Die Familie Darner. Roman in 3 Banden.
Fanny Lewald
Kapitel 06

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GAfif,s'
BecsleS ==z--=-
Es war an dem Tage reitende Artillerie vom
Ermeland nach Königsberg gekommen, und Eberhard,
der sich während dessen zufällig in der Straße be-
funden, hatte unter den Einziehenden Roderich Klee-
mann, den Sohn eines Justizkommissars aus West-
preußen, wiedererkannt, mit welchem er in Schnepfen-
thal zusammengewesen war, bis Roderich, seiner
Neigung folgend, Soldat geworden und in ein Artillerie-
regiment eingetreten, weil er sich als Bürgerlicher in
demselben ein besseres Vorwärtskommen als in der
Infanterie versprochen.
Sie waren gleichen Alters und waren in den
Klassen gute Kameraden gewesen. Obgleich sie ein-
ander seitdem aus den Augen gekommen waren, hatte
auch Roderich den Schulfreund bei dem ersten Blick
mit Freuden begrüßt, und Eberhard war dem Re-
giment bis zu seiner Kaserne gefolgt, um den ehe-
maligen Gefährten zu sprechen, sobald der Dienst ihn
frei ließ. So war der Nachmittag herangekommen,
bevor Eberhard in das Darner'sche Haus und zu
Frank ins Komptoir kam.
Auf der Straße war es noch hell gewesen, in
dem großen, nach dem Hofe gelegenen Komptoir, in
dem man keinen Laut vernahm als das Ticken der
Ühr und das Kritzeln der Federn in den Händen der
Schreibenden, brannten auf den Pulten schon die
Lichter in den Messingleuchtern. Kaum daß die
eifrig Arbeitenden sich nach ihm umsahen, als Eber-
hard eintrat.
Auf sein Begehren, Herrn Frank Darner zu
sprechen, rief man diesen aus dem Privatkabinet

-- g.
herbei, aber Frank erschien ihm hier ein Anderer, als
in den beiden früheren Begegnungen.
Er sah ernster, älter aus, er sprach nicht mit
dem vollen Klange seiner tönenden Stimme, seine
Höflichkeit war nicht so offen, als er, Eberhard will
lommen heisßend, sic erkuunnndigle, wae ihm das Ver
gnügen verschaffe, ihn zu sehen.
Eberhard sagte ihm das mit kurzen Worten.
Franks Gesicht hellte sich auf.
, Entschuldigen Sie, sagte er, ,daß ich Sie
nicht in unser besonderes -irbeitözimmer führe,
sondern Sie hier stehenden Fußes empfange. Ich
bin im Auugenblick nicht Herr über meine Zeit. Wären
Sie heut Abend umt acht Ühr frei, und wollten Sie
mich dann in meiner Wohnung aufsuchen, so würden
meine Frau und ich sehr erfreut dadurch sein. In-
zwischen will ich mich hier bei unseren Herren um
einen Lehrer erkundigen und gebe Ihnen darnac
die Auskunft. ?
Eberhard war damit zufrieden. Als er dann
um die verabredete Stunde sich bei Juustine melden
ließ, fand er Frank schon bei ihr in dem trauulichen
Zimmer. Der Samowar mit seinen auusgeglühten
Kohlen stand auf dem =.c, der Ofen durchwärmte
gg
das Gemach und die niedergelassenen Fenstervorhänge
gaben ein angenehmes Gefühl der Abgeschlossenheit.
Eberhar -ch den Eheleuten sein Behagen an
dem Eindruck -.«
,, Vielleicht muß man wie ich, sagte er, , duurc
viele Jahre ein Wanderleben geführt und bei der
Rückkehr sein Haus verwüstet gefunden haben, um
diese Umgebung und diese stille Einfrieduung so er-
auicklich zu finden als ich
, Nein,'' fiel Frank ihm in die Rede, ,benn seit
diese liebe Frau an mteinem Herde waltet, genieße

-=- Iß -
ich auch täglich mein Heim auf das Neue. Obschon
ich kein Lateiner bin, habe ich, seit ich hier lebe,
unseren Studenten ihr ,t haheat bonum guewm,
agui seäet post kornseem!! doch schon abgehorcht;
und wenn es Ihnen, Herr Baron, hier bei uns im
Alleinsein behagt, so findet mein Vorschlag vielleicht
bei Ihnen Anklang: nehmen Sie mich zu Ihrem
Lehrer in der Buchführung an!r
Eberhard hatte auf solch ein Anerbieten im Ent-
ferntesten nicht gerechhnet, zögerte also, es zu benuten.
Er machte den Einwand, daß Franks Zeit ohnehin
viel beansprucht sei,' daß er ihn in den freien Abend-
stunden nicht seiner Frau entziehen dürfe.
Frank ließ das nicht gelten, und Justine fragte,
sich ins Mittel legend:
,,Warum fällt es Ihnen so schwer, Herr Baron,
einen Dienst anzunehmen, den mein Mann Ihnen zu
leisten wünscht??
Die Einfachheit, mit der sie das aussprach, der
klare Blick, mit welchen: sie ihn ansah, öffneten ihm
das Herz, und so ehrlich, wie sie gefragt, antwortete
er ihr:
,,Weil wir Alle mehr oder weniger in der häß-
lichen Gewohnheit erzogen werden, bei jedem Guten,
das uns von Jemand angeboten wird, von dem wir
es nicht zu erwarten hatten, zunächst daran zu denken,
womit wir es erwidern, das heißt bezahlen, und
damit der Pflicht des Dankes ledig werden können !'
, So ist'e!' rief Frank, und Justine setzte hinzu:
, Finden Sie das richtig oder schön?
, Nein, Madame, ich finde es nur niedrig; und
darum herzlichen Dank für Ihr Anerbieten, und
wann sollen unsere Lektionen beginnen??
,Wir haben Dienstags, Donnerstags und Sonn-
gbend Posttage. Der Sonntag gehört der Familie.

=- g,ß--
An den drei freien Abenden bin ich um sieben Uhr
znu Ihren Diensten, wenn Sie oder ich nicht eine
Abhaltung haben, wovon man sich ja leicht benach-
richtigen kann. Es ist übrigens zunäcst noch keine
häufige Störung z erwarten, denn es hat Jeder
noch mit sich selbst genug zu thun; und die Rückkehr
des Hofes steht, wie ich von Memel erfahren, erst
gegen das Ende des Jahres bevor. ?
Die Sache war damit abgemacht. Man setzte
sich zum Thee nieder.
Eberhard erzählte, daß er heute einen Schul-
kameraden wieder gesehen habe, kam dadurch auuf
Schnepfenthal zu sprechen, fragte Frank, wo er seine
Bildung erhalten habe, und bald waren sie in ein
so heiteres Mittheilen ihrer Erlebnisse gerathen, wie
sie es zu wünschen hatten, da sich ihnen heute zum
ersten Male in längerem und ruhigem Beisammensein
die Gelegenheit dazu bot.
Für Frank hatten die Berichte aus dem Leben
eines studiert habenden juungen Edelmanns ebensoviel
Neues und Anziehendes als für den Baron die
Schilderungen, die Frank von seiner englischen Er-
ziehungsanstalt, von seinen Arbeiten in London, in
Amsterdam, wie von der Thätigkeit in seinen gegen-
wärtigen Verhältnissen machte; und wenn Justine
daneben in beiläufigen Bemerkungen ihres Vetters
und ihrer Cousinen erwähnte, die alle drei in nor-
dischen Handelsstädten lebten, so gewann der Baron
damit einen ihn anziehenden Blick in den vielgliedrigen
Zufammenhang der kaufmäinischen Welt.
Mit derselben Leichtigkeit, mit welcher Eberhard
sich im Bereich der Gedanken und der verschiedenen
Literaturen erging, wo der Anlaß es bot, berührte
Frank die fernen Länder und Erdtheile als etwas
Lewald. Die Familie Darner. U.
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-- ß--
ihm in seiner Vorstellung Naheliegendes und Be-
kanntes, und nach ein paar Stunden trennten Frank
und Justine sich von dem Baron wie von einem
guten Bekannten, mit der Empfindung, selten einen
angenehmeren Abend zugebracht zu haben.
Die Zeit war ihnen allen Dreien wie im Fluge
vergangen. Erst als er das Haus verlassen hatte,
fiel es Eberhard ein, daß die beiden Mädchen, die
wiederzusehen er gehofft, gar nicht zum Vorschein
gekommen, so daß von ihnen nuur die Rede gewesen
war, als er gegen Justine ausgesprochen, wie es
ihn neulich angemuthet, in den beiden Schwestern
die lieblichen Kinder einer so fernen Zone anzus
treffen.
Der Unterricht wurde dann an einem der
folgenden Abende begonnen und von Franks Seite
mit richtigem Takt wirklich als eine Lehrstunde be-
handelt, die er in seinem Zimmer abhielt und nach
welcher man sich trennte. Indeß in dem oft wieder-
holten Beisammensein, wuchs die Vertraulichkeit
zwischen den beiden jungen Männern schnell. Es
machte sich bald ganz von selbst, daß Frank den
Baron aufforderte, sich an seinem Theetisch nach ge-
thaner Arbeit zu erholen, wenn man die festgesetzte
Stunde überschritten hatte; und da ein Lernender,
der sich seinem gleichalterigen Lehrer, außer in demt
einen besonderen Fache, überlegen weiß, sehr bald
die Neigung füühlt, diesem gegenüber nun auch seiner-
seits den Lehrer zu machen, zog der Baron, wenn
man sich bei Justine befand, gern literarische Gespräche
heran, seit er bemerkte, daß es den Beiden Freude
machte.
Allerdings kannten auch sie die Dichtungen von
Schiller, hatten von Goethe Mancherlei gelesen, und
Schiller'sche und Goethe'sche Dramen aufführen sehen.