Die Familie Darner. Roman in 3 Banden.
Fanny Lewald
Kapitel 16

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Sechzehntes Kapitel.
Einen vollen Monat hatte der Aufennhalt der
Fürstin in Strandwiek gewährt, als ihr Sohn ihr
schrieb, daß ihrer Heimkehr nach Schlesien nichts
mehr im Wege stehe, daß er in acht Tagen, Ende
August, nach Preußen kommen werde, sie heimzu-
holen, wo sie sich auf dem gräflich Rothenstein'schen
Schlosse treffen und der Hochzeit des Erbsohneg bei-
wohnen könnten, bei der zu erscheinen die Fürstin
sowie der Prinz versprochen.
=
Man hatte sich der Nachricht insofern gefre.tt,
als sie bestätigt, daß jener Theil von Schlesien von
den Franzosen geräumt worden war; aber Justine
und vor Mllen Virginie dachten mit Bedauern daran,
von der Füürstin getrennt zu werden, die ihnen erst
den Sinn dafür erschlossen, was eine Frau als
Gutsherrin für die Kultur der Eingesessenen und des
Hausgesindes im Allgemeinen leisten, und welch einen
Antheil an der Förderung des Gemeinwesens und
des ganzen Landes sie dadurch bewirken könne.
Es war nach jener Unterredung mit Virginie
nie wieder zu einem ähnlichen Gespräch zwischen der
Fürstin und ihren jungen Dausgenossinnen gekommen,
ihr ganzes Wesen jedoch war ein beständiges Beispiel,
dem nachzutrachten die Anderen sich hemühten, weil
es schön war; und der Ausspruch, oen sie einmal
beiläufig gethan, daß jedes Haus, welches von einer
gebildeten, wohlwollenden Frau geleitet' werde, eine
Erziehungsanstalt für alle Mitglieder desselben sei,
wurde von den beiden Schwägerinnen an jedem Tage
als eine Wahrheit empfunden. Der Fürstin Weise
war die schlichteste. Sie war nicht herablassend, sie
erhob die Menschen zu sich, die dafür empfänglich

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waren, und nie zuvor hatte Jemand einen solchen
Einfluß auf Darner ausgeübt als sie.
So mochte man denn natürlich nicht daran
denken, sich von der verehrten Frau eher zu trennen,
als es unerläßlich war. Darner willigte also, als in
etwas Selbstverständliches, darein, daß die Seinen,
die nahezu drei Monate in Strandwiek gewesen waren,
gleichzeitig mit der Fürstin in die Stadt übersiedelten.
Sie wünschten noch in ihrer Nähe zu sein, während
sie sich von dem Königspaare, von ihren zahlreichen
Verwandten und Umgangsgenossen verabschiedete und
dabei noch einige Tage in dem Lindheim'schen Hause
lebte, um es damit der Familie darzuthun, wie es
ihr lieb sei, noch einmal neben den Personen zu
weilen, die sie durch die ganzen Jahre mit so großer
Bereitwilligkeit beherbergt hatten.
Virginie hatte es sich, da man in nächster Nach-
barschaft wohnte, von der Fürstin erwirkt, für diese
letzten Tage sie an jedem Morgen wie in Strand-
wiek aufsuchen zu dürfen, um sich zu erkundigen, ob
sie von dem Wagen ihres Vaters Gebrauch zu machen
wünsche, oder was man ihr sonst noch leisten könne.
Am dritten Tage nach der Ankunft in der Stadt
war sie mit der Nachricht nach Hause gekommen, daß
die Fürstin am Nachmittage mit ihr auszureiten
denke. Auf dem Lande war das fast regelmäßig ges
schehen, und wenn die Männer dort gewesen, hatte
immer einer: derselben sie begleitet. Virginie hatte
als Ziel des Rittes das eine Meile von der Stadt
am Pregel gelegene Schloß Holstein vorgeschlagen,
die Fürstin hatte das gebilligt und Darner hatte er-
klärt, daß er mit ihnen reiten würde.
,Und wo werdet Ihr bleiben?? erkundigte sich
John Kollmann, der mit Justine und deren Knaben
unter dem Schatten der Linde auf dem Wolme saß,

als Virginie mit ihrer Botschaft heimgekehrt war.
,, Kommt Ihr vielleicht in den Logengarten?
, Frage meinen Mann,'' entgegnete sie. ,Es
wäre freilich das Gescheidteste, wir führen auch hinaus
und Du und der Onkel kämet mit uns. Ihr sähet
dann die Fürstin doch auch noch einmal.?
John sagte, sein Vater könne nicht dabei sein,
da er für den Abend die gewohnte Kartenpartie mit
dem Doktor und Konsul Arufield im Logengarten
verabredet habe, ging jedoch gleich in das Comptoir,
Franks Meinuung einzuholen, der sich mit Justine =
einverstanden erklärte; und da man keinen Posttag
hatte, konnten sowohl Frank als John die von der
Fürstin bestimmte Stunde einhalten.
Als Darner mit der Tochter vor das Lindheim'sche
Haus kam, wohin er die Pferde bestellt, sah er einen
Soldaten des Kürassierregiments mit einem Schimmel
vor demselben halten. Als man danach ihn und
Virginie in das Zimmer der Fürstin führte, fanden
sie einen von deren Anverwandten, einen Major von
Wetterau, bei ihr, dem sie früher schon bei ihr be-
ggegnet waren.
,,Sie sollen es nicht so schwer mit uns haben,
Herr Darner,' sagte sie, ,ich habe heute für einen
zweitenKavalier gesorgt;meinVetter wird uns hegleiten.
Da ich übermorgen abreisen will, muß ich diese letzten
Tage mit meinen Freunden auszunützen suchen, denn
das Scheiden ist sicher und das Wiedersehen nicht.?
Sie war während des Sprechens an das Fenster
getreten, weil sie die Pferde kommen hörte, und
hinaussehend bemerkte sie, daß vor Darners Hause
Justinens Wagen hielt.
, Kommt Ihre Schwiegertochter auch hinaus?
Das ist hübsch und paßt, wie Sie eben gehört haben,
recht in meine Absicht. ?
Lewald. Die Familie Darner. Ul.


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er zu Frank: ,Steigt gleich ein, wir wollen zu-
sammen aufbrechen, und Justine soll vernünftig sein.?
,Sie ist's ja, Vater; sie erstaunte nur John zu
Ehren, wie ich sie kenne.?
,,So soll sie sich schämen, und mag er davon
bleiben, wenn er's für nöthig findet. ?
,,Dazu ist er doch zu gescheidt und das Gegen-
über zu hübsch!' lachte Frank, der mit diesen Vor-
urtheilen wie mit manch Anderem fertig geworden war,
während er in Holland gearbeitet, denn grade er
hatte immer mit den Männern der Lindhein'schen
Familie, noch vor der Vermittlung durch die Füirstin,
sich auch außerhalb der Börse und des Geschäftes
freundlich berührt.
Während dann der Major und Darner der
Fürstin und Virginie in die Sättel halfen und sich
zu Pferde setzten, waren die Anderen eingestiegen.
Die Reiter, von den Reitknechten gefolgt, ritten voran,
Frank stieg vor dem Lindheim'schen Hause aus, den
Gast aufzunehmen. Der Wagen folgte den Reitern,
die in der Straße Schritt zu halten hatten. Die
Nachbarn, von dem Pferdegetrappel aufmerksam ge-
macht, kamen an die Fenster und auf die Wolme
hinaus. Madame Lindheim sah es mit stiller Freude.
Sie nickte und nickte noch einmal nach dem Wagen
hinunter, Justine und ihre Flora zu grüßen.
,Gott erhalte die Fürstin!r sagte sie; als sie, das
Fenster verließ und der stattliche Zug ihrem Auge
entschwand.