Die Familie Darner. Roman in 3 Banden.
Fanny Lewald
Kapitel 13

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stehen zu wollen. Er wußte, woran Dolores krankte.
Dolores liebte ihn nicht.
Und wie er dem Gedanken Raum gegeben,
hätte er ihn in sich zurückdrängen mögen um jeden
Preis; denn nicht geliebt zu werden von einem Weibe,
dem er sich hingegeben in voller Gluth der Leiden-
schaft, das war eine Kränkung, eine Schmach, die er
zu vergessen trachten mußte, wenn er nicht irre werden
wollte an sich selbst, wenn er . Er mochte nicht
aussprechen, was er dachte, was ihm auf den Lippen
schivebte.
Was war ihm Dolores, wenn sie ihn nicht
liebte, ihn, um den andere, glänzendere Frauen sie
beneideten, den eine Serafina nicht entbehren, dessen
Verlust sie nicht verschmerzen konnte?
Es war hoher Mittag; er mußte sich zur Börse
bringen lassen. Gondel um Gondel fuhren an ihm
vorüber. Es saßen höhere Offiziere darin, es war
ein unruhiges Treiben überall. Zwei Kriegsschiffe,
von Neapel kommend, waren am Morgen eingelaufen,
sie hatten Truppen an Bord, die nach Illyrien
gehen sollten.
Die Börse war stark besucht, das Geschäft
war still. Niemand konnte an irgend eine Unter-
nehmung denken, denn die Nachrichten, welche die
verschiedenen Häuser erhalten hatten, kreuzten und
widersprachen einander. Man erwartete neue Bulletins
von Wien, Estafetten von Augsburg. Es war nicht
zu sagen, woher es gekommen, aber das Gerücht hatte
sich verbreitet, Napoleon habe eine Niederlage erlitten.
Polydor verließ die Börse, ohne seiner Auf-
regung Herr geworden zu sein. Er fühlte sich berechtigt
in seinem Zorn und konnte die Empfindung doch
nicht unterdrücken, daß er Dolores Unrecht gethan.
Er war empört über sie und hatte Mitleid mit ihr.

Er hatte sich nie gegenüber einer andern Frau in
einem solchen Zwiespalt mit sich befunden als eben jetzt.
, Als ob ich zwanzig Jahre alt wäire und ein
schwärmerischer Thor!' sagte er spottend zu sich selbst,
da er sich auf den: Gedanken betraf, heimzukehren,
um eine Erkläruung mit ihr zu suchen. Was war
denn zu erklären zwischen ihnen? Was hatte er ihr
vorzuwerfen?-- Ihre Willigkeit ihm zu gefallen,
ihre Zuvorkommenheit gegen seine Wünsche, ihr Ge-
horsam blieben sich immer gleich. Sie hatte kein
Auge, kein Ohr für die Huldigungen, mit denen die
Männer ihr nahten, aber sie hatte auch kein Herz
für ihn.
Der Anruf eines Gondeliers unterbrach ihn in
den unerfreulichen Gedanken. Die Gondel, welche
er führte, nahte sich der seinen, sein Gondelier folgte
jenem Anruf. Sie kannten Beide ihren Dienst.
Unter dem luftigen Zelte, das in dieser Stunde das
Dach der Gondel ersetzte, winkte ihm die Marquise
grüßend mit der schönen Hand. Die Gondeliere legten
die Gondeln aneinander.
Das frohe, helle Auge seiner Freundin fiel wie
ein Sonnenstrahl in den Mißmuth Polydors.
,, Wie geht's, meine Theure und wohin?? fragte
er, sich hinüber zu ihr neigend.
, Ich wollte zu Ihrer Frauu und dann hinauus
nach dem Lido. Vranitzki, der vorhin im Hafen
war, sagt, es wehe draußen frisch. Ich verlangte
Luft zu schöpfen, und wollte Dolores mit mir nehmen. ?
, Sie ist beschäftigt, versunken in Familien-
briefen,'' gab er ihr zur Antwort.
,, So stören wir sie nicht und kommen Sie
mit mir.?
Polydor hatte diese Antwort erwartet, denn
schon seit Monaten war er wieder an den alten engen

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Verkehr mit der Marquise gewöhnt; und wie sie ihn
so konnte auch er sie wieder nicht entbehren.
Er schickte seine Gondel heim und nahm in der
ihren an ihrer Seite Platz.
, Hat die liebe Kleine gute Nachrichten erhalten??
fragte Serafina.
Polydor antwortete, er habe seine Frau ver-
lassen, bevor sie ihren Brief erbrochen.
,,So kann ich Ihnen Neuestes erzählen von
Ihrem Schwiegervater.?
, Sie, von meinem Schwiegervater? Und wie
kommt das??
,, nicht durch Zauberei. Der Graf hat einen
Brief empfangen von der Fürstin, der er neuerdings
wieder einmal geschrieben und hat ihr von seinem
hiesigen Leben, von dem Verkehr mit uns, von der
Schönheit Ihrer Fran gesprochen. Darauf hat sie
ihm geantwortet, und - machen Sie sich immer auf
ein Wunder, auf merkwürdige Möglichkeiten gefaßt. ?
,Ich bin heut' ungeduldig, Serafina.?
, Ungeduldig?- weshalb das?
Polydor stockte, dann sagte er:
,Eine Scene, die ich mit meiner Frau gehabt,
ist mir auf die Nerven gefallen. Ich bin zum Räthsel-
rathen heut nicht aufgelegt. Was wollen Sie mich
wissen machen??
, Nun denn, ich könnte wie Madame de Sevigny
sagen: ,.s rons le äonne en an, en äen ete.
Aber ich will Sie und Ihre Nerven schonen. -
Josephs Tante ist vollkommen beherrscht, vollkommen
entzückt von Ihrem Schwiegervater und hat in Ihrer
Schwägerin--
,Jn Madame Frank? unterbrach er die Rede.
,Nein, in Mademoiselle Virginie einen Charakter
entdeckt, wie sie ihn in einem so jungen Mädchen

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auch noch nicht gesehen. Graf Joseph sagte heute
lachend, es wäre ein Geniestreich, dessen er seine
Tante fähig glaube, aus Gefallen an der Originalität
ein ekagement äe posilion zu machen, und ein
Leben als Madame Darner zu probiren.'?
Polydors Brauen zogen sich zusammen.
,Der Graf wird witzig,'' sagte er, ,und er kann
das brauchen; nur ersuchen Sie ihn, wenn ich bitten
darf, seinen Witz nach Seiten spielen zu lassen, in
denen er mich nicht berührt. ?
Serafina schüttelte den Kopf.
,,Sie sind unverbesserlich!'' meinte sie. ,Wie
würde unser Leben sich gestalten, wäre ich so selbstisch
und so unduldsam als Sie. Aber in diesem Falle
setzen Sie den Theil der Nachricht, der Sie die Stirne
runzeln macht, auf meine Rechnung. Es war ein
Scherz, ein schlechter Scherz vielleicht; allein die
Gegenstücke finden sich dazu in unserer Zeit. In
dex That aber ist die Fürstin voll Bewunderung für
Herrn Darner. Sie hat ihm von ihren Angelegen-
heiten, von ihren Gütern gesprochen, von den Stein-
kdhlenlagern, die man auf denselben wie auf denen
des Grafen Vranitzki gefunden haben will; und-
das eben schreibt sie dem Grafen- Herr Darner
hat ihr zugesagt, sobald wir friedlicheren Zuständen
entgegengehen, ihre Güter zu besuchen, ihre Ange-
legenheiten in die Hand zu nehmen.?
,Das würde viel werth sein für die Fürstin
wie für den Grafen, denn mein Schwiegervater thut
nichts halb,'' sagte Polydor und schwieg darnach.
Die Marquise hielt das nicht lange aus.
,,Aber um des Himmels willen, mein Lieber,
was haben Sie heute?? rief sie. ,Ich erschöpfe meine
ganze Liebenswürdigkeit Sie zu zerstreuen, und Sie
schmollen mit mir, weil vielleicht die Kleine übler

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Laune gewesen ist und Sie ein wenig ennuyirt
hat.?
, Ja,'' fuhr Polydor auf, als sei er froh, es
aussprechen zu können, ,la, diese Sehnsucht nach den
Ihren, diese sich ewig gleiche sanfte Schwermuth
lähmen mich.?
, Sie ist krank, mein Freund !? begütigte die
Marquise.
,Nein, sie macht sich krank und mich mit dazu
durch ihre Schwäche. ?
, Und sie hat doch in dieser Schwäche, mehr
als sie weiß und als Sie glauben, Macht über Sie
gewonnen,' schaltete Serafina ein. ,Wer trägt die
Schuld daran? Sie haben die arme kleine Frau
verwöhnt und verargen ihr das nun. Das ist sehr
männlich, und doch ungerecht. ?
Polydor konnte es selbst in seiner heutigen Ver-
fassung nicht vertragen, seine Frau von einem Andern
tadeln, und noch weniger sein Verhalten nicht gebilligt
zu hören.
,Wie hätte ich es anders können?? sagte er.
,Sie war ein Kind! Ihre Unschuld, ihre Hin-
gebung-
,O,' unterbrach ihn Serafina, ,als ob ich ihn
nicht kennte, den Reiz, in einem offenen, jungen
Herzen zu lesen, sich zu verjüngen in der Jugend.
Sie wollten das nicht perstehen damals! Was Sie
entzückte, sollte mich nicht freuen; und Gott weiß es,
ich habe den Grafen nicht verwöhnt, er ist selbstlos
mir ergeben wie ein Sohn.
Sie wußte, was sie mit der Behauptung gewollt
und gewagt. Heute, in der Stimmung, in welcher
sie Polydor gefunden, kam es auf eins heraus. Er
mußte es wieder einmal hören, und er schwieg dazu.
Der Stachel brannte ihm in der Wunde.

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, Zuuum Erziehen bin ich nicht gemacht!'' sprach
er bitter.
, So müssen Sie es lernen, lieber Freund.
Neberlassen Sie Ihre Frau nur ein wenig mehr sich
selbst, und sie wird Sie entbehren. Wäre es möglich
an Reisen zu denken, so würde ich sagen, schicken Sie
sie einmal in sicherer Begleitung zu kurzem Besuch
in ihre Familie zurück, und sie wird nach dieser kurzen
Zeit als eine Gewandelte wieder in Ihren Armen
sein. Sie haben sie angebetet wie eine kleine Heilige,
die sie ist. Sie muß es lernen, daß die Männer
nicht lange anbeten, sondern geliebt sein und froh
sein wollen mit dem Weibe ihrer Wahl. Es ist
deutsche Sentimentalität darin, und,' setzte sie lachend
hinzu, ,dafür find Sie nicht der Mann, mein Freund!
Doch sprechen wir nicht mehr davon! Und beiläufig,
da wir von deutschem Wesen reden und Sie ja des
Deutschen mächtig sind: Was ist es mit den Leiden
des jungen Werther?-- Seit der Kaiser zu Erfurt
mit Herrn von Goethe davon gesprochen, redet alle
Welt vom Werther; auch der Graf nennt den Roman
ein Werk ganz ohne Gleichen! Ich müsse ihn lesen,
-behauptet er. ?
Es machte ihn heute Alles ungeduldig. Dies
geflissentliche Abspringen von dem, was ihn beschäftigte,
diese Wendung des Gespräches zu einer Sache, die
Serafina vom Zaune brach, mißfielen ihm mehr
als Alles.
,, Was es ist mit Werther, was er ist? Es ist ein
Jüngling, der sich erschießt aus Liebe zu eines
Andern Braut.?
, Sich? Welche Thorheit, dem Bräutigam so
gefällig zu sein!' lachte die Marquise. , Und das
kann ein Napoleon bewundern? Wie komisch! -
Man war nicht so gefällig gegen ihn.-- Ah, da ist

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ja wieder unser Graf, er ist also doch gekommen;
und irre ich nicht, so ist das hinten Ihre Gondel;
vielleicht Ihre Frau!' rief sie, als die Gondel des
Grafen an dem Lido landete, während die große
Gondel Polydors aus der Ferne von der andern
Seite dem gleichen Plate zusteuerte.
Der Graf half ihr aussteigen, die Männer
begrüßten einander wie gute Freunde.
Als Polydor stehen blieb, seine Gondel zu er-
warten, flüsterte die Marquise dem Grafen zu:
,Helfen Sie mir Frieden stiften. Es hat ein
Mißverständniß gegeben zwischen den Beiden. Joannuu
ist in einer abscheulichen Laune, und die Kleine
thut mir leid. Beschäftigen Sie sie, seien Sie
liebenswürdig, mir zu Liebe.?
Er verneigte sich zustimmend, sie wendete sich
mit der Frage an Polydor, ob sie seine Frau er-
warten sollten.
,,Das würde Sie ermüden; gehen Sie immer
voran, wir folgen Ihnen !' sagte er. Er wollte keinen
Zeugen haben bei dem Begegnen mit Dolores.
,Also bei Lafour??
,, Wie es Ihnen gefällt, meine Freundin,'' ant-
wortete er, und die Beiden gingen nach dem Kaffee-
hause, das ein Franzose in einem leichten Pavillon
auf dem Lido errichtet. Es ward viel besucht von
der schönen Welt um diese Stunde.
Polydor schritt unmuthig auf und nieder, bis
die Gondel herangekommen war und er seiner Frau
die Hand bot. Sie reichte ihm beide Hände hin, er
beachtete es nicht.
,Daß ich Dich gleich hier finde, soll mir ein
guutes Zeichen sein! sagte sie, ohne daß er ihr Ant-
wort darauf gab. Er bot ihr den Arm, sie fortzu-
führen. Die Dienerschaft blieb in der Gondel zurück.

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, Die Luft war Dir wohl zu drückend im Palast?
fragte er, als sie ein paar Schritte auf dem weichen
Boden hingegangen waren.
, Nein, was mich drückte, war Deine Unzu-
T.iedenheit mit mir. Ich kann es nicht ertragen,
in Unfrieden zu leben mit dem einzigen Menschen,
der mir hier lebt, mit meinem Manne. Sage nicht
wieder ,alast:, denn ich weiß, Polydor, was Du
mir damit sagen willst,'?
=o ,Es ist an Dir, ihn anders zu bezeichnen, wenn
Du es anders fühlst, und nicht meine Schuld, wenn
Du mein Haus nicht als Deine Heimat ansiehst,'
gab er ihr zurück. ,Aber was brachte Dich hierher?
, Das Verlangen, Dich zu sprechen. ?
Er fragte, woher sie gewußt, daß er nach dem
Lido gefahren; sie erzählte es ihm.
,,Du hast dabei nur wieder einmal nicht bedacht,
wwas Du damit gethan hast. Es ziemt sich nicht, die
Dienerschaft, meinen Gondelier, um etwas zu befragen,
das zu berichten ich ihm nicht befohlen !' tadelte er;
denn er wollte sie bestrafen. Er hatte sie zu erziehen,
darin hatte die Marquise recht, und er hatte dies
aus Zärtlichkeit versäumt.
,,Was habe, ich denn damit verbrochen??
, Du zwingst die Leute zu dem Verdachte, Dich
für eifersüchtig zu halten, mir aus Eifersucht hierher
gefolgt zu sein.?
Dolores zuckte zusammen. Die bittere, zornige
Stimmung, das Verlangen, sich gegen Polydor zu
behaupten, die sie zu Hause aus Scheu vor Kampf
und Leid in sich niedergekämpft, wallten wieder in
ihr auf. Sie zog ihren Arm aus dem seinen, und
ihm mit einem Blick ins Auge sehend, den er niemals
an ihr wahrgenommen hatte, fragte sie:
,, Und wenn ich eifersüchtig wäre?

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,Als ein Beweis Deiner Liebe würde es mich
freuen!'' antwortete er ihr. Allein die fest gestellte,
nackte Frage hatte ihn überrascht. Er hätte sie ihr
nicht zugetraut.
Sie ließ sich nicht damit abweisen.
,,Du spielst mit mir,' sagte sie, ,und ich meine
es ernsthaft. Ich weiß, daß Du die Marquise nicht
lassen willst, weil ich Dir nicht ersetzen kann, was
sie Dir bietet und was ich nicht besitze. Ich bin
nicht geistreich, keine Frau von Welt. Ich werde
das auch niemals werden. Das muß Dir aber klar
geworden sein beim ersten Blick; und daß ich einen
Andern vor Dir geliebt, das wußtest Du, denn Du
hast es mir ausgesprochen in dem Briefe, in dem Du
um mich geworben hast. Kannst Du mir's nicht
gönnen und verzeihen, daß ich an meinen schuldlosen
Erinnerungen und an den Meinen hänge?
,,Dolores,' rief er voll Erstaunen über sie, ,was
soll das, wohin willst Du kommen?
,Zur Klarheit, und wenn's sein kann, Jeder
zu seinem Recht; denn auch ich habe ein Recht, ich
fühl'a! rief sie mit leuchtenden Augen. ,Wir stehen
hier unter Gottes freiem Himmel, Polydor, wie vor
seinem Altar. Ich bin Dein und bleibe es, wie ich's
Dir geschworen, wenn ich Dir genüge, wie ich einzig
sein kann; kann ich das nicht--
,Du verlangst, daß ich mit der Marquise breche,
fiel er ihr ein, wider seinen Willen beherrscht von
der Gewalt der Wahrheit in der Frau, von welcher
Serafina wie von einem Kinde gesprochen, das er
eben noch durch Tadel erziehen zu müssen geglaubt.
,Nein, denn das wirst Du nicht thun!' Sie hielt
inne vor dem Gedanken, der plötzlich in ihr aufstieg;
jedoch ihre Empfindung riß sie fort. ,Kannst Du mich
nicht lassen wie ich bin, genügt es Dir nicht, daß

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ich mich begnüge mit der Liebe, die Du mir zu-
wendest==
,,Dolores, nicht weiter!' gebot und warnte
Polydor. Es war vergebens.
, Ich bin nicht glücklich, Du bist es nicht!r fuhr
sie in gleicher Erregung fort, ,sende mich zurück zu
meinem Vater !'?
Ihre Leidenschaft brachte ihn zur Besinnung.
So, ebenso allein hatte er mit ihr gestanden am
Strand vor ihres Vaters Haus im Norden, als sie
sich ihm zugesagt füür alle Zeit. In Treue hatte sie
ihr Wort gehalten. Er? - Sie sprach von ihrem
Recht. Sein Recht, des Mannes Recht und ihres,
waren nicht das Gleiche in seinem Sinne; aber in
dem Einen hatte sie recht: er hatte sie zu nehmen,
wie sie war, sie zu behandeln, zu versöhnen nach
ihrem Sinne. Und sie war schöner noch in ihrem
stolzen Schmerz, als er sie je gesehen in ihrer
sanften Ruhe.
Sie war von ihm zurückgetreten und hatte sich
auf eine der Bänke gesetzt. Er setzte sich neben sie.
Sie beachtete es nicht, sah nicht, daß auch er er-
schüttert war. Darauf kam es ja auch nicht an. Er
hatte einzustehen für sie Beide, für ihre Zukunft, für
die seine, und zu verhüten, daß die Marquise nicht
noch mehr erfuhr, als er ihr heute in seinem Unmuth
unklug verrathen hatte. Es galt, einen Fehler
soweit möglich auszugleichen, fortzukommen über den
Augenblick und Dolores zu beruhigen, wie es ihrer
Natur entsprach. Er mußte sich zusammennehmen;
das war ihm eben recht.
, Wundere Dich nicht, wenn ich geschwiegen,''
sagte er endlich. ,Es hat mich gelähmt, Dein Wort,
das nie hätte gesprochen werden -sollen von Dir zuu
mir, das zu verschmerzen ich Mühe haben werde.
Lewald. Die Familie Darner. I.

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Ich darf Dich nicht zu Grunde gehen, mich nicht be-
irren lassen durch solche unheilvolle Neberspannung.?
Sie hörte seine Worte, ohne sich zu ihm zu
wenden. Die Arme müde auf den Schooß gesenkt,
die Hände gefaltet, sah sie hinaus in die Ferne über
das Meer.
,Dolores, höre mich und sieh mich an!' gebot
er. ,Es ist hart gewesen, was zwischen uns zur
Sprache gekommen ist und es ist doch gut, daß es
geschehen. Es hat über uns und in uns gelegen
lange schon, schwer lastend wie die Luft vor einem
Erdbeben; und wie die Quellen versiegen vor einem
solchen, drohte die Liebe in uns zu versiegen. Die
Gefahr ist vorbei.?
Sie sah ihn an, als verstehe sie ihn nicht. Er
fühlte, daß er noch nicht den Ton getroffen, der ihr
eingänglich machen sollte, was er ihr zu sagen hatte.
Ein paar Minuten gingen darüber hin; sie fielen
Beiden schwer.
,,Wir müssen verständig werden; nicht Du allein,
ich auch, das ist's, was uns fehlt!'' hob er aufs
Neue an. ,Wenn ich bisweilen über Deine Schwär-
merei gescherzt, Dich der Neberspanntheit angeklagt,
so war es ernster damit gemeint, als ich es Dir
zeigte, weil ich Dich nicht tadeln, Dich nicht irre
machen wollte an den Menschen, an dem Leben.
Du solltest wie ein Kind hinwandeln unter Rosen=r
,, Ich habe sehen lernen, daß sie Dornen haben,
und habe sie gefühlt!' klagte Dolores seufzend.
,Du willst Klarheit und Wahrheit und erschrickst
vor ihr, und willst sie nicht nehmen, wie sie ist.
Indeß, ich wiederhole Dir's, ich habe mich anzuklagen,
nicht nur Dich. Der Zauber Deiner Kindlichkeit hat
mich schwach gegen Dich gemacht, Dein überspannter
Jdealismus hat auf mich zurückgewirkt. Wir müssen

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ablassen von dieser falschen Romantik. Wir sind nicht
Engel, nicht Gebilde dichterischer Phantasie, wir sind
Menschen wie die anderen, wir leben das Leben aller
Menschen in einer menschlichen Verbindung, in der
Ehe, und kein Mensch, keine menschliche Verbinduung
ist vollkommen, ist unwandelbar.?
Die Ruhe, mit welcher er zu ihr redete, gewann
Herrschaft über sie. So ernsthaft hatte er nie zu ihr
gesprochen; seine Bestimmtheit mahnte sie an ihren
Vater und dgß sie ihn gezwuungen, sie nicht mehr
als ein Kind, sie zu behandeln, wie es einer Fraun
gebüührte, hob sie in ihren eigenen Augen.
Er nahm ihre Hand, sie entzog sie ihm nicht mehr.
, Hast Du es je empfunden,'? fragte er, ,daß
meine Liebe, meine Leidenschaft für Dich erkaltet find?
Was hast Du gewünscht, das zu gewähren mich nicht
gefreut? Wenn es überspannt war, mein Verlangen,
Dir Ersaz sein zu wollen für Alles, wenn es selbstisch
war- ein Mangel an Liebe war es nicht. Und
Du vermochtest mir zu sagen: ,Sende mich zurück?
-- So leicht könntest Du von dem Manne scheiden,
dessen Weib Du bist, so gering achtest Du die Ehe,
die Treue, die Du mir gelobt für gute und für böse
Stunden??
, Um Gottes Willen, Polydor, nicht weiter! flehte
sie, ihr Gesicht vor ihm verhüllend in den Häinden.
, Sei unbesorgt, ich nehme Dich nicht beim
Worte. Allein, wie willst Du's machen, daß ich Dir
wieder glaube, daß ich nicht in jedem Augenblick
denke: ,Sie ginge lieber von mir forti.-- Und ich
kan Dich nicht lassen.?
, Vergieb, vergieb!? rief sie, sich zu ihm neigend.
,,Laß das, es hilft mir nicht. Es wäre lächer-
lich, auf offener Straße eine Scene! Also dahin ist
es gekommen zwischen uns !?
1h

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Er erhob sich, sie that desgleichen.
, Sollen wir nach Hause?' fragte sie.
Polydor besann sich.
,Nein, nicht nach Hause.? Er rief nach der
Gondel. ,Um die Punta herum und wieder hierher
zurück, aber schnell!'r befahl er.
Eine geraume Zeit ging damit hin. Sie sprachen
wenig mit einander und nur gleichgültige Worte.
,Bist Du ruhig geworden?? fragte er sie dar-
nach, deutsch redend, um nicht verstanden zu werden
von, seinen Leuten. Sie gab ihm die Hand, er küßte
sie ihr.
,,DDie Marquise und der Graf erwarten uns bei
Lafour; wir wollen dort unsern Kaffee trinken.
Fordere sie auf, mit uns gemeinsam nach Hause z
fahren, mit uns zu speisen, uns in das Thegter zu
begleiten. Wir sind im Augenblicke besser mit An-
deren als allein. Nimm Dich zusammen, sei liebens-
würdig. Mit gutem Willen wird es wieder gut.?
Dolores hatte zu gehorchen. An seinem Arm
trat sie in das Cafe ein. Der Graf, der neben der
Marquise unter dem weit ausgespannten Zeltdache saß,
kam ihnen entgegen. Das Cafe war voll. Offiziere,
voll' schöner Frauen, voller Leben und voll fröhlicher
Musik. Man rückte zusammen, der Graf bot neben
Dolores seine ganze Beredsamkeit auf, Dolores hielt
ihm nach besten Kräften Stand. DieMarquise plauderte
in gewohnter Weise, es kamen Dritte hinzu, die Zeit
rückte vorwärts. Als man sich zum Fortgehen an-
schickte, machte Dolores die gebotene Einladung, die
angenommen ward, und der Abend verging, wie
Polydor es vorgeschrieben. Er war mit sich zufrieden
und mit seiner Frau. Die Marquise ließ Beide
, nicht unbeachtet und war vorsichtig in ihren Worten.
Im Theater fielen den Fremden die beiden

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schönen Frauuen in derselben Loge auf. Einer der
neapolitanischen Marineoffiziere, der neben ihnen saß,
erkundigte sich nach ihnen. Der Befragte nannte
ihre Namen mit dem Zusatze, es sei eine feste, wohl-
geordnete gsrtis guurree. Die Marquise hatte es
vernommen; sie war zufrieden, daß Polydor es nicht
gehört, der sehr mit seiner Frau beschäftigt war.
Man machte noch einen Gang durch die Straßen
und über den Markusplatz, nachdem man das Theater
verlassen. Polydor führte die Marquise, Dolores
ging an des Grafen Arm.
, Sie haben Ihren Frieden gemacht mit Ihrer
Frau,'' sagte die Marquise.
Er hatte die Bemerkung vorauusgesehen.
,Ich habe die Erfahrung gemacht,'' gab er ihr
zur Antwort, ,daß ich sie als Charakter unterschätzt
und daß ich sie dadurch gehindert, sich zu entwickeln.
Ich habe den Altersunterschied zwischen mir und ihr,
zwischen Ihnen und ihr nicht genug in Betracht ge-
zogen. Wen man als Kind behandelt, der geräth in
Gefahr, ein Kind zu bleiben; und Dolores ist doch
zu einer reifen Frau geworden. Sie hat mich er-
freut und überrascht. ?
Es war das erste Mal, daß Polydor die Mar-
auise an ihr eigenes Alter mahnte; sie wußte, was
das zu bedeuten hatte, errieth was vorgegangen war,
und verstand sich darnach zu achten.
Man trennte sich bald darauf. Es war lange
nach Mitternacht, als das Ehepaar sein Haus erreichte.
Auf dem Wege durch die Galerie, die zu ihren
Zimmern führte, blieben sie stehen.
In voller Pracht schwebte der Mond in dem
lichten Gewölk über den Wassern. Selbst das Auge,
das an diese Schönheit gewöhnt war, ward davon
gefesselt. Die tiefste Stille herrschte ringsumher.

--- 1ß-
Man meinte den Hauch der Luuft vernehmen zu
können, die frisch und kühlend herangezogen kam.
, Ist's nicht, als wäre all die Herrlichkeit nur
für uns Beide da?' fragte Polydor und legte seinen
Arm um seine Frau.
, Ja, schöner habe ich Venedig nie gesehen,'' gab
sie, tief aufathmend, ihm zur Antwort.
,, Und Du wolltest von mir gehen!- sprach er
und hob ihr Antlitz empor, daß das helle Mondlicht
voll ihre Stirne umglänzte. Sie neigte es und barg
es an seiner Brust.
Vierzehntes Kuapitel
Die Nachrichten von der Niederlage Napoleons,
welche an dem Abend in Venedig als unbestimztes
Gerücht verbreitet waren, hatten sich bestätigt. Die
Schlacht bei Aspern war geschlagen, aber die Schlacht
von Wagram hatte die Scharte ausgewetzt. Ein
Waffenstillstand gab die zweite Niederwerfung Dester-
reichs kund. Die Aufstände, welche sich in verschiede-
nen Theilen Norddeutschlands gegen die Fremdherr-
schaft erhoben, waren ebenfalls verunglückt, ihre Führer
geflohen oder todt.
Wer in Preußen nicht in der Arbeit selbst seine
Befriedigung zu finden und sich mit Planen für
ferneres Schaffen an seinem Platze, über die Pein
der Ohnmacht fortzuhelfen vermochte, in welche die
Welt Napoleon gegenüber im Augenblick versunken
zu sein schien, richtete seine Augen wieder wie nach
dem Unglück der Jahre sechs und sieben auf das
Walten der göttlichen Weisheit, oder stürzte sich mit
seiner Lebenslust und Verzweiflung in den erschöpfenden