?
,,Auch auf mich! entgegnete John.
,,Das weiß Gott!r fügte Justine hinzu und
wendete sich dann wieder zu Polydor, der plötzlich
in seinem Zwiegespräche mit Virginie inne gehalten,
als der immer wache Scharfblick seiner Eitelkeit es
ihm verrathen, daß sie ihm zulett nicht ausschließlich
gefolgt war, daß das Gespräch der Anderen sie auch
beschäftigte. Aber es bedurfte eben nur der An-
regung von Justine, ihn fortfahren zu machen in
seiner Schilderung des Lebens, das die Frauen in
der großen Welt von Venedig führten und in dem
Dolores sich, als an dem von der Natur für ihre
Schönheit bestimmten Plate, wie in ihrer wahren
Heimat fühlen werde.
Stolz auf seinen Besitz, freute es ihn, das Bilb
der Geliebten phantasievoll mit all' der ihrer warten-
den Herrlichkeit vor seinen Hörern auszuschmücken.
Er hatte sich damit einen glänzenden Schluß des
Abends, einen glänzenden Abgang bereitet. Sie hatten
ihm Alle wie einem der Improvisatoren zugehört,
deren Kunst in Venedig kennen zu lernen man sich
versprach, und es war spät geworden, bevor man sich
trennte.
Frank geleitete den Gast noch auf sein Zimmer,
nachdem sich John entfernt.
,,Er ist wirklich ein Meteor in unserer nordischen
Welt,? sagte Justine, während sie den Theekasten
verschloß.
,Ja,' entgegnete Virginie, ,aber ich wollte doch,
er wäre ein Deutscher. Der Vater und Frank, der
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Hauptmann und Eberhard-- die sind doch,Alle
anders, und Dein Vetter auch l
,Was denkst Du von mir? Ich bin ja so zu-
,Laß das Dolores nicht hören!?
frieden, daß sie ihn liebt, und sie wird wundervoll
hineinpassen in die Säle seines Palastes und in das
Festgewühl des Karnevals. Sie ist ja selbst wie
- Poesie und Sternenlicht; auf mich aber, dasPfühle ich
immer mehr, ist des Vaters Art gekommen. Ich mag
es machen, wie ich will, ich sehe den Dingen,immer
auf den Grund!?
, Und doch muß man sie nehmen, wie sie sindlr
entgegnete Justine.
,Ja! also morgen müssen wir beginnen, dgs
Nöthige für die Reise zu besorgen, wenn Du bei
Deinem Onkel gewesen sein wirst, und morgen in' -
-' acht Tagen sind wir schon auf dem Wege.?
Sie hatten sich wieder einmal verständigt, ohne
, viel Worte über ihre Gedanken zu machen, und
gingen denn auch am nächsten Tage Jede an ihre
Aufgabe.
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Gleich in der Frühe war Polydor abgereist.
Sobald es schicklich erschien, kam Madame Gdtt-
ling zu Justine, ihrer Herzensfreude vollen Lauf zu
Nassen. Sie wiederholte, immer wieder, daß ihr ihre
Jugend wiedergegeben sei, nun sie wieder an der-
selben Stelle für ein geliebtes, für ein so schönes Kind
zu sorgen habe, nur daß Alles noch viel herrlicher
sei als dazumal, weil sie die Erinnerung an das
ganze Glück der ersten Erziehung, die sie an dieser
Stelle gemacht, als unverlierbaren Besitz im Herzen
trage, und die Liebe einer Mutter, das Vertrauen
eines Vaters sie einsetzen in ihr neues Ehrenamt.
Sie bewunderte Alles von Herzen, auch die Tüchtig-
keit, mit welcher Virginie sie ersetzte, und bewunderte
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es um so mehr, als sie in den Leistungen ihrer beiden
Pflegebefohlenen die Wirkungen ihrer eigenen Tüchtig-
keit erkennen durfte. Thätig eingreifend, übernahm
sie es sofort, alles Nothwendige für Dolores zu
besorgen, und als dann die Stunde herankam, für
die Justine sich bei dem Onkel angemeldet hatte,
nahm Madame Göttling die Schlüssel an sich, als
hätte sie das gestern und vorgestern und alle Tage
so gethan.
Justine hatte erwartet, Frank werde mit ihr zu
ihrem Onkel gehen, er lehnte es aber ab.
,So werde ich den Lorenz mit mir nehmen!
schlug sie vor.
,Ebensowenig!'' entgegnete Frank. ,Halte Dich
an das, was der Vater Dir gesagt, und denke, daß
man auch des Guten zu viel nicht thun darf. Es
soll Friede geschlossen werden. Du hast es stets ge-
wünscht und ich bin auch dafür; aber es ist kein
Friede dauerhaft, bei welchem nicht beide Theile mit,
Selbstachtung ihre Rechte wahren. Die Politik be-
, stätigt nur im Großen, was das Leben uns im
Kleinen an jedem Tage darthut. Und nun gehe und
lade Deinen Onkel ein. Er soll willkommen sein wie
gestern John; aber kein unwahres Wort und keins
zu viel, denn es müßte zurückgenommen werden, und
das will ich nicht!?
Justine hatte ihm ernsthaft zugehört, dann lachte
sie hell auf.
,Wie Du wieder einmal ganz und gar der
Vater bist, in jedem Wort, in jedem Blick, in jedem
Ton, mit Deinem: ch will nicht! und Ich
will! Schade, daß der Lorenz noch nicht reden
kann: er pürde mir so wie der Vater, so wie Du,
genau und mit Recht dasselbe sagen; und ich bin
gewiß, das erste Wort, das über seine lieben Lippen


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