Die Familie Darner. Roman in 3 Banden.
Fanny Lewald
Kapitel 14

- 1--
Genuß des Tages. Kirchliche Frömmigkeit, fröumelnde
Prophezeiungen, Bekehrungen und ausschweifender
Leichtsinn gingen neben einander her, ohne jene Zahl
von festen Herzen zu beirren, welche an den endlichen
Sieg des Rechtes über die Gewalt, an die Wieder-
auferstehung der niedergeworfenen, geknechteten Völker
glaubten, wenn diese sich in sich selbst erhoben, jeder
Einzelne mit sich selbst beginnend.
=. Der königliche Hof war noch fortdauernd in
Königsberg, aber man sah ihn immer weniger. Der
Königin stand ein neues Wochenbett bevor. Man
sprach davon, daß ihre Gesundheit durch Leid und
Sorgen angegriffen sei.
Darner hatte seine Familie wieder nach Strand-
wiek hinausgeschickt, und als die Hihe des Juli
herangekommen war, hatte er der Fürstin Hedwig
den Vorschlag gemacht, es mit einem Aufenthalt am
Meere in seinem Hause zu versuchen. Sie war
allein. Der Fürst war nach Schlesien gegangen, z
sehen, ob an eine Rückkehr auf die Güter zuu denken
sei; und da die königliche Familie in den letzten
Jahren mehrfach die Gastfreundschaft ihrer büürger-
lichen Unterthanen angenommen, fand die Fürstin
um so weniger ein Bedenken, dem Beispiel derselben
zu folgen, als Darner und die Seinen eine Ehre
darin setzten, die ihnen zugeneigte Fürstin bei sich
zu empfangen, während es diese bei ihrer Sinnes-
weise reizte, es einmal mit dem Landleben mt einer
Kaufmannsfamilie zu versuchen.
Es bedurfte bei der Art, in welcher Darner zu
leben gewohnt war, nur geringer Vorkehrungen, um
der Fürstin ein angenehmes Unterkommen in Strand-
wiek zu bereiten; um so weniger, als sie an ihre Zu-
sage die ausdrückliche Bedingung geknüpft, daß man
um ihretwillen keine Aenderung in dem Haushalt

-- 1IL--
treffen solle; und Darner war der Mann, ihr darin
zu willfahren.
Er hatte sie und ihre Kammerfrau, denn andere
Bedienung hatte sie nicht mitnehmen wollen, in
seinem Wagen, mit seinen Pferden selbst hinaus-
gebracht. Virginie hatte das Regiment wie schon im
verwichenen Jahre in der Hand und die Fürstin,
welche es entbehrt hatte, in freier Luft zu leben,
seit sie aus Schlesien vertrieben, dem Hof nach
Preußen gefolgt war, versicherte, nie ein solches
Wohlgefühl empfunden zu haben als an dem ersten
Abende in Strandwiek, da die Seeluft sie voll und
frisch umwehte.
Darner war in die Stadt zurückgekehrt, nachdem
die Fürstin sich eingerichtet. Er und sein Sohn kamen,
wie sonst immer, nur für den Sonntag hinaus, wenn
der Vater sich nicht um der Fürstin wilken und um
selber das Meer zu genießen, einen längeren Aufent-
halt gestattete; und gerabe das Gleichmaß der Tage,
dessen sie hier genoß, erguickte die Fürstin.
Gewohnt, auf dem Lande zu leben, sich selber
zu beschäftigen und einen Theil ihrer Zeit ihrem
großen, weitverzweigten Briefwechsel zu widmen, blieb
ihr doch noch reichliche Muße zum Verkehr mit den
beiden Frauen, die sich in demselben wie in eine
neue Welt versetzt empfanden.
Sie hatten natürlich gemeint, ihrem Gaste das
Räderwerk des Haushaltsbetriebes so fern als möglich
halten zu müssen; sie sahen jedoch zu ihrem Erstaunen,
daß die Fürstin in demselben so gut und mit mehr
Erfahrung als Virginie und Justine Bescheid wußte.
Sie empfanden es aber mit gleicher Verwunderung,
wie leicht und beiläufig sie, nach ihren zufälligen
Aeußerungen, diese Dinge abzuthun gewohnt sein
mußte; wie wenig sie bei Gesprächen verweilte, welche

-- 15Z-
die beiden und die sämmtlichen Frauen ihrer Bekannt-
schaft, in aller Ausführlichkeit zum Gegenstande langer
Unterhaltungen machten; wie leicht sie kleine Ver-
drießlichkeiten nahm, wie geringen Werth sie auf ihr
Behagen und ihre Bequemlichkeit legte.
An einem Sonnabend, bald nachdem Darner,
und diesmal ohne den Sohn, den die erwartete An-
kunft eines russischen Fürsten in der Stadt zurück
gehalten hatte, nach Strandwiek hinausgekommen war,
hatte Virginie mit der Wirthschafterin, die sich eben
in der Milchkammer befand, eine Abrede zu treffen.
In der Thüre derselben sah sie die Fürstin stehen,
welche mit der Frau von der Milchwirthschaft sprach
und ihr dabei Rath gab, wie sie es mit der Milch
für Lorenz zu halten habe, über welche Juusine am
Morgen Klage geführt hatte.
, Aber, Durchlaucht!r rief Virginie, ,wissen Sie
denn Alles? Und um solche Kleinigkeiten kümmern
Sie sich auch?
, Kleinigkeiten?? wiederholte die Fürstin, ,die
Erhaltung und die Gesundheit eines Menschenwesens
sind keine Kleinigkeiten, weder für seine Mutter noch
für die Welt. ? -- Und da, wäihrend sie das aussprach,
Justine herankam, Lorenz im Gehbande behutsam
haltend, legte die Fürstin die Hand auf den stark
entwickelten Kopf des Knaben und sagte: ,Wer will
sagen, ob in solchem kleinen Schädel die Keime zu
Heil, zu Unheil liegen, ob Gott der Welt einen
Apostel, einen Befreier oder eine Geißel in solchem
Wesen sendet, für seine und für ferne Zeit. Ich bin
eine gute Protestantin, aber die Anbetung der katho-
lischen Kirche für die Mutter und das Kind, die füthle
ich ihr nach; und in das Menschliche übertragen ist
sie erst recht erhaben und geheimnißvoll, erst recht
ein Mysterium.'

-- PIP-
Die Fürstin hatte das gesprochen, während sie
in ruhigem Fortschreiten nebeneinander hergingen,
ihre Begleiterinnen hatten die Worte mit Verständniß
aufgefaßt. Virginie sagte:
,,Es ist so schön, Durchlaucht, wie Sie das
Kleinste immer auf das Größte bringen. Wenn man
nur wüßte, wie man dazu kommt.?
Die Fürstin lächelte.
,Ein Rezept kann man Ihnen allerdings dazu
nicht geben. Es ist vielleicht Sache der Gewohnheit,
nicht zu lange an sich und an dem Einzelnen haften
zu bleiben und dadurch den Blick für das Allgemeine
frei zu behalten.?
Es war verabredet, daß Darner, wenn er den
gewohnten Ritt durch das Gut gemacht, mit den
Frauen in dem Pavillon auf der Düne zusammen-
treffen sollte, unter dessen Dach man in den Stunden
des Sonnenuunterganges gern verweilte. Dorthin
lenkten die Frauen also ihren Schritt.
Die Wärterin mit dem Knaben wurde fortge-
schickt, die Fütrstin nahm wie die Anderen die Arbeit
zur Hand und Alle hielten sich an dieselbe, da man
im Herbste unter dem Vorgang der Königin, eine
große Lotterie zum Besten der städtischen Armen zu
veranstalten beabsichligte und so viel Gaben als
möglich dafür zusammenbringen wollte.
,,Sie werden es vielleicht sehr kleinlich von mir
finden, Durchlaucht,' begann Justine nach einer
Weile, ,aber mir geht es mit meinem Denken grade
entgegengesetzt wie Ihnen. Ich komme immer von
dem Allgemeinen gleich auf das Persönliche, auf mich
und das mir Nächste zurück. Ist das Selbstsucht?
, In gewissem Sinne allerdings, aber mehr noch
die Folge davon, daß die Frauen sich es als ein
Verdienst anrechnen, wenn sie sich in dem engen

- IJ--
Gedankenkreis ihres Hanses ganz und gar vermauern.
In Ihres Mannes und vollends in Ihres Schwieger-
vaters Nähe dürften Sie nur in den Fehler nicht
verfallen; denn namentlich der Letztere sieht die Dinge
stets im Großen an.?
Justine wurde roth. Die Fürstin, die es gut
mit ihr meinte und gut von ihr dachte, hatte ihr die
Wahrheit nicht vorenthalten mögen, fragte also, sie
zu begit.gen, sofort, was ihr denn bei jener allge-
meinen Bemerkung Persönliches in den Sinn ge-
kommen sei.
,, Ach! ich dachte, mit einem Kinde würde auch
Dolores glücklicher sein; und in allen ihren Briefen
suche ich immer nur nach der Nachricht, daß sie
Hoffnung darauf hätte. ?
Es lag nichts Auffallendes in der Bemerkung
fütr die Fürstin. Weil weder Justine noch Virginie
je zuuvor einer Frau von ihrer Bedeutung begegnet
waren, hatte sie, ohne es zu suchen, bald eine große
Herrschaft und einen bestimmten Einfluß auf Beide
gewonnen; und eben weil sie nicht gewohnt waren,
viel von sich und ihren Angelegenheiten abzusehen,
hatte sie von ihnen über ihre und der ganzen Familie
Verhältnisse bald in aller Aueführlichkeit erfahren,
was ihr nach den früheren Mittheilungen von Eber-
hard nicht bekannt gewesen war.
, Man hat es immer zu beklagen,? hob die
Fürstin an, nachdem sie sorgfältig die Maschen ihrer
Arbeit abgezählt und die beiden zusammengehörenden
-geile bemessen, ,man hat es immer zu beklagen,
cFg
wenn ein paar in Liebe zu einander passende Menschen
nicht verbunden werden können; aber seit ich in das
Leben der bürgerlichen Frauen tiefer hineingesehen,
habe ich es doch bestätigt gefunden, daß sie Alle
mit viel mehr Ansprüchen an Glück, an Liebesglück

-- 15--
erzogen werden als wir anderen, und namentlich
als die Frauen auf und an den Thronen. Das
Gluck deckt nicht für jedes Mädchen so gefällig den
Tisch wie für Sie, Madame Justine.?
Justine meinte, ohne Hindernisse und ohne
Kampf wären sie und ihr Mann doch auch nicht an
ihr Ziel gelangt.
,,Grade so viel davon,' meinte die Fürstin, ,um
das Liebesmahl damit noch köstlicher zu würzen. ----
Was wissen Sie in der behaglichen Ebene, in welcher
es Gott gefallen, Ihnen Ihren Plaz zu bestimmen,
Großes von dem Los der Frauen? Wer hat die
Königstochter von Württemberg gefcagt, ob sie den
geschiedenen Schiffslieutenant Hieronymus Bonaparte
liebte? Wie man die Fürstentöchter früher dem
Kloster überwies, wenn man sich ihrer entledigen
wollte, so überweist man sie jeht, gern oder ungern,
den jeweiligen politischen Zwecken, zu Nutzen des
Hauses und des Landes. Sie haben nicht zu. wählen,
sondern sich zu ergeben, und Mütter zu werden von
Kindern, deren Väter sie nicht lieben. Das ist kein
kleiner Zwiespalt für ein reines Herz; wünschen Sie
ihn für Dolores nicht!'?
,Schrecklich,'? stieß Justine hervor, ,daran habes
ich nie gedacht!'? - Die Arbeit ruhte in ihrer Hand,
die Fürstin wiegte bedeutungsvoll das Haupt, häkelte
aber ruhig fort.
,, Und Sie, Durchlaucht, haben Sie aus Liebe
geheirathet?? fragte Virginie plötzlich, die tadelnde
Miene der Schwägerin nicht achtend.
, Nein, aber ich that den Schritt nicht ungern!''
antwortete die Fürstin, ohne die Frage als eine un-
berechtigte zurückzuweisen.
Es war nicht das erste Mal, daß ihre jungen
Gefährtinnen die Fürstin um irgend etwas aus ihrem

-- 1H? --
Leben befragten, und da sie sich für eine Weile zur
Gemeinsamkeit mit ihnen entschlossen, hatte sie ihnen
gelegentlich auch aus freiem Antrieb Dies und Jenes
aus ihrer Vergangenheit erzählt, um ihnen nicht als
eine Fremde gegenüber zu stehen und Zutrauen zu
beweisen, wo es ihr entgegen gekommen war.
Doch als sie die Worte eben erst gesprochen
hatte, kam Darner, der unten vom Pferde gestiegen
war, die Düne herauf, und gesellte sich zu ihnen.
Man begrüßte einander, und bemerkend, daß die
Fürstin mitksn in ihrem Sprechen inne gehalten,
fragte er,. wovon die Rede gewesen sei.
= ,Von einer Vernunftheirath,? sagte die Fürstin.
,Die gut ausgefallen ist, wie ich vermuthe,''
meinte Darner.
, Würde man sonst der Jugend davon sprechen??
scherzte die Fürstin.
, Ach,' rief Virginie, ,wenn Sie doch diesmal
ein wenig langsamer geritten, oder länger auf dem
Felde geblieben wären, Vater! Die Frau Fürstin
war eben dabei, uns von ihrer Heirath zu erzählen.?
,Soll ich dieser Mittheilung nicht gewürdigt
werden, so will ich mich, wenn auch ungern, Euuch
zum Opfer bringen,? bedeutete er.
, Bleiben Sie, bleiben Sie in Gottes Namen!
Ihre junge Welt hat heute von mir so viel Wahr-
heit und Vernunft zu hören bekommen, daß Sie Ihre
Freude daran haben würden; und was ich noch zu
erzählen habe, ist eigentlieh nur der Beleg für das,
was ich vorher gesagt habe, die Probe auf das
Exempel; denn etwas Einfacheres als meine ganze
Lebensgeschichte kann es gar nicht geben.
,, Wir waren acht Kinder in meinem Vaterhause,
sieben Schwestern und ein Bruder. Das Stammgut
war nicht groß, der Name um so größer. Wir hatten,

---- 158 --
um dem äußeren Anstand zu genügen, uns im häus-
lichen Leben immer sehr beschränken müssen, und als
unser Vater seine Augen schloß, ging natürlich das
Gut, das auch ein Majorat war, auf meinen Bruder
über. Der wollte und sollte heirathen, des Namens
wegen. Die Mutter durfte ihm nicht zur Last fallen
mit der Schaar von Schwestern, von denen ein Paar
zum Glück wenigstens das Familienerbe der Schön-
heit besaßen.
, Unsere Aelteste, die wirklich wie eine Jeno
aussah, fand an einem Grafen Vranitzki, dem Vater
von Joseph Vranizki, der jetzt in Venedig lebt, einen
würdigen Mann. Die Zweite versorgte die Gnade
des Königs in einem der Fräuleinstifte; sie ist jetzt
Aebtissin desselben. Wir fünf Anderen hatten mit
unserer guten Mutter in Königsberg zu leben wie
wir konnten, und zu warten, was werden würde=-
warten!
,, Ich habe es Ihnen an dem ersten Abende, an
dem Sie bei mir waren,'' fuhr sie, sich an Darner
richtend, fort, ,freimüthig eingestanden, daß das
Warten nie meine starke Seite gewesen ist, daß ich
jeden Mann beneidet, der aus sich selber etwas machen
und werden konnte. Achtzehn Jahre lang hatte man
mich wie ein Kind behandelt, sieben Jahre des
Wartens hatten mich für mein Gefühl zum alten
Fräulein gemacht; und nun sollte ich warten und
warten bis an mein Lebensende- aber worauf? Ich
hatte und besaß nichts als mich selbst; wir Alle hatten
nichts zu thun im Hause, und was konnte ein armes
gräfliches Fräulein denn auch thun, als Hofdame
oder Stiftsdame werden, oder verkümmern, wenn
kein Mann es haben wollte?
,Da kam vor fünfundzwanzig Jahren am Jo-
hannistage unser Onkel, Fürst Peter, von einer Reise

--- 1I--
aus Rußland heimkehrend, durch Königsberg und
auch in unser Haus. Er hatte die älteste Schwester
meines Vaters zur Frau gehabt, war Wittwer seit
zehn Jahren und kinderlos. Am nächsten Tage kam
er wieder, am folgenden ebenso. Er sah, wie es bei
uns stand; und als er mich am vierten Tage nac
seiner Ankunft einmal durch einen seltenen Zufall
allein in Wohnzimmer traf, denn wir waren mit
meiner Mutter sechs Gräfinnen in der kleinen
Wohnng, fragte er mich plötzlich: ,Was thun und
treiben Sie denn eigzztlich, mein Kind ?-- Nichts!
wir haben ja Alle tichts zu thun.--- ,as muß
traurig sein,' bemerkte er.-- Im höchsten Grade,:
versicherte ich. -- Er schwieg einen Augenblick, sah
mich an, wollte wissen, wie alt ich sei, ich gab ehr-
liche Antwort. Könnten Sie sich entschließen, mit
mir zu gehen? fragte er darnach. Ich sagte: WVon
Herzen gern!? Denn der Onkel war ein Fürst, ein
reicher Standesherr, wir hatten von ihm immer nur
das Beste gehört. Es war der Stolz der Familie,
ihn zu den Ihren zählen zu dürfen. Ich meinte, er
begehre mich in seinem Hause zu repräsentiren, und
war höchlich erfreut über diese Aussicht. Er mochte
an meiner schnellen Entschlossenheit erkennen, wie ich
seinen Vorschlag angesehen hatte, und setzte deshalb
hinzu: ,Mißverstehen Sie mich nicht; ich möchte,
Sie würden meine Frau. Ich glaubte, er scherze,
und darum verletzte es mich. Ich fand mich zu guut
und zu alt zu solchem Scherze.
r,
,Der Fürst war sechzig Jahre, das wußte ich;
er war eine hohe Gestalt, man sah ihm den Fürsten
und den Addel der Gesinnung an. Gereizten und be-
küümmerten Gemüthes, wie ich war, entgegnete ich
ihm: ,Wenn Sie mich kennten, Durchlaucht, würden
Sie mich nicht mit solchem Scherze kränken; unsere

-- 1G--
Armuth ist nicht meine Schuld. Finden Sie einen
Platz für mich in Ihrem Hause oder wo es sei, in
Nord oder Süd, an dem ich nützen und mir helfen
kann; und Sie sollen sehen, ob ich gehe.
,,Das Gefühl der Demüthigung hatte mir, ohne
daß ich's hindern konnte, die Thränen in die Augen
gebracht.- ,Weinen Sie nicht, Hedwig,' sagte der
Fürst, ,aber seien Sie ehrlich, denn ich meine es
ehrlich, und mit Ehrlichkeit ist fütr uns Beide, wie
ich hoffe, Heil zu finden. Sie sehen, ich bin kein
junger Freier; Sie wissen, ich wohne tief im Lande
und ich liebe es, fern vom Geräusch der Welt zu
leben. Wie bald und in welcher Weise das Alter
mit seinen Beschwerden mir nahen wird, wer will.
das sagen? Wir haben gut mit einander gelebt,
Ihre Tante und ich, und ich weiß Neigung und. Ver-
trauen zu schätzen, zu erwidern. Sie habenf=- jetzt
kann ich's schon sagen,'' unterbrach die Fürstin sich
selbst, --- ,.Sie haben ein schönes, offenes Gesicht,
Sie sind gewiß eine wahrhafte Natur. Wollen Sie
es mit mir wagen, wollen Sie meine Frau werden
und mit mir gehen, Hedwig?
,, Und Sie sind gegangen! sagte Darner, und
seine Augen begegneten mit froher Zustimmung den
ihren.
,Ea, mein Freund! und ich hätte es zu segnen
gehabt, auch wenn der Himmel mir den Sohn nicht
geschenkt, der jetzt mein Stolz und meine Freude ist.
Siehgzehn Jahre sind mir an meines Mannes Seite
in me getrübtem Frieden und in schönem Verständniß
vergangen. Wir haben viel Gutes gemeinsam ge-
fördert auf den Gütern. Ich war zweiundvierzig
Jahre, als er schied, und habe fortgearbeitet in seiner
Weise, und unsern Sohn in seinem Sinne geführt
bis jett, da er volljährig geworden.-- Was man

-- 16--
Liebe nennt im Sinne der Romantik, das habe ich
allerdings nicht gekannt, aber auch nicht entbehrt;
denn es ist ja nicht Jeder, wie die Franzosen es
nennen, von dem Holze, aus dem man die großen
Leidenschaften macht; aber ich war vollständig be-
friedigt durch die Zufriedenheit und das Glück meines
Mannes. Ich habe ihn verehrt und geliebt. Ich
hatte einen bestimmten Zweck, eine Aufgabe im Leben,
die ich in freiem Willen übernommen- und das
ist Glück, das war Gg,k für mich.
, Ja,' rief Virgime, ,das ist's, das meine ich
auch, einen bestimmten, frei übernommenen Beruf,
und an dem halten.?
Die Füürstin, der Vater und Justine sahen sich
an und der Vater sagte:
,Die Frau Fürstin wird sich, wie ich vermuthe,
durch Deine lebhafte Zuslimmung sehr geschmeichelt
fühlen.?
Virginie erschrak, stand auf und kütßte die Hand
der Fürstin, die ihr freundlich die heißerglühte Wange
streichelte.
, Tadeln Sie sie nicht, Herr Darner! was so
ehrlich vom Herzen kommt, thut immer wohl. Aber
welchen Beruf, meine Liebe, haben Sie sich erwäählt,
wenn man Sie fragen darf??
,Füür meinen Vater zu leben!' erklrrte sie.
,Bis ich anders über Dich verfüge!'' Pedeutete
sie dieser, und überdeckte damit die gleichzeitig ge-
sprochenen Worte der Fürstin:
,Das lobe ich, denn die Eltern haben nicht nur
Pflichten gegen ihre Kinder, sie haben auch For-
derungen an dieselben; und für einen Vater wie
den Ihren zu leben, das ist eine schöne Aufgabe und
eine Pflicht. ?
Leoald. Die Famnilie Darner. Ül.
1

=- 16N =
,Wenn und so lange er es begehrt,'? schaltete
Darner ein, ,denn die erste Kindespflicht ist der Ge-
horsam, wie er der sicherste Beweis der Liebe ist, ?
Die Fürstin mochte es, da Darner die Sache
ernsthaft nahm, zu keiner Erörterung kommen lassen,
aber ihre Anwesenheit gab Virginien Muth.
,Ich bin ja auch gehorsam, lieber Vater,'' sagte
sie. ,Sie haben mich hier, als wir zum ersten Male
draußen waren, zu Ihrer Hausfrau ernannt, und
als wir dann von Venedig zurückgekommen sind,
und Sie Franks und unsern Haushalt gesondert
haben, haben Sie mich in meinem Amt bestätigt
und =-
Des Vaters fest auf sie gerichtetes Auge fing
an, sie unsicher zu machen; die Fürstin kam ihr zu
Hilfe.
,, Und da haben Sie sich gelobt, es treu zu ver-
walten, und das thun Sie. Man kann sich keine
bessere Hausfrau wünschen.?
Das Lob der Fürstin, Justinens Erstaunen über
ihren Muth dem Vater gegenüber, und jener Drang
sich durchzusetzen, der ihr im Blute lag, kamen zu-
sammen, sie vorwärts zu treiben, während die Er-
innerung sie hob, daß sie sich in Gedanken an ihre
Mutter opferfreudig gegen den Vater, und im Ge-
horsam gegen dessen Ansichten ehrenhaft gegen den
Hauptmann betragen hatte.
Da man in den Kreisen ihres nächsten Umgangs
über sie als über eine Ausnahme von der Allgemein-
heit der Mädchen zu scherzen und zu spötteln liebte,
wollte sie beweisen, wie sie das nicht anfocht, wie es
ihr vielmehr gefiel, nicht zu sein wie alle Anderen,
nicht ihr ganzes Heil und Hoffen auf das Heirathen
zu seten; und die stark ausgeprägte Selbstständigkeit
der Fürstin, der ersten Frau von Bedeutung, die ihr

-- 1ßZ--
vorgekommen war, stellte ihr ein Jdeal vor die Seele.
Eine innere Stimme, der sie nicht zu widerstehen ver-
mochte, sagte ihr: ,ketzt oder niemals- also jetzt.
, Ich bin sehr glücklich, Durchlaucht!' sprach sie
fest und mit leuchtenden Augen, ,wenn es mir ge-
lingt, Sie in unseres Vaters Haus nicht allzu viel
vermissen zu lassen, und es ist sehr gnädig von Ihnen,
wenn Sie meinen guten Willen anerkennen; aber das
ist es nicht. ?
Sie wurde Allen däHselhaft mit dem Aufwand
ihrer Kraft; und der Väer, welchem der Vorgang
in Gegenwart des fürstlichen Gastes in jedem Sinne
nißfse;1a
, Genug, Virginie, kurz und gut, was soll das
Alles und was willst Du?
,, Sie dafür entschädigen, daß unsere Mutter Sie
verlassen, daß Sie um unsretwillen mit uns allein
geblieben sind.?
,, Virginie, was fällt Dir ein? rief Darner,
höchlich betroffen und seinem Ohr nicht trauend.
, Nichts, Vater, nichts, was ich nicht längst ge-
dacht.-- Als Dolores gar nicht lassen wollte von
ihrer Liebe und nichts hören wollte von der Heirath,
da habe ich's ihr gesagt und mir geschworen, daß
wir Beide Ihnen Ersatz sein müüßten für unsere
Mutter. Da hat Dolores sich gefügt; und als Sie
Vater, mich dann geheißen, ich sollte Ihre Haus-
frau sein, da habe ich in meinem Herzen mir und
Ihnen Treue geschworen bis ans Ende-- und Sie
werden mich nicht. von sich geben!?
Sie warf sich, denn sie hatte ihr Aeußerstes ge-
wagt, dem Vater an die Brust, er zog sie fest an sich.
, Keine Nebertreibung ! stieß er hervor, aber er
küßte sie auf die Stirne, drückte ihr die Hand und
1

-- P6F--
sagte danach, sich wehrend gegen seine Rührung:
,Lassen Sie uns aufbrechen, durchlauchtige Frau!
und verzeihen Sie das Rührspiel, das meine Tochter
Ihnen hier unerwartgt aufgeführt. Kommen Sie, Frau
Fürstin, wenn's gefällt.?
Er bot ihr den Arm, sie verließen den Pavillon.
,,Man hat Sie zu beneiden um das Kind l?
sagte die Füürstin, als sie fern genug waren, von
den Zurückgebliebenen nicht gehört zu werden. ,Welche
Liebe, welche Selbstständigkeit von einem Mädchen
ihres Alters!?
Darner, mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt,
ging auf das Lob nicht ein.
,Wäre sie ein Mann, so wollte ich mich ihres
Eigenwillens freuen, jetzt aber =-?
,Brechen Sie ihn nicht!'' mahnte warnend die
Fürstin. ,Wissen Sie-- und wer kann's wissen
als der, der sie geschaffen-- was er mit ihr vor-
hat? Wissen Sie, ob nicht einmal die Stunde kommt,
in welcher Sie es segnen, daß dieses Mädchens Herz
sich Ihnen ganz geweiht hat??
,,Verzeihen Sie mir, wenn ich Ihnen in dieses
Gebiet nicht zu folgen vermag. Meine Kinder sind -
zunächst meine Geschöpfe = ?
,,So gönnen Sie ihnen auch das, was unser
Aller Schöpfer uns Allen zugesteht, den Gebrauch der
Vernunft und des freien Willene.?
,,Innerhalb des von ihrem Schöpfer ihnen vor-
bestimmten Weges,' setzte Darner hinzu.
Rede und Gegenrede waren einander schnell ge-
folgt. Obschon die Fürstin seine Weltanschauung
kannte, betrachlete sie die Aeußerung derselben in
diesem Falle wie einen Spott, und zugleich wie eine
Abwehr gegen ihre Theilnahme für Virginie. Darner
hatte das gefürchtet und es doch nicht lassen können,


-=- 6J-
sich auch gegen diese von ihm so hochgehaltene Frau
in seiner Weise zu behaupten.
,Zum Vorschein kommt es doch einmal!'' klang
es in der Füürstin; jedoch der geringschätzende Gedanke
war in ihr kaum aufgestiegen, als sie ihn sich selber
vergessen zu machen wünschte, denn sie war damit
von sich und ihrer Menschenschätzung, wie von der
Schätzung dieses Mannes abgefallen. Darner aber
fühlte sich ihr gegenüber nsch schuldiger. Er war ihr
und dem Gastrechte und dhmit sich selbst zu nahe
getreten. Es war der erste Mißklang zwischen ihnen.
Allein der Fürstin edler Sinn und ihre weltgewandte
weiblicheLechtigkeit hatten sich zurechtgefunden, während
Darner noch nach dem Worte der Ausgleichung suchte;
und den Faden der Unterhaltung schnell wieder auf-
nehmend, um keine Pause eintreten und die Störung
nicht fühlbar werden zu lassen, knüpfte sie an seinen
Ausspruch mit der Bemerkung an:
, Der Schöpfer, der uns den Weg vorzeichnet,
ist allwissend und allweise; sind Sie das?-- Und
daß ich es ehrlich sage, ich glaube, in dieser Sache
sehe ich tiefer und klarer als Sie, denn ich sehe mit
einem Frauenauge in ein Frauenherz.?
Die Feinheit, mit welcher sie es ihm ersparte,
sich zu entschuldigen, entzückte ihn. Das Jerz ging
ihm davor auf.
, Sie wissen es, Duurchlaucht,'' sagte er, ,ich bin
ein einsamer Mann, durch lange Jahre einen ein-
samen Weg gegangen. Der sänftigende und erleuch-
tende Blick einer Frau wie Sie ist nie bisher in
mein Leben gefallen. Mit Allem, was ich für sie
gethan, habe ich meinen Töchtern die wachsame,
weiche Liebe des Mutterherzens nicht ersetzen können.
Lassen Sie Virginien meine Herbheit, meine Härte
nicht entgelten.?

-- 18---
, Ich bitte Sie, kein weiteres Wort davon! Macht
man's der Eiche, die jedem Sturm gestanden, zun
Vorwurf, daß ihre Rinde nicht wie die der Platane
glatt und farbig ist, daß ihre Aeste sich nicht wie die
der Birke beugen?
,So sagen Sie mir, Durchlaucht! was denken
Sie von Virginie, was glauben Sie von ihr?
, Ich glaube, daß sie bei dem Anschein der Ruhe
einen fanatischen Zug in sich trägt und daß es ihr
ernst ist mit ihrem Gelöbniß. Wie ich jedoch das
Frauenherz kenne, ist sie über sich hinausgehoben
durch ein Opfer, das sie bereits gebracht hat. Hat
sie vielleicht eine Liebe gehegt und überwunden?
,Daran hab' ich nicht gedacht,'' entgegnete ihr
Darner, ,möglich wäre es.?-- Sie schwiegen Beide
eine kleine Weile, bis Darner sagte: ,Ich will sie
darum befragen.?
, Ohne Strenge,'' bat die Fürstin.
,, Ich werde denken, Sie wären neben mir,
durchlauchte Frau, und gestatten Sie mir, Ihnen zu
berichten, was ich erfahre. Ich habe nie einen Ver-
trauten gehabt, nie Rath gefordert-- ich war mir
immer selbst genug-'
, Und viel für Andere!'r lobte ihn die Fürstin.
,Nur nicht unfehlbar,'' sagte er, und das Wort
entrang sich seinem stolzen Herzen schwer.
,Wer könnte es sich auch wünschen, allwissend,
unfehlbar zu sein, wenn er nicht wie Gott einsam
in sich selbst beruhend, zugleich allmächtig ist. Lassen
Sie es sich gefallen wie wir Alle, ein irrender Mensch
unter irrenden Menschen zu sein. Es ist oft schwer
genug und doch das Leichtere.?
Sie hatte das Letzte scherzend sagen wollen, es
mißlang ihr. In ernstem Schweigen erreichten sie
das Haus.

-- 1?
Bevor sie in dasselbe eintraten, blickten sie noch
einmal zurück nach dem Weg, den sie gekommen,
und auf welchem Justine und Virginie, nachdem sie
im Pavillon die Arbeiten zusammengeräumt, ihnen
in geringer Entfernung gefolgt waren.
Der Anblick, der sich ihnen darbot, hielt sie fest.
Es war später geworden, als sie geglaubt. Die
Sonne war schon zur Hälfte in das Meer versunken,
dessen dunkelblaue Wogen in ihrem flammenden
Scheine leuchteten; der gssze Himmel funkelte in
goldenem Licht, das hoch im Zenith in rosigem
Schimmer verfloß, so daß selbst die weißen, in
raschem Fage dahinschießenden Möven in Farben-
schöne erglänzten, während die Luft frisch und frischer
zuu wehen begann.
, Welch eine Herrlichkeit ist das, und wie danke
ich sie Ihnen; diese Schönheit, diesen Abend vergesse
ich nicht!'
, Auch ich nicht, Duurchlaucht. ?
, Ich hoffe, er hat uns zu rechten Freunden ge-
macht!'' sagte sie.
,, Füür immer!'' bekrääftigte er.
Jünfzehntes Fap---
eif,-l'
, Bleibe!' sagte Darner zu seiner Tochter, als
am Abende die Fürstin sich nach ihren Zimmern
zurüückhog und auch Justine sie verlassen hatte.
Sie konnte nicht zweifeln, worauf es abgesehen
war. Es hatte schon auf dem Wege vom Pavillon
nach Hause zwischen ihr und Justinen Erörterungen
darüber gegeben, wie der Vater Virginiens unnöthig
herbeigeführte Erklärung aufnehmen und ob sie ihm