Die Familie Darner. Roman in 3 Banden.
Fanny Lewald
Kapitel 11

-- Ps -
Abendroth hinter dem Thurme erglänzte, wenn die
letzten Sonnenstrahlen in den Fenstern widerschienen
und die Dohlen und Krähen auf den obersten Firsten
ihre Nester suchten, die sie inne gehabt und in denen
sie gesessen wie die Strombergs in dem Bau.
Es sah besser aus auf den Feldern und im
Dorfe als an dem Tage, an welchemt Eberhard nach
seinen Reisen heimgekehrt war in seiner Väter, in
sein Schloß.
In sein Schloß! Noch fünf Tage war es sein.
Am zweiten Tage nach Ostern ging sein Reich zu
Ende.
Die Zäune und Hecken waren aufgerichtet, kein
Stall, kein Haus waren jetzt ohne Dach. Die Pflüger
kamen mit kräftigen Thieren von der Arbeit zurück.
Er hatte sich knapp beholfen, sich viel versagt, um es
wieder so weit zu bringen in Waldritten. Das war
seine Schuldigkeit gewesen, und er war zufrieden, daß
er sie gethan. Es blieb ja immer der Stammsitz des
Geschlechtes, es kam dem Vaterland zu Gute.
Von dem nahen Kirchthurm läuteten die Glocken
zum Charfreitag ein. Die Frauen putzten die Schei-
ben der kleinen Fenster noch vor Dunkelheit, und
scheuerten vor den Thüren die Eimer und die Kessel.
Neberal wendete man sich nach dem Wagen hin,
überall zogen die Männer die Mützen von den
Köpfen, nickten ihm die Frauen zu, ward ihm ein
guter Abend gewünscht.
Wie er an dem Haus der Braun vorüberkam,.
ließ sie die Wanne, die sie in der Hand hatte, zu
Boden fallen, und mit einem Satz an den Wagen
heranspringend und sich festhaltend an dem Schlage,
rief sie:
,Herr Baron, Herr Baron, es ist ja wohl nicht
wahr??

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,.tst der Junge gesund?? fragte er statt der
Antwort.
,Ia, hochgüt' Herr!-
, Schick Sie mir ihn morgen,'' sagte er, während
der Wagen rasch fortfuhr und sie zurückließ.
Vor der Thüre des Schlosses erwarteten ihn der
Amtmann und seine Frau. Sie verneigten sich tief;
man sah ihnen an, was sie bedrückte.
Eberhard ging durch das Erdgeschoß die breite
Treppe nach dem großen Saale hinauf. Er wollte
fortkommen über die ersten Eindrücke, und der Stolz
des Besitzers regte sich auch noch in ihm. Johannes
sollte den schönen Anblick, den der Saal gewährte,
und die weite Aussicht, welche er aus dem Mittel-
fenster bot, noch im besten Lichte genießen.
, Hierher!'' rief er, und wie sie durch die Reihe
der Bilder schritten, wie sie in dem vorspringenden
Erker standen, bemächtigte sich ihrer Beider die Ge-
walt des Augenblicks.
,Mögt Ihr hier dauern und glücklich sein!?
sagte Eberhard.
,Gott ist mein Zeuge, daß ich weiß, was Du
in diesem Augenblicke thust und was ich übernehme. ?
Sie schüttelten einander' die Häände, Johannes
umarmte Eberhard.
,Werde kein Fremder in diesem Hause,' bat er;
,, komm oft zu uns, zu sehen, daß wir's hier halten
in Allem, wie sich's geziemt füür uns Strombergs
überall; in Waldritten wie in Garwinden und wie
bei Dir in Rasten.'?
Und noch einmal schüttelten sie sich die Hände,
dann wendete Eberhard sich der Thüre zu, durch die
der Amtmann eintrat.
,Nun, Wernicke,' sagte er, ,da sehen Sie den
neuen Mojoratsherrn, einen Stromberg vom Scheitel

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bis zur Sohle. Sie werden es leichter haben mit
Baron Johannes als mit mir. Er ist hergekommen
bei der Landwirthschaft, hat die Mittel, sie im Großen
zu betreiben, bringt eine neue junge Herrin in das
Haus und wird hier dauernd leben.'?
Der Amimann wollte sprechen, die Stimme ver-
, sagte ihm. Nur die Worte brachte er hervor:
, Ich bin ein alter Mann, Herr Baron.?
, Und ein alter, treuer Diener unseres Hauses,''
schaltete Johannes ein. ,Baron Eberhard hat mir
gesagt, daß ich, ein Fremder hier zu Lande, mich auf
Sie und Ihren Rath verlassen kann, und ich weiß
das zu schätzen. Ich denke, wir sollen zufrieden mit
einander sein.?
Der Amtmann versicherte, er wolle sein Bestes
thun. Die Frau wurde auch herbeigerufen; die
Zimmerreihen in Eile noch durchwandert, dann blieben
die Vettern für sich allein.
Sie hatten verabredet, am nächsten Tage die Kirche
nicht zu besuchen, um durch ihre Anwesenheit die
Andacht nicht zu stören, aber sie erreichten ihre Absicht
damit nicht. Unruhig richteten die Augen der Ge-
meinde sich nach dem mit Glasfenstern wieder neu
versehenen Chor, auf welchem die in der Kirche ein-
gepfarrten gdeligen Gutsbesiter ihre Plätze hatten;
denn in der ganzen Umgegend wußte man es, daß
Waldritten einen andern Herrn bekomme, und auf
dem Wege zur Kirche und bei dem Herumstehen vor
der Thüre auf dem Kirchhofe, hatte sich die Nachricht
verbreitet, daß gestern der neue Herr gekommen sei.
Sie hatten in Waldritten und überall in den
letzten Jahren Herren von aller Art gehabt: Russen
und Franzosen, Bayern und Württemberger. Heil
hatte ihnen keiner von ihnen gebracht; und nun ver-
ließ sie der rechte Herr, unter dem sie wieder vorwärts

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gekommen und unter dem sie frei geworden waren,
und den neuen- wer kannte den?
Es war ihnen nicht wohl dabei zu Muthe.
,Man muß ihn nur erst sehen,' sagte Steppuhn.
,,Der Kutscher vom Schloß hat's von des Amtmanns
Kathrine gehört; er ist jung und ist reich und bringt
Frau und Kinder mit und wird Winter und Sommer
da bleiben, im Schloß bleiben.?
,Im Winter auch? Das wär' schon gut,''
meinte eine von den Frauen, ,da giebt's denn doch
auch Arbeit und fällt was ab.?
Der layge Karl warf den Kopf nach hinten und
auch den Hut.
,Das Beste an der Sache ist, daß Unsereiner es
auch so machen kann.?
, Was denn?' fragte Steppuhn.
,,Gehen, wenn er will!-- Und ich für mein
Theil, ich bin ledig. Ich komm' ohn' das im nächsten
Monat unter die Soldaten, und nachher wird man
ja sehen.?
; Sie machten sich ihre Gedanken darüber, Jeder
auf seine Weise, und der Krug war noch voller als
sonst nach der Kirche, und sie blieben auch länger
dort sitzen.
Währenddessen hatte die Braunsche ihrem Jungen
noch einmal das Gesicht gewaschen und die Hände,
hatte ihm einen kleinen Rosmarintopf zu tragen ge-
geben, und war mit ihm ins Schloß gegangen.
Da sie sagte, daß der Herr sie befohlen, ward
sie gleich zu ihm gebracht. Er war oben in seinem
Arbeitszimmer mit Zusammenlegen von alten Brief-
schaften beschäftigt und allein. Die Mutter blieb mit
dem Jungen an der Thüre stehen.
,, Komm her,' rief er ihm entgegen,,Du bist
ein gut Ende gewachsen; und es ist zu sehen, Dir

-=- PF? -=-
thut jetzt kein Finger mehr weh. Thust Du auch
sonst guut, zu Haus und in der Schule?
Der Junge regte sich nicht.
,,Da ! stieß er endlich hervor, streckte die beiden
Arme aus, und reichte dem Baron den Blumen-
topf hin.
ss,Soll das für mich sein?? fragte Eberhard.
, Hochgüt' Herr,' hob die Mutter an und traute
sich näher heran. ,Es ist so damit gegangen.
Alles hatten sie ja zerschlagen in unserem Haus.
Hochgüt' Herr haben's ja gesehen. Der Topf war
stehen geblieben im Winkel, und wie ich drüber kam
und wollt' ihn wegwerfen, weil's auch nur ein
Scherben war, da war er ausgeschlagen- und da
hab' ich ihn gezogen die ganze Zeit- und - - und=
Sie fing zu weinen an, trocknete die Augen; mit der
Schürze und sagte schluchzend: ,Es ist denn doch
was von hier,'
Eberhard wurden die Augen feucht.
, Und hier soll's bleiben!r sagte er. ,Pfleg'
Sie den Topf weiter, und wenn's Sommer und so
weit sein wird, trag' Sie ihn in den Garten auf
meiner Mutter Grab, und im Herbst nehme Sie ihn
wieder nach Hause und in Obacht. Hier ist ein
Thaler, und wenn Sie den Topf gut pflegt, soll
der Herr Amtmcm Ihr alle halbe Jahre wieder
einen geben.?
hatte.
Sie küßte die Hand, die ihr das Geld gereicht
,, Und hochgüt' Herr kommen nicht mehr wieder?
, Ganz gewiß, und Ihr werdet es so gut haben
bei dem Herrn Baron wie bei mir. Er ist von
unserer Freundschast und ein guter Herr, sonst wär'
ich nicht gegangen. Sag' Sie das auch den Anderen
Allen.'?

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, Gottes Segen!'' sagte sie, nahm den Juuungen bei
der Hand und ging davon.
,, Komme, was kommen mag,? sprach er zu sich
selber, als sie fort war,,Zeit und Stunde rennt
auch durch den rauhsten Tag.?-- Und durchlebt sein
wollten diese Tage, und das mit festem Herzen.
Der Pfarrer, der Küster, der Kantor, der den
Schulmeister machte, die Gutsbesitzer, die man Ostern
in der Kirche traf, Alle gingen sie ihn mit der gleichen
Frage an, Alle sprachen sie ihm das Bedauern aus,
daß er sein Erbe, die Gegend, sie verlasse; und da
es nicht darnach angethan war, Jedem von ihnen
seine wahren Beweggründe preiszugeben, erklärte er,
daß der Krieg sein Vermögen schwer geschädigt, daß
er nicht die Mittel habe, die Güter in den geforderten
Kulturzustand zn bringen und daß er sie also dem
reicheren Verwandten abtrete, dem sie ohnehin anhein-
fallen würden, wenn er ohne Erben stürbe.
amit beruhigte man sich, denn das war ver-
ständlich. Der Amtmann zeigte sich in gleichem Sinne
förderlich, und die ernste Freundlichkeit des neuen
Herrn nahm für ihn ein und machte die Hoffnuung
rege, daß man Gutes von ihm zu erwarten habe.
Der Arbeit gab es genug für Eberhard, und
die Besuche auf den Eelsitzen in der Nachbarschaft
wollten um Johannes willen ebenfalls gemacht sein.
Eberhard drängte es, fort zu kommen, und doch war
es ihm, wo er ging und stand, als hefteten seine
Füße sich auf den Boden und seine Augen an jeden
Gegenstand, den sie berührten. Als jedoch am Tage
nach dem Feste die Dokumente von den betreffenden
Behörden vorgelesen worden waren, zuckte die Hand
nicht, mit der er seinen Namen unterschrieb; aber
wie aus tiefstem Innern stieg der Gedanke in ihm
auf, so müsse der Mensch empfinden, der sich los-

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reißt von dem Leben im festen Glauben an ein Auf-
erstehen. Jetzt gehörte er sich ganz allein an.
Als Gast seines Vetters ließ er die Maße nehmen
von den Bildern seiner Eltern und von des Stamm-
herrn Bild, das in voller Größe für Rasten kopiren
lassen zu können, er nicht gehofft. Es erwies sich,
daß er die Höhe desselben überschätzt, und Johannes
sagte:
, So gönne es mir, daß ich's hier für Dich
kopiren lasse nnd es Dir bringe, sobald Du das
Bild und mich dort brauchen kannst. Der Geist des
Hauses folgt Dir ja ohnehin von selbst, ?
Das Zartgefühl des neuen Herrn hatte Eberhard
zu erleichtern getrachtet, was ihn nothwendig erschüttern
müssen. Es war ihm eine Genugthuung, daß er
Waldritten dem neuen Herrn freien Sinnes gönnen
konnte, daß er einen Freund zurückließ in dem
alten Sitz.
Er schlief wenig in der letzten Nacht. Er war
in jenes wache Träumen gerathen, das sich in Fragen
an die Vergangenheit verliert und an die Zukunft.
Wie hätte es anders sein können, wenn Darners
Sinn sich früher schon gewandelt, wenn er die Hoff-
nuung hätte hegen können, mit Aufopferung des
Majorats sich die Geliebte zu gewinnen. Aber die
Wie und Wenn hatten ihn nur zu peinigen die
Macht, sie änderten nichts an seinem Geschick und an
dem ihren. Und doch! Er erschrak vor sich selbst,
als er sich des Gedankens bewußt ward- es tröste
ihn, daß sie nicht glücklich sei, daß er sich nicht in
ihr getäuscht, daß er sie lieben konnte als das Jdeal
des Weibes.
Er erwachte nach kurzer Rast beim ersten Hahnen-
schrei. Im innern Hofe wurde es lebendig. Er
kleidete sich an und ging hinunter, als es völlig Tag

-- 12h--
geworden war. Aus dem Pferdestalle kan ihm der
lange Karl entgegen, den der Amtmann seit dem
Neujahr auf den Hof genommen und zum Reiseknecht
gemacht hatte.
Er trat festen Schrittes an den Baron heran.
,,Gnädger Herr,'' sagte er, ,das soll mir unser
Herrgott nicht umsonst gethan haben, daß ich just
hier vor ihnen stehe. Ich hab' was auf dem Herzen,
gnäd'ger Herr.
,De willst heirathen? fragte Eberhard.
, Gott bewahre, ich komme ja den nächsten
Monat fort. Nein, das nicht. ?
,, Nun, was ßnst?
Trotz seiner entschlossenen Manier stockte Karl.
, Ich weiß nicht, ob ich's mir herausnehmen darf,
gnäd'ger Herr,- aber - gnäd'ger Herr, die Frau
Baronin hat mich holen: lassen, wie ich klein war,
weil die Mutter mich reinlich gehalten, und-
,Wir haben gespielt zusammen im Garten und
auf dem Hof,' half ihm Eberhard ein, der an der
Verlegenheit des Menschen zu merken anfing, wo
hinaus er wollte.
, I, grade!' nahm Karl nun schnell das Wort.
,, Arbeiter werden der gnäd'ge Herr ja dort auch
brauchen, und gehen können wir ja nun,- und--
gnäd'ger Herr, ich-- ich möcht' nicht fort von Ihnen
---- nehmen Sie mich mit, ich steh' meinen Mann ?
Eberhard hatte Mühe sich zu halten, die treuen
Augen in dem ehrlichen Gesichte erquickten ihm das
Herz.
,Ja, sagte er,,Du stehst Deinen Mann und
Du sollst Deinen Willen haben, jedoch heuie noch
nicht.-- Es darf nicht das Beispiel gegeben werden,
daß Einer von Euch, die Ihr meine Leute gewesen
seid, den jetigen Herrn verläßt. Bleib hier und

-- 1Fs--
thue Deine Arbeit, bis Du unter die Soldaten mußt.
Bist Du ausgedienl, so melde mir's und dann sollst
Du zu mir kommen. Bis dahin rede nicht davon.
Das ist das Erste, was ich Dir befehle. Richte Dich
darnach, und es freut mich, daß Du mit mir gehen
willst. Adieu!r
,Schön Dank,-- ich rede nichts, - schön Dank,
gnäd'ger Herr, es ist gut!'?
Er ging in den Stall zurück, Eberhard hinaus
zu seiner Eltern Grab.
Ein paar Stunden später fuhr er von Waldritten
fort, Johannes blieb im Schlosse. Alt und Jung
hatten sich aufgestellt vor den Häusern, der Amtmann
und seine Frau waren nicht die einzigen, die weinten.
Von allen Ecken und Enden riefen sie ihm ihr Adieu
zu, und der Braunsche und die anderen Jungen liefen
neben seinem Wagen her, so weit ihr Athem langte.
Bevor sie die Ecke erreichten, hinter welcher das
Schloß vor dem Blick des sich Entfernenden ver-
schwand, richtete er sich im Wagen noch einmal auf.
Es war ein Segen in seinem Herzen für das
alte Haus; denn die Güte, mit welcher seine Ahnen
hier gewaltet unter ihren Leuten, war aufgegangen
in diesen Tagen in der Treue und der Liebe, die
ihm das Herz erhoben und schwer gemacht beim
Scheiden.
Er hatte jetzt die gleiche Güüte und Treue zu
üben als ein freier Mann auf seinem kleinen Eigen-
thum, und zu sehen, was dort für ihn und Andere
zu schaffen, was zu erreichen sein werde in einer Zu-
kunft, die noch in tiefem Dunkel lag für das ge-
sammte Land.