Die Familie Darner. Roman in 3 Banden.
Fanny Lewald
Kapitel 03

==-- ZZ -
Thüre. Als er ihr die Hand zum Abschied küßte,
sagte sie, nur ihm vernehmbar:
, Nebereile Dich mit der Visite bei den Darners
nicht, wir sprechen besser noch vorher davon.?
,,Gnädigste Tante, ich habe einen Brief des
Onkels an Madame Justine Darner zu bestellen und
bin, wie ich glaube, über die Verhältnisse der Familie
unterrichtet, soweit mir's nöthig sein könnte.?
, Umt so besser, dann ist's Deine Sache!'' er-
widerte die Gräfin und entließ ihn. Madame Arm-
field blieb bei ihr zurück.
Dz-fk»e
Afif,s'
== V-lVua-=d »iuusgeluDV -
Als Eberhard aus dem: Hause heraus war, athmete
er auf. Die stark von dem Potpourri durchtränkte
Luft in der Stube der Gräfin, das gedämpfte Licht,
die ganze Umgebung, die ihn zuerst angemuthet hatten,
waren ihm allmälig beklemmend geworden; und die
Weise, in welcher die beiden Frauen mit einander
verkehrten, die Art, in der sie über die Familien
Kollmann und Darner ihr Urtheil fällten, ohne es
auszusprechen, hatte seiner Offenheit mißfallen und
ihn selbst an der Comtesse irre gemacht.
Er hatte schon auf dem Lande gehört, daß der
pietistische Einfluß jener kurländischen Frau von
Krüdener, die eine galante Weltfrau und Schrift-
stellerin gewesen war, ehe sie sich in die Arme der
Religion geworfen, nicht ohne Einfluß auf den Sinn
des Hofes geblieben war, in dessen Näihe sie eine
kurze Zeit verweilt; und daß unter den Schrecken und

--- IZ-
der Noth der Zeit sich viele Herzen nach einem Halt
und Trost umgesehen, den sie nirgends gefunden als
in dem Glauben und in dem hoffenden Vertrauen
auf die Güte und Weisheit eines allwaltenden, all-
wissenden und allmächtigen Gottes. Die Sinnes-
und Ausdrucksweise der Herrnhuter hatte sich dabei,
wenn auch abgeschwächt, auf die neuen Gläubigen
übertragen, und wenn die Comtesse sich äußerlich
ihnen auch nicht angeschlossen hatte, so war sie ihnen
doch nahe getreten und hatte sich bereitwillig den
Hülfsvereinen angeschlossen, die sich mit Nothwendig-
keit bilden mußten, wo so mannigfachem Elend
Linderung zu schaffen gewesen war.
Eberhard begriff das vollständig, fand es in der
Ordnung, und konnte sich mit seiner gesunden Kraft
doch nicht hineinfinden in diese Atmosphäre der mit-
leidenden Barmherzigkeit. Es wurde ihm Angst und
bange, als er, geradewegs von der Comtesse sich zuu
Kollmann begebend, auch dort in dem Hausherrn,
trotz seiner Achtung gebietenden Erscheinung, einen
schwer gebeugten Mann und in Madame Göttling
eine in tiefe Trauer gekleidete Frau antraf, die fast
ausschließlich von der verstorbenen Frau Kollmann
redete, bis sie auf die Familie Darner zu sprechen
kam, üher die sie, gerade wie Madame Armfield, an-
deuten zu wollen schien, was sie doch nicht aussprechen
mochte. Eberhards Interesse an den Darners wuchs
dadurch. Man schien sie ihm in einer Weise vorent-
halten zu wollen, die ihn zu belustigen begann.
, Sie thun, als sollte ich in ein verzaubertes
Schloß geführt werden!'' sagte er zu sich selbst.
, Sie lassen geheimnißvolle Phantasmen vor mir
aufsteigen. Es fehlte blos, sie warnten mich vor
Unholden und Fußangeln, diese guten alten Weiber,
und sie machen mich damit nuur noch neugieriger

g
==- Zg, -=-
auf die Huldinnen, von denen der Onkel mir ge-
schrieben!?
Daß er Niemand zu Hause fand, als er seinen
Besuch im Dorner'schen Hause abstatten wollte, das
paßte in seine Stimmung hinein. Die Herren wären
an der Börse, die Damen ausgefahren, so meldete
der Diener. Aber dieser Diener sah munter in seiner
bürgerlichen Livree aus, das Haus mit seinen schönen
Laternenständern an der Treppe, das Breite, Reiche
in der Einrichtung mahnten ihn an England. Die
Helle, welche durch die hohen Fenster in die Haus-
flur hineinfiel, die frische Luft darin waren ihm
angenehm, und als er seine Karte abgegeben hatte
und vom Wolme die Freitreppe zur Straße nieder-
stieg, sah er sich noch einmal nach dem Hause mit
den Linden um, von denen freilich die Blätter
schon zu fallen begannen. Er freute sich auf das
Wiederkehren.
Da die Beamten und der Ael mehr in den
oberen als in den unteren von der Kaufmannschaft
eingenommenen Stadttheilen zu wohnen pflegten, hatte
auch Eberhard sich dort in einer der Seitenstraßen
eingemiethet; und früher, als es die Sitte eigentlich
gestattete, klopfte am andern Morgen Frank Darner
an die Thüre Eberhards.
, Herr Baron von Stromberg? fragte Frank,
als er von der engen Treppe und dem dunklen
Vorhaus in das mäfig große und niedrige Zimmer
eintrat, dessen beide Fenster aber einen schönen Aus-
blick auf den Schloßteich und die am andern Ufer
liegenden Gärten gewährten.
Eberhard reichte ihm die Hand entgegen.
,Ea, und Sie können wohl niemand Anderes
als Herr Frank Darner sein, da ich hier noch fremd,
und eines andern Besuches nicht gewäärtig bin.

-- IJ-
Haben Sie Dank, daß Sie so bald gekommen sind '-
Sie schüttelten einander die Häinde, und wie sie nun
einander gegenüber standen, beide groß und kräftig,
beide auf der Höhe der Mannesjugend, obschon Eber-
hard ein paar Jahre älter als Frank war, erschienen
sie sich nicht als Fremde, denn der General war das
Bindungsmittel zwischen ihnen.
Frank fragte, wann Eberhard angekommen sei.
Dieser erzählte, daß er schon seit drei Wochen in
Preußen, aber die meiste Zeit davon in Waldritten
gewesen sei, und Frank, der sich während dessen in
dem Zimmer und in dessen sehr geringer Einrichtung
umgesehen hatte, erkundigte sich, ob Eberhard in
Königsberg zu bleiben gedenke.
Der Baron entgegnete, daß er sich zum Eintritt
bei der Regierung gemeldet und eben imt Hinblick
darauf sich auch nicht allzu weit vom Schlosse ein-
gemiethet habe.
,,Also denken Sie auch in dieser Wohnuung z
bleiben?? bemerkte Frank.
Dem jungen Majoratsherrn war der unwillkitr-
liche Blick nicht entgangen, mit welchem der reiche
Kaufmannssohn die Stube überflog, es focht ihn jedoch
nicht an.
, Ja,' sagte er, ,wenigstens so lange, bis wir
in Waldritten die Scheunen und die Häuser der
Leute neu gedeckt, und Korn haben werden, die Felder
zu bestellen, was beides sofort geschehen muß, da die
schlechte Jahreszeit uns nahe ist. Das Zimmer bietet
mir einen weiten Blick, läßt mir ein Stück Himmel
offen, und das entschädigt mich für den Mangel an
Bequemlichkeit, die ich nicht entbehre.
Die schlichte Bestimmtheit, mit welcher er duurch
diese Worte Frank gegenüber seine Stellung nahm,
brachte ihn diesem noch näher.

-=- Zß-
, Sie haben sicher die Verwüstungen in Wald-
ritten auch so groß gefunden, als wir auf meines
Vaters Gut an der See??
,.Größer, als ich es irgend erwartet hatte; und
die Lage ist um so schwerer, als wir, trotz der Frei-
lassung unserer Hörigen, nothwendig im Augenblick
für sie sorgen müssen, wenn wir nicht grausam
gegen sie sein wollen, während der Staat ihnen ge-
recht wird. Wir haben dringende Arbeiten zu machen,
die uns früher ohne baare, oder gegen sehr geringe
Entschädigung geleistet wurden; und Gutsherren und
Freigelassene gerathen also in eine wirthschaftliche
Krisis, deren Durchhaltung natürlich auf uns zurück
fällt-- von Rechtes wegen!' setzte er hinzu. ,Wir
haben durch lange Jahre den Vortheil gehabt, wir
müssen jeht die Steuer dafüür, freilich nicht eben zu
gelegener Stunde, zahlen!''
,Ich freue mich, Herr Baron,'' sagte darauf
Frank, ,bei Ihnen dieser Anschauung der Dinge zu
begegnen. Man findet sie nicht bei allen Edelleuten,
wenn schon sie mir eine angezeugte ist . . ?
,,Sie stammen von hörigen Leuten! fiel Eber-
hard ihm ein. ,Mein Onkel hat mir davon ge-
schrieben, um mir die Bedeutung Ihres Herrn Vaters
damit klar zu machen, den kennen zu lernen, ich
begierig bin!rr
, So werde ich meinem Vater hoffentlich Ihre
Zusage auf eine Einladung nach Hause bringen -
können, die ich Ihnen in seinem Namen zu machen
gekommen bin. Er hat, die Aufhebung der Hörigkeit
damit zu feiern, für morgen einige Freunde des
Hauses, einige Beamte der Bank und der Regierung,
zu einem Mittagessen eingeladen und bittet Sie, dabei
unser Gast zu sein. Sie kommen, hoffe ich!
,Mit großer Freude! Werde ich vielleicht dabei