Die Familie Darner. Roman in 3 Banden.
Fanny Lewald
Kapitel 12

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Iwölftes d-=--
Seit vielen Wochen hatte Dolores jede Kunde
von den Ihren entbehrt. Der Krieg zwischen Frank-
reich und Desterreich hatte den Postverkehr durch das
südliche Deutschland fast gänzlich unterbrochen. Die
Posten waren geplündert worden. Selbst Handels-
estafetten nach Jtalien hatten vom Norden ihren
Weg über und durch Frankreich nehmen müssen,
und die gewaltigen Ereignisse, welche die Napoleo-
nischen Bulletins der Welt in, rascher Folge zu ver-
künden hatten, nahmen jeden Menschen und vor
allen jeden in irgend einer Weise an dem Gange
der öffentlichen Dinge Betheiligten, dermaßen in Be-
schlag, daß man darüber das kleine, eigene, alltägliche
Erleben weniger als sonst beachtete.
Napoleon war siegreich bis in Desterreichs Haupt-
stadt vorgedrungen, der Kirchenstaat dem französischen
Kaiserthum einverleibt, der Papst als Gefangener nach
Frankreich abgeführt. Diese Gewaltthat erregte in
allen katholischen Landen einen Schrei der Empörung;
nnd selbst in Venedig, wo man es doch bereits er-
fahren, was es mit der Entsetzung des Staatsober-
hauptes und der Umgestaltung eines Staatswesens
auf sich habe, war die Aufregung, von den Gläubigen
getragen und von der Geistlichkeit genährt, für die
Regierung drohend, trotz der Bajonette, über die sie
zu gebieten hatte.
Es war am Ende des Mai, als endlich die von
Norden kommende Post, unter den Sachen, welche sich
in einer der süddeutschen Haupstationen angesammelt
hatten, unter den Eingängen für das Haus Joann,
den Brief mitbrachte, den Virginie vor zwei Monaten
an die Schwester gerichtet.

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Am Abende vorher hatte man Unruhen in
Venedig gefürchtet. Man hatte das Innere der Kirchen
wie an einem Charfreitag in Trauer hüllen wollen
und die Behörden hatten sich dem widersetzt. Die
Massen, die sich vor den Kirchen angesammelt, waren
zerstreut worden, aber man übersah es, daß die
Gläubigen in Trauerkleidern zu der Messe gingen;
und das dumpfe Schweigenz die scheuen, gedrückten
Mienen, denen Dolores selbst bei ihrer Dienerschaft
zu begegnen hatte, wirkten ebenso niederschlagend auf
sie, als die Sehnsucht nach Briefen und als der
bleierne Scirocco, der über Venedig lag.
Kein Wimpel an den Schiffen regte sich, kein
Luftzug erhob sich, die Schwüle zu durchbrechen;
selbst die Tauben, die vom Markusplatze hinaus-
flogen nach dem Wasser, bewegten ßch langsamer in
der schweren Luft als sonst, und die Dünste, welche
in der Nacht von den Kanälen aufgestiegen waren,
lagerten noch über denselben, daß man die Gebäude
an dem andern Ufer nur wie in weiter Ferne vor
sich sah.
Dolores hatte schon seit geraumer Zeit die Frische
ihrer Farbe, die anmuthige Rundung ihrer Wangen
und Formen eingebüßt. Man hatte es bemerkt, und
die Frauen hatten ihr freundlich dabei zugelächelt,
hatten ihr Muth eingesprochen, wenn sie ermattet ge-
schienen, und hatten es ihr als Schüchternheit ge-
deutet, wenn sie den Zuspruch einfach mit der Er-
klärung abgewiesen, daß sie nichts zu hoffen, nichts
zu fürchten, daß sie sich nur an das fremde Klima
zu gewöhnen, und die Folge des ihr eben so fremden,
raschen Lebens während des Karnevals zu tragen habe.
Polydor war nicht der letzte, der das veränderte
Aussehen seiner Frau gewahrte. Er hatte einen der
erfahrensten Aerzte von Padua kommen lassen; der

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Arzt hatte zu einer Luftveränderung gerathen, aber
Polydor konnte ebensowenig daran denken, sich jetzt
von seinen Geschäften, als seine junge Frau von
sich zu entfernen; und er sah es mit zärtlicher Sorge.
wie die alltägliche Fahrt nach dem Lido, die er meist
selber mit ihr unternahm, und der mehrstündige
Aufenthalt auf demselben, die Farbe in das holde
Antlitz, die Fröhlichkeit nicht wiederkehren machte in
ihr Lcheln.
,, Nun, Dolores, rief er ihr entgegen, als er
an dem genannten Tage, mit dem Brief ihrer
Schwester in der Hand, zu ihr auf die Galerie
hinauuustrat. ,da bringe ich Dir frische Luft! Ein
Brief--r
, Von Hause? fiel sie ihm ein und langte, sich
rasch erhebend, hastig nach demselben.
Polydor hielt ihn zurück.
, Von Hause? wiederholte er; ,- Dein zu
Hause denn nicht hier, bei mir, in Deines Manneo
Haus?
, Gewiß, aber-- ich bitte Dich, Poldor, gieb
mir den Brief,' rief sie mit nervöser Ungeduld,
, gieb ihn her! Tag und Nacht hab' ich nicht Ruh'
gehabt vor Sehnsucht. Ach, Du weißt nicht, was-
es heißt, so fern zu sein von Allem, was man liebt. ?I
Er hatte es mit dem Zurückhalten des Briefes ;
auf eine Neckerei abgesehen; aber die Nachricht von ,
dem Zusammenbruch eines französischen Hauses, der
ihn mit einem beträchtlichen Verlust bedrohte, hatle
ihn aufgeregt, und der Ausruf von Dolores reizte ihn.
, Von Allem, was man liebt? sprach er ihr nach
,,das ist etwas stark und viel gesagt mit wenig
Worten.-- Da hast Du Deinen Brief!r?
Er legte ihn auf den T.;ch und wendete sich
g
zum Gehen.
Lewald. Die Jamilie Darner. Ul.

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,, Polydor,'' sagte sie erschrocken, ,wie kannst
Du böse darüber sein? Ich bedachte nicht, was ich
sagte.?
,, Und so verriethst Du Dich und gabst der Wahr-
heit die Ehre,'' entgegnete er ihr kalt.
,, Vergieb mir, Polydor, es war nicht so ge-
meint,'' bat sie noch einmal.
,Vergeben? Ich habe Dir nichks, verzeihen.
Ich beklage nur Dich und mich, und ill Dich nicht
weiter stören. Lies Deinen Brief von Hause, damit
Du Nachricht hast von Allem, was Du liebst. ?
Er verließ sie, sie blieb wie angewurzelt stehen.
Sie begriff nicht, wie er das harmlos gesprochene
Wort ihr so zum Votwurf machen könne, und der
Gedanke, daß er Streit mit ihr gesucht, verwirrte sie
und erzürnte sie zugleich. Sie hatte sich ihm zu
fügen, sie hatte Alles zu thun, was in ihren Kräften
stand, um ihm zu gefallen; er jedoch hatte auch sie
gelten zu lassen in ihrem Empfinden. Sie war nicht
sein Kind, sie war seine Frau; und wenn er sich die
Treue, mit welcher er an seiner Freundschaft für die
Marquise hing, zur Ehre rechnete, wenn die Gesellschaft,-
in welcher sie lebten, es rühmte, daß die Marquise
sie mit solcher Wärme aufgenommen, wie durfte ihr
Mann es ihr verargen, daß sie mit fester Treue an
den Ihren hing, wie konnte er es ihr versagen, ihre
Vergangenheit, ihr Familienleben in das seine aufzu-
nehmen, da sie ihm das Gleiche gewährte? Er hatte
ihr kein Opfer gebracht; er hatte ihr aber auch nicht
zu danken für den Gehorsam, mit dem sie sich dem
Willen ihres Vaters gefügt. Es war auch nicht seine
Schuld gewesen, daß sie geglaubt, vergessen und ihm
ganz zu eigen werden zu können; gelten jedoch mußte
er sie lassen, wie sie ihn. Sie hatte sehen lernen in
Venedig; und ihr Vater war nicht da, sie zu be-

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schützen, wenn ihr Mann ihr Unrecht that wie heute.
Sie war allein auf sich gestellt und auf die Liebe,
die ihr Polydor noch stets bewiesen. Von seiner
Liebe mußte sie das Recht begehren, das er sich zu-
erkannte, ein Wesen fütr sich selbst zu sein, trohdem,
daß sie die Seine war.
Sonst hätte ein solcher Vorgang, solches Denken
und Erwägen ihr die Thränen in die Augen gebracht;
heute richtete sie das Hauunt dabei empor, das Herz
klopfte ihr heftiger, aber sie fühlte sich frischer, wohler,
als sie den Brief erbrach.
, Es ist die Luft von Hause!'' sagte sie zu sich
selbst und flog mit frohen Augen von Zeile zu Zeile.
von Seite zu Seite. Was der Vater gesprochen,
wie der Lorenz sich aufgerichtet, wie Justine ihn
gelehrt, auf das Bild von Dolores zu zeigen, wenn
man ihn frage, wo die Tante sei, und wie er neulich
, Lora da!' gerufen.-- Wen konnte das hier freuen?
Aber sie beglückte es. Von jedem Besuche, den man
gemacht, von jedem Gaste, den man empfangen, von
dem Kleinkram des täglichen Lebens zu hören, wie
er zwischen den Häusern Kollmann und Darner,
zwischen der guten Göttling und zwischen ihnen, sich
immer reger neugestaltet, das machte sie heiterer als
die Feste um sie her. Die Stuben im Vaterhause
waren soviel traulicher als ihre großen Säle. Die
Wege vor den Thoren, die Spazierfahrten, der Ritt
zu Vieren vor die Stadt hinaus-- wie köstlich, wie
lebenspendend waren sie im Vergleich zu den still
hingleitenden Fahrten in den Kanälen, zu dem Blick
hinaus in das weite, weite, öde Wasser.-- Ach, sie
hatten sie beneidet, sie beneideten sie noch, um die
Herrlichkeit und Schönheit der Stadt und der Natur,
in welcher sie lebte; und in wie mancher Abendstunde
hatte es sie darnach verlangt, nur einmal wieder das

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Rollen der schweren Wagen durch die Straßen, das
Pferdegetrappel und den Schall zu vernehmen, mit
welchem der Wind die Aeste der großen Wallnuß-
bäume schüttelte, wenn er von Westen kam, daß sie
anschlugen bis an die Fenster von des Vaters
Zimmer.
Es war ja schön in Venedig, aber unnatürlich
blieb ihr das Leben in dem Wasser doch.
Und sie las und las. Von den Besuchen Hee
Hauptmanns schrieb Virginie, der ihr ein fester,
treuer Freund sei, zu dem sie offener rede als zu
Frank, weil dieser doch alles Justinen wieder sage:
und wie der Hauptmann gar nicht schön mit ihr
thue, worauf John gelegentlich vexfalle, weil er
vielleicht glaube, sich durch sie für Justine entschädigen
zu müssen; und wie sie ihm das unschuldige Ver-
gnüügen gönne, da er ja ein so guter Mensch sei.
Von Allen und Jedem berichtete sie; aber Dolores
suchte in all dem Erzählen nach dem Namen, den
sie nennen zu hören begehrte; und er kam nicht und
kam nicht, und es war nichts zu finden in dem ganzeu
langen Briefe, das sie auf ihn hätte deuten oder be-
ziehen können.
Da mit einem Male hieß es: ,Ich will aber
schließen, denn Du weißt nun Alles; und sie kommen
anir eben sagen, daß Baron Stromberg mit einem
Vetter auf der Durchreise bei Justinen vorgesprochen
und zum Thee ist. Lebe mir denn wohl, mein
anderes Selbst, und denke an uns wie wir an Dich,
mit frohem Herzen; denn es geht uns Allen gut
und wir thun jeder, was er kann, wie's sich gehört
und wie unser Vater es fordert! Und damit, meine
Lora, auf Wiedersehen, wenn's auch wohl so bald
nicht sein wird, denn die Welt hängt ja wieder voll
Kriegsnachrichten wie der Himmel bei uns voll Wolken,

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die Du wohl kaum mehr kennst in Deinem Sonnen-
lichte!?
Sonnenlichte!-- Dolores hatte den Brief in
der Hand und sah die letzten Zeilen mit starrem
Auge an, als müßte der Name, den man nicht gegen
sie genannt, seit sie die Heimat verlassen, jet, da er
schwarz auf weiß vor ihren Augen zu lesen stand,
auch Gestalt gewinnen und zu ihr sprechen, und ihr
sagen, ob er ihrer noch gedenke, ob sie ihm nicht im
Traum erscheine wie er ihr, ob er wisse, wie unver-
- ändert sie sein Bild im Herzen trage. Aber die todten
Lettern schwiegen, und das Sonnenlicht erhellte ihr
das Dunkel nicht.
Sie las den Brief noch einmal und las die
Briefe des Vaters und Justinens. Sie waren alle
voll Güte und voll Liebe, und doch halfen sie
ihr nicht.
Unter den Wolken, unter denen sie in der
Hejmat lebten, waren sie in froher Eintracht bei-
sammen; unter den Wolken lebte Eberhard, den
Virginie ihr, Dolores fühlte das, nur in Nebereilung
genannt; und sie, Dolores, hatte in dem Sonnenlichte,
von dem die Schwester redete, Niemand, den sie allein
besaß. Bitten sollte sie, wo sie in ihrem Rechte
war, werben mit Selbstverleugnung um den eigenen
Mann?
Es waren Vorstellungen, die ihr das Herz
empörten. Wie eine Buhlerin erschien sie sich,
indem sie sich wehren sollte gegen eine Nebenbuhlerin;
und selbst auf die Bilder ihrer Liebsten, auf des
Vaters, auf der Schwester und auf des Geliebten
Bilder, fiel der Schatten ihres zornigen Schmerzes.
Sie trugen Alle, wie ihr Mann und wie sie selbst,
Schuld an ihrem Unglück, ihrem Leiden. Warum
hatte sie sich gefügt, warum ihr Herz gutwillig betrogen?

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Sie hatte in stummem Brüten lange dagesessen
in dem kleinen Zimmer, in dem sie sich mit den Er-
innerungen an die Heimat, an die Ihren umgeben.
Die Sonne, die Herr geworden über die Nebel des
Scirocco, brannte durch die hohen Bogenfenster.
Ihre Wangen glühten, die Stirne schmerzte sie, das
Athmen ward ihr schwer.
Sie stand auf, um das Frische zu suchen. Ihr
Blick streifte im Vorübergehen einen der großon
Spiegel; aus seinem von Meisterhand gemalten,
von Genien durchzogenen Geranke, blickte ihr Bild
sie an.
,So jung, so schön-- und unglücklich,? fuhr
es ihr durch den Sinn, ,und ein langes Leben vor
mir voll immer gleicher Pein!- Unmöglich!'' rief
sie, und als schleudere der laute Ruß sie wie ein
Zauberwort von der ihr gewohnten Bahn, setzte sie
hinzu: ,Das kann, das trag' ich nicht!
Sie war auf den Balkon hinausgetreten. Unten
am Traghetto landete die kleine Gondel, deren ihr
Mann sich bediente, wenn er allein ausfuhr. Sie
blickte hinab, es stieg Niemand heraus.
Die Kammerfrau, nach der sie schellte, war gleich
zur Hand.
, Fragen Sie Sandor, wohin der Herr gefahren,
gebot sie.
Der Herr sei der Frau Marquise begegnet,
meldete der Gondelier, habe ihn zurückgesendet und
die Herrschaften hätten, wie er vernommen, die Weisung
nach dem Lido gegeben.
Dolores überlegte nicht lange.
,Die große Gondel soll. herabgelassen werden.
Bringen Sie mir den Schleier, den Fächer und die
Mantille und machen Sie sich fertig. Lazar soll' uns
begleiten.?

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Ihre Lippen preßten sich zusammen, es war ein
gewaltsamer Entschluß, der in ihr rang. Untergehen
oder sich untreu werden?- Untergehen oder sich
beugen, um sich zu behaupten?-- Warum wollte
sie es besser haben, als die Anderen, besser sein?--
Und war Polydors Verlangen, sie ausschließlich ihm
zugewendet zu wissen, nur Selbstsucht und nicht auch
Liebe, die einzige Liebe, die für sie in ihrer Nähe
lebte, die Liebe, auf welche sie angewiesen war?
Wenige Ruderschläge hatten das Boot an die
Treppe gebracht. Der Diener öffnete die Thüre, die
i die Halle hinausführte, die Kammerfrau war bereit.
Der Schleier, die Mantille waren bald umgeworfen.
Dolores stand auf des Traghettos Rand.
,Nach dem Lido !- befahl sie, während sie sich
beugte, in die Gondel einzutreten, und mit sanftem
Ruderschlag folgten die Gondeliere dem Befehl.
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Dreizehntes d,uuel'
Asz
Polydor hatte, nachdem er seine Frau verlassen,
die Thüre kaum hinter sich geschlossen, als er sich die
vorhergegangene Scene, die er herbeigeführt, zum
Vorwurf machte. Er wollte zurückkehren, wollte ein-
lenken, ausgleichen. Sie hatte so bleich vor ihm da-
gestanden mit den dunklen Augen, so angegrifen;
und was hatte sie im Grunde Nebles gethan? Er
schonte sie sonst gern. Aber wie er sich dazu an-
schickte, vermochte er sich nicht dazu zu bcingen. Zum
bloßen Krankenwärter, zum barmherzigen Bruder
war er nicht gemacht; und es war eben geschehen.
Ein zufälliges Wort, der Augenblick, hatten ans Licht
gebracht, was er in sich getragen, ohne es sich einge-