Die Familie Darner. Roman in 3 Banden.
Fanny Lewald
Kapitel 07

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Die Schriften von Novalis, von Matthison, die Luise
von Voß, die Gedichte von Luise Brachmann befanden
sich in Justinens kleiner Büchersammlung neben dem
von ihrem Vater stammenden Shakespeare, neben ihres
Vaters Voltaire, Racine und Corneille in den Ori-
ginalsprachen.
Frank war von Eigland her in Shakespeare
wohl bewandert, aber die Dichtung und die Dichter
hatten keinen eigentlichen Einfluß auf ihr Leben,
weder für Frank noch sür Justine. Sie besaßen sie
wie ein hochgehaltenes Silbergeräth, sie hatten sie
nicht im täglichen Gebrauch wie Eberhard, der ihnen
dadurch vornehmer erschien als sie, und der sich selber
also fühlte.
Das erhöhte sein Vergnüügen an dem Umgang
mit dem jungen Paare, und da er inzwischen mit
Roderich häufig zusammen gekommen war, hatte er
dem Freunde von Frank und dessen Frau ebenso wie
die Beiden von dem Hauptmann gesprochen, und nach
einiger Zeit befanden sich auch der Baron und der
Hauptmann fast regelmäßig unter den Gästen, denen
Lorenz Darner am Sonntag Abend sein Haus geöffnet,
seit man wieder auf eine Zeit verhältnißmääßiger
Ruhe sich Rechnung machen durfte.
Siebentes Kapitel'
Nach Madame Göttlings Entfernuung hatte
Virginie unter Anweisung ihrer Schwägerin das
Wirthschaftsregiment in ihrem Vaterhause üübernommen.
Sie war immer kräftiger und lebhafter gewesen als
Dolores; sie war, seit sie in Preußen lebte, bedeutend
gewachsen, und die Sicherheit ihrer Schwägerin war

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ihr zum Vorbild geworden. Wo sie mit Bestimmt-
heit eingriff, fragte Dolores um Rath; wenn Jene mit
sich und ihren Zuständen zufrieden um sich blickte,
schienen die Augen der schweigsamen Dolores oftmals
kaum zu sehen, was um sie her vorging, und
träumend in Sehnsucht zu suchen, was sie nicht er-
reichen konnten.
,, Virginie hat mein Temperament,' sagte der
Vater, ,Dolores wird der Mutter immer ähnlicher!''
Das Erstere freute ihn offenbar, aber der Ton
der Zärtlichkeit, mit welchem er das Urtheil über
Dolores aussprach, ließ errathen, daß er der Mutter
Bild trotz des Geschehenen, mit Liebe noch im
Herzen trug.
Man speiste mit geladenen Gästen am Sonntag
in Darners Hause zu Mittag, am Abend war offener
Empfang. Die älteren Personen, Männer sowie
Frauen, setzten sich meist zum Spiel. Darner selber
hatte sich zum Ausruhen von der Arbeit an eine
Partie l'Hombre gewöhnt, bei der er jedoch um die
möglich geringste Summe spielte, weil er, wie er es
bezeichnete, zum Gelderwerb andere Mittel und Wege
besitze. Die jüngeren Personen, auf sich angewiesen,
vertrieben sich plaudernd oder gelegentlich ein wenig
Musik machend die Zeit, wobei Dolores, ihre sanfte
Stimme mit der Guitarre begleitend, immer das
meiste Vergnügen erregte.
An einem solchen Sonntag Abend war man auch
wieder in dem schönen Mittelzimmer des Hauses bei-
sammen, und nachdem man sich eine Stunde lang
mit einem der Gesellschaftsspiele unterhalten, in welchen
Rede und Gegenrebe schlagfertig nach dem Siege
trachten und bei denen Dolores wie immmer den Kürzeren
gezogen, sagte Justine mit der vorsorglichen Liebe,
die sie für die beiden Schwägerinnen hegte:

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,, Nun haben wir Alle unser bischen Wit vor
einander leuuchten lassen, nun komm Du, Dolores,
und singe uns ein Lied, damit wir uns sanft auus-
ruhen von der geistigen Anstrengung !'
Die Anderen schlossen sich dem Wunsche an, und
Dolores, gefällig von Natur und nachzugeben ge-
wohnt, ließ sich nicht bitten. Sie holte ihre Guitarre
herbei, setzte sich ein kleines Ende von den Anderen
fort, und nachdem sie ein paar Akkorde als Vorspiel
gegriffen, sang sie nach der Melodie von Devrienne
Florians Lied von den Schwalben:
, sue 'uime d roir les hironäelles
A ms kenetre tous les ans
enir m upporter les nourelles
De lspproche äu cou printemys!
De mSme niä, me äisent-elles,
Pa. reroir le mämes Amours:
Oe n'est gn'd äes smants Kddlez
A rouz annoucer les hesu Jours.
1.orsgue les premidres gelhes
Dant tomher les kenilles äes bois,
l.es hirondelles ruussembleez
Sppellent toutes zur les toits:
Ea.tous, purtons- se äisent-ellez--
Kuzons lu velge et les sutuns:
Pdint ä hirer gour les coeurs keldls,
Us sont toujours dans le printemps.
Si gar maleur äamns le Loz VgS
Fietime T un eruel enkunt
lne biroudelle mie en euge
De peut rejoinäre son smant,
ous roger mourir Uhironäelld
Deunui, e äouleur et ä'amour,
Dandis gue son amant käele
Irs äe ls. meurt le möme jour!

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Als sie geendet hatte, rief man ihr Beifall zu;
nur Eberhard schwieg. Er hatte das nicht eben be-
deutende, aber sehr beliebte kleine Lied oftmals
wäährend seiner Reisen an den verschiedensten Orten
singen hören und den Text wie die Musik immer
gleichgiltig an seinem Ohr vorübergehen lassen; jett,
da Dolores sie sang, hatten sie ihn gerührt.
Seit er sie zuerst gesehen und mehr noch seit
er sie näher kennen gelernt, hatte er sich des Ge-
dankens nicht erwehren können, daß Dolores, ohne
sich dessen vielleicht bewußt zu sein, nicht hinein-
gehöre in den Norden und nicht hineingehöre in den
Kreis ihrer Familie, obschon es unverkennbar war,
wie sie an Jedem der Ihren hing und wie alle sie
mit einer so bevorzugenden Liebe behandelten.
Wie er sie vor sich sitzen sah, in dem rosen-
farbenen Kleide, die langen dunklen Locken auf ihre
Schultern niederwallend, das Auge mit sanftem
Blicke in die Weite schauend, klang es ihm, als bitte
sie für sich mit den Worten: ,krzons ls neiee et
les satsasl? Er häätte sie in eine mildere Natur,
in Sonnenschein und Licht versetzen und-- er konnte
sich nicht helfen-- er hätte nicht eine französische
Romanze, ein deutsches Lied hätte er von diesen
Lippen singen hören, den Widerschein deutscher
Dichtung hätte er erglänzen sehen mögen inihrenAugen.
Als sie dann aufBitten derAnderen anmuthig noch
ein paar spanische Volkslieder gesungen hatte und eben
dabei war, die Guitarre zur Seite zu legen, trat er,
seiner letzten Empfindung das Wort gebend, mit der
Frage an sieheran, obsiedennkeinedeutschen Liedersinge,
da sie doch nun schon eine Weile unter Deutschen lebe.
,,Lieben Sie die fremden Sprachen nicht?' ent-
gegnete sie ihm, durch seine Frage wie durch einen
Vorwurf eingeschüchtert.

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, Ich ziehe ihnen meine Muttersprache- vor!''
Sie sah ihn an, zögernd, als wisse sie nicht, ob
sie es aussprechen dürfe, dann sagte sie:
, Ich habe ja keine Muttersprache mehr, denn
die Sprache, die ich von meiner Mutter Mund zu-
erst vernommen, die hat man nicht mehr mit uns
geredet, seit-- seit-- Mistreß Sherman zu uns
gekommen ist-- und . . ,?
Sie schlug die Augen nieder und wendete sich
von ihm fort.
, Verzeihen Sie mir,'' sagte er, ,es scheint, ich
habe eine Saite berührt, die Ihnen eine schmerzende
Erinnerung erweckt!'? -
, Nein, o nein,' rief sie, ,es war ja so schön
in unserem Lande-- und-- es ist ja hier auch
schön! Ich kann es Ihnen nur nicht sagen, wie ich
möchte. Ich lerne auch die Sprachen nicht wie
Virginie schnell; aber gewiß, ich will deutsche Lieder
lernen! Sagen Sie nur, welche??
Es kamen Andere dazwischen, Roderich war unter
ihnen. Er hatte ihre letzten Worte mit angehört.
, Häst Du je ein holdseligeres Geschöpf gesehen?
fragte ihn Eberhard.
,, Das Wort holdselig müßte für sie erfünden
werden, wenn wir's nicht in unserer Sprache hätten!'?
meinte der Hauptmann. ,Man wundert sich, solch
einem Menschenwesen zu begegnen, hier und in
unserer Zeit!'
, Nicht wahr,' rief Eberhard, ,sie ist das eigent-
liche ,Mädchen aus der Fremde'! Die Worte scheinen
für sie gewählt zu sein:
,Gereift auf einer andern Flur,
In einem andern Sonnenlichte,
In einer glücklichern Natur!

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und sich in dem Augzenblicke, da er dies ausgesprochen
hatte, wieder zu Dolores wendend, sagte er:
, Sehen Sie, das sind Lieder! Wir haben
Lieder, in denen Sie die deutsche Sprache rascher
lernen würden als imn täglichen Verkehr, denn die
würden Ihnen in das Herz hinein klingen und in
das Herz wachsen wie eine Muttersprache. Der prak-
tische Mensch erwirbt die Sprache auf dem Markte
des Lebenö; der für das Schöne geborenen Seele
kommt sie aus der Welt der Poesie!'
Und um Dolores, wie er hoffte, zu erfreuen,
machte er Frank und Justine den Vorschlag, einmal jetzt
gleich, gemeinsam einige Schiller'sche und Goethe'sche
Gedichte zu lesen, um den schönen Schwestern den
Klang der deutschen Sprache in deutscher Dichtung
nahe zu bringen.
Man war das sofort zufrieden. Die beiden
Dichterwerke wurden herbeigeholt. Eberhard, wohl-
geübt im Vortrag, las:,Das Mädchen aus der
Fremde'',,DDes Mädchens Klage'', eines von Goethe's
tändelnden Liebesliedern, dann zum Schlusse Mignons:
,, Kennst Du das Land?
Seine Zuhörer, Justine an ihrer Spitze, spendeten
ihm einen Beifall, den er kaum beachtete, denn seine
Blicke waren auf Dolores gerichtet, an die allein er
bei der Auswahl der Gedichte gedacht. Sie saß ihmt
gegenüber und hatte die Hände gefaltet, aber sie
sprach kein Wort. Er ging zu ihr und fragte, ob
ihr die Gedichte gefallen hätten.
,,Daß man so etwas sagen kann! gab sie ihm
zur Antwort. ,Es ist Mlles, wie es in dem Gedichte
heißt, ,aus einer andern Welt! Man möchte weinen,
wenn man's hört; es ist so schön!?
, Und die deutsche Sprache gefällt Ihnen in dem
Klang? meinte er.

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es mit zu erleben; lassen Sie es uns vergessen in
der guten Stunde, in der wir hier beisammen sind l?
,Nein, Madame,' fiel ihr der Hauptmann leiden-
schaftlich ein, ,vergessen? Nein, keine Stunde dürfen
wir's vergessen! Bei Tag und Nacht haben wir
daran zu denken, daß wir die erlittenen Niederlagen
zu vergelten, daß wir die Feinde aus dem Lande zu
vertreiben, den Tag der Auferstehung unseres Vater-
landes heraufzuführen haben! Wer das vergessen
könnte .. .? Er brach ab, fuhr sich mit der Hand
über die Stirne und sagte, sich und seinen zornigen
Schmerz beherrschend: ,Sehen Sie, das Kriegsleben
hat uns unbrauchbar gemacht für die sanften Freuden
der Geselligkeit, wir taugen nicht für den Verkehr,
es ist nicht anders, verzeihen Sie! Wir müssen--
Gott geb's-- wieder hinaus ins Feld- je eher,
um so besser!rr
Es war zu keiner gleichgiltigen Unterhaltung
mehr zu kommen, selbst nicht, als die älteren Per-
sonen die beiden Spieltische verlassen hatten und man
am Theetisch sich wieder zusammenfand.
Darner bemerkte das sogleich und erkundigte sich,
was man vorgehabt.
Frank und Virginie gaben ihm Auskunft.
,, Und von des Hauptmanns beredter und be-
rechtigter Vaterlaidsliebe glühen Deine Wangen so??
fagte Darner zu Dolores, die sich an seinen Arm
gehängt, ihr das Köpfchen mit der Hand emporhebend,
daß er ihr voll ins Auge sehen konnte.
,,Der Baron hat so himmlische Gedichte vorge-
lesen! sagte sie, die Hand des Vaters küssend.
,Laß Dich davon nicht zu hoch forttragen in
die Luft, Turteltaube; es ist kalt droben, und Du
, liebst die Kälte nicht!'r scherzte er und ließ sie stehen.

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, Sie ist aus einer andern Welt!'' wiederholte
sie, während die Andern ihn ersuchten, das Vorlesen
noch fortzusetzen.
Er weigerte sich dessen für seine Person, schlug
dem Hauuptnann vor, ihn zuu ersetzen, und ohne sic
weiter nöthigen zu lassen, nahm dieser die Schiller-
schen Gedichte noch einmal zur Hand und las ihnen
die Schilderung vor, welche der Dichter von der
Schlacht gemacht hat, in Tagen, in welchen er kaum
dem Jüinglingsalter entwachsen war.
Von dem Munde eines Mannes gesprochen, der
eben erst die Gewalt des Kampfes, den Graus der
Schlachtfelder durchlebt, ohne daß es ihm vergönnt
gewesen wäire, sich eines Sieges zu erinnern, wirkte
die Dichtung mit doppelter Kraft. Die Augen der
Frauen waren feucht geworden, ein paar Männer
drückten dem Hauptmann die Hand.
Keinem von ihnen, außer den beiden Schwestern,
war das Gedicht fremd gewesen, alle hatten es be-
wundert, auf keinen hatte es jedoch jemals einen so
erschütternden, überwältigenden Eindruck hervorgebracht
als in dieser Stunde. Unwillkürlich hatten sie die
Bedeutung der Gemeinschaft und die sich in ihr
steigernde Empfindung des Einzelnen erfahren. Es
war eine feierliche Stimmung in die bis dahin heiter
und über Gleichgültiges plaudernde Gesellschaft ge-
kommen; die Gespräche blieben ernsthaft.
Die Männer gingen den Hauptmann mit Fragen
über die Schlachten von Eylau und von Friedland
an, in denen sein Regiment lange Stand gehalten
und schwer gelitten hatte. Er gab Ihnen kurz Be-
scheid. Als man ihn veranlassen wollte, mehr davon
zu berichten, legte Justine sich ins Mittel.
, Ach,'' rief sie, ,sprechen wir nicht mehr davon,
es war ja schon fürchterlich geng, aus der Ferne

Iß--
Man blieb noch eine Stunde nach dem Thee
beisammen, versprach einander, den nächsten Sonntag
nicht zu versäumen, und trennte sich mit dem Vor-
satz, dann wieder etwas gemeinsam zu lesen. Der
Abend war für die sämmtlichen jüngeren Genossen
wie ein ganz besonderes Ereigniß gewesen, er hatte
sie Alle einander näher gebracht.
Als sich der Baron und der Hauptmann schon
an der Thüre des Saales befanden, bis zu welcher
Frank im Gespräche sie geleitet, sagte Eberhard plötzlich:
,Ihr Schüler bittet um Ferien, Herr Darner;
ich muß nach Waldritten für die nächste Woche!'
, So ist es möglich, daß ich Sie dort besuche,'
entgegnete Frank, ,denn der Vater wollte einmal
bei uns in Strandwiek selbst nach dem Rechten sehen,
und wenn ich abkommen kann, möchte ich mit hin-
aus. Jedenfalls auf Wiedersehen draußen oder
später hier!'
Ohne zu sprechen, gingen der Hauptmann und
Eberhard durch den kleinen Garten die Straße vom
Pregel hinauf. An der Ecke in der Langgasse, wo
ihre Wege sich trennten, denn die Artilleriekaserne
lag jenseits des Pregels, weit hinaus nach dem
Brandenburger Thore zu, bot Eberhard dem Freunde
guute Nacht.
, Willst Du denn wirklich morgen fort? Du
hattest vorhin nichts davon gesagt!' fragte der Haupt-
mann. ,Was hast Du draußen vor??
, Nichts Besonderes, aber noch bin ich nicht im
Amt und also frei; ist meine Ernennuung erfolgt, so
kann ich natürlich in den ersten Monaten nicht ans
Fortgehen denken, da möchte ich die Zeit benutzen .
,Du sagtest gestern, Deine Ernennung könne sich
noch lang hinausziehen !?
,Der Zeitpunkt ist völlig ungewiß!'r

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, Und ,' warf der Hauptmann dazwischen, ,mir
kommt es vor, Du bist Deiner selbst nicht sicher!
Es war übrigens ein angenehmer Abend. Wirst Du
zurück sein bis zum nächsten Sonntag?'
Eberhard ließ die erste Bemerkung des Freundes
fallen und begegnete der Andern.
,Ich glaube kaum! sagte er.,Solche Stunden,
wie die heutigen könnte man häufiger haben, wenn
man nicht gewohnt wäre, mit seiner Zeit noch sinn-
loser umzugehen, als der Leichtsinnige mit seinem
Vermögen! Den Geldverschwender tadeln und ver-
achten wir; und doch habe ich mich schon manchmal
gefragt, verschleudern wir nicht Unwiederbringlicheres
als das bloße Geld, das ich freilich drauußen bei mir
auch schwer genug vermisse??
Sie hatten über das Gespräch den Scheideweg
vergessen und waren gemeinsam fortgegangen nach
der Seite von Eberhards Wohnung, in die Stadt
hinauf.
,Es kommt nichts heraus, gar nichts im Ver-
kehr mit einer Menge zufällig zusammentreffender,
durch keinen gemeinsamen Gedanken' sich verbindender
Menschen!'r fuhr Eberhard fort. -, Wie das Aschen-
brödel muß man aus der todten Asche des ober-
flächlichen Geredes die Körner hervorsuchen, und
freilich, wenn man sich die Mühe nimmt, findet man
dann doch oft gutes, fruchtversprechendes Korn da-
zwischen.r?
,Du denkst an die Darners?' fragte der Haupt-
mann.
,Findest Du sie nicht alle anziehend?? erkundigte
sich Eberhard.
,,Das würden sie schon sein,' entgegnete der
Hauptmann, ,durch die Schönheit der Frauen und
die Tüchtigkeit der Männer. Was Dich aber reizt,

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ich habe das bei Deinen ersten Mittheilungen über
sie gemerkt, das ist das Abenteuerliche oder nennen
wir's das Romantische ihrer Herkunft und das ge-
wisse Pariathum, in welches des Faters Härte sie
augenblicklich ihren Standesgenossen gegenüber ver-
setzt hat; und hart ist Lorenz Darner, man fühlt die
scharfen Kanten überalll?
,Die hat jeder Edelstein, der Diamant die
schärfsten; daß aber ein Leben wie das seine sie ihm
nicht abgestumpft, daß er sich ganz und gar in
seiner Kraft erhalten hat, das gerade bewundere ich
an ihm!'
,Richtig! Jndeß, das: sich Justineno Okel uund
dessen Anhang losgesagt von ihm, ist sehr erklärlich.
Jeder hält sich eine Kraft vom Leibe, von der er
fürchten muß, verlett zu werden. Man muß fest,
man soll nicht grausam sein!'?
,Grausam? wiederholte Eberhard. ,Was nennst
Du grausam in dem Falle? Ein Blick auf Franks
Frau wird Dir es sagen, daß sie und ihre Hoffnungen,
von denen Darner ganz gewiß gewußt hat, ihm und
seinem Sohne an dem betreffenden Tage mehr gelten
mußten als die Wünsche ihrer in jedem Fall ver-
lorenen Anverwandten. Der jungen Frau die Ent-
scheidung abzunehmen, sie und das Geschöpf, das sie
in sich trug, vor der Möglichkeit einer Gefahr zu be-
hüten, das war nicht grausam von Darner, sondern
daran that er recht. Für den Schwachen einzutreten,
ihm zu gebieten, ist des Stärkeren Pflicht; denn in
solchen Fällen ist es für ihn Wohlthat, keine Wahl
zu haben!?
Der Hauptmann lachte.
Eberhard fragte, was ihn dazu bringe.
,Mich freut's, sagte Jener, ,wie Du Dir gleich
geblieben bist, stets bei der Hand zur Vertheidigung

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eines in seiner Abwesenheit Angegriffenen. Es war
immer ein guter Posten, Dein Freund zu sein; und
Du hast die Familie ja mehr gesehen als ich, mehr
von ihnen durch den General gehört. Glaubst Du,
daß der Vater gut gesinnt istE?
,,Gut gesinnt, was willst Du damit sagen?
, Ich meine, ob er sich als Preuße fühlte?
Eberhard schwieg einen Augenblick in Neber-
legung.
,Er ist von Geburt kein Preuße,'' sagte er dar-
auf, ,aber er ist aus freier Wahl preußischer Unter-
than, ist Bürger hier am Ort geworden, hat seinen
Sohn das Gleiche thun lassen, und was er ist, das
ist er ganz; was er thut, thut er nicht halb. Er
ist einen Pakt eingegangen mit dem Lande, mit der
Stadt, an dem hält er sicher fest, das hat er ja auch
großartig gezeigt, hier in der Zeit der Noth; und die
Aufhebung der Leibeigenschaft hat, wie ich von ihm,
selbst vernommen, dem Könige seine Verehrung zuge-
wendet. Früher soll er in Napoleon die Titanen-
kraft bewundert haben. Aber, wie Du's vorhin in
Bezug auf ihn gesagt: man liebt die Kraft. nicht,
von der man zu leiden gehabt hat, und er ist Kauf-
mann vor allem andern. Er verlangt nach Frieden,
wie das ganze Land, wie die Welt nach ihm verlangt.?
Sie waren während des Sprechens auf den
Schloßberg gekommen und durch das tiefe, niedere
Thor in den Schloßhof eingetreten, den sie zu durch-
messen hatten. Es war dunkel, einsam und still' auf
dem weiten, viereckigen, von den Schloßgebäuden
eingefaßten Platze. Nur vereinzelte große Sterne
blinkten glänzend auf die Erde nieder. Vom Thurme
schlug es zwölf.
,Die Todten stehen auf!r sagte' der Hauptmann
wie im Selbstgespräch, aber sein Ton war ernst und

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die Worte trafen den Freund wie ein belebendes
Licht.
,,Es hat Jeder zu denken an die Auferstehung!
gab er ihm in gleichem Ton zur Antwort, und mit
festem Einschlag reichten und drückten sie sich die
Häinde.
,,So lange sind wir nun schon hier beisammen,
und beide haben wir geschwiegen!'' sagte Eberhard.
, Welch ein furchtbares Zeichen ist das für uns und
für die Zeit! Vorsicht und Zweifel selbst gegen die,
welchen zu vertrauen man berechtigt ist. Warum
hast Du nicht eher gesprochen?
, Und Du? Aber kein fruchtloses Fragen, kein
Rückwärtsblicken! Gottlob, wir also sind eins-
viele der Besten sind mit uns, ihre Zahl wächst in
der Stille! Einer, dessen Namen ich zu nennen nicht
berechtigt bin, hat es ausgesprochen: ,Jir Alle sind
ans Kreuz geschlagen für eigene und fremde Schuld,
und Jeder hat gewissensstreng zu arbeiten an seiner
Auferstehung und an der Auferstehung Mller!: Laß
uns dazu thun, Jeder an seinem Platze. Eine völlige
Wiedergeburt ist nöthig, dazu war die Aufhebung
der Leibeigenschaft der Anfang. Der Mensch, der
nicht sein eigen ist, kann sich nicht fühlen; daß sie
sich fühlten, die Truppen, die gegen uns im Felde
standen, das schon machte sie uns überlegen, das
Andere nicht erst zu erwähnen!'
, Weißt Du,' fragte Eberhard, ,daß hier ein
paar der jüngeren Docenten, ein paar Lehrer des
Gymnasiums, des Friderichanums, zusammentreten
FF Ra -=- ne »wueo
Der Hauptmnann verneinte es.
, So will ich Dich bekannt mit ihnen machen;
der eine, Hans Herreneck, ist ganz neuerdings von