Die Familie Darner. Roman in 3 Banden.
Fanny Lewald
Kapitel 08

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Megel hierher gekommen. Es regt sich überall--
abek die Todten müssen auferstehen durch das ganze
Volk, vom Thron bis in die letzte Hütte!'? Er hielt -
inne und blickte um sich, es war Niemand zu sehen.
, Ich habe einen Brief gelesen in Berlin, kurz, ehe
ich hierher kam, einen Brief der Königin an eine ihr
sichere Person; voll. Glauben hebt sie das Haupt zu
Preußens Stern. Mit der Inbrunst der Gatten-
und der Mutterliebe blickt sie vorwärts, hofft sie auf
des Vaterlandes Wiedergeburt. Wer will sagen, ob
der Gedanke, der uns eint, nicht entsprungen ist in
ihrem Herzen!'
,.Groß genug ist der Gedanke und ist ihr Herz
dazu!'r fiel ihm der Hauptmann ein. ,Ich habe
sie gesehen in Ailsit-- wer sie aber dort gesehen
hat, in der erhabenen Erniedrigung, zu der sie sich
gezwuungen . . ? Er vollendete den Satz nicht,
sondern sagte: ,Ausgesprochen oder nicht! Sie
wird das Symbol sein, der Genius, in dem die
Herzen sich zusammenfinden und das Vaterland
aufersteht!r
Damit gaben sie sich noch einmal die Hände,
und aus dem Schloßhof hinausgekommen in das
Freie, schieden sie von einander.
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Achtes Kaptlel
Eberhard hatte die ordinäre Post in Königsberg
benützt, mit ihr die kleine, seinem Gute zunächst
gelegene Stadt, Fischhausen, zu erreichen; von dort
hatte er noch eine Fahrstunde nach seinem Schlosse.
Der Krüger, bei welchem die Waldrittener Fuhren
Halt zu machen pflegten, vermiethete ihm in Fisch-

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hausen sein offenes, einspänniges Gefährt; aber der
Weg war grundlos, man kam nuur langsam vorwäirts.
Trotzdem sah Eberhard sein Schloß viel früher auus
der Ferne vor sich als in seiner Jugend. Es war
wenig übrig geblieben von dem Kiefernwalde, der sich
von seiner Grenze bis zum Dorfe und zum Schloß-
garten erstreckt, und von dem Heck und dem Forst-
wäärterhause war auch nichts mehr zu sehen als die
Prellsteine und ein paar Ecken des schwarz verkohlten
Gemääuers.
Freund und Feind hatten den Wald wie herren-
loses Gut betrachtet. Die ganze Schonung, alle
Stämme, die leicht zu hauen gewesen waren, hatten
sie gefällt; nur die ältesten Kiefern, die Waldriesen,
waren verschont geblieben, weil man sich die Zeit
nicht genommen hatte, sie niederzuschlagen. Von
dem reichen Wildstand, an dem der Knabe seine Lust
gehabt, wenn die Rehe an die Futterstellen gekommen,
war nicht ein Thier übrig geblieben, nuur ein Fuuchs
huschte quer über den Weg an ihnen vorüber in
seinen Bau.
Der Herbst war für die Gegend mild genug in
diesem Jahre, aber der Seewind jagte stark vom
Haff herüber, einzelne Möwen vor sich hertreibend,
deren silberweiße Schwingen hell leuchteten gegen das
graue feuchte Gewölk, unter dem tief am Horizonte
der gelbe Schimmer der untergehenden Sonne trüb
hervorleuchtete.
Kein Mensch war zu sehen, kein Ton zu hören,
außer dem Krächzen vereinzelter Krähen, die ver-
spätet zu ihren Nestern in den übrig gebliebenen
Kiefern flogen.
Vor einer der ersten Kathen im Dorfe brannte
ein spärliches Feuer auf dem nackten, feuchten Boden,
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Lewald. Die Familie Darner T.

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dicht vor dem Platze, an dem die Hausthüre ge-
wesen war. Die Franzosen hatten sie eingeschlagen
und verbrannt. Ein paar Kinder hockten auf der
eingetretenen Schwelle, sich an dem Feuer wärmend,
und sahen zu, wie die Mutter Kartoffeln in den
Topf that.
Er kannte die Hütte und die Frau. Ihr Mann
und ihre Mutter hatten am Nervenfieber gelegen,
als er von Waldritten fortgegangen war; er hatte
noch von Fischhausen den Physikus zu ihnen hinaus-
geschickt.
,Wie geht's drin, Braun'sche? fragte er, nach-
dem er das Gefährt hatte anhalten lassen.
,Alle Beide todt! Die Mutter gleich nachdem
der hochgüte Herr fortgefahren; ihn haben sie nun
auch vorgestern vor acht Tagen eingescharrt. Er war
nur noch Haut und Knochen, es war nicht mehr zum
Ansehen!' sagte die Frau, ohne eine Miene zu ver-
ziehen, aber sie fuhr mit der Hand über das Gesicht,
denn aus den rothen, müden Augenlidern liefen ihr
die Thränen über die hohlen Wangen.
,Armes Weib! sagte Eberhard.
,Da hilft kein Beklagen, hochgüter Herr! Wenn
der Herd nur erst wäre und die Thür!'-
Er gab ihr einen Gulden.
, Ich will zusehen, daß man Ihr das Haus in
Stand setzt!r sagte er.
,,Der Herr Amtmann macht's doch nicht!' ent-
gegnete sie dem Baron. ,Sie haben's gesagt, es sei
zu verwüstet und verpestet, wir sollen raus, aber
erst nach drei Wochen, damit wir's nicht noch einmal
in die anderen Kathen bringen. Dem Jungen zieht
es auch schon in den Gliedern, der kommt gewiß
auch ran !'?
, Hat Sie denn ein Bett für den Jungen??

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,, Ein Bett? Das hat lange Keiner mehr ge-
könnte!'?
,, Ich werde Stroh schicken, heute noch, und Brot!r'
versprach er und fuhr davon. - Das klaglose Elend
schnitt ihm durch das Herz.
Im Schlosse, wo man ihn nicht, wie bei seiner
ersten Ankunft, erwartet hatte, sah es auch traurig
aus. Der Hund, der laut angeschlagen hatte, sprang
abwehrend und kläffend gegen ihn an --- gegen den
Herrn des Schlosses. In der Stimmung, in der er
sich befand, that auch das ihm wehe. Der Amtmann
und die Frau empfingen ihn mit einer Art von
Schrecken.
, Es ist doch nichts vorgefallen, Herr Baron?
fragte der brave Alte.
, Nein, nichts, ich hatte nur keine Ruhe in der
Stadt, aber davon nachher. Lohnen Sie den Kutscher
ab und schaffen Sie gleich, hören Sie, gleich, Stroh
und Brot und auch Milch für die Kinder zu der
Braun hinaus; die verkommt ja in dem Elend mit
den Kindern!'?
Der Amtmann, an Herrenweise gewohnt, that,
wie ihm befohlen wurde.
Die Frau band rasch die Bänder ihrer Haube
zuu, rückte die Schürze zurecht und machte mit dem
entschuldigenden Bedauern, daß der gnädige Herr es
nicht finden werde, wie es sich gehöre, die Thüre
ihrer Stube auf.
Der Geruch qualmenden, schlecht brennenden
Torfes schlug ihm entgegen. Ein Messingleuchter mit
einem Talglichte darauf beleuchtete den Tisch. Mit
rascher Hand schob die Amtmännin die alten

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Kleidungsstücke fort, mit deren Ausbesserung sie be-
schäftigt gewesen war.
,,Wenn der Herr Baron nur ein Wort geschrieben
hätten,' sagte sie. ,Nun müssen der Herr Baron
es nehmen, wie Sie's finden, und werden nicht
zufrieden sein!
Ihre Entschuldigung klang wie ein Vorwurf.
Sie waren Alle mit ihm unzufrieden, und er hatte sich
über Niemand zu beklagen. Bis man ein Feuer in
dem Zimmer machte, das er zuletzt im Schlosse be-
wohnt, mußte er in des Amtmanns Stube bleiben.
Die Frau deckte selbst den Tisch; die Magd
brachte, als es sieben Ühr schlug, eine Schüssel
grauer Erbsen, mit einer Biersuppe und Heringen
herein, Kartoffeln und Schinken bildeten den Nachtisch.
, Haben Sie der Braun das Stroh und Brot
geschickt?? fragte Eberhard, ehe er sich niedersetzte.
Der Amtmann bejahte es.
Eberhard wiederholte, was die Frau über ihre
Zustände ausgesagt, und erkundigte sich, weshalb man
noch keine Abhilfe geschafft und sie anderweit mit den
Kindern untergebracht.
,,Es ist nicht zu machen, Herr Baron,' ent-
gegnete der Amtmann, ,sie sind dort am Fleckfieber
gestorben, die Alte und der Mann; und der Kreis-
physikus hat gesagt, ehe man nicht sicher wäre, daß
keiner von den Anderen es in sich trage, könnte man
sie in keine andere Kathe bringen. Wir haben allein
hier im Dorf einundzwanzig Menschen daran ver-
loren, und der Herr Baron sind hoffentlich nicht
drin gewesen in dem Hause. Wir haben Feuer auf
, dem Boden gemacht, haben räuchern lassen mit Essig
und Wachholder, haben frisches Stroh geschickt und,
so schwer das hielt, ihnen anderes Zeug auf den
Leib und der Frau und den Kindern jedem ein

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Hemd zum Wechseln geschafft. Ee ist Alles, was
möglich war! Wo Allen Alles fehlt, ist Geben schwer. ?
,,So muß man verkaufen, was irgend zu ver-
kaufen ist!r' fiel Eberhard ein, und sah in demselben
Augenblicke, daß der Löffel, mit welchem er aß, von
Zinn war. Er hatte vergessen, daß man ihm schon
bei seiner ersten Anwesenheit gekneldet, wie nicht ein
Stück von Silber im Schlosse zurückgeblieben sei.
Da er inne hielt, errieth der Amtmann, was in
dem jungen Schloßherrn vorging, und er hatte Mit
leid mit ihm.
,, Wo man nicht helfen kann, Herr Baron, da
muß man sich ein hartes Herz machen !? bedeutete,
er ihm. ,Es ist ja hier bei uns allezeit den Leuten j
gegeben und gethan worden, daß sie, weiß Gott, sich
noch oft in ihre Leibeigenschaft zurückwünschen werden;
aber wo nichts ist, da hat der Kaiser sein Recht
verloren, geschweige denn die Leute. Brot fütr Alle
zu schaffen, so viel wie nöthig wäre, sind wir nicht
im Stande. Zuerst müssen die Felder bestellt sein,
denn sonst stehen wir im nächsten Jahre vor noch
größerer Noth- und wer will von dem Bona-
parte sagen, daß er den Frieden nicht bald wieder
bricht, den er gemacht. Die Franzosen sitzen ja noch
in Berlin und auch sonst noch fest im Lande, von
da ist's nicht weit bis hier zu uns zurück. Darum
will ja auch von den Kaufleuten keiner Geld ver-
leihen; zehn, zwölf Prozent verlangen sie, und ein- s
getragene Sicherheit, das können wir ja hier nicht
leisten!'?
,Aber zuzusehen und zu warten Jahr und Tag,
bis zu der nächsten Ernte, das ist ja gar nicht möglich!'?
fuhr Eberhard ungeduldig im Drange seines Mitleids
auf. ,Wie machen's denn die Anderen; es muß doch
Rath zu schaffen sein?

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, Herr Baron,? sagte der Amtmann, ,haben Sie
die Gnade, die Bücher nochmals gründlich mit mir
durchzugehen. Finden Sie einen Jüngern, der's
besser versteht als ich - so schenken Sie diesem
Ihr Vertrauen und schicken Sie mich fort. Sie
werden sehen, Herr Baron, daß ich seit dem Oktober
des vorigen Jahres meinen Gehalt nicht eingezogen
habe!r
,Ich bitte Sie, Wernicke, Wernicke, was fällt
Ihnen ein!fr rief Eberhard und reichte dem Amtmann
die Hand. ,Sehen Sie denn nicht, wie allein die
bittere Sorge aus mir spricht, nicht Mißtrauen gegen
Sie? Ich glaube Ihnen ja aufs Wort .. ?
,,Das sollen Sie nicht, Herr Baron, denn mir
wird es eine Genugthuung sein, wenn Sie sich selber
grßtndlich überführen wollten, wie es steht. Wie die
paar Anderen es anfangen, die Mittel haben, das
ist leicht gesagt. Da war neulich der Inspektor von
dem englischen Kaufmann hier, der vor fünf, sechs
Jahren Strandwiek an sich gebracht hat; der hat
jetzt Vieh und Pferde gekauft, das Beste, was er
finden konnte hier herum, und da er baar bezahlen
konnte, hat er billig gekauft. Sie lassen auch Vieh
kommen bis aus Podolien und Pferde ebenso.
Saatkorn haben sie auch geschafft, und die Handwerker
zum Herstellen der Baulichkeiten sind ja jettt überall,
man möchte sagen, fürs tägliche Brot zu haben, und
wo man sie gut bezahlen kann, die allerbesten. Sie
sind dort schon in voller Arbeit und werden im
nächsten Jahre wieder ganz im Stande sein. Wo
die Besitzer kein Geld hatten, haben sie sich kurz ent-
schlossen und haben verkauft wie in Schernieken und
Weißpalwen .. .?
, Kann ich denn verkaufen, abgesehen davon, daß
ich's nicht will?? unterbrach ihn Eberhard.


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,,Eben darum, Herr Baron! Die Majorate sind
am schlimmsten daran, wenn die Besitzer nicht noch
anderweitiges Vermögen haben. Es sind Rittergüter
und große Bauerngüter zu Spottpreisen fortgegeben
worden; auf denen wird nachher ein guter Ertrag
zu erzielen sein. Aber wenn der Herr Baron nicht
Geld zu erschwingbarem Zins erhalten können, wird's
eben auf lange Zeit noch heißen, vom Tag zum Tag
und aus der Hand in den Mund, so weit es eben
langt.'
Man hatte während dessen das Abendbrot
verzehrt. -
Die Frau ging hinauf nach dem Zimmer des
Barons, der Amtmann wollte die Bücher vorlegen.
,,Lassen Sie es bis morgen, sagte Eberhard,
,, und vor Allem sehen Sie zu, daß die Brauns
morgen wieder etwas bekommen, daß man sie einiger-
maßen zufriedenstellt.?
,,Herr Baron, zufrieden ist jetzt keiner von den
Freigegebenen, sie sind alle aufsässig durch die Bank!'-
,Aufsässig, was soll das heißen? Sie sind ja
freigegeben!'?
, Gerade das ist's, Herr Baron! In der Stadt
und wenn man es in der Zeitung liest, hört sich das
gut an, und ich bin der Letzte, der daran zweifelt,
daß der König es gut gemeint hat und daß es viel-
leicht auch mit der Zeit seine guten Folgen haben
kann; hier draußen aber sagen die Leute, die Guts-
besitzer hätten den König dazu überredet, ihnen jetzt
die Sorge für ihre Hörigen vom Halse zu nehmen,
weil sie ihnen zu schwer fällt in dieser Zeit; und
danken thut jetzt hier herum kein Einziger für seine
Freilassung. Sie sagen, damit hätte man warten
müssen, bis wieder Arbeit und gute Zeiten gekommen
sein würden. Und-- lieber Gott, wahr ist's ja-

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was nützt es ihnen jettt, daß sie freigelassen sind?
Wo sollen sie hin? Wer kann sie brauchen und be-
zahlen hier zu Lande? Man kann ja der Braun
morgen etwas zukommen lassen, aber auch darin muß
man vorsichtig sein, Herr Baron, denn sie ist ja nicht
die Einzige, die nichts hat. Und was dem Einen
recht ist, ist dem Andern billig!r
,, Umkommen kann man die Leute doch nicht
lassen! sagte Eberhard.
Der Amtmann zuckte die Schultern; sein sorgen-
volles Gesicht gab die Antwort, die er schuldig blieb,
und auch auf Eberhard lag die Sorge schwer, als
er sich dann allein in seinem Zimmer befand.
Die beiden Lichter, welche man ihm auf seinen
Tisch gesett, erhellten den Raum eben nur genuug,
um ihn in seiner Verfallenheit zu zeigen. Es, war
Eberhard leichter ums Herz in der kleinen Studenten-
stube der Weißgerbergasse als hier in seinem Herren-
schlosse. Er trat in den Erker hinein, den der Thurm
neben seinem Zimmer bildete. Draußen war es tiefe
Nacht und nichts zu unterscheiden. Auf dem Thurme
kreischte die Wetterfahne unter dem Winde, der sich
erhoben hatte; er trieb den Regen mit so heftigen
Stößen an die Fensterscheiben heran, daß sie klirrten
unter dem Anprall.
Aber er war doch im Trockenen, unter Dach und
Fach, und das Feuer brannte in dem Ofen. Bei
den Unglücklichen, bei denen er heute gewesen, stand
Alles offen, und sie sollten geopfert werden für die -
Sicherheit der Anderen. Das lang ertragene Elend
hatte die Herzen erkaltet, das Mitgefühl abgestumpft.
So durfte es nicht bleiben.
Wie hatten die Worte: ,Ulnd frei erklär' ich alle
meine Knechte!'r ihm stets das Herz erhoben, mit
denen Schiller seinen Rudenz prächtig den Tell be-