Die Familie Darner. Roman in 3 Banden.
Fanny Lewald
Kapitel 17

-- 1ZZ -
Siebzehntes ==-=-
GAif,-s'
Im Logengarten hatten die drei Herren ihr
Whist beendet und saßen mit Madame Göttling und
der Konsul Armfield unter einer der gedeckten Hallen
beim Abendessen, als John in der besten Laune
herankam.
,Da ist er,'' rief Madame Armfield, ,da ist
er!-- Und nun erzählen Sie weiter, denn daß Sie
eine große Partie, eine Kavalkade mitgemacht, das
habe ich hier schon berichtet. Ich kam grade um die
Ecke, als Sie in die Lizentstraße hinauskamen, und
ich erzählte ihnen hier, wie prächtig sie Alle sich ans-
genommen, Darner mit der Fürstin, Mademoiselle
Virginie mit dem Major, der Generalkonsul mit der
Frau, Sie der Flora Lindheim gegenüber, deren
Augen leuchteten wie die Feuersäulen, oder was sonst
vor ihnen daherzog auf ihrem Wege in das gelobte
Land. Was hat's denn heut Besonderes gegeben?
, Ein kleines Abschiedsfest für die Fürstin
Hedwig!'' sagte John, den Spott der Nebelwollenden
nicht beachtend. Er erzählte darauf, wie Darner
am Mittag einen seiner Leute mit Blumen, Früchten,
Wein und Backwerk hinausgesendet, wie der Wirth
im Gasthause sich geschickt erwiesen, und wie man die
paar Stunden draußen auf die angenehmste Weise
zugebracht. ,Selbst sein Segelboot hatte Darner
hinaus kommen lassen,' schloß er, ,so daß wir noch
eine halbstündige Wasserfahrt gemacht und einen
Abend gehabt haben, der schöner gar nicht sein konnte.?
, Und wie benahm sich Flora auf dem Wasser,
wo Moses bekanntlich keine Balken gezogen hat?
scherzte der Doktor mit dem landläufigen Ausdruck.
,Spotten Sie über Flora nicht, sie ist ein

= P8g-
- reizendes Geschöpf,? versicherte John, ,klug und
naiv zugleich, und ihre Manieren lassen nichts zu
wünschen übrig. Sie hat an mir einen Verehrer ge-
wonnen.?
,. Und weiter nichts?' fragte der Doktor.
, Nun,? fiel Madame Armfield ein, ,für das
erste Mal ist das genug. Fortsetzung folgt.?
Madame Göttling bemerkte, ihre Pflegetöchter -
sie liebte es, Justine und Virginie, wenn es sich thun
ließ, mit diesem Namen zu bezeichnen -- ihre Pflege-
töchter, die Beide vorsichtig in ihrem Urtheil wären,
hätten eine gute Meinung von den Lindheims, und
- das Urtheil der Fürstin falle doch besonders in das
Gewicht.
Kollmann, der dem leichten Gerede bis dahin
schweigend, aber nicht mit Gefallen zugehört, trank
sein Glas aus und sagte, während er es langsam
wieder füllte:
,Die Fürstin in Ehren, sie ist eine vortreffliche
Frau; indeß es ist nicht vom Nebel, daß sie uns
verläßt. In Berlin, in der großen Gesellschaft der
Residenz, in der schon von Friedrichs des Großen
Zeiten her viel Fremdländisches und viel Philanthro-
pisches seinen Spielraum gefunden, und bei sich in
der Einsamkeit ihres Schlosses, ist die Fürstin aber
doch mit ihrer Art von Ausgleichung der Standes-
unterschiede, mit ihrer allgemeinen Menschenliebe,
besser an ihrem Platze als hier bei uns. Unsere
Verhältnisse sind dazu zu fest in sich gefügt. Wir
lassen's, denke ich, beim guten Alten, bleiben für
uns und lassen die Anderen, Darner und wem es
sonst gefällt, ihre Wege haben.?
,Mein Gott,'' rief Madame Armfield, ,das
hört ja Alles wieder von selber auf, wenn die Fürstin
fort ist und nicht mehr, wie Schillers Göttin der

- 18H--
Freude, als Tochter aus Elysium, beständig das große
Lied singt, daß alle Menschen Brüüder werden. ---
Menschenliebe wo sie hingehört, überall wo Noth ist!
aber nicht in der Gesellschaft. Herr Kollmann zum
Beispiel würde sich mit all seiner Humanität doch
auuch zwei Mal besinnen, ehe er den Bekehrer spielte
und eine Lindheim heirathete.?
, Wer weiß? entgegnete John, dem es des
Scherzes zu viel wurde, da ihm schon die Bemerkung
seines Vaters empfindlich gewesen war.,Jedenfallo,
Frau Konsul, lassen Sie mich außer dem Bereich
Ihrer Betrachtungen und Beispiele. ?
Der Konsul, der oft in der Lage war, die Miß-
griffe seiner Frau in solchen Dingen auszugleichen,
legte sich ins Mittel, indem er Jakob Lindheim als
einen durchaus rechtschaffenen und wohlunterrichteten
Mann bezeichnete, und der Doktor fällte ein ebenso
günstiges Urtheil über den Charakter und die ärzt-
liche Tüchtigkeit seines jungen Kollegen, des Doktor
Julius Lindheim. Damit war die Sache erledigt,
und nur die Bezeichnung der Fürstin, als Tochter
aus Elysium, ward als ein vortrefflicher Witz wieder-
holt, belacht, und in dem Kreise von Madame Arm-
field festgehalten, auch nachdem die Fürstin Königs-
berg verlassen hatte.
Sie fehlte Allen, welche mit ihr in Berührung
gekommen waren.
Für Virginie und Justine blieben das Wesen
der Fürstin wie ihre Ansichten die Richtschnur; auch
die beiden Darner, Vater und Sohn, kamen in ihren
Gesprächen gern auf sie zurück, und im Lindheim'schen
Hause wurden sie und ihr treffliches Bild, das sie
als ein Zeichen des Dankes ihren Schützlingen zurück-
gelassen hatte, mit einem Kultus verehrt, daß Doktor
Lindheim einmal scherzend den Vorschlag gemacht,

-- 1ZZ -
das l. A. S. ?. der Jesuiten, das: ,In diesem
Zeichen werden wir siegen'', über demselben anzu-
bringen.
Die Ernte war im ganzen Lande in vollem
Gange gewesen, als die Füürstin zu der Begegnng
mit ihrem Sohn nach Westpreußen gekommen; und
auch in Lithauen hatte sie begonnen, während Eber-
hard zum ersten Mal die Sommerferien auf seinem
Gute verlebte.
Der Gutskauf hatte sich in jedem Betrachte be-
währt. Eberhard war zum Landrath seines Kreises
gewählt und damit in die ihm zusagendste und zu-
gleich in diesen Zeiten zu einer bedeutungsvollen
Thätigkeit gekommen; und klein, wie der Besitz ihm
Anfangs erschienen, war er ihm lieb geworden, weil
er ihn unter seiner Hand und seinen Augen sich
heben sah.
Festhaltend an der verständigen Handlungsweise
seines Vorgängers, hatte er damit begonnen, einige
junge Pferde aus guten Gestüten des Landes zu
kaufen, die Wiesen zu trocknen und einzuzäunen, den
Stall zu vergrößern und nach den besten Vorbildern,
wenn auch mit bescheidenem Material, für die Pferde-
zucht einzurichten; und erst nachdem das Nothwendige
und Ertragversprechende, so weit es möglich, beschafft
worden, war er daran gegangen, sich das Haus nach
seinem Sinne einzurichten.
Es war ein heller Sonntagsmorgen, als er gegen
die Mittagsstunde hin in der großen Gartenstube,
die er sich zum Wohn- und Arbeitszimmer eingerichtet,
vom Schreibtisch aufstand und, die Angelegenheit
durchdenkend, über die er zu entscheiden hatte, in die
offene Thüre des Gemaches trat.
Die großen alten Linden beschatteten das Zimmer
und die beiden Bänke, die draußen rechts und links

-=- 1 8? -
an der Thüre standen. Es freute ihn, daß die Fran-
zosen ihm die Linden nicht umgehauen hatten, denn
es sah hübsch aus, wenn er so zwischen den beiden
schmalen Blumenbeeten, die sich zu beiden Seiten des
Weges hinzogen, nach der Höhe hinauf sah in den
Wald, durch dessen Laub die Sonnenstrahlen hin-
durchhuschten, ihr gaukelndes Licht verstreuend hier
und dort. Vor dem Eingang in das Zimmer hatte
er ein paar schöne Rosenstöcke in den Beeten, die
Lieblingsblumen seiner Mutter, pflanzen lassen; und
wie der Geruch der Reseda und der Levkojen ihn so
warm und voll umströmte, wendete er sich unwill-
kütrlich nach dem Bilde seiner Mutter hin, als wolle
er sie fragen, ob es ihr gefalle und ob er es ihr
recht gemacht in seinem Hause.
Die Stube war lange nicht so klein, als sie ihm
erschienen war an dem Tage, da er sie zuerst be-
treten. Die Bilder seines Vaters, seiner Mutter,
standen in den beiden Ecken der Fensterseite und
stumpften sie fütr das Auge gefällig ab. Seine
Büücherschränke, sein Schreibtisch, die einfachen Stüthle,
das schlichte Sopha, die rothen Vorhänge dienten eben
ihrem Zwecke. Es ließ sich gut leben, guut arbeiten
in der Stube; und mochten Andere darin erlebt
haben, was sie wollten, es hatte keinen Zuusammen-
hang mit ihm. Wie ein Ansiedler auf Neubruchland
kam er sich vor. Was ihn in Waldritten umgeben,
hatten Andere für ihn geschaffen zum Nutznießbrauuch,
zum Vererben auf Andere. Was ihn hier umgab,
was er hier erleben, hier noch leisten würde, das
war einzig sein, das schuf er für sich und Andere.
, Welche Andere? fragte er sich, und er konnte sich
des Gedankens nicht erwehren:,Hier hätte es sich
gut leben lassen in trauter Stille mit dem holdseligen
Geschöpfe; hier in der einfachen ländlichen Stille

==- ZF -
würde Dolores glücklicher gewesen sein als in ihrem
venetianischen Palaste.? Und er klagte Darner an
und sich nicht minder, daß er sich zu spät befreit,
daß er nicht Alles an Alles gesett.
,, Sonntagsträumereien!'' sagte er halblaut zu
sich selber und hatte sich eben wieder vor seinem
Schreibtisch niedergelassen, als es an seine Thüre
klopfte und der Kutscher hereintrat.
,Nichts für ungut, Herr Landrath,'' hob er an,
,aber der Herr Inspektor ist, wie der gnädige Herr
wissen, nach der Stadt geritten, und draußen ist ein
Mann, der von den Krümpern kommt . .?
,,Von den Krümpern?? fragte der Landrath,.-
rasch den Zusammenhang errathend, ,schick' Er ihn
herein.
, Ein großer, langer Mensch,? fügte der Kutscher
hinzu, ,ich sagte, er möchte warten, aber et hörte
nicht darauf. Der Herr kenne ihn, sagt er.?
,Ich weiß, ich weiß, schick! Er ihn nur her!
rief Eberhard, und gleich darauf machte der Kutscherf.
den die Neugier verlockte, für den langen Karl die
Thüre auf.
Die Hosen in die thrangeschmierten Stiefel ge-
steckt, den Tuchrock fest bis zum Halse zugeknöpft,
den Zwerchsack, der sein Hab und Gut enthielt, über
Brust und Rücken von der Schulter zur Hüfte ge-
hängt, und die Mütze in der Linken, blieb er, mili-
tärisch grüßend, dicht an der Thüre stehen.
,Willkommen, Karl, da bist Du ja!'r rief Eberhard
ihm entgegen, aufstehend und an ihn herantretend.
,Zu Befehl, Herr Baron!r
,Du hast Dich herausgemacht,'' sagte dieser, mit
Wohlgefallen bemerkend, wie die kurze militärische
Dienstzeit den langen Karl gemodelt hatte. ,Bist
Du jettt freir?

f
h

e
t'
l
s
1
!
=- 189 =- -
,Zu Befehl, Herr Baron, da sind meine Pa-
piere!
Er zog sie aus der Brust hervor und reichte sie
ihm hin. Eberhard sah sie durch; sie enthielten
seinen Entlassungsschein, einen Paß für die Reise
und einen Brief des Amtmanns aus Waldritten für
Eberhard.
,Du bist zu Hause gewesen, sehe ich, und es
steht dort gut.?
,GGanz gut, Herr Baron, und sie lassen alle
grüßen. Es geht Keinem was ab, und die junge
Frau vom neuen Herrn sieht nach Allem und hilft
aus. Aber grüßen lassen sie doch -- und .. .?
Er kam mit dem, was er sagen wollte, nicht zu
Stande, sondern wiederholte: ,Und sie lassen grüßen.?
,,Das freut, mich, und Du bleibst also hier und
kommst mir gelegen; wir sind mitten in der Ernte
und brauchen Hände. Der Herr Inspektor kommt
am Abend wieder, melde Dich bei ihm. Du sollst
beim Hofmann untergebracht werden. Halte Dich
auch hier ordentlich wie in Waldritten und im Mi-
litär, damit Du Waldritten Ehre machst.?
-' ,Zu Befehl, Herr Baron!
Eberhard gab ihm einen Thaler auf die Hand,
ließ den Hofmann kommen, ihm die nöthige, Weisung
zu ertheilen, und schickte Karl dann mit ihm fort. -
Er hatte das treuherzige Gesicht mit Vergnüügen
wiedergesehen, das ihm von seiner Kindheit redete;
und selbst die Aussprache und den Tonfall des
heimischen Samlandes hatte er gern wieder einmal -
gehört.=- Seinem Grundsat getreu, hatte Eberhard
sich auch in seiner neuen Stellung und in seinem
neuen Hause auf das Nothwendige beschräßkt. Nun
wollte er, wenn die Ernte beendet sein würde und
Karl, der immer gut zu Pferden gewesen, sich, wie es

-=- 19 -
vorauszusehen war, gut anließ, ihn zu seinem Reit-
knecht und Bedienten machen; und wieder einmal an
dem Beispiel Karls erkennend, wie auch eine geringe
Schulung dem ungeschulten Manne körperlich und
geistig Haltung zu geben vermögen, knüpfte er, mit
allen seinen Gedanken immer nur auf das eine Ziel
gerichtet, sofort einen neuen Plan an die Ankunft
seines einstigen Spielkameraden.
Sie hatten als Kinder Soldaten gespielt.--
Wenn die Erntearbeit gethan war, sollten Soldaten-
spiele bei ihm in Rasten für die Sonntagnachmit-
tage eingerichtet werden für die Männer. Drei
Stunden weniger im Kruge, drei Stunden Exerziren
unter Karls Leitung und seiner eigenen gelegent-
lichen Aufsicht, waren ein doppelter Vortheil, konnten
zur Nachahmung reizen. Daß die Behörden solch ein
Unternehmen in der Form, in welcher er es einzu-
leiten dachte, gut heißen würden, dessen war er
sicher; und ihm war das unausgesetzte stille Arbeiten
für die Zukunft die Lebensaufgabe geworden, die er
sich gestellt.
Stilles Thun, schweigendes Gedenken, das war
die Losung geworden für das ganze Land und
namentlich für die Ostprovinzen, seit noch vor dem
Ende des Jahres die königliche Familie sie, nach
mehr als dreijährigem Aufenthalt in denselben, ver-
lassen und ihre Residenz wieder nach Berlin verlegt
hatte.
Das Scheiden des Königspaares war ohne Ge-
pränge vor sich gegangen. Der König hatte seine
Behörden und auch den Magistrat und die Stadt-
verordneten, die Königin den Frauenverein noch
einmal empfangen. Gemeinsame Leiden, gemeinsames
Hoffen verbanden den Herrscher und sein Volk. Aber
das Hoffen war in dem Volke, und namentlich unter

== 19 -
den Gebildeten des Volkes auch jetzt wieder leiden-
schaftlicher, thatfordernder und zuversichtlicher als in
der Seele des Königs.
Die Gewalt, mit welcher Napoleon nach dem
Wiener Frieden über das ganze euröpäische Festland
bis tief nach Asien hinein gebot, konnte freilich die
sich bescheidende Zurückhaltung des Königs erklärlich,
das feste Hoffen des Volkes unberechtigt erscheinen
lassen, wenn nicht die feste Zuversicht, daß dem
rechten Wollen, dem rechten, beharrlichen Thun das
Vollbringen und der Erfolg doch zuletzt nicht fehlen
können, von den hervorragenden Geistern, von den
großen Herzen, von den Staatsmännern, Dichtern,
Denkern, und von den Tüchtigen in allen Ständen
lebendig erhalten worden wäre; wenn nicht der in
der Gesammtheit sich immer klarer und deutlicher
aussprechende Volksgeist sich als eine Macht empfinden
lernen, die sich endlich Geltung, ihr Recht und die
Freiheit erzwingen würde.
Achlzehntes Kapttel
Neber zwei Jahre waren seitdem vergangen und
die Wels hatte des Unerwarteten die Fülle erlebt.
Napoleon hatte seine erste Gemahlin verstoßen, eine
österreichische Kaiserstochter geheirathet, den Sohn, den
sie ihm geboren, zum König von Rom ernannt.
Sein Bruder hatte die Königskrone von Holland
niedergelegt, dem Herzog von Oldenburg war sein
Land genommen worden, um Frankreich abzurunden,
und den Interessen Rußlands war durch die Ent-
thronumg des ihm verwandten Oldenburgers und