Die Familie Darner. Roman in 3 Banden.
Fanny Lewald
Kapitel 39

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nicht zu sehen. Die Frauen blieben sich selber über-
lassen, bis die Männer spät von ihrer Arbeit kamen
und Alles zur Ruhe ging.
Dolores war im Handumwenden eingeschlafen.
Virginie wachte noch eine geraume Zeit.
,Vielleicht ist's so, wie ich es gesagt, und ich
habe wahrer gesprochen, als ich es glaubte!r dachte
sie, und ihr Herz wurde stille.
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Meununddreißigsies Kapites
,Das wäre abgethan! sagte Kollmann, als er
gemeinsam mit dem Sohne von dem Frühstück im
Darner'schen Hause heimwärts ging.
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,Ich verstehe,' erwiderte ihm John, ,daß es Sie l
Meberwindung gekostet, der Einladung nachzukommen,
aber ich glaube, Sie haben sich über Niemand zu
beklagen gehabt und können es nicht bereuen.?
,Nein! Darner hat sich betragen, wie es sich
gebührte. Daß er Niemand sonst geladen, daß er der
Begegnung den Anstrich eines Familienfestes gegeben
und daß er mehrfach seiner hiesigen Anfänge und
seine Aufnahme in meinem Hause gedachte, das er-
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kenne ich ihm an. Er ist ja Meister der Form,
wenn er es will; und wo er seine Neberlegenheit
festgestellt hat,? setzte Kollmann mit einem Lächeln e
hinzu, ,hat er dieZuvorkommenheit eines Souveräns.?
,Ich habe Sie seit meiner Heimkehr noch nicht
so heiter gesehen als dort.?
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,Das Haus heimelte mich mit Erinnerungen
aus alten Zeiten an, und Justinens Erzählungen von
Deiner Mutter kamen dann dazu.'?
,Sie waren alle bestrebt, Ihnen zu gefallen,
Vater! und ich freue mich, daß es ihnen gelungen
ist!r sagte John, als sie die Treppe ihres Hauses
hinanstiegen, aus dessen Thüre ihnen Madame
Armfield entgegenkam.
,Sagen Sie, Herr Kollman, habe ich recht ver-
standen,'' rief sie, als sie zusammentrafen, ,unsere
gute Göttling ist bei Darners, und Sie waren dort
zu Tisch? Ich traute meinen Ohren nicht! Ich war
gekommen, ihr zu sagen, daß wir morgen' Sitzung
haben bei der Frau Hedwig, Sitzung vom Frauen-
verein, und ich weiß nun nicht - kann man denn
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da auch hingehen??
,, In den Frauenverein,? fragte Kollmann, wohl
verstehend, was sie meinte, aber nicht zu antworten
gewillt, ,was sollte Sie daran hindern??
,Ich glaube,'' nahm John das Wort, ,Madame
Göttling wird nicht kommen können, wenn die Sitzung
morgen zeitig stattfindet, denn sie reisen morgen.?
Madame Armfields Aufregung war im Steigen.
,,Da wäre es doch vielleicht am besten, ich ginge
heute noch, gleich jetzt zu ihr; man wird doch ange-
nommen werden, sie wird mich doch sehen können??
,Was soll das heißen, Frau Konsul? fragte
Kollmann mit ernstem Ton.
,,Ach, verehrter Freund, Sie wissen es ja, wir,
das heißt ich= wir haben ja das Haus seit damals
nicht mehr betreten; wir haben ja, Sie wissen es ja,
immer zu Ihnen gehalten, und - aber - wenn die
Göttling wieder dort ist - und wenn Sie selber
hingegangen sind . . .?
,,So verpflichtet Sie das ebensowenig, hinzugehen,

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als es Sie hindert, es zu thun! entgegnete ihr
Kollmann, dem es der hastigen Neugier denn doch
, zu viel ward. ,Sie wissen, meine selige Frau hat
- I-Ihre Freundschaft immer hochgehalten, und wissen
auch, daß ich Ihres Mannes Freund bin; aber soli-
. darisch verpflichtet sind wir nicht, und Madame Gött-
ling und wir sind auch nicht identisch. Doch - ich
darf Sie nicht länger aufhalten, Frau Konsul; zu
Hause finden Sie die Damen wohl um diese Zeit!?
,Ah,' dachte Madame Armfield bei sich selbst,
während sie sich empfahl, ,Darners Kurse sind ge-
stiegen! Und John, ihr nachblickend, sagte lachend
, zu dem Vater:
,,Nur die Posaune fehlt ihr und der Kranz, so
flöge sie als aschgraue Fama durch alle Straßen der
Stadt und posaunte es aus: Sie haben Frieden
geschlossen, die Kollmanns und die Darners!! und
ich setze hinzu: Und sieh da, es war wohlgethan!'r
Während dessen hatte Darner, gleich nachdem
die beiden Kollmanns üch aus seinem Hause entfernt,
sich mit Frank in sein Zimmer zurückgezogen. Es
gab noch viel zu berathen, viel zu besprechen, die
möglichen Zwischenfälle zu bedenken, die sich während
der drei Monate ereignen konnten, vor deren Ver-
lauf an Darners Rückkehr in keinem Falle zu denken-
war; und die Stockungen im Geschäftsleben waren
immer bedrohlicher geworden. Man war von einem,
Tage auf den andern vor einem neuen Gewaltstreich
Napoleons nicht sicher.
- Hart, wie die Kontinentalsperre seit zwei Jahren
über dem ganzen Festlande gelegen, waren die
Schwierigkeiten für den Verkehr noch gewachsen, seit
die englische Admiralität als Entgegnmg auf jenes
Dekret des Kaisers, die Erklärung erlassen, daß alle
Schiffe der nicht mit England im Bunde stehenden

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Nationen, sofern sie Handel mit Frankreich oder; mit
dessen Verbündeten trieben, in England zu landen
und dort für ihren ungehinderten Verkehr auf den
Meeren eine festgesetzte Abgabe zu zahlen hätten.
Die Seemacht Englands, der keine andere im Augen-
blick. gewachsen war, machte die Ausführung dieser
Gewaltthat möglich; und als wollte Napoleon sie noch
überbieten und die Empörung, welche sich gegen
England gerichtet, auf sich selber hinleiten, erklärte
er, jedes Schiff, welcher Nation immer es angehöre,
das in England anlege, oder auch nur das Anlegen
eines englischen Schiffes auf offenem Meere behufs
der Visitation und Taxe dulden würde, als entnatio-
nalisirt und gute Prise. Der Seeräuberei war damit
freies Spiel gegeben, und wer es wagte, ein Schiff
in See gehen zu lassen, that es im höchsten Sinn
des Wortes auf eigene Gefahr.
Gerade in den letzten Tagen hatte das Haus
Darner Nachricht erhalten, daß auf diese Weise russische
und holländische Geschäftsfreunde von bedeutenden
Verlusten betroffen worden waren; und wenngleich
Darner keine Schiffe auf dem Meere hatte und keinen
Produktenhandel mehr betrieb, so wurde doch auch
das Bankgeschäft, der Geldhgndel in Mitleidenschaft
gezogen, und für die Verwirklichung der Pläne, mit
welchen sich Darner stets getragen, konnte in diesen
Zeitläuften kaum etwas geschehen.
,Man hält dieVerbindungen fest, man knüpft neue
an,? sagte Frank, nachdem das Gespräch über die
nächsten Maßnahmen abgethan war, ,und muß mit
vollen und dabei gebundenen Händen warten auf
eine Aenderung der Zustände .. .?
,Die kommen wird, fiel ihm der Vater ein,
,weil das Nebermaß sich stets selbst zu Grunde
richtet; nur daß man Zeit verliert und daß man das
Lewald. Die Familie Darner. T. -
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Leben nicht festhalten kann. Schweigend, die Arme
auf dem Rücken verschränkt, ging er in dem Zimmer -
auf und ab. Die Sonne hatte die Fenster schon
verlassen, sie standen alle offen, das Licht fiel hell.-
- auf die mächtige Gestalt, auf das in sich gefestete Antliz.
,Woran denken Sie, Vater?' fragte Frank.

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,An den Winterabend, an welchem ich mit Dir
von der politischen. Bedeutung und der möglichen
Macht des Kaufmannsstandes gesprochen, und an dem
wir die Estafette erhielten, welche uns die Nachricht
von der Schlacht bei Eylau brachte.?
,Merkwürdig, rief Frank, ,auch ich erinnerte
mich in diesem Augenblick jener Nacht!
,Das lag nahe, da wir uns eben mit meinen
schäftigt hatten. Aber wer hat damals, trot dem,
was man von Napoleon bereits erlebt, die wilde,,
alles Maß und alle Schranken überschreitende Kraft
und Gewaltsamkeit in ihm vorausgesehen? Er glaubt'
an' seine Allmacht; und es muß groß sein, sich für.
allmächtig zu halten, weil noch kein Widerstand
dauernd gegen ihn Erfolg gehabt. Die Menschheit.
kür spielt; die Allmacht zu tragen, ist offenbar der
sinn der Cäsaren, die sich selbst und das Werk ver-
Er hielt inne, ging aber gemessenen Schrittes-
weiter.
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nichteten, das sie geschaffen; und die damit über den
bahnten.r
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Tyrannei, die mit den Staaten und Völkern in Will-
Trümmern ihrer Gewalt einer neuen Zeit die Wege
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kann nur nicht bestehen unter der schrankenlosen
Mensch nicht gemacht. Es ist etwas um den Wahn-
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auf den Osten und Südosten von Europa gehauten'
Planen und mit unseren dortigen Verbindungen be-

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Frank unterbrach ihn nicht. Er kannte des -
Vaters Gewohnheit, in solch' gelegentlichen Gesprächen -


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den Ausdruck zu suchen für das, was ihn lange
innerlich beschäftigt; und in guten Stunden hatte
Darner selbst das als eine Gewohnheit seines langen,
einsamen Lebens bezeichnet. Er sah nie ernster, nie
bedeutender aus, als wenn er, der ganz auf das
Thun gestellte Mann, sich in Betrachtungen vertiefte,
die immer in ihrem Anfang und in ihrem Ende mit der
ihn zunächst umgebenden Wirklichkeit zusammenhingen.
,Wer will uns sagen,? hob er nach kurzem
Schweigen wieder an, ,ob Beauharnais noch Prinz
von Venedig sein wird, wenn wir dorthin kommen,
in wessen Händen Korfu sein wird, auf das Polydor
sein Augenmerk gerichtet? In Spanien, in Portugal
die Empörung von den Engländern beschützt. Das
Haus Braganza nach Brasilien entflohen; der Papst
ein beschützter Gefangener. Neberall.' knirschen die
Völker unter der Tyrannei. In' Neapel, in Holland
unhaltbare Zustände. Seine Brüder, die er zu Königen
gemacht, seine eigenen Geschöpfe, lehnen sich gegen
seine Willkur auf.. . Plötzlich brach er noch einmal
ab, wie von den Worten überrascht; sie waren auch
dem Sohne aufgefallen. Darner blieb vor ihm stehen
und sagte, tief Athem schöpfend, aus der breiten
Brust: ,Du hast mir einmal an dem Tage, an dem
Dein Lorenz geboren worden, eine Lehre gegeben,
die mir nicht verloren gegangen ist.?
,Ich?' fragte der Sohn.
,Du erinnerst Dich dessen so gut als ich! Und
wer gleich mir, in der Lage gewesen ist, seine ganze
Bildung und Erziehung aus dem zusammenzusetzen,
- was ihm zufällig entgegengekommen ist, für den sind
keine Lehre und keine Erfahrung verloren. ,Du aber
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wirst mir das Zeugniß geben, daß ich von der Stunde
an Dein freies Mannesrecht neben' mir zu' ehren
verstanden habei?
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,Ja, bei Gott, Vater,? rief der Sohn, indem
er die Hand des Vaters ergriff und ihm die andere
auf die Schulter legte, ,bei Gott, Vater, das haben
Sie gethan; und Sie haben es auch fühlen müssen,
wie meine Verehrung, meine Ergebenheit für Sie,
von der Stunde in mir noch gestiegen sind. Sie
haben mich gelehrt, was ich meinem Sohne einst zu
thun haben werde.?
,Das hoffe ich!'' entgegnete Darner. ,Die un-
umschränkte Herrschaft beraubt sich selbst der Mittel
für gute Zwecke, wenn sie die Kräfte neben sich nicht
zu selbstständiger Entfaltung kommen läßt, und wenn
sie nicht - zu warten und sich zu sagen vexsteht:
,as ich geplant, werden Andere nach murir in anderer
Zeit vollführen können!? Abwarten, das Gebotene
im Augenblicke thun - und sich bereit halten! Das
ist's, darauf muß man denken!'r
,Sie sprechen von unsern Zuständen! sagte
der Sohn.
,Wovon anders, da es uns das Nächste ist?
Ich frage Dich nicht, welche Zwecke hat Euer wissen-
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vielen Militärs, ich höre von mancherlei Einwirkungen
guf die Kleinbürger und auf die Erziehung ihrer
Kinder; ich bemerke, ein früher nicht vorhanden ge-
wesenes Einvernehmen zwischen den Studirenden und -
den jüngeren Offizieren - und ich lobe das, weil
ich's mir deute. Nährt das Selbstgefühl in dem
Einzelnen und bindet ihn an das Allgemeine in freier
Unterordnung; und wenn wir wiederkehren, wird
vielleicht mehr davon die Rede sein.r
,Wir sind organisirt!'' antwortete ihm Frank.
,Stein, Blücher, Pork, Schill, Schön und der Kanzler
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hier, sind mit uns, oder doch mindestens für uns, und -
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schaftlicher Verein? Du hast nie mit mir dapon
gesprochen: aber ich sehe Dich in Verbindung mit
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wir reichen in immer weiterem Kreise uns die
Hände.?
,Thut es mit Vorsicht; noch ist Danzig von den
Franzosen besetzt, Berlin nicht frei, der Hof in unseren
Mauern, Napoleons Mißtrauen ist wach, der Kongreß
in naher Aussicht. Fehler, Nebereilungen sind in
solcher Lage das schlimmste Unrecht. Was ich auf
der Reise erfahren, bringe ich Euch mündlich zu;
noch ist Geduld die Losung gegenüber der Gewalt
-- bis sie sich ihren Untergang selbst vorbereitet
haben wird. Inzwischen lebe am Tag den Tag;
gieb das Geforderte nicht karg, wo es das Allgemeine
gilt, und nimm auch die Sache der Kollmanns in
Acht. Ist's mit der Pachtung nichts, so ziehen wir
sie vielleicht selbst heran für unsere Fabriken. Brach
liegen, vielleicht noch auf Jahre hinaus, dürfen wir
nicht, unsere Kapitalien nicht; und die Unsicherheit
der Schifffahrt fordert mit Nothwendigkeit die In-
dustrie im Lande!?
Frank machte noch verschiedene einzelne Fragen
und Bemerkungen geschäftlicher Art und erwähnte
absichtlich, daß er Eberhard selbst von der Verlobung
der Schwester in Kenntniß gesett, daß Virginie ihn
und den Hauptmann gestern gesprochen habe, daß er
dem wissenschaftlichen Vereine angehöre, eines der
thätigsten Mitglieder desselben sei, und in seinem
Verhalten gegen seine Leute Allen zum Musier gelten
dürfe. Auch der Erbschaft, welche er gemacht, und
der größeren Freiheit, die. er dadurch gewonnen,
gedachte er.
Darner hörte es mit Achtsamkeit an.
,Mich freut das Alles für ihn,? sagte er, ,denn
meine Meinung war ihm immer günstig, aber was
konnte das helfen gegenüber einem Manne, der,
Sklave einer angeerbten Tyrannei, den Faustschlag