Die Familie Darner. Roman in 3 Banden.
Fanny Lewald
Kapitel 04

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auch die Gelegenheit haben, mich Ihrer Frau Ge-
mahlin vorzustellen??
Frank sagte, daß sie ihm einen besonderen Gruß
für den Neffen des Generals aufgetragen habe.
Darnach trennten sich die beiden jungen Männer,
als wären sie an dem Morgen nicht zum ersten Mal
beisammen gewesen.
Viertes Kapites
Die Bekanntschaft mit Darner und dessen An-
gehörigen war für Eberhard eine neue Erfahrung.
Es war dad erste Mal, daß er mit einer Kaufmanns-
familie in eigentlichen Verkehr zu treten dachte; denn
wenn er auf Reisen in den verschiedenen Läändern
und Städten seine Kreditbriefe abgegeben und benützt,
hatte er wohl gelegentlich in Folge davon eine Ein-
ladung erhalten und angenommen, damit war es
denn aber für ihn auch fast immer zu Ende gewesen.
Hier, den Darners gegenüber, war es ein Anderes,
und er ging mit einer günstigen Voreingenommenheit
an die neue Bekanntschaft heran, die durch den
Eindruck des Hauses an sich, wie gesagt, gesteigert
worden war.
Nichts in demselben gab es kund, daß die Noth
der Kriegszeit über dasselbe so gut wie über alle
Anderen hinweggegangen war. Die Empfangszimmer
waren zu dem Mittagbrode festlich geschmückt. Das
Bild des Königs, der die Hörigkeit aufgehoben, mit
einem frischen Eichenblätterkranz umgeben, prangte in-
mitten der Hauptwand. Eine Anzahl von Beamten,
unter ihnen der Bankdirektor und die beiden ersten

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Räthe der Bank, einige der Konsuln mit ihren
Frauen, andere ohne dieselben, und ein paar fremde,
eben in Königsberg anwesende Kaufleute, waren
in dem Zimmer versammelt. Auch der Disponent
des Darner'schen Geschäftes, der Kassirer, sowie
die beiden ältesten Handlungsgehilfen waren aus-
nahmsweise geladen. Aber obschon die Gesellschaft
zahlreich war, fielen Lorenz Darner und die drei
schönen Frauuen des Hauses Eberhard gleich bei seinem
Eintritt auf.
Als Frank demt Vater den jungen Baron vor-
stellte, empfing er diesen mit Zuvorkommenheit. Er
gedachte dabei des Generals, deutete an, daß er von
Eberhards gestrigem Gespräch mit seinem Sohne
unterrichtet sei, daß er sich freue, in ihm einem
Manne zu begegnen, der mit Neberzeugung bei dem
Feste sei, an welchem heute in seinem Hause Theil
zu nehmen er ihn geladen, und setzte dann hinzu,
es solle ihm lieb sein, wenn er sich, wie der General,
in diesem Hause heimisch zu fühlen lerne.
Eberhard hatte nicht erwartet, einen so voll-
kommenen Weltmann in Darner zu finden, und doch
tauchte in dieser angenehmen Neberraschung der Ge-
danke in ihm auf, wie merkwürdig es sei, daß der
hörig geborene Mann mit ihm, dem Nachkommen
eines Geschlechtes, das schon in den Kreuzzügen
ruhmvoll gefochten, in dem Tone - er fand in sich
kein anderes Wort dafür-- in dem Tone so vor-
nehmer Geneigtheit verkehrte.
Der Gedanke ging aber so schnell vorüber, als
er gekommen war, und Franks offener Freimuth,
Justinens Sicherheit, der man es anfühlte, wie eine
große Gastlichkeit ihr Sache der Gewohnheit, und wie
sie erfreut sei, sie dem Neffen ihres Freundes bieten
zu können, stimmten auch Eberhard frei und heiter,

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während der Liebreiz der schönen Schwestern seine
Augen fesselte und ihn an sich zog.
Der Unterschied zwischen diesem Hause, dieser
gemischten Gesellschaft und jener andern, der er in
den Schlössern und auf den Landsitzen begegnet war,
in denen er seine Besuche in der Provinz gemacht,
war überraschend; an die kleine Wohnung und an
den Morgen bei der Comtesse gar nicht erst zuu
denken. Dort fast überall ein klagendes Rüickblicken
auf die letzten Zeiten und ein sorgenvolles und meist
vertrauensloses Vorwärtsschauen. Hier die Freude,
eine schwere Zeit glücklich überstanden zu haben, und
die energische Zuversicht, daß Verlorenes zu ersetzen,
daß mit dem festen Willen und mit Anwendung der
rechten Mittel auch zu erreichen sein müsse, was man
von der Zukunft für sich wünsche.
Gewohnt, in den Worten der Dichter den Aus-
druck für seine Stimmung zu suchen und zu finden,
kam Eberhard Leonorens:,Denn es umgiebt mich
eine andere Welt!'' immer wieder in den Sinn.
Es war eine Gesellschaft von dreißig Personen
zusammen, aber der Speisesaal war groß genug,
eine größere Anzahl aufzunehmen. Die Mitarbeiter
aus dem Geschäft nahmen das untere Ende der
Tafel ein. Eberhard hatte man seinen Platz zwischen
den beiden Schwestern angewiesen, und ihre Unbe-
fangenheit war für ihn in ihrer Art ebenso neu, als
die Erscheinung ihres Vaters. Sie fragten zwanglos
wie die Kinder, sie antworteten ebenso auf seine
Fragen. Es klang so verlockend, wenn ihre rosigen
Lippen von fremden Zonen sprachen. Er meinte es
in dem feuchten Glanz von Dolores' Augen zu lesen,
daß ein anderer Himmel, ein anderes Licht sich in
ihnen gespiegelt.
, Ich denke am Tage selten an mein Geburts-

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land,' sagte sie, ,denn wir waren ja dort allein,
aber in der Nacht im Traume, da sitze ich oft unter
den Palmen und Karuben in unserem Garten und
sehe wie die bunten Vögel sich necken in den Ranken
der Lianen, und höre, wie das Wasser sanft an-
schlägt an die Treppe, die hinunterführte an das
Meer . . ?
Sie brach ab, denn Darner hatte sich erhoben,
und leise mit dem Messer das Glas berührend, das
vor ihm stand, nuhm er mit dessen Klingen die Auf-
merksamkeit seiner Gäste für sich in Anspruch.
,,Sie haben mir wieder einmal die Ehre gezeigt,
meine Verehrtesten, meine Gäste zu sein, und ich
habe die Mitarbeiter aus meinem Geschäfte mit uns
vereint, um mit Ihnen Allen gemeinsam das Dankes-
fest zu begehen, zu dem ich Sie, ohne daß ich Sie
darauf vorbereitet, heut versammelt habe. Lassen
Sie uns denn auf das Wohl des Königs trinken,
der durch das neueste von ihm gegebene Gesetz den
Fluch der Knechtschaft von hunderttausenden seiner
Unterthanen genommen, den Fluch, von dem ich mich
dereinst nur durch eine Gewaltthat und durch Flucht
zu befreien vermochte. Lassen Sie uns selbst die
Leiden und die Drangsale segnen, durch die der
König und wir mit ihm gegangen sind, denn sie
haben das Herz des Königs zu dieser Großthat der
Gerechtigkeit gereift. Stoßen Sie mit mir an auf
eine bessere, glückliche Zukunft für den König und
sein Haus, für das Land, für uns Alle - vor allen
Anderen aber für die ihrem Menschenrechte wieder-
gegebenen Hörigen! Es lebe hoch, der König unser
Herr! Es lebe Friedrich Wilhelm der Dritte und
die Königin Luuise!-
,, Hoch und abermals hoch und noch einmal
hoch!'' erklang es aus dem Munde der Gäste. Die

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Männer hatten ihre Plätze verlassen, um sich Darner
und den Seinen ebenso wie den weiblichen Gästen
zum Anklingen zu nahen. Seine Leute traten an
ihren Chef mit sichtlicher Freude heran, Darner und
Frank gaben ihnen die Häinde. Stromberg stieß mit
Frank noch im Besonderen an.
, Welch' ein imponirender Mann ist Ihr Vater!'
sagte er.
, Und ein selbstgemachter, wie Sie hören!'' setzte
Frank hinzu. ,Kennten Sie die Umstände näher,
so würden Sie begreifen, daß er selbst, eben in
diesem Augenblick, wieder eine befreiende That für
sich gethan hat!?
Es blieb in der raschen Bewegung des Auugen-
blicks keine Zeit zu weiterer Erklärung. Die Diener
trugen den Nachtisch auf, das Gefrorene wurde herum-
gegeben.
Während Konsul Armfield und ber Direktor der
Bank aneinander vorübergingen, um ihre beider-
seitigen Plätze wieder einzunehmen, bemerkte Arm-
field:
,Das war wieder einmal ein Meisterstück! Von
dem, was er, ein Fest begehend, vor seinen Gästen
und vor seinen Leuten an die große Glocke schlägt,
lohnt es fortan nicht mehr, heimlich zu sprechen, oder
ihm dasjenige zum Vorwurf zu machen, dessen er
sich rühmt. Er ist gewohnt großes Spiel, und das
Prävenire zu spielen.?
Blick.
Der Bankdirektor maß Armfield mit ernstem
,Das ist freilich schlimm für diejenigen, die das
Vergnüügen dadurch verlieren, ihn durch ihr Urtheil
zu verkleinern. Aber Darner weiß, was er ist, und
weiß immer, was er will und kann, und darnach
handelt er!'?

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Er ließ sich nach den abweisenden Worten wieder
neben Justine nieder.
,Ihres Schwiegervaters Kinder!'' sagte er, ihr
die Hand küssend, ,Sie, Madame, an der Spitze und
die zu erwartenden Enkel l'? - Er trank sein Glas
aus, sie folgte mit heißem Erröthen seinem Beispiel.
Darner und Frank, die an Justinens Miene
errathen haben mochten, was es galt, nickten ihr und
dem T..ektor frezndlich zu.
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, Er hat sie alle, alle sammt und sonders in der
Gewalt!'' murmelte Armfield, wie zu sich selber, aber
doch laut genug, um von seinen Nachbarn verstanden
zu werden.
Indeß Darners heitere Stirn, die Zufriedenheit,
mit welcher er um sich schaute, das Schreien und Lachen,
das mit dem perlenden Champagner lauter und
sprühender wurde, machten, daß man die Worte des
Konsuls nicht beachtete; und als auf ein Zeichen von
Frank im Nebenzimmer Musik erklang, als man die
Melodie zu Schillers Lied an die Freude vernahm,
und Justine den ersten Vers zu singen begann,
stimmnten Alle ein in dac Lied, das damals oft den
Schluß der Mittagbrode bildete.
Heute aber und hier sang man die Worte:
,, Alle Menschen werden Brüder!'? mit tieferem
Empfinden als wohl sonst; und in froher, gehobener
Stimmung verließ man die Tafel und verließen die
Gäste das Haus.
Eberhard hatte den Weg nach seiner Wohnung
allein zurückzulegen. Er führte ihn an dem Komödien-
hause vorüber, das man seit einigen Tagen wieder
eröffnet hatte; aber obschon er ein Freund des
Theaters und es eben sechs Uhr, die Stunde des
Beginnens, war, lockte das Schauspiel ihn heute
nicht, und er schritt seine Straße vorwärts, nach der

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Schloßbrücke zu. Als er sie erreichte, war der Mond
aus dem Gewölk hervorgetreten, das ihn bis dahin
umhüllt hatte. Es war hell und die Luft für die
Jahreszeit mild und still. Er blieb stehen und sah
sich um.
Er entsann sich, als wäre es gestern gewesen,
wie er mit seiner Mutter und der Comtesse aus dem
Garten des von Bork'schen Hauses, in welchem sie
zu Gaste gewesen, die Treppe hinuntergestiegen war
in das Boot, eine Wasserfahrt zu machen. Das
war volle achtzehn Jahre her, und der Schloßteich,
breit und lang und ansehnlich, wie er war, der ihn
damals so groß gedünkt, erschien ihm jetzt klein,
wenn er ihn mit den drei Seen in Kopenhagen,
oder mit dem Alsterbassin in Hamburg verglich.
Und doch gefiel ihm der Teich, und die frische Luft
erquickte ihn.
Langsam, die Arme über die Brust gekreuzt,
ging er auf der Brücke hin und wieder. Er sah
die Gärten, die den Teich von allen Seiten um-
gaben, die Häuser, die über dieselben hervorragten,
die Lichter hinter den und jenen Fenstern; und so
hell war es, daß er vor dem Bork'schen Garten unten
die beiden umgekehrten Boote auf der halben Höhe
der Terrasse liegen sah.
Die Umgebung war ganz dieselbe. Seine Mutter
war lange dahin. So deutlich meinte er sich ihrer
nie erinnert zu haben, und . .
In Nord und Süd war er herumgereist, immer
sich selbst genug, eins mit sich. Warum war er denn
heute so weich gestimnmt? Warum fühlte er sich heute
gerade einsam? Warum war er nicht mit sich zu-
frieden? Neidete er den Darners ihr Famnilienleben,
oder gar den reichen Besitz, in dem sie so sicher be-
ruhten?
Lewald. Die Jamilie Darner. U.

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Seine Rührung wich dem Lächeln, mit welchem
er sich auf diese Frage Antwort gab. Er und Neid?
Was hatte er, Eberhard von Stromberg, der Majorats-
herr der Waldritter Linie jenen neu Emporgekommenen
wohl zu beneiden?
Die würdige Vergangenheit eines altenGeschlechtes
lag hinter ihm, eine ihm entsprechende Thätigkeit vor
ihm, wenn es ihm gelang, die Gegenwart zu be-
wältigen, indem er das schwer geschädigte Erbe seines
Hauses herstellte. Mit den Grundsätzen und Geseten,
nach denen man Städte und Staaten verwaltet und
regiert, hatte er sich beschäftigt, von dem praktischen
Betrieb der Landwirthschaft, durch welchen seinem
eigenen Besitze aufzuhelfen war, von dem Ineinander-
greifen der Landwirthschaft und des Handels verstand
er wenig genug. Seine philosophischen, seine historischen
Studien waren auf dem Markt des Lebens, in dem
Kampfe um dessen Nothdurft für Waldritten nicht zu
verwerthen; und jene alle, mit denen er gespeist, die
hatten, was ihm fehlte.
Es war ein sonderbarer Zwiespalt in ihm. Er
fühlte sich diesen Kaufleuten durch seine Geburt wie
durch seine Bildung überlegen, und doch konnte er
den Gedanken nicht los werden, daß mit aller seiner
Zuvorkommenheit für ihn, Darner auf ihn herab-
gesehen, daß es mit dem Kaufmannsstolze gegenüber
dem Adel seine Richtigkeit habe.
Alle diese Männer waren gereist wie er, und
Alle, selbst Frank, schienen der Ansicht, als habe er
den rechten Nutzen von seinen Reisen nicht gezogen.
Was ihm Hauptsache gewesen war, die Betrachtung
der Kunst, die Geschichte des Landes und des Volkes,
davon hatten sie, nach dem Grade ihrer sonstigen
Bildung, doch nur beiläufig Kenntniß genommen;
aber das, was für ihr Geschäft, für sie und ihren

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Vortheil von Einfluß sein konnte, darüber hatten sie
sich vollständig unterrichtet, wo immer sie gewesen
waren- und das hatte er versäumt.
Er hatte sich jeden Neides für unfähig gehalten,
und wie er sich jetzt in seinem sinnenden Umher-
schlendern der Unterhaltung erinnerte, welche die
Männer geführt, nachdem die Frauen sich von der
Tafel entfernt, beneidete er sie um die Sicherheit,
mit der sie in ihrem Berufe standen, um die Neber-
legung, mit welcher sie ihren persönlichen Vortheil
mit dem allgemeinen in Verbindung setzten, um das
weite, zuversichtlich planende Vorwärtsblicken, hinter
welchem die Ereignisse des letzten drangsalvollen Jahres
schon zurückzutreten begannen.
Er hatte von diesen Drangsalen persönlich nicht
wie sie gelitten. Er war ihnen aus dem Wege ge-
gangen auf seinen Reisen; das war ein Unrecht ge-
wesen, und er bereute es. An dem Herd der Sorge
in Waldritten, in seinem Schlosse, mitten unter seinen
Leuten wäre sein Platz gewesen, das empfand er
heute noch deutlicher als in seinem Schlosse; denn
wer konnte wissen, ob er dort nicht manchem Unheil,
mancher Zerstörung zu wehren vermocht?
Aber er hätte sie doch nicht missen mögen, die
Jahre, die er seinen Studien, die er der Wissenschaft,
der Kunst, der Poesie gelebt.
Eine Anzahl von Studenten, die von dem Königs-
garten nach der Brücke hinunterkamen, zogen mit
lautem Singen fröhlich an ihm vorüber und weckten
ihn aus seinem Grübeln auf.
,Träumer!' sagte er zu sich selbst und ging
dann mit dem Vorsatz seines Weges, daß es mit dem
Träumen für ihn ein Ende haben solle.
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