Die Familie Darner. Roman in 3 Banden.
Fanny Lewald
Kapitel 38


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kommen wird, wird wie das Eure lauten: Ich
will!r?
,Gott geb's! sagte Frank. ,Und noch heute
kaufe ich ein Petschaft für den Jungen und lasse
darauf Ich will und kann!f graviren. Es soll' sein
Wahlspruch werden und der meine, wie der unserer
Nachkommen! Dir aber soll' die Ehre der Erfindung
bleiben !?
,Ein Glück nur, daß Du mich gewollt hast!
sagte Justine, ihn umarmend, dann schied sie, von
ihm mit den Worten: ,Also, ich will und werde
den Onkel ehren und Euch und mich, und der Friede
soll dauerhaft geschlossen werden!
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Achtunddreißigstes Kapitel.
. Alles war abgethan und besorgt für die Reise.
Madame Göttling hatte ihr Zimmer wieder bezogen,
-die Tage ngren rasch vergangen. Für den Montag
Nachmittag, welcher Darner und Dolores nach der
Stadt bringen sollte, hatte der Goldarbeiter das
Medaillon versprochen, dae Virginie der ;Schwester
mit ihrem Bilde mitzugeben- wünschte. Der einzige
geschickte Maler, den die Stadt besaß, hatte es in den
wenigen Tagen auf Elfenbein gemalt. Es sollte
Dolores Gesellschaft leisten, wenn die Ihren von ihr
gegangen sein würden. Weil. Virginie der Gedanke
an die Trennung von der Schwester, je näher sie
bevorstand, immer schmerzlicher zu werden begann,
war sie in den letzten Stunden auf den Gedanken
gekommen, die Innenseite der Kapsel, wie es die
Mode mit sich brachte, noch mit einem Worte des

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Andenkens zu schmücken; und weil das übliche So-
renir ihr für ihr Empfinden zu kalt erschien, entschloß
sie sich, noch einmal selber zu dem Goldarbeiter zu
gehen, um ihn zu fcagen, ob es möglich sein würde,
die Liebes- und Trostesworte: ,Stets bei Dir!' noch
bis zum Abend in den Deckel der Kapsel zu graviren.
Der gefällige Mann machte einer so angesehenen
Kundin keine Schwierigkeiten, und Virginie verließ
seinen Laden sehr zufrieden.
Als sie aus der Thür trat, standen Eberhard
und der Hauptmann vor ihr. Sie kamen aus der
nebenan gelegenen Buchhandlung. Virginie hatte
Eberhard seit dem Anfang des Jahres nicht mehr
gesprochen; auch den Hauptmann, der nach jener Er-
klärung von ihr nicht mehr so oft als früher in das
Haus kam, hatte sie nach ihrer Nebersiedlung auf das
Gut nicht mehr gesehen, und weil sie zur Stadt hin-
unter, jene hinaufzugehen hatten, war ein Ausweichen
kaum möglich. Dennoch wollte Eberhard mit einem
Gruß an ihr vorübergehen, während der Hauptmann
sich ihr nahte; aber wie von einer innern Gewalt
dazu getrieben, kam Virginie ihnen zuvor, indem sie
ihnen den guten Tag entgegenrief und dem Haupt-
mann die Hand bot.
,Sie wissen wohl gar nicht, daß meine Schwä-
gerin und ich seit einigen Tagen in der Studt fin??
fragte sie.
Er antwortete, daß er eben durch dies Begegnen
eine angenehme Neberraschung genieße, erkundigte sich,
ob man seinen Glückwunsch zur Verlobung empfangen;
und da Fberhard, wider seinen Willen durch ihre
Anrede für den Augenblick festgehalten, doch noth-
wendig auch etwas sagen mußte, fragte er nach dem
Ergehen der Damen, obschon die leere Redensart ihm
wie ein Spott über sich selber klang.

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,O, rief Virginie,,es geht uns Allen ganz
vortrefflich! Wir haben mit dem Bräutigam meiner
Schwester die schönsten Tage in Strandwiek verlebt.
Nun ist er uns vorangegangen nach Venedig, wir
folgen ihm übermorgen nach, der Vater mit der
Schwäägerin und uns Beiden; denn unser Brautpaar
will bald wieder beisammen sein, und wir beiden
Anderen freuen uns so auf Venedig. Aber ich muß
fort! Leben Sie wohl und wünschen Sie uns eine
glückliche Reise!?
Die Männer unterließen das Beide nicht; indeß
die Enteilende hatte es noch gesehen, daß Eberhard
blaß geworden war, und sie hatte sich des gefreut.
Sie war stolz auf sich, zufrieden mit sich gewesen--
um im nächsten Augenblick über sich zu erschrecken.
Vor wenig Tagen noch hatte sie Eberhards vor
Justine mit dem Wunsche gedacht, daß Polydor sein
möchte wie er, denn sie hatte ihn immer lieb und
die beste Meinung von ihm gehabt. Jetzt aber, da
sie ihn unerwartet vor sich gesehen, waren die Thränen
der Schwester, der bangen git ihr durchlebten Stunden,
war alle Sorge um sie ihr auf das Herz gefallen;
und mit einem bitteu.t Zorn gegen Eberhard war
der Gedanke in ihr aufgestiegen, ihn auch leiden zuu
machen, wie Dolores um ihn gelitten. Dem Empfin-
den hatte sie nachgegeben, hatte sich des wie einer
That gefreut, den sichtlichen Schmerz des Getroffenen
wie einen persönlichen Triumph genossen; und erst,
als sie die beiden Männer nicht mehr sah, als sie
allein ihres Weges ging, kam ihr die Frage: Was
würde Dolores dazu sagen? Kam ihr auch die andere
Frage: Was wird der Hauptmann von Dir denken?
und sie blieb sich auf beide Fragen die Antwort
schuldig. Hätte sie den Blick gesehen, mit welchem
Eberhard sich von ihr abgewendet, ihre Wangen wür-

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den noch dunkler erröthet sein, ihr Herz noch heftiger
geschlagen haben.
,Darnerisch Blut! rief der Hauptnann, der ihr
mit den Augen folgte; ,aber das muß man sagen,
schön ist sie und Charakter und Muth hat sie für
ihre achtzehn Jahre! Sie sah prachtvoll aus mit
dem sonnenverbrannten Gesicht, und wie ihr die
Augen blitten, alle Welt!r
Eberhard erwiderte nichts auf die Bemerkung.
Als sie dann vorwärts gingen und er immer
noch schweigend neben dem Hauptmann herschritt,
nahm dieser abermals das Wort:
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,Du hast von Deiner Angelegenheit mit Dolores
nie zu mir gesprochen, obschon ich mehrmals versucht,
Dich zum Reden zu bringen, und das hat mir auch
den Mund geschlossen. Dich jetzt zu fragen, wte es
zwischen Euch gestanden, würde Thorheit sein; aber
ich bin ziemlich in der gleichen Lage wie Du, nur
daß ich die Sache nicht aufgebe.?
,Du liebst Virginie! =- Weiß sie es??
,,Jedes Mädchen weiß es, wenn man es liebt,
aber Virginie hat mir nicht die Zeit gelassen, es ihr
zu bekennen!' antwortete ihm der Hauptmann, und
erzählte ihm darnach, was sich zwischen ihm und
Virginie ereignet hatte, hinzufügend, daß er seitdem
das Haus ihres Vaters seltener besuche. ,Ich war
im ersten Augenblick von ihrer Geradheit betroffen,
und jung, wie sie ist, beherrschte sie mich. Ich hatte
Respekt vor ihr und bot ihr,ehrlich meine Freund-
schaft an. Wie ich sie dann wiebersah, fand ich,
wir hatten Beide wie Kinder mit einer unreifen
Frucht gespielt, die man nachreifen lassen mußte in
gemessener Zeit, um sie genießen zu können. Sie
ist mit ihrem festen Herzen die geborne Soldaten-
frau. Ich habe das heute wieder recht gesehen. Selbst
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zur Offensive hat sie Muth; und mit solchem;Mädchen
behauptet man das Feld auch gegen dessen Vater.
Man muß die Zeit nur walten lassen und auf dem
Posten bleiben.?
,Du wirst Recht haben in Deinem Falle,? ent-
gegnete ihm Eberhard, ,der meine lag anders. Ich
hatte nichts zu erwarten von dem Walten der Zeit;
und weil ich meiner und der Geliebten Liebe, zu
e mißtrauen hatte, mußte ich mir jede Möglichkeit ent-
ziehen, gegen meine Ehre und mein Gewissen zu
handeln. Das wirst Du gesehen, wirst es Dir selbst
gesagt haben, ich hatte Dir nichts zu vertrauen.?
Eberhards Ruhe verrieth, was er in sich über-
wunden und begraben hatte.
Der Hauptmann ehrte das, meinte jedoch, im
Grunde müßte es ihm das Herz erleichtern, zu wissen,
daß Dolores sich beruhigt habe.
,Wenn ich es glauben könnte!' entgegnete
Eberhard.
,,Virginie ist wahrhaftig! versicherte der Haupt-
mann und erzählte ihm ein paar Fälle, in welchen
- er sie so erfunden.
,Wahrhaft sind sie Alle, der Vater, die Töchter,

der vortreffliche Frank und sekke Frau,, und keiner
von ihnen ist unedlen Sinnes. Eg Md seltene
Menschen, darum gerade hat mich's von Virginie so
schwer getroffen. Dolores mußunglücklich sein, sehr un-
glücklich, wenn Virginie sich bis zu der Unwahrheit
und Grausamkeit vergessen konnte; und die Zeiten
sind leider vorbei, in welchen der Ritter sich auf sein
Roß schwang, die schöne Bürgerstochter mit sich zu
entführen in sein festes Schloßg oder mit ihr zu ent-
fliehen in ein blühendes Dorado. Man sitzt am
Schreibtisch, begleitet seinen Chef auf Inspektionen,
thut seine Pflicht und Schuldigkeit, wird geachtet -

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und möchte sich selbst dafür verachten, daß man kein
gewissenloser Schurke ist. Leb wohl!

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- ,Wo willst Du hin?
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,Wohin anders als in die Sitzung, wie es einem
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die Leute bei mir draußen jetzt zu essen haben, daß-
sie wieder unter Dach und Fach sein werden in dem
nächsten Winter aber ich erlahme in dem Tretrad
meiner' Pflichterfüllung.?
,Du allein,? fragte der Hauptmann, ,und wir
Anderen nicht? und die Königin nicht auch??
,Du hast Recht,? entgegnete Eberhard; ,mit sich
selber wird man ja auch fertig, und ich war zur Ruh
gekommen - aber sie? Laß uns nicht mehr davon -
reden, laß uns gehen!
Inzwischen hatte Virginie ihr Haus erreicht und
sich gleich zu Justine begeben, um ihr zu erzählen,
daß sie Eberhard und den Hauptmann gesprochen und
was sie ihnen gesagt.
Justine hatte das ohne ein Zecchen besonderer
Neberraschung angehört und gutgeheißen, hatte es das
Schickliche genannt, war dann an ihre Geschäfte ge-
gangen und hatte Virginie mit dem Bewußtsein zu-
rückgelassen, daß etwas schicklich und dabei sehr unrecht,
ja daß es spottschlecht sein könne durch den Sinn, -
aus welchem er hervorgegangen.
Weil ihr Gewissen ihr keine Ruhe ließ, hätte
sie Jemand haben mögen, vor dem sie sich anklagen
konnte. Sie hätte dem Hauptmann, der auch gegen
sie ihre Wahrhaftigkeit stets gelobt, es sagen mögen, -
daß sie dies Lob nicht mehr verdiene, daß sie mit
Absicht eine Unwahrheit gesagt. Sie wußte es am-
besten, welche Mühe es sie gekostet, Dolores zur Er-
gebung in den Willen des Vaters zu überreden, in
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welcher Sorge sie um der Schwester Zukunft
schwebte.
Und sie selber? Hatte der Hauptmänn ihren
Worten geglaubt oder hatte er sie durchschaut? Und
wenn er sie durchschaut, konnte er ihr verzeihen, was
sie seinem Freunde angethan, konnte er sie foch seiner
Freundschaft würdig finden? Sie hatte immer ge-
fürchtet, er könne sie für kalt, für herzlos halten!
Und es war doch Liebe gewesen für Dolores, was
sie heute gethan, wie es Liebe= sie erschrak vor
dem Worte und wiederholte es trotzdem j =; reine
Liebe zu ihm gewesen war, die sie damals sprechen
machen; und nun hatte sie auch seine Fxeundschaft
auf das Spiel gesetzt!
,Freundschaft, Fieundschaft!' sagte sie laut und
schlug dann mit der geballten Hand fest auf den
kleinen Tisch, der vor ihr stand, daß das Nähkästchen
und das Flacon auf demselben klapperten. ,Freund-
schaft! ach, es ist ja Alles, Alles Lüüge,? rief sie
- ? noch einmal, ,und ich will nicht wieder lügen. Ich
habe ja keine Virginie, die mir helfen würde in der
-- Noth des Herzeleids, wie ich der armen Lora geholfen,
und ich will nicht leiden so wie sie. Ich will es nicht!?
Damit stand sie auf, öffnete den Sekretär, nahm
ein Blatt Papier, und schrieb mit festen Zügen:
,Weil ich Sie nicht länger täuschen will, Herr
Hauptmann, bitte ich Sie, glauben Sie mir nicht
mehr. Ich habe Ihnen und dem Baron heute
anders gesprochen, als' ich dachte, und ichn bin-üüber-
haupt nicht ehrlich gegen Sie gewesen. Erklären kann
ich Ihnen das Alles nicht. Ich darf auch nicht einmal
sagen: ,Glauben Sie mir das!! Denn weshalb
sollten Sie mir noch vertrauen nach dem, was ich
Ihnen eben freiwillig gestanden. Wir gehen über-
morgen fort, vergessen Sie mich nicht. . .?

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Sie sprang von ihrem Schreibtisch auf.
,Bin ich denn von Sinnen!?? fragte sie sich.
,Wie darf ich Dolores verrathen? Wie kann ich

einem fremden Mann schreiben, wie ihm eingestehen,
was ich mir selber nicht gestehen durfte, was er aus
jedem dieser Worte herauslesen muß? Und wenn
er mir das glaubt, wenn er nach unserer Heimkehr
nicht mehr in unser Haus kommt . . ?
Sie riß das Blatt in kleine Stücke und hätte
am liebsten auch die Erinnerung an das, was sie
gethan und geschrieben, aus sich heraus und in kleine
Stücke reißen mögen; denn wenn sie es vergessen
konnte, wenn sie weiter ihres Weges ging und ihres
Amtes waltete neben ihrem Vater, dann blieb Alles
wieder bei dem Alten und es war ja Alles gut ge- -
wesen zwischen ihr und ihm. Nur vertrauen durfte
sie nicht mehr auf sich und auf ihren scharfen Blick
und auf ihr freies Herz. Sie hatte es ja nicht ge-
merkt, daß sie auf schwankendem Boden wie eine
Nachtwandlerin einhergegangen war. Ein Gefühl
demüthigender Scham bemächtigte sich ihrer. Sie
hatte sich berechtigt und verpflichtet gehalten, Dolores
zu leiten, und war nahe daran gewesen, sich zu ver-
irren in ihrem Dünkel. Es war ein Glück für sie,
daß sie alle jetzt von dannen gingen, daß hunderte
von Meilen und viele Wochen sich legten zwischen sie
und den Hauptmann. Sie hätte jetzt ihm nicht vor
Augen treten mögen, auch dem Vater, auch Dolores
nicht. Sie horchte auf! Sie sah nach der Ühr, es
war später geworden, als sie es geglaubt. Der Schall
des Posthorns kam näher, die Peitsche des Postillons
schallte und knallte, der Wagen rollte vor das Haus
=- sie waren da!
Virginie eilte ihnen mit den Anderen entgegen.
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Es war ohnehin ein beständiges Kommen und Gehen
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gewesen in der letzten Zeit.
,Auch das ist gut, soll gut sein!r sagte sie zu
sich selber, aber in dem Augenblick, in welchem sie
Dolores die Hand zum Willkomm bot, stürzten ihr
die Thränen in die Augen und sie küßte die Schwester
und hielt sie an sich fest, als wenn sie sie nicht
wieder lassen wollte.
Die Einen bemerkten es nicht, die Anderen fanden
ihre Rührung sehr natürlich, Dolores weinte treulich
mit, und es war dann Virginie, welche über sie und
sich und ihre Thränen lachte. Es gab auch mehr zu
thun als zu weinen; denn Madame Göttling war
da, mit dem Lorenz in den Armen, und Darner hatte
ihr gesagt, daß sie willkommen sei in seinem Hause,
und die Göttling hatte den Loygnz fortgegeben, um
Dolores in ihrer überwallenden Freude die Augen
zu küssen und die Hände, mit denen diese ihr die
Wangen streichelte.
Es war Alles eine Freude, eine Hast. Dolores
flog nach ihrem Zimmer, Justine zeigte ihr den Reise-
hut und den Schanzläuferrock von steinfarbenem
-- Kaschmir, den sie ihr für die Reise hatte machen
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durchaus noch hatte mit französischem Gelde füllen
wollen, wenn sie ihn nicht mit dem Bemerken daran
gehindert hätten, daß der Vater dies übelnehmen könne.
Dann wieder kramte Dolores in ihrer Kommnode
und an dem gemeinsamen Sekretär, um dies und
e jenes Andenken noch in die Koffer packen zu lassen.
Man kam nicht zur Besinnung, man ging aus
einem Zimmer in das andere, aus einer Wohnung
in die andere. Der Vater und Frank hatten sich in