Die Familie Darner. Roman in 3 Banden.
Fanny Lewald
Kapitel 10

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Eberhard benutzte also den ersten freien Tag, die
Fahrt nach den, zwei Meilen von seinem neuen
Aufenthaltsorte belegenen, Gütern zu unternehmen.
Der Winter war auch in Lithauen hart gewesen,
aber die Sonne wärmte schon wieder, als er in der
dritten Woche des Februar sich auf das Pferd warf,
die beiden Güter Großrasten und Kleinrasten in
Augenschein zu nehmen, die seit einigen Jahren ver-
einigt worden waren, und jetzt unter dem gemein-
samen Namen Rasten zum Verkaufe standen.
Däs Land war leicht gewellt, sein ganzer Weg
zog sich an einem der Flüßchen hin, aus denen der
Pregel sich bildet; und wohin immer er kam, sah er
einen schönen Volksschlag, hörte er deutsches Wort.
Wenn ein Reiter oder ein Gefährt an ihm vorüber-
kam, waren es Thiere von guter Zucht, deren, man
sich bediente; denn das Hauptgestüt des Landes war
in der Nähe, und das Sprichwort des alten Reiter-
volkes, daß jeder rechte Lithauer mit einem Pferde-
zaum in der Hand zur Welt komme, schien auch
unter den ihrerzeit eingewanderten Salzburgern, die
Preußen gastlich aufgenommen, als sie aus Dester-
reich vor der religiösen Verfolgung geflohen waren,
noch seine Geltung zu behaupten.
Zwei Brüder Wildauer, der eine mehr, der
andere weniger begütert, hatten sich einst hier am
Wasser, am Fuß eines Hügels, der, ganz mit Eichen-
wald bedeckt, das Thal zu seinen Füßen gegen den
Nordost schützte, mit ihren Familien festgesetzt, und
dem Lande, das sie erworben und getheilt, in dem
sie nach langem Wandern die neue Heimat gefunden,
den Namen von Großrasten und Kleinrasten beigelegt.
Sie waren von Anfang an gut vorwärts gekommen.
Ihre Nachkommen hatten im langen Laufe der Zeit

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beträchtliches Vermögen erworben, hatten andere
größere Güter gekauft; und während es jetzt in
Preußen in seinen verschiedenen Provinzen, im Handel
und im Beamtenstande Wildauers gab, die alle von
jenen eingewanderten Salzburgern abstammten, zählten
ein Paar von ihnen zu den reichsten Grundbesitzern,
zu den tüchtigsten Landwirthen im Gumbinner Kreise,
und hatten Ruf erlangt auch durch die Zucht von
veredelten Pferden, die sie betrieben. In dem letzten
Jahrzehnt aber hatte Niemand von der Familie mehr
in Rasten gelebt. Es war durch einen Verwalter
bewirthschaftet worden, und als guter Rechner hatte
der Besitzer Sorge dafür getragen, die Schäden,
welche der Krieg hier so wie aller Orten dem Lande
und den Gebäuden zugefügt, soweit es angezeigt war,
ausgleichen zu lassen; gewiß, daß diese Auslage sich
im Fall des Verkaufes einbringen werde.
Die Sonne war schon früh am Tage aus dem
Gewölke hervorgekommen, der Wald über Rasten
funkelte mit seinen beschneiten und gefrorenen Bäumen
in ihrem Lichte, als Eberhard sich ihm nahte; und
wie er dann um die Westseite des Hügels herumkam,
lag das Wohnhaus plötzlich vor ihm. Es war sechs
Fenster breit, hatte die Hausthüre in der Mitte, die
Fenster zeigten sich breit und hoch genug, das Erd-
geschoß wohl unterkellert, das obere Stockwerk niedriger
als das untere. Nirgends ein Zierat, nirgends ein
Schmuck, außer zwei neu aufgestellten steinernen Vasen
auf den- Pfosten des Gartenthores zur linken Seite
des Hauses. Ein freundliches Haus, wie es in jeder
Vorstadt jedes beliebigen Ortes an seinem Platze ge-
wesen wäre; aber freilich, an Waldritten durfte man
dabei nicht denken:
Eberhard hatte den Tag seiner Ankunft gemeldet,
um sicher zu sein, daß er den Inspektor zu Hauuse

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treffen, das Gut in Augenschein nehmen, die Bücher
und die es betreffenden Papiere einsehen könne.
Der Inspektor, ein noch junger Mann, kam ihm
entgegen. Er war unverheirathet, eine ältere Frauens-
person hielt ihm das Haus. Mit ländlicher Gastlich-
keit lud er den Bacon ein, sich zuerst zu erfrischen
nach dem Ritt in der kalten Luft.
Er nahm ihm selbst das Pferd ab und rief
einen Burschen herbei, es fortzuführen.
, Sie können es ihm ruhig überlassen, Herr
Baron, er ist bei den Pferden hergekommen und
Alles ist in Ordnung in den Ställen!'r sagte er.
,, Wir haben, wie wir das französische Gesindel nur
wieder los waren, erst für die Pferde und das Vieh
gesorgt und dann fürs Haus. Sie werden die Ställe
und Wirthschaftsgebäude ganz im Stande findeu, mit
dem Hause freilich ist kein großer Staat zu machen.?
Eberhard erwiderte, darauf komme es auch zu-
nächst nicht an. Er sah, wie der Bursche seinem
Pferde eine Decke überwarf, die er aus dem warmen
Stall geholt, und es langsam auf der Sonnenseite
des Hofes hin und wieder führte. Dann begab er
sich mit dem Inspektor in das Wohnzimmer. Das
schlichte Frühstück stand bereit, ward schnell verzehrt,
zund die Besichtigung des Gutes begann in allen
seinen Theilen.
Eberhard fand die Verhältnisse günstiger noch,
als er sie hatte erwarten dürfen. Ein paar Stunden
gingen darüber hin. Nach der Wanderung mit dem
Inspektor aßen sie zu Mittag, dann ging es an die
Einsicht der Bücher, der Dokumente. Die letzteren
waren in Ordnung, die ersteren erwiesen sich als gut
geführt. Eberhard wußte, was er wissen mußte, und
wollte den Rückweg bei Zeiten antreten, um vor der
Dunkelheit nach der Stadt zu kommen.

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Der Inspektor hatte ihn für kurze Zeit verlassen.
Eberhard ging langsam durch die Stuben, die, vorn
durch den Hausflur getrennt, nach hinten durch das
größte Gemach des Hauses, das Gartenzimmer, zu-
sammenhingen; aber auch dieses war nicht groß, nicht
hoch. Er maß es mit den Auugen. Das Bild seines
Ahnherrn, das er kopiren lassen wollte, war außer
allem Verhältniß zu dem Raume; selbst die Bilder
seiner Eltern, die mitzunehmen er sich vorbehalten,
waren schwer in ihm unterzubringen, wenn sie nicht
unvortheilhaft erscheinen sollten.
Wie er sich darauf betraf, daß ihn dies beschäf-
tigte, wie er überlegte, ob er die Bilder seiner Eltern
nicht in den beiden Ecken des Saales aufstellen könne,
mußte er über sich selber lächeln, und er vermochte
doch nicht, sich zu tadeln. Alte Gewohnheit und
Ehrfurcht und Liebe vor der Vergangenheit seines
Geschlechtes, fielen in seinem Empfinden in eins
zusammen; und wie er Mühe hatte, Waldrittens hier
nicht vergleichend zu gedenken, so hatte er Mühe, es
sich vorzustellen, daß er sich mit diesem Gute fest-
binden solle an den Landestheil, mit welchem keine
Erinnerungen ihn verknüpften, der ihm und in welchem
er fremd war, er und sein Name.-- Die enge,
ärmliche Wohnuung in Königsberg hatte ihm nie die
Seele eingeengt. Dies Haus umfing ihm den Sinn,
und er öffnete trotz der Kälte, die hereindrang, die
Flügel der Thüre, um hinauszusehen in den Garten,
der sanft hinanstieg nach dem Walde, in den er
auslief.
,Also hier!'' sagte er zu sich selber,' während er
nach raschem Umblick die Thüren wieder schloß, als
der Inspektor ihm melden kam, daß sein Pferd vor-
geführt sei und ihn erwarte.
Er half danach dem Baron dienstwillig in den

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==- Jßs --
mit Schnüren und Brandenbourgs verzierten grünen
Jagdrock; und wie dann auch die Wirthin in den
Flur hinaustrat und Eberhard ihnen beiden für die
Aufnahme und die gut gegebene Auskunft gedankt
hatte, setzte er hinzu:
,Ich denke, ich bin wohl nicht zum lettten Male
hier gewesen und wir sehen uns wieder. Zch schreibe
heute noch an Herrn Wildauer, ziehe in der Stadt
noch die nöthigen Erkundigungen ein, und es sollte
mir recht sein, erwiesen die Verhältnisse sich so, wie
sie mir erschienen sind, und könnten wir uns ver-
ständigen, Herr Wildauer und ich.?
Der Inspektor ging im Gespräch neben dem
Pferde des Barons noch bis zum Thor des Hofes
mit, das er ihm selber öffnete; dann gab Eberhard
dem Pferd die Sporen und ritt davon. Aher schon
nach wenigen Minuten hielt er noch einmal an und
blickte nach dem Hause zurück.
,Das ist eine Welt, das ist Deine Welt!r sagte
er zu sich selbst, und getheilt zwischen Berechnungen
und sehr wechselnden Empfindungen, ritt er in raschem
Trabe nach der Stadt, die er noch zeitig genug er-
reichte, um den Justizkommissarius aufzusuchen, welchen
der Besitzer von Rasten mit dem Betrieb des Ver-
n kaufes beauftragt hatte. Er war Eberhard auch von
Seiten seiner jetzigen Vorgesetzten und Kollegen als
ein zuverlässiger Mann bezeichnet worden.
Alles in der Angelegenheit fand sich, wie die
Angaben gelautet hatten, es war im Grunde nur
zuzugreifen; und als Eberhard dann Abends die
Sache mit all ihren Folgen für seine Zukunft noch
einmal in sich erwogen hatte, kam er zu dem Ent-
schlusse, dasjenige, was er thun wollte, auch sofort
zu thun und die Anzeige zu machen, daß er Rasten
kaufen, daß er das Gut übernehmen werde, sobald

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er sein Stammgut dem künftigen Majoratsherrn
überantwortet habe, daß auch der Zahlungstermin,
den man ihm vorgeschlagen, ihm genehm sei.
Wie er das niedergeschrieben hatte und seinen
Namen unterzeichnen wollte, hielt er plötzlich inne.
Sie lag ihm so fest und sicher in der Hand, die
Unterschrift: ,Eberhard von StrombergWaldritten.'?
Damit sollte es nuun vorbei sein ein für allemal;
und wie man ein Gewand anversucht, das man nie
vorher getragen, mtuußte er es mit dem Namen ver-
suchen, der künftig ihn von den anderen Strombergs
als Merkzeichen zu unterscheiden hatte.
,, Von Stromberg-Rasten! sagte er halblaut vor
sich hin; aber fremd, wie der Klang sein Ohr be-
rührte, mißfiel er ihm doch nicht. ,Von Stromberg-
Rasten! Eberhard von Stromberg-Rasten!' wieder-
holte er. Dann unterschrieb er einfach seinen Namen
ohne die bisherige Zufügung des Erbsitzes. Der
über seine Zukunft entscheidende Schritt war nun
gethan.
Vier Wochen später erfolgte die Zahlung der
Kaufsumme für Rasten durch das Haus Lorenz
Darner, dem der General die Ablösungssumme für
Waldritten zugewiesen; und Eberhard erbat und er-
hielt von seinem Präsidenten einen yerlängerten Ur-
laub für die Osterzeit, um wäährend desselben Wald-
ritten seinem Vetter zu übergeben und die lebersiedelung
der Gegenstände zu besorgen, die er von Waldritten
nach Rasten mitzunehmen dachte.
Die Ostern fielen in dem Jahre nach dem Früh-
lingsanfang in die letzten Tage des März, und es
konnte also auch im nordischen Preußen wieder ein-
mal die Rede von grünen Ostern sein. Die Zweige
des Buschwerkes und der Birken schimmerten schon
grünlich, hie und da drängten die haarigen grauen

=- Jß-
Knospen aus ihnen hervor, und der Rasen begann sich
unter dem Sonnenlichte neu und frisch zu färben.
Obschon es Eberhard nicht leicht fiel, hatte er
seinem Nachfolger den Vorschlag gemacht, ihm Wald-
ritten persönlich zu übergeben. Er wünschte damit
den Leuten, die seinem Geschlechte durch die letzten
Jahrhunderte eigen gewesen waren, sein Verhältniß
zu dem Wechsel so weit als möglich begreiflich zu
machen; er wünschte ihnen den neuen Besitzer nicht
als einen Fremden, oder als einen ihm und ihnen
feindlich gesinnten darzustellen, und zugleich sie dessen
Wohlwollen zu empfehlen.
Er war also mit Baron Johannes übereinge-
kommen, daß dieser seinen Weg von der Grenze über
Gumbinnen nehmen, Eberhard abholen, und daß man
dann die Reise nach Waldritten gemeinsam fortsetzen
solle. Johannes stellte sich denn auch rechtzeitig in
Gumbinnen ein, und ohne Aufenthalt machten die
beiden Vettern sich auf den Weg.
Sie hatten einander nie zuvor gesehen, waren
aber in den letzten Monaten durch einen lebhast
geführten brieflichen Verkehr einander näher getreten,
und der General hatte nicht zu viel gesagt mit der
Behauptung, daß sie sich in ihren Anschauungen
begegnen, daß sie sich mit einander verständigen
würden.
Baron Johannes war jünger als Eberhard, war
wie dieser eine schöne, stattliche Erscheinung, und
gleich bei dem ersten Begegnen machten Beide die
sie anmuthende Bemerkung, daß die Stammeseinheit
in ihren Figuren wie in ihren Zügen und in ihren
Farben ganz unverkennbar war.
Wie es sich für den reichen Edelmann geziemte,
hatte Baron Johannes in seinem eigenen Wagen mit
Postpferden die Reise gemacht; aber obschon man von

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Gumbinnen zeitig abgefghren war, hatte man Königs-
berg doch nicht früh genug erreichen können, um an
die Fortsezung der Fahrt nach Waldritten zu denken,
das Eberhard, als wäre es noch sein eigen, den
Vetter in gutem Lichte erblicken lassen wollte. Man
hatte sich also entschlossen, in Königsberg zu nächtigen,
und da die Stunde es zuließ, machte Eberhard seinem
Vetter den Vorschlag, ihn noch am Abend in das
Darner'sche Haus zu seinem Freunde Frank zu führen,
und somit zugleich die Bekanntschaft zwischen ihnen
als Geschäftsleuten und Gutsnachbarn zu vermitteln.
In Franks Behausung angelangt, erkundigte
Eberhard scch, ob die Herrschaft anwesend und zu
sprechen sei, und verlangte auf die bejahende Antwort,
mit seinem Begleiter gemeldet zu werden.
, Ach,'' rief der Diener, ,haben Sie nur die
Gewogenheit, sich heraufzubemühen, Herr Baron, die
Herrschaften wexden ja so glücklich sein!'' und des
Sprüchworts gedenkend:,So der Herr, so der Knecht,'
ließ Eberhard den jungen Menschen vorangehen und
folgte ihm sofort.
- Er hörte, oben angelangt, die Frage, ob Herr
Baron Stromberg empfangen werden könne, vernahm
von Franks Munde den Bescheid: ,Mit offenen
Armen!'' und dem Worte folgte die That im nächsten
Augenblick. Auch Justine, die sich angenehm über-
rascht von ihrem Platze erhoben hatte, trat, ihren
Lorenz auf den Armen, den beiden Edelleuten froh
entgegen.
Baron Johannes war bald vorgestellt; Lorenz,
in seiner Kraft und Größe und um seiner klugen
Augen willen, gebührend bewundert, hatte ohne Scheu
den beiden Fremden die Hand gegeben, bevor die
Mutter ihn hinausgetragen hatte; und Fragen und
Antworten über Waldritten und über Rasten, Er-

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kundigungen nach den beiderseitigen Angehörigen und
nach den gemeinsamen Bekannten gingen in schnellem
Wechsel von Mund zu Mund, wäährend Justine den
Thee bereitete.
Die Fremden erfuhren, daß Darner in einer
Sitzung der Kaufmannschaft sei, weil man ein Gesuch
-an die Regierung berathe, das einen erleichterten
Grenzverkehr betreffe. Baron Johannes entgegnete
darauf, daß man in Rußland schwerlich werde auf
derartige Wünsche eingehen können, weil französische
Emissäre die Ostgrenze Rußlands beobachteten, um den
Handel und die Einfuhr englisch-indischer Produkte
zu verhindern, daß man in Rußland sich bereits in
dieser Beziehung gegen unstatthafte französische Ver-
langnisse zu wehren habe; und ehe man sich des
versah, befand man sich auch hier wieder auf dem
Pfade der öffentlichen Angelegenheiten, inmitten der
Unsicherheit und der Sorgen, deren sich zu entschlagen
nicht mehr möglich war.
Johannes gab den Gedanken, welche sich bei
der Wendung der Unterhaltung auch in den Anderen
regten, zuerst den Ausdruck.
,,Es ist etwas Fürchterliches darin, sagte er,
,,daß nirgends in der Welt mehr dem Menschen ein
erfreulichs Beruhen in dem eigenen Glück gegönnt
ist, daß man überall von Großthaten reden hören
muß, die man verabscheut, und von immer neuen
Kriegen, welche uns eine wahre Sehnsucht nach der
spießbürgerlichen Ruhe einflößen, in der man Herr
über sich selber ist. Und es ist kein Ende abzusehen,
denn die Unternehmungen folgen immer rascher auf
einander und gehen immer mehr ins Weite.r
,Jeder Stand, oder sagen wir jeder Lebens-
beruf,? sagte Frank darauf, ,macht nach seinen Er-
fahrungen sich sein eigenes Urtheil über die Menschen

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und ihr Thun und Treiben zurecht. Wenn wir
Kaufleute Kaufleute vor Augen haben, die sich mit
gesteigerter Hast in immer neue gewagte Unter-
nehmungen einlassen, so befestigt das keineswegs das
Vertrauen zu ihnen und zu ihrem Fortbestehen.?
, Wie meinen Sie das?' fragte Johannes, ,und
beziehen Sie das auf Napoleon?r
, Ja,' sagte er.,Die Finanzen Frankreichs sind
ganz und gar zerrüttet, die Steuereinnahmen im
Voraus durch angestellte Agenten verwerthet, die
bedeutendsten Finanzleute des Handelsstandes, wie
Duvrard und seine Genossen, deren Rath und Ver-
bindungen öft ausgeholfen, sind von der Regierung
für Handlungen zur Rechenschaft gezogen, die sie
selbst veranlaßt hat; und die Hilfe, welche die er-
zwungenen spanischen Subsidien bringen sollten, bleibt
aus. Sie können nur aus den Kolonien herbeige-
schafft werden, und England hindert das Auslaufen
der Schiffe aus den transatlantischen Häfen. Frank-
reich kann nichts dagegen thun, denn seine Seemacht
ist zerstört. Im Westen ist also für Napoleon kein
Ausweg offen. Das wird und muß ihn also--
, Nach Osten treiben? fragte Eberhard.
, Ja! Wenigstens ist mein Vater dieser Neber-
zeugung.?
Es entstand eine kleine Pause, das Wort war
ins Gewicht gefallen.
,,Du hast mir einmal hier in diesem Zimmer,
sagte Eberhard darnach, ,als Du mich in die Kunst
der Buchführung einweihtest, von Deines Vaters An-
sichten über den Einfluß gesprochen, welchen der
Handelsstand mit seinem Geldbesitz auf die Gestaltung
der politischen Verhältnisse auszuüben vermöchte, wenn
er sich als Stand zusammenthäte. Hält er noch fest
an dieser Ansicht??

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,Die Idee hat durch die Wandlungen und Er-
fahrung der letzten Jahre eine veränderte Gestalt in
ihm gewonnen, und sie findet doch wieder ihre Be-
stätigung eben in des Kaisers Fall. Es will nicht
mehr gehen mit den neuen Anleihen; und der Krieg
zuß ihm das Kriegen, Siegen und Erobern möglich
Hnachen, bis er sein Ziel, die Weltherrschaft erreicht,
oder-== ?
,Wenn es erreichbar ist,'? schaltete Eberhard ein.
;Seine Heere stehen ja schon wieder auf deut-
schem Boden,' fuhr Frank fort, ,und die letzten
Nachrichten, welche wir in diesen Tagen bei Anlaß
einer der selten gewordenen Estafetten von unseren
Geschäftsfreunden aus Paris erhalten haben, sprechen
von seinem bevorstehenden Abgang zur Armee. In
Desterreich ist man zum Kampf bereit; in -Jtalien
sieht man, wie mein Schwager schreibt, ebenfalls den
größten Umgestaltungen entgegen.?
, Und welche Nachrichten haben Sie von Ihrer
Frau Schwägerin? erkundigte sich Eberhard, dem
diese Frage auf den Lippen geschwebt, seit er den
Raum betreten. Er hatte sie an Justine gerichtet,
da die beiden Anderen mitten in ihrer Unterhaltung
über die neuesten Ereignisse waren.
Justine hakte die Frage erwartet.
,,Dolores schreibt einmal in jeder Woche,' sagte
sie, ,und hat immer viel zu melden, denn ihr Leben
vergeht in einem beständigen Wechsel. Sie sind -
dort schon in einem so vollen, sommerlichen Früh-
ling, daß es sie an ihr Geburtsland mahnt; und
seit der Rausch der Neuheit und die Rastlosigkeit
des Karnevals vorüber sind, kommt doch auch wieder
die hiesige nordische Heimat, und kommen auch wir
allmälig ihr wieder in den Sinn und zu unserem
Recht.

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,Sie sind eifersüchtig? fragte Eberhard, sehr
zufrieden mit sich, daß er zu der Freiheit gelangt war,
in solcher Weise von Dolores zu sprechen.
, Eifersüchtig? Wie können Sie das denken? Wir
haben es ja zu segnen, wenn ihr Mann, wenn ihr
jetziges Leben sie ganz gefangen nehmen; aber-- es
urtheilt zuletzt ein Jeder nach sich selber.-- Es lag
bisher für mich etwas Unbegreifliches in ihrer völligen,
ausschließlichen Hingabe an ihre neuen Verhältnisse.
Ich stand jedoch mit dieser Verwunderung allein.
Mein Mann fand Dolores' Weise durchaus in der
Ordnung, denn jeder Mann erwartet ja,? setzte sie
scherzend hinzu, ,daß wir nichts mehr denken und
lieben sollen als nur ihn. Virginie hat ihre Er-
fahrungen noch nicht gemacht; und unser Vater hält
sich wie überall an die Thatsachen.'?
Eberhard war ein guter Beobachter, und wie
hätte er's nicht sein sollen bei einem Gegenstande,
der ihm so sehr am Herzen lag. Er kannte Justine.
Sie war keine von den Frauen, welche die Lust am
Sprechen gegen ihren Willen fortreißt. Sie war ernst-
haft gewesen in der Antwort, die sie ihm gegeben,
hatte ihn dann mit der allgemeinen scherzenden Be-
merkung über die Männer abzulenken getrachtet; aber
er mußte wissen, was sie ihm nachträglich vorent-
halten zu wollen schien; und mit der Bestimmtheit,
welche eine ebenso bestimmte Antwort erheischt, fragte
er, was sie von der Zurückhaltung ihrer Schwägerin
denke.
Justine war inzwischen mit sich einig geworden,
ohne gleich die rechte Form zu finden für das, was
sie ihn wissen lassen wollte.
,Mein Gott, hob sie an, ,was ich nicht ver-
stehe oder vielmehr was mir so auffällt, das ist--?
Lewoald. Die Familie Darner. I

=- PIF --
sie stockte und sagte dann schnell: ,Sie wissen es
ja, ich habe Frank aus leidenschaftlicher Liebe ge-
heirathet und er mich auch, und ich habe kein so
glückliches Vaterhaus zu verlassen gehabt als meine
Schwägerin; trotzdem hielt der gewohnte Bann mich
an sich fest; und obgleich es an unserem ersten
Ehetage zu einem Zwiespalt zwischen unsern beider-
seitigen Familien kam, bei dem ich von ganzer Seele
zu meinem Manne und den Seinen stand, kamen
doch in allem meinem Glück bisweilen Augenblicke,
in denen es mich verlangte, die Tante, den Onkel
zu sprechen--
, Und Dolores?' fiel ihr Eberhard mit wachsen-
der Spannung ein.
,Nie ein Wort des Sehnens, kein Rückerinnern
an einzelnes, glückliches Beisammensein in allen ihren
Briefen! Sie sind freundlich für uns Alle; liebevoll,
mit einer Art von Religiosität für unsern Vater,
aber-' und wieder hielt sie inne und sagte dann:
, Vielleicht ist's doch nicht recht, daß ich mit Ihnen
davon spreche, grade mit Ihnen!'?
, Und mit wem denn sonst?? entgegnete ihr
Eberhard. ,Wer ist außer Ihnen tiefer betheiligt
an dem Schicksal von Dolores als eben ich? Leider
stehen wir ja vor Thatsachen, die nicht zu ändern
sind. Weshalb aber wollen wir Komödie miteinan-
der spielen? Wir sind Beide zu gut, und die Sache
ist zu ernst dazu. Meines Schweigens dürfen Sie
so sicher sein wie meiner Liebe!' setzte er mit einem
Ernst hinzu, der in seiner Einfachheit etwas Feier-
liches hatte.
,, Aus dem Jenseits würde ich mich sehnen nach
der Erde und den Menschen, die ich auf ihr ge-
liebt!' stieß Justine hervor, als Virginie in das
Zimmer trat, einen Brief in ihrer Hand.

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Die beiden Stromberg erhoben sich, Frank mit
ihnen, um Baron Johannes seiner Schwester vorzu-
stellen, während Virginie, Eberhard die Hand reichend,
ihn fröhlich willkommen hieß.
,,Der Diener kam gleich, mir Ihre Ankunft zu
melden,'' sagte sie, ,da er wußte, daß sie ein freu-
diges Ereigniß für uns Alle ist; ich hatte Posttag.
Eberhard meinte, das klinge ganz kaufmännisch.
, Nein, nur schwesterlich,' entgegnete sie ihm;
,aber diesmal, sie hielt ihm den Brief hin, ,lehen
Sie, Herr Baron, diesmal ist der Brief ein Buch
geworden, ein ganzes Buch! Ich hatte der Schwester
von unserer Bekanntschaft mit der theuren Fürstin
Hedwig zu erzählen--?
Und die Fürstin Hedwig und ihre Güte und
ihre Liebenswürdigkeit, und des Vaters Verehrung
füür sie, und ihr Wohlgefallen an Virginie, und,
wie diese es Eberhard im Geheimen vertraute, ihre
Aufnahme in den Tugendbund, blieben der Mittel-
punkt der Unterhaltung, bis die beiden Gäste sich
entfernten, noch bevor Darner von seiner Sitzung
heimgekommen war. ,
Als dann auch Virginie sie verlassen hatte und
Frank mit seiner Frau allein war, fragte er:
, Was hast Du mit Eberhard gehabt in Euurem
Zwiegespräch?
, Eine Erklärung, die ich geflissentlich herbeige-
führt, obschon Du sie vielleicht nicht gutheißen wirst. ?
, Du wirst immer räthselhafter,' meinte Frank,
, denn Du pflegtest doch sonst nicht absichtlich gegen
meine Meinung zu handeln.?
,, Wahrhaftig nicht,'' betheuerte sie, ,aber es giebt
ja Fälle, in denen Männer und Frauen so verschieden
empfinden, daß jeder von ihnen genöthigt ist, sich in
ihnen nach seinem Ermessen genug zu thun; und da

-- Ts --
Ihr Alle an den Briefen von Dolores es nicht merkt
oder nicht merken wollt, wie sie sich gar nicht traut,
zurückzudenken, und weil ich es auch von Anfang an
grausam gefunden habe, daß man es Eberhard ver-
Pgen, wie blutenden Herzens sich Dolores von ihm
lösgerissen r
,,Grausam, gegen wen? fragteFrank mitStrenge.
,,Gegen Dolores mehr noch als gegen ihn.
Soll ihm denn der Trost genommen werden, daß
Dolores seiner Liebe werth gewesen?=- Soll er sie
gering schäten bei der Vorstellung, daß sie in jedes
Mannes Armen glücklich zu sein vermocht, daß der
Luxus und die Weltlust, welche sie umgeben, ihr
Ersatz geworden sind für ihre und seine Liebe? Ich
bewundere Dolores, denn ich bin fest überzeugt, daß
sie nicht glücklich ist; und er soll sie bewundern und
lieben können wie bisher. Das Glück muß ihm und
ihr verbleiben !'
Sie hatte das mit großer Lebhaftigkeit gesprochen,
Frank breitete ihr die Arme entgegen.
,Also Du findest, daß ich recht gethan!r rief
sie, indem sie sich seiner Umarmung hingab.
,Nein, aber es giebt Unrecht, um dessen willen
man den Menschen liebt, der es begangen; und ein
solches ist das Deine.?
,, So hätte ich dem Bundesgenossen nicht die
Wahrheit sagen sollen, die ihm Wohlthat sein mußte?
Was ist's mit unserem Bunde, unserer Tugend,
wenn wir nicht zu einander stehen ?? sprach sie, sich
vertheidigend.
,Was Du gesagt hast, hast Du gesagt!'' er-
widerte ihr Frank, ,und soweit es Eberhard betrifft,
tadle ich Dich nicht. Aber hüte Dich, Dolores an-
zurufen auf dem Wege, den sie sich vorgezeichnet hat,
oder ihre Augen nach Richtungen hinzulenken, nach

g , ! -=
denen sie nicht sehen will. Wenn Du sie bewunderst
und liebst, und ich bin gewiß, sie verdient das Beides,
so liebe sie, wie sie sich giebt. Sie weiß am besten,
was ihr frommt.?
Justine gab sich, da sie sich aufgeregt, nicht
gleich für überwunden.
, Das heißt,' sagte sie, ,überlaß sie ihrem
Schicsal!?
, Nein! es heißt, überlasse sie sich selbst, bis sie
es anders fordert.?
Und wieder einmal war es Justinen, als blickten
sie des Vaters Augen an, als spräche seine Stimme
zu ihr; und sie liebte den Blick und den Ton, wenn
sie ihnen in Frank begegnete, und liebte ihren Mann
nie mehr und tiefer, als wenn er ihr gegenüber im
Rechte war und sie ihren Herrn in ihm erkannte.
Ig D
Elftes F=p=s
Hrnf,
Sie waren durch die nothwendigen Geschäfte
länger in Königsberg aufgehalten worden, als sie es
erwartet, und es war am Nachmittage, gegen den
Sonnenuntergang hin, als Eberhard und Johannes
das Schloß von Waldritten aus der Ferne erblickten.
,, Was für ein Bau ist das ? rief Johannes,
von der Größe und der Schönheit desselben über-
rascht.
, Ja, sie verstanden ihr Handwerk in jener Zeit.
Es sitzt sich fest und warm darin , entgegnete ihm
Eberhard, aber der Ausruf seines Vetters und der
Anblick des Schlosses waren ihm durchs Herz ge-
gangen. Er hatte es immer gern gesehen, wenn das