Die Familie Darner. Roman in 3 Banden.
Fanny Lewald
Kapitel 15

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nicht grade den Anlaß geben würde, an die Ver-
heirathung auch dieser Tochter schneller zu denken,
als es sonst vielleicht unter den gegenwärtigen Um-
ständen der Fall gewesen sein würde. Virginie hatte
sich auf die Zustimmung der Fürstin gestütt, Justine
eingewendet, daß die schlichte Erzählung der Fürstin
über die Art, in welcher sie sich verheirathet, dem
Vater Virginien gegenüber einen Beweis dafür liefern
würde, wie auch eine Vernuunftheirath zu großer Be-
friedigung werden könne. Virginie hatte sich durch
das Alles nicht einschüchtern lassen.
,Ich bin nicht Dolores! hatte sie gesagt.,Der
Vater hat nicht nöthig, mich vor krankhaftem Hin-
siechen zu bewahren wie unsere arme Turteltaube,
und bin keine arme Gräfin, die nicht weiß, was sie
mit sich machen soll. Ich bin gesund und zufrieden
und habe meinen Beruf-r
, Und Du hast keinen Wunsch, keine unbefriedigte
Sehnsucht? hatte Justine eindringlich gefragt.
, Hältst Du mich darum für geringer als Euch??
hatte Virginie entgegnet. ,Vielleicht bin ich, wie die
Fürstin heut' es nannte, nicht von dem Holz der
großen Leidenschaften. Dolores hat das doppelte
Theil davon bekommen.?
Justine hatte weiter nicht in sie gedrungen.
Jetzt, da der Vater ihr zu bleiben befahl, flüsterte
Justine ihr im Fortgehen schwesterlich zu, daß sie sie
noch erwarten wolle. Virginie lehnte es ab und
fragte, als jene die Thüre hinter sich zugezogen, den
Vater, das Klopfen ihres Herzens nicht beachtend,
was er zu befehlen habe.
,Ich habe Dir nichts zu befehlen, denn Du bist
aufmerksam auf das Nothwendige und thust Deine
Schuldigkeit; darum will ich mit Dir wie mit einem
verständigen Menschen sprechen. Setze Dich zu mir.

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, Du hast Dir das Wohlwollen der Fürstin er-
worben, und das freut mich, denn sie ist ebenso
großdenkend als einfach, ebenso fein empfindend als
umsichtig und tüchtig; sie hat meine Meinung von
den Frauen erhöht, und das soll. Dir zu Gute kommen.
Ohne ihr Fürwort würde ich Dein heutiges Heraus-
treten als eine Unschicklichkeit getadelt haben, denn
man hat kein Recht, sich und seine persönlichen An-
gelegenheiten Fremden nach Belieben aufzudrängen;
und ich würde es Dir verwehrt t,,ben, an meine
Erlebnisse mit Eurer Mutter zu rüühren, oder mir
gegenüber von Lebensplanen, von Eiden zu sprechen,
die ich Dio nicht vorgezeichnet habe. ?
,, Verzeihen Sie mir, Vater! Sie haben mich
zu Ihrer Hausfrau ernannt, und ich war glüücklich,
als Sie das thaten, denn das war Alles, was ich
wünschte.?
,. Und damals hast Du Dir das thörichte Gelöb-
niß der Ehelosigkeit gethan, ohne daran zu denken,
ob ich's billige??
,, Nein, schon vorher, Vater. ?
Er fragte, wie sie darauf verfallen sei.
, Ich habe es heute ja vor Ihnen und der
Fürstin ausgesprochen,? antwortete sie, und fügte dann
noch hinzu, wie sie durch Madame Göttling zu dem
Gedanken gekommen, und wie er seitdem ihr imn er
mehr ins Herz gewachsen sei.
,,Du sprichst davon, Dein Glück neben mir zu
finden, mich nicht verlassen zu wollen. Weißt Du
Niemand, um dessen willen Du es thätest, mit dem
Du glücklicher werden könntest als in dem Hause
Deines Vaters??
Sie schlug den Blick zu Boden.
, Sei wahrhaft, Virginie, denn die Frage ist ernst-
haft. Wenn heute der Hauptmann hinträte vor Dich!'-

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,Er hat's gethan einmal, aber ich wußte, daß
Sie mich ihm nicht geben würden. Das habe ich ihm
gesagt, und daß ich's ihm gesagt, das hat ihm Zu-
trauen zu mir gegeben, und ich habe es zu ihm.?
,Fahre fort,'' gebot der Vater, da sie schwieg.
,,Das ist Alles zwischen ihm und mir.?
,, Und Dein Gelöbniß?-- Sprich es ganz aus,
wie bist Du dazu gekommen?'
,Ich hatte, seit die Göttling das gesagt, es
immer schon im Herzen getragen, Vater, immer!
Dann hat Frank einmal mit dem Hauptmann und
mit Eberhard zu Ihnen davon gesprochen, daß ein
Sohn die Ehrenschuld seines Vaters mit großen
Opfern getilgt, und Sie haben das eine Pflicht ge-
nannt, die zu erfüllen sich von selbst verstehe. Das
habe ich empfunden, denn so ist's mit uns, mit
Dolores und mit mir. Wir haben unserer Mutter
Ehrenschuld zu tilgen. Sie hat sich hingegeben an
ihren Gott, der ihrer nicht bedarf, denn er ist un-
sterblich und wird nie altern; und sie hat Sie ver-
lassen, der ja nicht ewig jung bleiben wird-- und
darum muß ich bei Ihnen bleiben. Fragen Sie die
Fürstin, die wird sagen, daß ich muß!-- Unsere
Mutter hatte ihren Glauben, ich den meinen; und
der Glaube-- und Sie, lieber Vater-- sind mein
Halt, mein Stolz! - Ach,?-- sie war immer leb-
hafter geworden, hatte immer schneller gesprochen,
bis sie mit dem Ausruf endete: ,Sagen kann ich
es ja doch nicht, aber es ist so, und-- ich gehör' zu
Ihnen -- fragen Sie die Fürstin!-
Er ließ sie zur Ruhe kommen und er hatte auch
Neberlegung nöthig. Ihre Liebe, die Kraft ihrer
Natur erfreuten sein Vaterherz, und der Rath der
Fürstin, diese Natur nicht zu brechen, ihr Zeit zu der
ihr angemessenen Entwicklung zu gewähren, be-

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gegnete nach dieser Unterredung auch seiner eigenen
Ansicht.
Plötzlich, noch ehe er ihr geantwortet, stand sie
mitten in ihrer Erregung auf, ein Licht von dem
Tisch am Fenster fortzutragen, weil der soeben auf-
gestiegene Nachtwind die leichten Vorhänge gegen das-
selbe herantrieb.
Der kleine Zug entging ihm nicht und bestätigte
ihn in seiner Meinuung. Als sie zu ihm zurückkam,
reichte er ihr die Hand.
,.Deine Liebe für mich ist mir eine Freude und
ein Lohn,' sagte er, ,und ich will-Dir vertrauen.
Du sollst,einen Willei haben unn M zur bleiben;
aber Dein Gelöbniß lasse ich nicht gelten, denn der
Sinn des Menschen, auch des festesten, wandelt sich
im Leben durch das Leben. Wer weiß, ob Eure
Mutter es nicht bereut, gegen das Recht und gegen
die Natur gehandelt zu haben. Du sollst, ich wieder-
hole es Dir, für mich leben und ich will mich Deiner
freuen; und Du sollst mir's sagen, wenn es Dir
nicht mehr genügt, allein für Deinen Vater zu leben,
wenn Deine Liebe Dich zu einem andern Manne
zieht und es Dich verlangt, seine Gattin, Mutter
seiner Kinder zu werden. Ich vertraue auf Deine
Vernunft; Du sollst Deines Glückes Schmied sein!'
,Und Ihre Hausfrau, geliebter Vater, Ihre --
Madame Virginie!'' rief sie lachend, um in ihrem
Lachen ihre Rührung zu verbergen. , Und ich komme
überall mit, auch auf Reisen nehmen Sie mich mit.
, Keine Versprechungen!'' warnte der Vater, ihr
das Gelock von der Stirne streichend, das sich aus
dem Stirnbande gelöst.
,Darf ich es der Fürstin sagen?'
,Du hast ihr zu danken, denn sie hat Dir das
Wort bei mir geredet. Mache ihrem Vertrauen Ehre

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und dem meinen. Es ist ein Großes, was ich Dir
zugestanden.?
, Ich weiß es, Vater,'' sagte sie, und obschon sie
es vorhin abgelehnt, eilte sie, nachdem der Vater sich
entfernt, noch zu Justine, ihr Herz vor der Treuen-
auszuschütten, ihr, wie sie es jubelnd nannte, zu ver-
künden, daß sie Besity genommen von sich selbst, und
was vorgegangen war zwischen ihr und zwischen
ihrem Vater.
Trotz dieses langen Aussprechens konnte sie den
Schlaf nicht finden. Die Rede, welche der Vater an
seinem Tisch gehalten an dem Tage, an dem er die
Aufhebung der Leibeigenschaft gefeiert, fiel ihr immer
wieder ein. Sie war jetzt eine Freigelassene. Wie
der freie Mann unter seinem König und unter dem
Gesetz einzustehen hat für sich und für sein Thun,
so hatte sie jetzt für sich in neuer Weise einzustehen
vor ihrem Vater, und sie fühlte sich ihrer sehr ge-
wiß. Hätte sie das Alles nuur gleich auch dem Bruder
sagen können und Dolores und dem Hauptmtann -
und auch der Göttling, die es immer noch nicht ver-
gessen konnte, wie weltfremd sie aus der Pension in
ihren Schutz gekommen war. Sie hatte der Treuen
viel zu danken; aber der Fürstin, der Füürstin
Alles.
Es war eingeführt, daß sie sich am Morgen,
während die Fürstin ihr Frühstück einnahm, zu ihr
verfügte, sich nach ihrem Befinden und nach ihren
Wünschen für die Einrichtung des Tages zu erkun-
digen; und Virginie segnete es, daß ein Sonntags-
morgen vor ihr lag, an welchem die Fürstin zeitiger
sichtbar wurde, weil sie den Gottesdienst in dem be-
nachbarten Pfarrdorfe nicht zu versäumen liebte.
Sie fand die Fürstin schon fertig, für die Fahrt
zur Kirche angekleidet, am Kaffeetische sitzend; und

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ohnehin gewohnt, am Morgen ihr die Hand zu küüssen,
warf sich Virginie ihr heuut zu Füßen, da sie's that.
, Kind, was soll das? fragte die Fürstin.
,Ihnen danken von Herzensgrund! Der Vater
war so gut. Ohne Sie hätte ich's zu sagen nie ge-
wagt, ohne Sie hätte er es nie gebilligt. ?
,, Und jetzt, was ist denn jetzt geschehen?
Virginie erzählte der Füürstin, was sie am Abende
vorher der Schwägrin vertraut, die Fürstin hörte
ihr ernsthaft zu. Als sie geendet, sprach sie:
, Es ist bei Ihres Vaters Sinnesart ein großes
Zugeständniß, das er Ihnen gemacht hgt, und wie
immer hat er mit großem Sinn und n,ftem Blick
nichts Halbes gethan. Nun machen Sie etwas aus
sich, damit Sie und er etwas an Ihnen haben und
damit Sie, wenn Sie einmal in die Ehe treten,
Ihrem Manne in sich mehr darbringen als eine ge-
wöhnliche Frau.'
,Duurchlaucht, wie macht man daa ?
,Wie ich es Ihnen neulich schon gesagt. Brauchen
Sie Ihren Verstand zum Unterscheiden dessen, was
wichtig, was unwichtig ist, und nehmen Sie sich
selbst nie wichtig, wenn Ihr Dasein nicht für Andere
wichtig ist.-- Es ist thöricht, sich das Leben mit
Geringfügigem zu erschweren, und ein erhebendes
Gefühl, sich sagen zu können: Ich setze alle meine
Kraft ein für etwas Nothwendiges, Großes, Gutes.
Fordern Sie die Meinung der Anderen nicht leicht-
sinnig gegen sich heraus, halten Sie sich an dem,
was die Allgemeinheit sich als Sitte festgestellt hat;
aber achten Sie die fremde Meinung gering, wo Sie
ihr entgegenzustreben haben, um dem Gewissen, um
der Stimme nachzuleben, die Gott dem Menschen als
sein göttlich Theil neben der Vernunft und dem
freien Willen in das Leben mitgegeben hat; und


rotten Sie jedes Vorurtheil mit Stumpf und Stiel
in sich aus, denn es zerstört das Beste in uns wie
der Teufelszwirn das beste Wiesenland.- Haben wir
doch in jedem Menschen unser aller Schöpfer zu
lieben, und in jedem das zu schätzen, was er aus sich,
für sich und andere gemacht hat. Denken Sie
überall daran!rr
Sie brach ab, und auf ihr ernstes Antlitz kehrte
die Freundlichkeit zurück, die es fast immer umspielte.
,,Das soll heute unsere Morgenandacht gewesen
sein!'' sprach sie und horchte auf, da eben die Ühr
an dem Wirthschaftsgebäude die achte Stunde schlug.
, Es wird Zeit, daß Sie den Wagen kommen lassen,?
bemerkte sie.
,Durchlaucht, für mich bedarf es heut der Kirche
nicht!r
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,Wir bedürfen ihrer Alle, entgegnete die Fürstin,
,. uns an unsere Zusammengehörigkeit zu mahnen,
und in unseren Tagen mehr denn je. Lassen Sie
den Wagen kommen, Liebe!
Virginie wollte gehorchen, blieb aber stehen.
,Ich kann's nicht sagen, Durchlaucht, hob sie
an. ,Nur das Eine! Ich habe Sie verstanden,
Durchlaucht, und will's beherzigen und bethätigen,
wie ich kann, nur -- tief unter Ihnen wie ich stehe
-- ziehen Sie Ihre Hand nicht von mir.?
,Tief unter mir? Und das nennen Sie mich
verstehen? Alle neben einander, Alle mit einander,
Jeder für Alle, Alle für Eines! Dies ist unsere
Losung.-- Und nun kommen Sie!r
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