Die Familie Darner. Roman in 3 Banden.
Fanny Lewald
Kapitel 40

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nicht zu thun wagt, den er dem lebenden Tyrannen F
gegenüber nicht zurückhalten würde? Wer Tyrannen

stürzen will, muß mit seinem eigenen Tyrannen be-
ginnen; wer Völker befreien will, anfangen mit sich

selbst; denn das Volk setzt sich aus Einzelnen zu-
sammen. Wer sich selbst befreit, befreit einen Theil
- seines Volkes.?
,So denken auch wir,? bekräftigte der Sohn,
,,und Eberhard ist freien Sinnes.?
,Bis auf seine Vorurtheile!r fiel ihm der Vater
ein. ,Hätte er den Muth seiner Meinung gehabt,
ich hätte ihm nicht gefehlt; aber ihm war nicht zu
helfen! Lora mußte geholfen werden und es ist
geschehen. Vielleicht belehrt ihn noch einmal die
Zeit.? Er zog die Ühr heraus. ,Ich denke, jett
sind wir klar und können zu den Frauen gehen,
sie werden uns erwarten, und menn wir sie sich
selber überlassen, sind wir an einem Abend wie
der heutige, vor Rührungen nicht sicher.' Komm, laß
uns gehen!
SKMeaaagaaaaaaaa
ierzigsies Kapites
Am andern Morgen um die achte Stunde' hielten
vor dem Darner'schen Hause der schwer bepacte, mit
vier Postpferden bespannte Reisewagen, in welchem
- Frank die Schwestern aus der Pension in das Vater-
haus gebracht, und Franks offene Kalesche. Die Leute,
die zum Wochenmarkte gingen, blieben stehen und
sahen es sich an.
John und der Hauptmann waren gekommen,
den Reisenden noch die Hand zu geben, Dolores ein
Lebewohl zu sagen.

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Madame Armfield, die sonst so früh nicht aus-
zugehen pflegte, hatte gerade den Morgen eine un-
widerstehliche Sehnsucht gefühlt, ejnmal einen kleinen
Gang ans Wasser zu machen, um Luft zu schöpfen.
Sie sah also, wie Darner mit den Töchtern in dem
Reisewagen Platz nahm, wie der Diener und die
Kammerjungfer aufstiegen, wie Frank mit der Frau
und die Wärterin mit dem Kinde sich in der Kalesche
einrichteten. Frank wollte die Seinen bis zur ersten
Station, drei Meilen von der Stadt,. begleiten.
Madame Göttling, die sämmtlichen im Geschäfte
arbeitenden Herren, waren auf den Wolm hinaus-
gekommen, der Tochter des Hauses noch einmal
Glück zu wünschen, ehe sie von der Heimat schied.
Dolores reichte mit Thränen in den Augen Jedem
die Hand, Darner trieb zum Aufbruch, man wollte
das neun Meilen entfernte Braunsberg bei guter
Zeit erreichen. Der Hausknecht klappte die Thüre
- des Wagens in das Schloß, der Hauptmann trat,
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noch einmal an die Seite heran, an welcher Virginie saß.
,Kommen Sie uns zurück!r?
,Vergessen Sie das Gestern! entgegnete sie ihm.
,Imn Gegentheil! versetzte er.
,Vorwärts!r befahl Darner. Der Postillon zog
die Zügel an, ein Knall der' Peitsche! Von hüben
und drüben rief es: ,Adieu! =- Leben Sie wohl!
=-- Alles Gluck!=- Auf Wiedersehen! =- Tücher-
schwenken, winkende Hände, selbst von den Wolmen
und aus den Fenstern der Nachbarhäuser, mit deren
Bewohnern man von Ansehen bekannt war - und
die Wagen rollten davon.
Das Personal des Geschäftes, Hilgers an der
Spitze, kehrten in das Komptoir zurück. Madame
Göttling blieb stehen und sah den, Wagen nach, bis
sie unter dem Grünen Thor verschwanden, das die

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Langgasse und den Kneiphof von dem Pregel und
der Vorstadt trennt; Madame Armfield war die
Lust zu ihrem Morgenspaziergang ebenso rasch ver-
gangen, als sie ihr gekommen war. Sie zog es
vor, ein wenig zu ihrer lieben Göttling hinauf zu
gehen, um ihr über die erste Stunde theilnehmend
hinwegzuhelfen.
Zur Rechten und zur Linken hatte Dolores aus
den Fenstern des Wagens hinausgesehen, grade wie
an dem Tage, an welchem sie mit dem Vater zum
ersten Male durch diese Straßen gefahren war.
Jener Tag und diese Stunden waren einander so
nahe und so fern, so ähnlich und so verschieden von
einander.
Wie damals ging sie einem Unbekannten ent-

gegen. Damals ging sie in das Haus eines Vaters,
den sie nur selten gesehen, jetzt in das Haus ihres
künftigen Gatten, den sie nur wenig kannte -- und
doch war es anders. Wie Vögel, die man aus der
Sicherheit des Schlafes aufgescheucht, flogen ihre
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Gedanken hin und wider und keiner ließ sich halten;
einer löste den andern im Fluge ab, daß es ihr - -
schwindelte. Halt zu suchen, lehnte sie das Haupt
an ihres Vaters Brust. Er nahm sie in den Arm -
und an sein Herz, er küßte ihre Stirne. Da ward's
still in ihr. Sie war geborgen, er ließ sie ruhen.
Virginie störte sie nicht.
Wie lange sie so gelegen, ob sie gewacht, ge-
schlafen und geträumt, das wußte sie selber nicht,
- als der Postillon anhielt, um ein paar schwer be-
ladene Frachtwagen an sich vorüberfahren zu lassen.
Sie blickte lächelnd und mit hellen Augen um sich.
,Sind wir schon so weit?' fragte sie und zu
Virginie gewendet, setzte sie hinzu: ,Wie hübsch ist's
heute hier! Damals, als wir des Weges kamen,
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lag Alles auf der ganzen Reise voll von Schnee und
Eis, und es war uns unheimlich; denn in einem
Lande, in welchem die Natur im Winter ganz er-
stirbt, waren wir noch nie gewesen. Polydor sagt,
Schnee gäbe es nur selten, und grün und schön bliebe
es in Venedig immer.?
Det Gedanke an den Süden war in der letzten
Zeit für sie mit dem Gedanken an Polydor ver-
schmolzen; und wie die beiden ersten Meilensteine,
einer um den andern, ihre bisherige Heimat zurück
treten machten, so -regte das Gefühl, nun einem
neuen Leben entgegen zu gehen, sie lebhaft auf, und
nicht sie allein.
Die ersten drei Meilen waren schneller zurück
gelegt, als sie es erwartet. Man frühstückte noch
gemeinsam; dann galt es vor Allem für Justinen
die Trennung von ihrem Manne und von ihrem
Kinde. Aber Frank und der Knabe waren gesund;
Frank versprach, kräftig, wie der Junge sei, werde
er der Mutter entgegengehen, wenn sie wiederkehre;
und wie dann der eine Wagen zurück gen Norden,
der andere weit hinab gen Süden fuhr, waren die
Thränen alle bald getrocknet. Justine war noch nie
gereist, ihre frohe Neugier belebte auch die Anderen;
und selbst Darner, welcher die Grenze der Provinz
nicht überschritten hatte, seit er den Sohn in das
Geschäft genommen, fühlte sich trotz der mannigfachen
Sorgen, die auf ihm lasteten, von dem Zuge in die
Ferne angenehm berührt. Wie eine Lustfahrt ging
der erste Tag vorüber, die Tage und Wochen, welche
ihm folgten, blieben hinter demselben nicht, zurüc,
,' und Darner genoß sie, wenn auch in anderem Sinne,
als seine Begleiterinnen.
Alles, was sie sahen, war diesen neu. Jn
möglichster Schnelle fahrend, um nach Bedürfen

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gasten zu können, reiste man durch ganz Dentschland,
überschritt man die Alpen,' trat man in Ftalien ein
und ging man niederwärts dem Meere zu. Die -
Schönheit und Großartigkeit der Natur war Justinen
ebenso überraschend, als allen Dreien jedes Werk
der Architektur und der anderen Künste; und keine
-von ihnen hatte je' ein bedeutendes Gemälde oder
gar eine Statue gesehen, denn weder bedeutende Bau-
wverke nochGdemälde oder Statuen waren in Königs-
berg zu finden.- All das Entzücken, dessen sie
genossen, erquickte Darner, weil er es war, dem sie
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es dankten. Sein Wille, seine Einsicht hatten sie auf
den Weg geführt. Er konnte gewähren weit über z'
ihr Erwarten und Wünschen hinaus. Es war eine
-göttliche Freude, mii der er sie betrachtete, mit der
er ihre dankbare Liebe ihm entgegenwallen fühlte.
Von Tag zu Tag hatten sich ihre Erwartungen
gesteigert, jeder folgende hatte noch mehr geboten
-und immer hatte man ihnen gesagt: Venedig sei doch j
moch schöner; und die Ungeduld, mit welcher sie
diesem letten Ziele entgegensahen, trug sich in Dolores
auf ihren Verlobten über, auf Polydor.
Sie zählte die Stunden bis zu jener, in welcher
sie ihn sehen, in welcher er, wie er es verheißen, .
ihr entgegenkommen würde; und frohen Herzens,
mit hochgespannter Hoffnung sagte sie, als der Wagen
Halt machte in Mestre, wo man zum letzten Male
wor der Ankunft übernachten sollte: ,Morgen also!
morgen-- und Virginie und Justine sprachen es
ihr nach.
- Und der Morgen kam und der Tag war schön.
Wie durch silbern funkelnde Schleier strahlte die
Sonne nieder. Der feuchte Dunst, der in der Frühe
- vom Meere aufgestiegen war, milderte die Hitze.



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Man fühlte die Nähe der weiten Wasferfläche, das
Athmen ward zur Lust.
Unter des Vaters Aufsicht hatte der der Landes-
sprache unkundige Diener die Koffer und Valisen auf
das Schiff überführen lassen, das sie nach Venedig
bringen sollte. Der Wagen hatte in Mestreh zurück-
zubleiben; und als dann Alles geordnet war, als
Dolores hinaustrat aus der Thüre des kleinen Gast-
hofes, der sie die Nacht beherbergt, und hinausblickte
auf das Wasser zu ihren Füßen, da - - -
,Dolores!'' riefen Virginie und Justine, und
,Dolores! rief der bleiche, schlanke Mann, der
raschen Schrittes aus dem Segelboote heraufsprang
auf den steinernen Rand des breiten Quais und
Dolores traute ihren Augen nicht -und meinte zu
träumen; aber Polydor schloß sie in seine Arme,
und umtönt von sanfter, wiegender Musik, -trug er
sie mehr, als er sie, führte, hinab in das ihrer
harrende, für sie geschünckte Schiff.
Merkur mit seiner Flügelkappe stand am Steuer,
Amorinen reichten den Frauen Sträuße dar, duftend,
farbenprächtig, wie sie sie nie gesehen. Neben der
glühenden Nelke die glänzend weiße Tuberose, um-
hüllt von der sanften Erbs lmoneins.. Bekränzte
Tritonen führten die sechs Rüder; bunte Fahnen be-
wegten sich leise an dem kleinen Maste. Der sanfte
Morgenwind schwellte das Segel, und auf weichen
persischen Polstern ruhend, glitten sie in dem Boot
über die ruhenden Wasser dahin, hinaus aus der
Bucht, hinein in das schweigende Venedig, unter der
Rialtobrücke fort, in den Canale grande hinein, bis
zu den blumenbestreuten Marmorstufen des breit hin-
gelagerten Palazzo Ferramonte, auf dessen, Traghetto
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die Gondeln des Hauses angekettet lagen und Gon-
doliere und. Diener in reicher Livree die Ankunft der
künftigen Herrin erwarteten.
Darner hatte am Abend noch in der Stunde
ihrer Ankunft einen Boten von Mestre an Polydor
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-mit der Nachricht abgehen lassen, daß man den Tag
eingehalten, den man für die Hochzeit festgesett,
und hatte darauf gerechnet, daß Polydor kommen
würde, die Braut in sein Haus zu holen; aber er
war, wie die Anderen überrascht, und verbarg das
nicht vor Polydor. Selbst in dem an Masken ge-
wöhnten phantastischen Venedig fiel es auf, wie das
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geschmückte Boot seinen Weg suchte durch die großen
sie selbst erschienen ihr wie verwandelt, wie gbge-
trennt von Allem, was sie bisher gekannt; und wie
er ihr mit ritterlicher Anmuth die Hand reichte, ihr
aus dem Boot auf die Stufen hinauszuhelfen, neigte
sie sich, an Demuth und zum Dank gewöhnt, hernieder
und küßte die Hand, die sie künftig durch das Leben
führen sollte.

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Schiffe und die sich kreuzenden Gondeln; Dolores
aber kannte sich selber nicht vor Freude. Polydor, ;
Polydor war trunken vor Freude wie sie. Sie,
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die Einen unter der Pracht und Schönheit, die sie
hier umgab, und wie war es denkbar für Polydor
neben der Ersehnten, die sich ihm zuwendete, wie
sein heißes Herz es verlangt, seit er sie zuerst er-
blickt, und die heute noch, heute noch die Seine
werden sollte?

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Weil es gegen den Brauch war, daß die Braut
übernachtete in dem Hause des Bräutigams, und
weil man bei der Nebexfüllung der Stadt durch die
starke französische Besatzung nicht mit Sicherheit
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darauf hatte rechnen können, in einem der großen
Gasthäuser ein Unterkommen zu finden, wie eine
solche Familie es beanspruchen konnte, während
Polydor jede Stunde für verloren erachtete, die ihn
von der Geliebten fern hielt, hatte Darner auf einen
während der Reise erhaltenen Brief von Polydor
darein gewilligt, daß man gleich in dem Palast
Ferramonte absteigen, die Trauung noch am Abend
desselben Tages vollzogen werden und Dolores diese
Kunde erst von ihrem Bräutigam unter seinem Dache
erfahren sollte.
Man hatte in dem einen Flügel des Palastes
die Fremdenzimmer eingerichtet. Die französische
Kammerjungfer, welche Dolores bedienen sollte, half
der deutschen bei dem Ordnen der Sachen. Nach
kurzer Rast, nach dem,Wechsel der Kleidung, als
man zu dem landesüblichen Frühmahl in einem der
kleineren Säle beisammen war und die Erlebnisse
der lettten Wochen, Tage, Stunden, die Freude über
das Wiedersehen und über die Umgebung durchge-
sprochen waren, in der man sich befand, sagte Polydor,
die Braut festhaltend, als man sich von der Tafel
erhob: ,Es macht mich glücklich, Geliebte, daß Du
das Haus nicht zu gering findest, welches Du mit
mir bewohnen sollst; aber was würdest Du sagen,
wenn Du erfahren würdest, daß Du es nicht wieder
verlassen darfst = ?
Er hielt inne, Dolores sah ihn betroffen an.
Sein Gesicht war ernst, er blicte ihr fest ins, Auge.
Sie wendete sich nach dem Vater hin, auch- dessen
Miene klärte sich nicht auf.
,Ich darf es nicht verlassen? fragte sie, die
Augen zu Polydor erhoben.
,Nein! Du darfst es nicht verlassen, bis Du
meine Frau geworden bist!' antwortete er ihr, und
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seine -strahlende Freude fand in ihrem Lächeln und
Erröthen ihre Antwort.
Der Vater trat dazwischen. ,Ich denke, Du
bist damit einverstanden!r sagte er. ,Die Schick-
lichkeit erheischt es. Polydor hat mich darum gebeten,
Bräutigam hat es erlangt, daß der Eivilakt Eurer
Mairie sofort vollzogen werde. Der protestantische
Prediger der Schweizer Gemeinde aus Bergamo ist
seit einigen Tagen der Gast Polydors. Um sechs
Ühr werden die Freunde Deines künftigen Gatten
sich hier versammeln, Eurer Trauung durch den
Geistlichen beizuwohnen und das Fest der Hochzeit
mit uns zu, begehen. Noch heute Abend wirß Du,
wenn auch noch mein Kind? =- die feste Stimme
bebte dem Starken - ,wenn auch immerdar mein
geliebtes Kind, doch nicht mehr mein Eigenthum,
sondern, einem andern Manne, Deinem Gatten, zu
eigen sein.?
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ich hahe eingewilligt, es ist Alles vorbereitet. Dein
Eheschließung am Nachmittag von den Beamten der
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Er hielt inne, es waren ein paar Augenblicke
feierlichen Schweigens. Polydors Augen hingen an - .
der Braut. Sie hatte die Farbe gewechselt, dann
rasch aufathmend und dem Vater die eine, dem
Bräutigam die andere Hand hinreichend, sagte sie:
,Ja, so soll es sein,? und fügte sie dann lächelnd
hinzu: ,Sono ehisma!r
Es war der alte, landesübliche, Demuth be-
zeigende Gruß, wie sie ihn in der Lombardei während
der Reisetage oft vernommen.
Und so geschah es!=- Von Neberraschung zu
Neberraschung, von einer Rührung, von einer Freude,
von einem Staunen in das andere übergehend, blieb
ihr und ihren beiden Gefährtinnen zur Besinnung
keine Zeit.

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Kaum war die Eiviltrauung vorüber, so galt
es die Braut in das hochzeitliche Gewand zu kleiden,
das nun in ihrem Ankleidezimmer in dem Flügel
des Palastes bereit lag, den Polydor, den sie mit
ihm bewohnen sollte. Ein Brautkorb, gemacht, jede
Fürstin zu befriedigen, stand ihrer Wahl gewärtig
für sie da. Die Schwester, Justine waren behilflich,
ihr zu dienen. Man überließ die Frauen für ein
paar Stunden noch sich selbst.
Darner hatte sich zurückgezogen, die Berichte hund
Briefe durchzusehen, die ihm Frank von Königsberg
an jedem Posttage nachgesendet und die ihn hier
erwartet. Die zusagende Antwort von Alexander
Joannu fand sich unter ihnen. Polydor war auch
schon davon unterrichtet, daß sein Bruder, sein
Vater die Verbindung mit Jöhn Kollmann einzugehen
dächten. Auch die Zeitungen wollten in Betracht
gezogen sein, denn die Maßnahmen Napoleons, die
Kriegsbewegungen waren der Kompaß, nach welchem
der Handel seine Wege zu suchen hatte, und mit den
Gedanken in den Norden zurückgewendet, in sich die
Antworten erwägend, welche er zu geben hatte, trat
Darner aus dem Palaste hinaus auf den kleinen
Eampo, der, hinter demselben gelegen, sich nach einer
der schmalen Straßen öffnete, die über den Markus-
platz, hinausführen an das Meer und nach der Riva
der Slavonier.
Er kannte die Pfade alle. Er war sie oft ge-
gangen, aber es war anders gewesen dazumal, und

auuch er war ein Anderer gewesen.
Dort, weit hinein nach dem Lido zu, hatte der
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Insel, auf welcher jett die Franzosen den Eisräino
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pnblieo anzulegen begannen, hatten die Seiler ihre

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Werkstätten, die Matrosen und Seeleute ihre Wirths-
häuser gehabt. Dort hatte er gesessen mit guten
Genossen - wo waren sie hin? =- und hatte ihn
vor Augen gehabt den Palast Ferramonte, ohne
seinen Namen zu kennen, ohne zu ahnen, daß seine
Tochter ihn einst bewohnen würde; und er hatte
Niemand zu danken für diesen Wandel seines Ge-
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schickes. Er' allein war sein Herr! Und durch Jahre
hatte er nicht daran gezweifelt noch viel weiter fort-
gehen zu können uach eigenem Ermessen - aber er
hatte es erkennen lernen in der letzten Zeit, wo die
Grenze des freien Willens, die Grenze des freien
Thuns ihre Schranke finden, so in der Gleichbe-
rechtigung der ihm Nächsten, wie in der Gemeinsam-
keit des Bamnes, den eine titanische Kraft tytannisch
ausbreitet über die Gesammtheit, bis die gesammte
Kraft der Einzelnen sich erhebt, den Bann zu brechef
mit Einsetzung ihres Willens, ihrer That.
Tief in die Vergangenheit versenkt, weithin fort-
getragen in planendem Hoffen auf eine neue, be-
freiende Wandlung der Zustände, wie es sich jetzt in'
tausenden von Seelen regte, war er hin und her,
geschritten an dem Ufer, bis die Glocke vom Thurme
die Stunde anschlug, die der Trauung seines Kindes
voranging.
Die Sonne neigte sich zum Meere, ihr purpurner
Schein färbte drüben das Kloster der Armenier und
machte die Seejungfer erglänzen, die vom Palazzo
Ferramonte sich hoch über des Daches Zinne als
Wetterfahne in die Luft erhob.
Alles war für den Empfang der Hochzeitsgäste
bereit, als Darner wieder in den Palast zurückkehrte.
Sie gefiel ihm, die solide Pracht des Baues; er -
tadelte ihn nicht, den Luxus, den Polydor sich bei
dem wohlbegründeten Reichthum seines Hauses
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gestattet, aber die Phantastik, die sich kund gegeben in
dem Empfang, den er der Braut bereitet, war nicht
nach Darners Sinn gewesen. Was dem Liebhaber
Gewalt gab über die Frauen, konnte an dem Manne
gefährlich werden für seine Frau. Doch Polydor war
klug wie alle Griechen, berechnend wie sie, seine Eitelkeit
und seine Sinne mußten in dieser Frau ihre Rechnung
und Befriedigung finden. Dolores schwamm in Freude
- und welcher Vater vermochte auszusorgen auf
alle Zeit und alle Fälle für das Glück seines Kindes?
Wie eine Königin geschmückt und schön, war
Dolores eine Stunde später an den Altax getreten,
den man in dem Betzimmer des Hauses aufgerichtet;
wie eine jener Versammlungen, deren Erscheinung
Veronese's Pinsel für die Nachwelt aufbewahrt, hatte
die reiche und vornehme Welt des jetzigen Venedig
in dem Hochzeitssaal sich gereiht, auf welche Tinto-
retto's Göttergestalten wie auf ihnen Ebenbürtige
herniederschauten. Fackelglanz in den offenen Hallen,
Lichterglanz an der Tafel, Klingen der Gläser, Musik
von den den Saal umgebenden Galerien, Glückwünsche,
Lobpreisungen in französischer, englischer, italienischer
Sprache, Freude, Lust, Gelächter, Geflüster, wohin
das Auge sich wendete, woohin das Ohr horchte.
Und dazu der tiefe, sternenfunkelnde Himmel, als die
Stunden vorwärts eilten, und das linde Anschlagen
des Wassers an die Schwellen des Palastes.
Die Mitternacht. war vorüber, als Ndie Gäste
auseinander gingen, als Darner die Tochter umarmte,
als die Schwester, als Justine sie küßten, als Polydor
sie ihnen entführte.
,seleeissima notts!r rief es von den.hondeln
hinauf, noch einmal und noch einmal.
,Gute Nacht! boten ihr die Ihren. Der deutsche
Klang war ihr wie ein Gruß, wie ein Gebet, die zu
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Lewalb. Die Jamilie Darner. A.

-- Z7ßs--
ihr herüberschallten aus ferner Wirklichkeit in die
märchenhafte Welt, die sie umfangen seit dem Morgen.
Die Musik war verstummt, als Justine und
Virginie durch die offenen Arkaden sich in ihre Ge-
mächer zurückzogen.
,,So mußte es für Dolores sein,' sagte Virginie,
,, denn wer war ihr zu vergleichen? Und wie sie
glänzte vor Glück, wie sie ihn empfand, den Zauber,
der sie hier umgab !?
Sie standen in der Halle stille. Die Lichter, die
Fackeln wurden ausgelöscht. Justine nahm Virginie
bei der Hand.
, Laß uns gehen ! sagte sie, ,bie Hallen sind so
groß, wir möchten den Weg verfehlen. Es muß einsam
sein in dem Hause, wenn ihm die Gäste fehlen.'?
,,Daran habe ich noch nicht gedacht!'' entgegnete
Virginie; ,aber Du hast Recht, wir müssen fort!'
Die Nacht breitete sich aus über das Land und
über das Wasser -- und als sie wich, stieg die Sonne
wieder hell empor wie an einem Hochzeitstage, und
wie im Triumphe führte Polydgr sein junges Weib,
Madame Joannuu, den Ihren zu.
Lächeln in allen Augen, Lächeln auf allen Lippen,
nur in den Augen der jungen Frau schwebte ein
feuchter Schimmer, um ihre Lippen zitterte es leise.
Sie hatte Polydor gelobt am Meeresstrande vor
seinem Scheiden, als sie mit ihm gesessen in dem
Schutz des Pavillons zu Strandwiek, daß sie sein
werden wolle ganz und gar, daß jeder Gedanke ihrer
Seele ihm gehören solle, das; sie ihm nichts verbergen
wolle, nichts!
Und was sie geträumt in der Stunde, da am Morgen
sie sein Kuß geweckt-- das konnte sie ihm nicht sagen.

Eine schwarze Gondel war gelandet an den
Stufen des Palastes und es hatte Einer darin ge-
standen, ihr die Hand zum Einsteigen zu bieten, wie
am Morgen es Polydor gethan. Aber er war es nicht
gewesen-- und der, den sie mit Erschrecken in der
Gondel erkannt, den konnte sie ihm nicht nennen!
Einundvierzigstes =»- ---
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Der Empfang bei der jungen Frauu, Festlichkeiten
bei den Umgangsgenossen Polydors wie bei den Ge-
schäftsfreunden Darners und der Joannu, hatten das
neue Ehepaar und seine Angehörigen alltäglich in An-
spruch genommen. Das Durchwandern der Stadt,
ihrer Kirchen, Paläste und Museen hatte für die
Frauen die übrigen Stunden ausgefüllt, während
deren die beiden Männer sich ihren Geschäften über-
lassen; und nach dem Verlauf einer Woche hatten
Darner, Juustine und Virginie Abschied von Venedig
und von Dolores genommen in der Zuversicht, daß
ihr an der Seite ihres Mannes in der zauberhaften
Stadt eine schöne Zukunft gesichert sei, wenn schon
der Abschied ihnen Allen schwer geworden war und
Dolores sich einzugewöhnen hatte in das fremde Land
und in die ihr fremde große Gesellschaft.
Wie es in Darners Plan gelegen, war man bei
der Rückkehr rascher noch vorwärts gegangen als auf
dem Wege gen Süden, da man sich ja zu Hause von
den Anstrengungen der langen Reise erholen konnte.
Nur in Leipzig und in dem noch immer von den
Franzosen besetzten Berlin hatte man ein paar Tage
verweilt, und dort hatte Darner bereits die Asicht
verbreitet gefunden, daß die Zusammenkunft der bei-
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den Kaiser keine Friedensaussicht für die des Krieges
satte Welt eröffnen werde.
Die Reisenden hatten Venedig in der Herrlichkeit
des Sommers' verlassen. Auf dem Festland von
Oberitalien hatten sich die üppigen Weingehänge voll
reifer Trauben don Baum zu Baum gerankt, hatten
sie farbenprächtiges Blühen und reife Früchte vor
sich gehabt, wohin das Auge sich gewendet. Als sie
bie Weichsel überschritten, war es herbstlich kalt und
rauh. Die Tage waren schon kurz. Die Sonne kam
selten zum Vorschein. Morgens hing der Reif an den
Nadeln der Kiefern- und Tannenwälder, durch welche
man fuhr. Auf den Feldern war die Arbeit für das
kommende Jahr vollendet. Die Zugvögel waren schon
lange gen Süden gewandert. Nur Krähen, Raben
und Sperlinge gingen auf den Feldern umher, oder
flogen gegen den Abend unter dem grauen Himmel
eilig den Wäldern und den Dörfern zu, sich für die
Nacht zu bergen. Neberall sah man noch die Spuren
des Krieges, die belaubten Büsche und Waldungen,
welche zum Theil versteckt, als man vor sehn
Wochen des Weges gefahren; aber das flache Land
war östlich von der Weichsel doch von den franzö--
sischen Truppen frei, wenn schon die Festungen noch
von ihnen besezt waren und besetzt bleiben sollten,
bis die schwere Kriegsschuld an Frankreich abgetragen
sein würde.
Der letzte Reisetag stieg trübe auf. Ein dichter
Nebel nachte jeden Blick in die Ferne unmöglich.
Der Westwind jagte die von den letzten Nachtfrösten
welk gewordenen Blätter in wirbelndem Durchein-
ander vor sich her. Darner ließ die Lichter in den
Wagenlaternen Koch anzünden, als man am Morgen
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,Noch acht Stunden,? sagte Justine, als sie sich

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Fußsäcke ordnete und die Wagenthüre schloß. ,Noch
acht Stunden, dann habe ich sie wieder, den Frank
und meinen Jungen !?
,Rechne immer auf ein paar Stunden mehr,
damit Du nicht ungeduldig wirst! Der Postmeister
sagt, die Wege wären schlecht, die Posten in den letzten
Tagen immer wieder verspätet angekomtmen lrr bedeutete
sie der Vater und steckte seine Eigarre an.
,Als wir hier auf der Hinreise übernachteten,
kam mir Venedig nicht so unerreichbar vor als heute
Königsberg!'' sagte Justine nach einer Weile. ,Es
zieht mich mit Gewalt nach Hause. So lange ich
ferne von ihnen war, war ich ruhig, heute quält
mich eine wahre Angst. Ich denke immer, es könnte
doch etwas vorgefallen sein. Sie haben mir vielleicht
doch etwas verschwiegen.?
,Aber sie haben Dir ja betheuert, daß Alles gut
steht, daß Lorenz gesund ist!r wendete Virginie ein.
,Gewiß, und doch begreife ich heute nicht, wie
ich habe fortgehen und wie ich habe so vergnügt sein
können so weit von ihnen. -= Ich wollte, der Wind
jagte mich wie die Blätter durch die Luft, damit ich
nur erst wäre, wo ich hingehöre, bei Mann und Kind,
in unserem lieben Hause!'?
Sie holte die Ühr ausn dem Gürtel. ,Zehn Mi-
nuten fahren wir jetzt schon! Noch zweiundvierzig
solcher kleinen Weilen, dann sind wir in der Langgasse.?
,Laß die Ühr stecken, Tochter!, Du weißt, derlei
Spielereien sind nicht mein Geschmack!' gebot der
Vater: -,Es ist unvernünftig, sich unruhig zu machen
ohne Grund und Folge.?-- Justine gehorchte. Es
war selten, daß der Vater sie in der Art tadelte;
aber sie und Virginie hatten es schon in den letzten
Tagen wahrgenommen, daß er schweigsam und weniger
als sonst geneigt war, auf ihre Unterhaltung einzu-
gehen, daß er innerlich beschäftigt war.



-== Z?g -
Die Postillone und die Pferde thaten ihre Mög-
lichkeit. Justine fand, daß sie wie Schnecken hin-
schlichen. Alle Augenblicke grif sie mit der Hand
nach der Ühr und zog sie wieder zurück.
Lange Reihen von Frachtwagen kamen auf der
schlecht gebahnten Straße ihnen von Norden entgegen.
Chausseen gab es im Lande noch nicht. Die Fuhr-
leute, in blauen Blusen über den schweren Tuch-
röcken, in hohen Wasserstiefeln, die Pelzmützen auf
den Köpfen, die schweren Peitschen in den rothge-
frorenen Händen, gingen schnalzend und rauchend
neben den Gefährten her und knallten mit den Peitschen,
die Vorüberfahrenden begrüßend; wie Schiffe sich be-
grüßen in der Oede auf dem hohen Meer. Mußte
doch die Landstraße jettt, so weit es möglich war, den
gefahrdrohenden Verkehr zur See ersetzen.
,,Wie der Lorenz sich freuen würde, wenn er das
lustige Knallen hörte! Er hatte schon seine Freude
dargn, als wir von Strandwiek nach der Stadt ge-
fahren sind. Polydor lachte über seine großen
Darner'schen Augen, wenn er sie, horchend, so weit
aufmachte. Ich bin gewiß, er kennt uns Alle wieder!
meinte Justine.
,Rechne nicht zu fest darauf!k entgegnete derGroß-
vater. ,Für einen Menschen, der kaum neun Monate
alt ist, sind zehn Wochen eine lange Spanne Zeit.?
,Was ist das für ein-Schloß, Vater?? fragte
Virginie, als gegen Mittag hin- zur Linken der
Straße, nach dem Haff zu, ein massiges,. altes Ge-
bäude sichtbar wurde.
Darner bog sich zum Fenster hinaus. ,Das ist
Schloß Balga!' gab er ihr zut Antwort.
,Ach, Balga!r wiederhglte Virginie. ,Schloß
Balga, das ist ja die alte Rilkerburg, = erinnerst Du
Dich, Justine? in welcher der Ahnherr von Baron.
Stromberg Komthur gewesen ist, als der Orden

-=- Z7H - =
weltlich geworden! - Und wie sie die Worte ge-
sprochen hatte, schoß ihr die andere Frage durch den
Sinn: ,Ob sie wohl seiner denken mag in ihrem
Palast an den sanften blauen Wassern??
-- ererE.
ihr Sehnen vermochte den ruhigen Gang der Mi-
nuten nicht zu ändern. Stunde um Stunde wollte
durchharrt sein. Der Himmel wurde immer trüber.
Durch das dicke, graue Gewölk drängte sich bisweilen
ein matter, gelblicher Schimmer hindurch. Justinens
Augen suchten immer rastloser die ersten bekannten
Hääuser in der Nähe der Stadt. Virginie war das
Herz schwer, sie hätte nicht sagen können, weshalb
-- denn seit sie wieder in Preußen war, hatte sie
sich gefreut nach Hause zu kommen.
,Ach, endlich !r rief Justine, als sie das Branden-
- burger Thor erblickte. ,Endlich!'r als sie die Schild-
wache sah, als der Zollbeamte an den Wagen trat,
als der Paß untersucht und unterzeichnet war, und
der Wagen mit dem ,Vorwärts!'' des Offizianten in
die Stadt hineinfuhr.
Die bei dem Einrücken der Franzosen niederge-
brannten Stadttheile waren zuknn Theil wieder auf-
gebaut, aber da Jeder mit Noth zu kämpfen gehabt,
so hatte man bei dem Ersatz für das alte Haus sich
auch eben nur auf das Nothdürftigste beschränkt; und
selbst die beiden Vorstädte und die Brücke und die
Börse und das grüne Thor mit seinem Thuxme kamen
Virginie klein und ärmlich und unschön vor, nach den
großartigen Bauten, die sie in der Zwischenzeit gesehen.
Justine bemerkte von dem Allen nichts. Sie hatte
nur ihr Haus mit seinem ihrer harrenden Glück im
Auge; und Virginie hatte ja auch die Stadt und die
Straßen und die Häuser nicht beachtet, als damals
der Vater sie und die Geschwister eingeholt und das
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== Z7s - =-
schützende Dach des Vaterhauses als ein ungekanntes,
aber ersehntes Ziel vor ihnen gelegen.
Nun hatten sie. den Bogen des Thores durch-
fahreü! Nun war sie in in ihrer Straße! Es war
drei Ühr am Nachmittage. Vor der königlichen Bank
stand die Schildwache. Die Tochter des Bankdirektors
grüßte aus dem Fenster mit freundlicher Hand-
bewegung. Hier und dort kam ein Bekannter vor-
über, auch Virginie begann das Herz zu klopfen.
Noch fünf, noch drei Minuten und der Wagen
hielt vor' dem Hause! Frank und die Leute und die
Göttling mit dem sorgfältig eingehüllten Lorenz kamen
auf den Wolm und die Treppe hinunter, Jußine
hatte den Lorenz, Frank die Frau im Arme, nachdem
er dem Vater und der Schwester die Hand geschüüttelt.
Der Faktor des Hauses, der Diener waren zur Hand,
Jeder wollte eine Hilfe leisten, sich der Herrschaft
bemerklich machen, sich dienstbar erweisen und die
Blätter, die von den Linden bei dem Neberschreiten
des Wolmes niederfielen, waren die Blätter ihrer
Linden, die Flur, in die sie traten, war die Flur
ihres eigenen Hauses. Sie war viel freundlicher,
als die große, weite Halle des Palazzo Ferramonte;
und das helle Feuer, das von dem Herde durch die.
Glasfenster der Küche sichtbar wurde, war ihr Küchen-
feuer. -= Man war zu Hause! zu Hause! und froh,
nach Hause gekommen, beisammen zu sein ohne eine
Gefährdung auf der Reise! Zu Hause zu sein nach
all dem -Schönen und Herrlichen, das man erlebt!
Lorenz- hatte sie alle mit verwunderten Augen-
angeguckt und sich von den Fremden zu der Wärterin,
zu dem Vater und zu Madame Göttling ggwendet;
als er aber gesehen, daß der Vater die Mutter ge-
küßt und deg Großvater die Hand geboten, da hatte
auch er die kräftigen Arme und Hände nach ihnen
ausgestreckt; und als könne man ihr ihren Besitz

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===- Z7? =-
entreißen, so schnelk war Justine mit ihrem Lorenz
den Anderen voran ünd in ihr Zimmer geeilt, von
Frank gefolgt, der dem Vater gesagt, daß er gleich
wiederkehren und zu seiner Verfügung sein werde.
Der Vater war darauf mit Virginie durch den
Korridor in das Hinterhaus gegangen, in das Wohn-
zimmer und sie beide waren allein gewesen, ohne
Dolores, allein bei sich zu Hause.
Hatte der Vater daran gedacht, als er Virginie
dis Hand gegeben und sie auf die Stirne geküßt
und ihr die Hand gedrückt, ehe er sich in seine Stube
begeben, die Reisekleider zu wechseln?
Virginie blieb mitten in dem Zimmer stehen.
Es war so behaglich! Das Feuer brannte in dem
englischen Kamine, die Ühr war aufgezogen. Der
vertraute Klang tickte ihr den Willkomm entgegen.
Sie trat ans Fenster, da floß der Pregel ruhig unter
dem Quai dem HaF zu, so wie immer. Drüben
auf der Speicherseite lagen eine Anzahl Bordinger
vor Anker, die noch spät im Jahre aus der Nähe
Getreide und andere Produkte nach der Hauptstadt
gebracht hatten. Von Seeschiffen war keines zu sehen. -
,Wo mag der Kapitän jett sein, der hier mit
dem Jungen und dem Hunde vor Anker gewesen an
dem Tage, an welchem ich mit Dolores die Unter-
redung gehabt und ihr alles an das Herz gelegt habe?
fragte sie sich, als Frank hineintrat.
,Nun,' sagte er, indem er an ihr vorüber in
des Vaters Stube ging, ,Ihr habt eine schöne Zeit
gehabt, ein schön Stück Welt gesehen, und Dolores
schwimmt in Sonne und Wonne! Gut, daß Ihr's
genossen! Wir liegen hier nicht auf Rosen!r?
Der Vater kam ihm völlig umgekleidet schon
entgegen. ,Trinken Sie vielleicht den Kaffee oben
bei uns?? erkundigte sich der Sohn, ,oder wollen
Sie, Vater, daß wir zu Ihnen kommen??
-

=- Z7s =-
,Laß uns zunächst in das Komptoir hinunter
gehen und dann den Kaffee hier einnehmen! Ich
habe mich -hier noch gar nicht umgesehen.?
Sie thaten, wie er gesagt; Virginie blieb wieder
allein. Sie hatte in dem Zimmer auch jetzt nichts zu
suchen, und hatie sich umzukleiden, wie die anderen.
Als sie oben in ihre Thüre eintrat, schreckte sie
zusammen. Was war das?==- Dolores' Bett, Dolores!
Kommode und ihr Nähtisch waren nicht da! Man hatte
die überflüssigen Sachen fortgenommen, Madame Gött-
ling hatte mit gut gemeinter Vorsorge die Stube jett
für Virginie allein einrichten lassen. Sie erkannte das,
aber es fiel ihr auf das Herz, und mit dem Ausruf:
,Allein und immer allein, ohne Lora! = immer alleinlr
warf sie sich auf das Sopha und weinte aus voller Brust.
Es war ihr mit einem Male alles umheimlich:
die Stube und draußen das fahle Licht und die
schwarzen, fast schon kahlen Aeste der beiden großen
Nußbäume, die sich wie lange Arme gespenstisch gegen
das Fenster bogen.- Justine hatte den Frank und
ihren Sohn - sie?=- sie hatte nur den Vater!
Und -- sie hatte nie daran gedacht, und der Vater
war ja auch noch jung und war immer gesund: und
wer denkt denn daran, daß die Erde untergehen oder
daß einem der Vater sterben muß? =- Aber wenn der
Vater starb, dann war sie allein, ganz allein!
Sie sprang auf. Sie wußte nicht, wie sie auf
den unglücklichen Gedanken gekommen war, sie hätte
ihn von sich schleudern mögen wie den Shawl, den
sie abwarf, um sich mit Hilfe ihres Mädchens schnell
zum Kaffee fertig zu machen; und die Berichte der in
Königsberg zurückgebliebenen jungen Person, das Er-
zählen von all den wichtigen Kleinigkeiten, die sich
während der langen Abwesenheit der Herrschaften im
Hause zugetragen, brachten Virginie bald von sich
und ihren sie quälenden Gedanken ab.


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- 879 =-
Unten in dem Wohnzimmer war alles wieder
erfreuend. Die Lichter auf den Armleuchterfi brannten
auf dem Tische; die beiden Männer und Justine mit
dem Knahen auf dem Schooß, und Madame Göttling,
die heute wieder zum letzten Male hier imHhause den
Kaffee einschenkte, sie waren alle da, waren alle ge-
sund. Virginie schämte sich ihrer- melancholischen
Grillen. Hier gehörte sie hin, hier war sie ebenso
nothwendig an ihrem Platze wie Zustine; an dem
ihren. Hier hatte sie, was sie wollte;' und es
gab so viel zu erzählen, so viel von einander zu
erfahren, daß man nicht wußte, womit zu geginnen.
Sie waren noch nicht lange beisammen, als der
Diener die beiden Herren Kollmann meldete. Man
erhob sich, sie zu empfangen.
Der Verkehr zwischen Frank und John hatte sich
nach den ersten Begegnungen einfach und freundlich
gestaltet. Die Zusage von Alexgnder Joannu, sich
indirekt an der Pachtung zu betheiligen, die John
jett zu erlangen hoffen durfte, hatte den älteren
Kollmann' der wieder angeknüpften Verbindung noch
geneigter gemacht; Madame Göttlings Kommen und
Gehen zwischen den beiden Häusern hatte das Nebrige
gethan. Kollmann hgtte sich in das frühereVerhältniß
allmälig hineingefunden, und John war also bei dem
Vater auf kein besonderes Widerstreben gestoßen, als
, er den Vorschlag gemacht, Justine gleich nach der
-Rückkehr in ihrer Wohnung begrüßen zu gehen.
Da man sie in derselben nicht angetroffen, hatte
man sich zu Darner in das Hinterhaus begeben; und
nachdem in der ersten Viertelstunde natürlich die Reise
und dierochzeit und Persönliches aller Art den
Gegenstand der Unterhaltung gemacht, hatten die
Männer sich in das Nebenzimmer verfügt, um den
- Frauen mit ihrem Rauchen nicht beschwerlich zu fallen;
und diese hatten nun volle Freiheit, von Venedig und


.
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==- Z80 =
von Dolores zu berichten, was die treue Göttling
zu hören verlangte; und von ihr zu erfahren, wie
schwer die Sorgen hier auf der königlichen Familie lägen
und wie man sich am Hofe die größten Beschränkungen
mit einer bewundernswerthen Festigkeit auferlege.
Während dessen hatte Kollmann die Frage an
Darner gerichtet, welche Nachrichten er über den Aus-
gang des Kongresses mitgebracht habe.
,,Keine anderen als die, welche Sie auch hier
bereits durch die Estafetten erhalten haben, die in-
zwischen angelangt sind,? antwortete ihm Darner. ,Die
Kaiser waren noch beisammen, als wir Berlin ver-
ließen. Einer der Geschäftsträger, von Baring, den
ich in Berlin getroffen, sprach von den englischen
Rüstungen und Einschiffungen als von einer auf
lange Kriegsdauer berechneten Unternehmung. In
Jtalien gärt es seit dem Einmarsch der Franzosen
in den Kirchenstaat, die ohne Kriegserklärung, von -
Norden und Süden kommend, das pästliche Gebiet,
angeblich zum Schutz des Papstes, besetzt haben und
verwalten. In Destereich ist man auf einen nahen
Krieg gefaßt; und das von beiden Theilen, von
Alexgnder wie von Napoleon, mit innerlichem Vorbe-
halt trügerisch geschlossene Bündniß, dessen Zeche
Preußen bezahlen wird, verspricht keinen Frieden für
die Welt. Der Kongreß war eine Komödie, die
weniger Wirklichkeit hat, als die Tragödien, welche
Napoleon vor dem Parkett von Königen hat aufführen
lassen. Was sie in Erfurt einander zugesagt, wird
keine nachhaltigere Wirkung haben als das: ..Sofons
amais, Vinna!? das dort von den Schauspielern ge-
sprochen worden ist. Napoleon bereut es, Preußen
noch so viel von seiner Stärke übrig gelassen zu haben;
und sind in Erfurt irgendwie haltbare Verträge ge-
schlossen, so wird Rußland von ihnen in Preußen und
auf türkischem Gebiete den Vortheil ziehen =- bis
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Napoleon sich nach dem Vorbild des macedonischen
Alexgnders gegen den Osten und gegen die Engländer
nach Indien wenden wird, wenn seiner zerstörenden
Laufbahn nicht vorher ihr Ende gemacht wird.?
Kollmann schüttelte traurig das Haupt. ,Das
mit anzusehen,? sagte er, ,wenn man Roßbach und
den Frieden von 16Z, wenn man die Zeit des alten
Fritz durchlebt. Man =-
,Muß leben bleiben,? fiel ihm Darner ein, ,um
,Der König soll bis- zum ölligen Verzweifeln
entmuthigt sein und sich und sein Reich verloren
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- bessere Zeiten zu erleben, und das wollen wir !?
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==- 88 =- -
geben l' bemerkte Kollmann.
,,Das kann man nicht sggenh denn was man
aufgiebt, dafür arbeitet man nicht,? wendete Frank
ihm ein. ,Der König mag ohne Hoffnung nach
außen blicken; aber innerhalb des Besitzes, der ihm
geblieben ist, läßt er seinen besten Rathgebern freie
Hand und im Innern wird viel geschaffen. Das
Herz des Volkes ist mit ihm und mit dem Schutz-
geist, der ihm in der Königin zur Seite steht.?
, Und der Haß gegen die Franzosen steht ihm
neben der Liebe für das Königshaus ebenfalls zur
Seite. Das Volkr=- hob John an. Aber Darner
ließ ihn nicht vollenden.
,Das Volk! das ist's! Die Herrscher haben
, bisher ihre Politik genacht, ihre Haus- und Familien-
interessen gefördert, ohne an die Völker zu denken;
und der Korse, obschon nicht auf dem Throne ge-
boren, hat ihnen das aushöchsteigener Machtvoll-
kommenheit und Willkar nach ihrem Beispiel nach-
gemscht, ihnen die Augen zu öffnen, da die französische
Revolution ihnen den Staar noch nicht genug gestochen.
Was der Sohn des Volkes gegen die alten Dynastien
vermocht, das müssen und werden die Völker früher
oder später gegen ihn und seine neu geschaffene Dy-

= ZZA -
nastie vollbringen können, wenn sie zu der Erkenntniß
ihrer Kraft gelangen.!
,Spanien hat das Beispiel gegeben!f sagte John.
,DDie Niederlagen in Spanien, das konnte man
in Oberitalien bereits an allen Ecken hören, sind weit
schwerer, als die Bulletins es eingestehen. Die Fran-
zosen sind- vollkommen geschlagen, die Macht der
Empörung hat sie niedergeworfen. Ein Neffe Duprards,
den wir bei meinem Schwiegersohn getroffen, gestand -
es unumwunden zu. Die Ouvrards sind auch keine
Freunde des jetigen: Regiments in Frankreich, und
welch selbstständiger Mann könnte das sein?=- Der
Handelsstand, der Landmann sind in Frankreich mehr
denn zuvor erbittert gegen Bonaparte. Die Häfen
sind verödet, das Kapital liegt brach, die Felder liegen
brach aus Mangel an Arbeitskräften. Der Fluch
der Mütter, der Frauen, die Verarmungen schreien
zum Himmel gegen ihn. Neberall steht der Haß der
Millionen, die für ihr Leben in Ruhe zu arbeiten haben,
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gegen ihn auf. Wir sind noch nicht amEnde allerTage!?
Er hielt inne, aber Frank nahm seine Worte
auf. ,Es ist hier nicht anders! hob er an. ,Die
neuen Armeen, die er sich jetzt als Vertrauenszeichen
wieder heraufbeschwören läßt, hatten etwas Erschrecken-
des; aber die Spanier haben das Signal gegeben
und die Noth und die Tyrannei bringen alle zur
Erkenntniß. Bei uns in Strandwiek = und Strom-
berg hat die gleiche Erfahrung bei ßch gemacht -
dort, und hier in der Stadt, unter den Lastträgern
und Arbeitern, kann man es vernehmen, daß die
Soldaten Leute aus dem Volke sind, daß jeder sich
selbst zum Soldaten machen könne und viele Soldaten
ein Heer sind. Seit sie nicht mehr leibeigen sind
auf dem Lande, kommen sie mit erstaunenswerther
Schnelle zum Bewußtsein ihrer selbst.?
,Nicht nur im Volke,? sagte John, ,auch oben

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im Schlosse und in der Regierung kommen sie zur
Einsicht, daß die Unterthanen, die Einwohner des
Landes nicht nur da sind, um zur Schlachtbank ge-
führt zu werden und dann, nach oft genug schlechter
Führung, als Besiegte noch unter der Last der Kriegs-
kontributionen zu erliegen. Die Landstände, die wir
hier und in Lithauen immer gehabt, sollen zusammen-
berufen: werden.?
,Auch die Kommunalverfassung,' fiel Frank ihm
ein, ,von derschon in vorigen Winter die Rede gewesen,
soll' in diesen letzten Wochen ausgearbeitet, und die
Städteverfassung nochindiesemJahreverkündetwerden.?
,,Und was erwarten Sie denn in diesem Augen-
blicke von der Ausführung' dieser Maßregel oder
dieses Gesetzes?? fragte. Kollmann. ,Können die
Bürger der Städte, können die Landstände Gold-
gruben entdecken oder Schätze graben hier im Lande,
, mit denen wir die Herrschaft der Franzosen aus
unseren Grenzen bringen? Nicht ein Fünfschillinger
wird lns erlassen von der Kontribntion. Prinz
Wilhelm ist von Erfurt zurückgekehrt, ohne das Ge-
ringste in der Beziehung erreicht zu haben. Oben
weiß man sich keinen Rath. Da schiebt man die
Bürgerschaft, das Volk vor in der Zeit der Noth, da
sollen wir Rath schaffen! Da sollen wir verantwort-
lich gemacht werden für das Unausführbare, und der
Zorn über das Mißlingen und die Erbitterung des
verzagenden Pöbels soll' von der Regierung abgelenkt
werden auf die Stadtverwaltung.-Das ist klug! Man
kann's auch vorsichtig nennen!: Ein Zugeständniß ist
darin schwerlichzu erkennen, und Achtung vor der
Bedeutung des Volkes ebensowenig.?
Darner hatte sie alle sprechen lassen und ihnen
ruhig zugehört. ,Doch, doch, mein Freund! rief
er jett lebhaft aus. ,Es ist ein Bekenntniß, ein
Zugeständniß, und zwar ein unumwundenes. Die

==- Z8g =-

- -Regierung gesteht ihre Unzulänglichkeit ein, das ist
viel, denn das Fricht ihre unfehlbare Gewalt; und
in ihrer Noth wendet sie sich an die stärkere, an die i
stärkste Macht - an die Gesammtheit. Sie erkennt
die Macht des Einzelnen in der Gesammtheit an und
sehen Sie nach England hinüber. Es ist ein Unter--
schied gwischen dem Wahlspruch des Wappens, zwischen
dem suum ouigus und zwischen Vien st mon äroit.
Das' Eine gewährt, das Andere fordert!?
Der Eintritt der Frauen unterbrach die Unter-
- haltung. Justine wollte es sich nicht nehmen lassen.
ihren Lorenz an dem ersten Abende wieder selbst
einmal zur Ruhe zu bringen, er sollte sich auch dem
Großvater, dem Großonkel empfehlen. Die freund-
liche Störung machte die Männer achtsam darauf, daß
sie mehr Zeit verplaudert, als sie geglaubt.
Die Stunde war nahe, in welcher die Komptoirs
geschlossen wurden. Was noch an Briefen zu unter-
zeichnen war, mußte bald geschehen, wenn es noch
mit der Post fort sollte, die am nächsten Morgen ab-
ging; und man war allmälig zu dem Brauch ge-
kommen, alle einigermaßen wichtigen Briefe an zwei
aufeinanderfolgenden Posttagen zu wiederholen, da
man des Ankommens der Posten nie völlig sicher sein
konnte, weil dieselben unter irgend einem Vorwande
oftmals von den Franzosen angehalten und die Brief-
schaften von ihnen mit Beschlag belegt wurden, wobei
dann baare Geldsendungen durch die Hände der dabei
betheiligten Beamten in die Brüche gingen, ohne daß.
-eine Klage deshalb erfolgreich gewesen wäre. Noch
, im Hinuntergehen berichtete Kollmann, daß vor ein.
paar Wochen wieder ein solcher Fäll sich mit der Post
ereignet hätte, die von Königsberg nach Danzig be-
stimmt und dort nicht angekommen war.
Ende des zweiten Vandes.
Berliner Buchdruckerebktien»Geselschaft. (Sezerhnnen»Schule bes Leueaee,p