Die Familie Darner. Roman in 3 Banden.
Fanny Lewald
Kapitel 18

-- 1I--
durch die Begünstigung der Polen in einer Weise
entgegengetreten worden, daß man der russisch -fran-
zösischen Freundschaft keine lange Dauer mehr verhieß.
Preußen hatte seine schöne, hochherzige Königin
durch ihren frühen Tod verloren, und dies Schicksal
hatte den König vollständig entmuthigt, wie warm
ihm auch das Mitgefühl des ganzen Volkes bei dem
Unglück entgegengebracht worden war.
Während man im Innern des Reiches an seiner
Erhebung arbeitete, blieb die äußere Politik die halt-
loseste von der Welt. Man suchte ein neues Heer
zu schaffen, das Volk kriegerisch zu erziehen; die
Finanzverwaltung wurde verbessert, die Gesetzgebung
vielfach freisinnig erneut, die Wissenschaften fanden
Förderung; aber im Lande fragte man sich überall,
wohin man steuere. Denn gleichzeitig mit den Be-
strebungen, eine Alliance mit Frankreich zu schließen,
dauerten die Freundschaftsverhandlungen mit Rußland
immer fort, und Preußen war dahin gekommen, nach
beiden Seiten hin für unzuverlässig zu gelten, von
beiden Theilen, von Frankreich und von Rußland,
mißachtet, und als eine gelegentliche gute Beute an-
gesehen zu werden.
Es war am letzten Abend des Jahres 181,
und noch im Sommer dieses Jahres war wieder ein
schweres Geschick über die Stadt Königsberg herein-
gebrochen. Eine furchtbare Feuersbrunst hatte die
! ganzen am linken Pregelufer gelegenen Stadttheile
! und die Speicherseite zerstört. Mehrere tausend
Menschen waren wieder obdachlos geworden wie zur
t Franzosenzeit bei dem Niederbrennen der Vorstädte.
! Der Schaden, den die Stadt und den namentlich
,auch die Kaufmannschaft erlitten, bezifferte sich nach
re Ea

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schränkung des Luuxus und der Ausgaben für den-
selben, zu welchen man sich damals entschlossen,
hatten wieder noch größeren Anlaß, sich zu be-
thätigen, gefunden.
Die bürgerliche Stadtverwaltung hatte sich als
ein Segen erwiesen durch die Schnelligkeit, mit
welcher sie einzugreifen im Stande gewesen war.
Kollmanns und der anderen alteingesessenen Königs-
berger Stadträthe und Stadtverordneten Kenntniß
der Orts- und Personenverhältnisse war zur Bewälti-
gung der großen Aufgabe, vor der man gestanden,
ebenso nützlich gewesen wie Darners Scharfblick und
Leitung, als es sich darum gehandelt, die Stadt als
solche, und manch einzelnen Bürger vor dem Bankerott
zu bewahren.
Darner war eben erst von einer Reise nach
Rußland zurückgekehrt, als das Unglück die Stadt
betroffen, und hatte dann in der Mitte des November
sich abermals zu einer Reise entschlossen, welche über
Paris nach England gehen sollte. Jene erste Reise
hatte er, wie schon vorher den der Fürstin in Schlesien
zugesagten Besuch, allein gemacht; bei der Reise nac
Westen hatte er Virginie mit sich genommen.
An Feste, an den Sylvesterball der Kaufmann-
schaft, war in dem Jahre wieder nicht zu denken,
wo man so viele Nothleidende zu versorgen hatte;
aber den Tag und die Stunde ungefeiert vorüüber-
gehen zu lassen, in denen sie sich zuerst gesehen und
die ersten Worte miteinander gewechselt hatten, das
vermochten Frank und Justine nicht; und da man
den Vater und die Schwester zu entbehren hatte,
hatten der Onkel, John und Madame Göttling es
zuugesagt, das alte Jahr mit ihnen gemeinsam zu
beschließen, das neue gemeinsam zu beginnen. Auch
den Hauptmann erwartete man, der seine Ernennung
Lcwald. Die Fauilie Darner. 1l.

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zum Major erhalten, seit General Pork zum General-
gouverneur der Provinzen ernannt, und die Ausbil-
dung der Truppen für den Felddienst die Hauptauf-
gabe geworden war.
Die Fenstervorhänge waren in Justinens Wohn-
zimmer herabgelassen, die Lichter brannten auf dem
Tische, an dem sie saß, während Lorenz ihr gegen-
über mit seinen Zuckererbsen spielte. In der Eßstube
deckte der Diener den Tisch für das Abendessen.
Seit dem Tage, an welchem vor der Abreise Darners
die Tochter getauft worden, die Justine im Herbste
geboren, war es das erste Mal, daß sie wieder einige
Personen zum Abende geladen.
Lorenz wirthschaftete tapfer mit seinen Zucker-
erbsen auf dem Tisch herum. ,Eins, zwei, drei!'
zählte er, ,die sind mein! Eins, zwei, drei-- die
sind für die Schwester! Eins, zwei, drei!r zählte er
fort und fort und schob, ohne der Schwester weiter
zu gedenken, die Erbsen für sich in Häufchen aus-
einander.
Plötzlich rief er gebieterisch:
,Leg' Dein Buch weg, ich hab' genug allein ge-
spielt.? Der Ton, der Blick, die Bewegung waren
so ganz die seines Großvaters, daß es die Mutter
erstaunte, so oft ihr auch diese Aehnlichkeit entgegen
getreten war.
,Mußt Du denn immer Jemand haben, der mit
Dir spielt? Du bist ein großer Juunge, spiele
allein !? bedeutete sie ihm, um seinem Willen nicht
nachzugeben.
,Ia, ich muß! Die Louise ist klein und dumm,
die schläft! Dann soll die Tante kommen!
,Die Tante kann nicht kommen, die ist ja fort.?
,Ia, in Paris! Dann will ich hin.?
,Das ist sehr weit, dahin kannst Du nicht!r

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, Ich bin ja neulich mitgegangen bis vors Thor!?
,, Es ist viel weiter, viel weiter; aber wenn Dui
groß sein wirst-
, Ich bin ja groß - fiel er ihr in das Wort,
knüpfte aber gleich die Frage daran: ,Wozu ist die
Tante in Paris?
,, Um die liebe Tante Dolores wiederzusehen, die
mit dem Onkel Polydor auch in Paris ist!' ant-
wortete die Mutter ihm; und der Eintritt des Dieners,
der den Besuch von Mademoiselle Lindheim: meldete,
verhinderte des Knaben weiteres Fragen. Die Mutter
schickte ihn mit einem Kuß zu Bette, nachdem er es
noch durchgesetzt, seine Zuckererbsen zusammen zu
raffen; und im Hinausgehen auf Flora stoßend, rief
er dieser statt des guten Abends, den er ihr bieten
sollte, noch eilig zu:
, Du kannst mit mir spielen kommen, morgen,
morgen! hörst Du?
, Wie deutlich er spricht!' rief Flora und sagte
dann: ,Nicht wahr, Madame Darner, Sie nehmen
es nicht übel, daß ich Sie noch am Sylvesterabend
überfalle? Ich wollte Ihnen noch so gern danken
für all die Freundlichkeit, die Sie sür mich haben;
wollte Ihnen auch gern Glück wünschen zum neuen
Jahre und morgen Vormittag komme ich nicht gut
vom Hause ab l?
Justine bot ihr die Hand, nannte sie zu jeder
Zeit willkommen. Die Art des Verkehrs und des
Gespräches gab es kund, daß sie sich öfter sahen, daß
es des Neuen zwischen ihnen nicht viel zu berichten
gab. Flora fragte nach dem Gedeihen der kleinen
Louise; die Mutter hatte das Beste davon zu sagen
und meinte:
, Sie können gar nicht denken, welch ein Zun-
wachs von Glück mein kleines Mädchen mir ist und
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wie es mir noch viel mehr mein eigen erscheint, als
der Junge!'
Flora verstand nicht, was sie damit sagen wollte.
,,Ach, es ist im Grunde vielleicht eine Thorheit,
aber wer kann für sein thörichtes Empfinden! Und
da dieses mich freut, bekämpfe ich es nicht. Als
mein Knabe geboren wurde, legten der Vater und
der Großoater gleich auf ihn Beschlag. Er war
gleich von der ersten Stunde an der Lorenz Darner,
der Fortsetzer der Firma. Er gehört- ebenso wie
mir und meinem Manne, auch dem Geschäft. Für
das hatte ich ihn zu nähren, haben wir ihn zu er-
ziehen; und der Zahlensinn und das Zählen sind
ihm wie angeboren. Er kommt ja auch von beiden
Seiten von guten Rechnern her. Mit meiner kleinen
Louise ist es jeut ganz anders; der habe ich den
Namen gegeben-
,Nach unserer hochseligen Königin!' schaltete
Flora ein.
,,Natürlich! Und wenn das geliebte kleine Wesen
mich mit den blauen Augen anblickt, so denke ich:
die hat mit dem Geschäft so wenig zu thun, wie ich
mit dem meines Vaters, und die soll' bei mir bleiben,
wenn sie den Lorenz in die Welt schicken werden,
damit er seinem Namen Ehre machen lernt.?
,, Bei Ihnen bleiben? Läßt man denn die
Töchter immer bleiben, wo sie möchten? fragte Flora.
,,Sie denken an meine Schwägerin??
,,Nein nicht an Madame Joannu!''
,,An wen denn sonst??
,, An mich! Aber ich hätte es nicht sagen sollen.
Verzeihen Sie, es war unbesonnen! Zu Hause, un-
verheirathet, werden die Eltern mich nicht behalten;
und da mein Bruder, der des Vaters Kompagnon
ist, also hier bleiben muß und natürlich heirathen

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wird, so muß ich fort; und mein anderer Bruder,
der Doktor, kann auch nicht heirathen, wenn er nicht
eine Frau findet, die ein Privileg hat. Es ist ja
nur immer eine Heirathserlaubniß für jede jüdische
Familie. ?
, Ja so!- rief Justine und sie schwiegen beide.
Es war zwischen ihnen lange nicht die Rede gewesen
von dem Judenthume, von der Stellung der Juden
im Staate; und sie waren beide verlegen, so daß es
Justine lieb war, als John sich melden ließ und die
Fortführung des Gespräches hinderte.
Er begrüßte die Cousine, und sich darnach zu
Flora wendend, sagte er:
,,Das heißt Gliick haben, Mademoiselle! Unud
es soll ein gutes Zeichen für das neue Jahr sein,
daß wir uns am Weihnachtsabend gesprochen haben
und uns nun bei meiner Cousine noch vor Jahres-
schluß zusammenfinden.?
,, Am Weihnachtsabende? Wie das und wo?
erkundigte sich Justine.
,Auf die geheimnißvollste Weise! Ich traf Made-
moiselle, wo Du es nicht vermuthest!-- Aber ich
verrathe sie nicht! Ee bleibt eben ein Geheimnis
zwischen uns !?
, Was ist denn da zu verrathen? sprach Flora.
, Es war die einfachste Sache von der Welt. Unsere
Wäscherin ist auch obdachlos geworden bei dem
Brande. Ihr Mann ist dabei umgekommen, ihre alte
Mutter in den ersten Tagen der Noth gestorben, und
meine Eltern hatten sie also oben in der Stadt auf
dem Tragheim in einem Hause nothdürftig mit ihren
sechs Kindern untergebracht, wo sie einen Trockenplatz
hat und waschen kann. Die arme Frau arbeitet über
ihre Kräfte! Da haben sie mich am Weihnachtsabend
hingeschickt=-

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, Und,? fiel ihr John ein, ,da bin ich Mabe-
moiselle begegnet mit ihrem Diener, der das Weih-
nachtsbäumchen und einen Korb voll Sachen getragen
hat, habe Mademoiselle unter dem Vorwande, ihr die
große Düte abzunehmen, begleitet, habe zugesehen,
als sie wirklich, wirklich wie ein Weihnachtsengel Licht
und Freude in das Dunkel und in die Trauer ge-
tragen, und dann sind wir unter den Klängen des
Weihnachtsliedes, das vom Thurm geblasen worden, -
zurück gegangen-
, Und ich habe zu Hause einen gründlichen Ver-
weis dafür bekommen, weil ich Ihre Begleitung nicht
abgewiesen, Sie mitgenommen hatte, und mit Ihnen
heimgekehrt bin. Daß Sie sich den Armen so groß-
müthig erwiesen, hat mich nicht entschuldigt; und
schicklich war's auch nicht. Die Eltern hatten Recht. ?
Justine blickte von dem einen zu der audern,
achtsam ihren Worten folgend.,Und das erzählst
Du mir erst heute?' sagte sie zu John.
, Ich hatte Mademoiselles Geheimniß zu be-
wahren!r
Justine schüttelte das Haupt. ,Sie haben nie
F einen Weihnachtsbaum gehabt in ihrem Hause,'' sprach
sie, ,und sie schicken ihre Tochter, ihn hinzutragen
s zu denen, denen ihr Glaube ihn heiligt und die ihn
, entbehren! Welch eine Lehre ist das! Wie schön,
; wie rührend !? Sie neigte sich zu Flora und küßte
sie auf die Stirne.
,Du hättest sie sehen sollen. In der Enge, in
, der Armuth, in der Finsterniß! Man braucht nicht
blonde Locken zu haben und einen Heiligenschein, um
-' wie ein Engel auszusehen!'' versicherte sie John.
,Nicht doch! Ach, nun laufe ich fort! Was zu
viel ist, ist zu viel! rief Flora, und das Wort zur
That machend, warf sie das kleine Entredeux über

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die Schulter, gab Juustine die Hand, sagte ihr und
John ein rasches Lebewohl und eilte nach der Thüre.
John wollte ihr folgen, sie nach Hause führen.
Sie wehrte es ihm. ,Soll ich wieder einen Verweis
bekommen. um Ihretwillen?' lachte sie und war ent-
schwunden.
, Sie ist wirklich reizend !. rief John ihr nach.
, Und Du bist gründlich in sie verliebt!'' sagte
Jstine.
, Gründlich! wiederholte er. ,Sie ist Deine
Nachfolgerin in meinem Herzen! Es war auch Zeit,
daß ich mich wieder einmal auf mein Herz besann!'
,, Aber was denkst Du Dir dabei??
,, Nichts! Ich bin vergnügt und freue mich, daß
ich nicht immer und ewig an das Hauptbuch und
den Bernstein und an die Befreiung von den Fran-
zosen denke.?
, Sei vernünftig, John! Was-soll daraus werden,
aus Dir und aus dem Mädchen, -wenn es Neigung
zu Dir faßt? Es geht ja nicht!'?
,Sei Du vernünftig, Madame Frank, und laß
mir mein bischen zeitweilige Unvernunft! Mein
ganzes liebes Leben lang bin ich von Vater und
Mutter gefüttert worden mit Vernunft und Her-
kommen; und wie ich mich dann nach Vernunft und
Herkommen in Dich verliebt, bist Du es gewesen, die
mir das Beispiel gegeben hat, wie man mit Vernunft
und Herkommen umspringt, hast mir den Laufpaß
gegeben und nach Deinem Belieben geheirathet. Und
nuun ich mich endlich einmal, ich gebe Dir das z,
gegen alle Vernunft und gegen alles Herkommen ver-
liebe, nun kommst Du in all Deinem Glück und
predigst mir Vernunft!'?
,Du bist nicht leichtsinnig geng, so leichtsinnig
zu sprechen und zu handeln! Und Flora ist zu schade

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zu einem bloßen Spiel! Sie ist gut und ehrlich wie
Virginie, klug und gebildet=
,Durch und durch,'' rief John dazwischen, ,und
reizend obenein!-- Aber laß Dir kein graues Haar
wachsen, weder um sie noch um mich, und rufe mich
nicht, unnöthig an. Ich bin kein Lovelace, sondern
John Kollmann. Verlaß Dich auf den, und laß
ihn gehen!'r
Draußen schlug's acht Uhr vom grünen Tßore
und vom Rathhause, unten klingelte die Glocke an
der Hausthüre. Man kam und ging, verschiedene
Stimmen kreuzten einander, Schritte, die einander
folgten, kamen die Treppe herauf. Kollmann und
Madame Göttling traten ein.
, Unten bei Euch,'' sagte der Onkel, ,ist's zum
Jahresschlusse lebhaft wie auf dem Jahrmarkt, Es
ist eben eine Estafete angelangt, und der Major ist
gekommen, mit einem seiner Leute hinter sich, der
Wild abliefert. Da ist er selbst!r
,, Und sehr erfreut, Madame, Ihre Einladung
gefunden zu haben und ihr Folge leisten zu können,''
bestätigte der Major, Justinen die Hand küssend, die
sie ihm zum Willkomm gereicht. ,Ich bin übrigens
erst an diesem Nachmittage zurückgekehrt, weil ich
meinen Urlaub bis auf die letzte Stunde ausnützen
. wollte; und ich komme heim, beladen mit Empfehlen
und Grüßen von dem Freunde und mit einer Probe
unserer Jagdbeute, die ich Ihnen in seinem Namen
zu Füßen legen soll.?
,Es geht also gut in Rasten? fragte Juustine,
nachdem man an dem Theetisch Platz genommen, an
welchem Madame Göttling aus alter Gewohnheit ihres
Amtes waltete, damit Justine sich ihren Gästen aus-
schließlich widmen konnte; und auch der ältere Koll-
mann verlangte Näheres von dem Baron zu hören.

=- F0!--
Der Major sagte, Eberhard sei wie geboren für
sein Amt. Er sei im eigentlichen Sinne des Wortes
des Landes Rath, so weit seine Verwaltung reiche.
Seine Menschenfreundlichkeit habe ihm die Herzen der
Leute zugewendet. Wie sonst in den besten Fällen die
Leute sich mit ihren Angelegenheiten an die Geistlichen
wenden, wende man sich an ihn; und die Kenntnisse,
die er in der Bewirthschaftung des Landes in England
und Holland, in der Schweiz gewonnen, kämen ihm
und seinem Kreise ebenso zu statten, wie sein guter
Sinn und seine Vaterlandsliebe ihm einen wohl-
thätigen Einfluß unter den Gutsbesitzern und die An-
erkennung seines Oberpräsidenten eingetragen hätten,
der eben noch an der Jagd Theil genommen, die man
vor drei Tagen in Rasten abgehalten. Von dieser
Jagd stammte der Rehbock und die beiden Feldhühner,
welche er in Madame Darners Küche gesendet.
, Z denen Sie Alle geladen sind ' Fchaltete
Justine ein, als Frank mit den Wokten in das
Zimmer trat:
,, Viele Grüße und ein prosit Neujahr! vom
Vater in Paris.?
,, Also die Estafette war von ihn? fragten sie alle
auf einmal, und Kollmann setzte hinzu:
, Darf man wissen, was sie gebracht hat?
, Gewiß!'' entgegnete Frank, Madame Göttling
noch besonders begrüßend, als sie ihm den Thee hin-
reichte., Zunächst natürlich Aufträge und Weisungen
für uns, und dann allgemeine politische Nachrichten,
die Sie morgen erfahren sollen, wenn wir wieder im:
Geschäft sind. Kriegsgerüchte und derlei, die die Vögel
ja jett seit Jahren von den Dächern singen. Heuute
das Vergnügen, morgen das Geschäft! Und nuun,
ehe wir uns zu Tisch setzen, noch ein Wort von
Stromberg, lieber Major! Geht's ihm gut?

b- WN--
Der Major wiederholte in Kürze, was er den
Anderen bereits mitgetheilt, fügte aber noch eins
hinzu.
,Stellen Sie sich vor,' sagte er, ,daß Strom-
berg mit großer Einsicht und großem Geschick das
Krümpersystem bei sich in Rasten fortsetzt und damit
zur Nachghmung auf den anderen Gütern angereizt
hat. Einer seiner Leute, den er von Waldritten mit
nach Lithauen genommen und der gedient hat, hat
ihm an den Sonntagen seine Leute einexerzirt, daß
es, eine Freude ist, zu sehen, wie die Kerle sich tragen,
wie sie marschiren, wie sie auf das Tirailliren, so
gut sich's eben in dem Falle machen läßt, einexerzirt
sind. Und die Leute sind Feuer und Flamne dabei
und vergessen Essen und Trinken in dem Gedanken,
daß es damit auf die Franzosen abgesehen sei und
daß sie denen einmal eintränken werden, was sie hier
zu Lande verbrochen. Sie singen ihr ,Heil Dir im
Siegerkranz! und ,Ein' feste Burg ist unser Gott!:
daß es aus den rauhen Kehlen schmettert; und sie
sind ein schöner Menschenschlag, diese langen Lithauer
mit ihrem langen, blonden Haar und den langen
Reiterbeinen!r'
,Er ist doch ein ganzer Mensch!r sagte Frank
voll freudigen Anerkennens.
,Ein Jdealist, der ernst macht mit dem Jdealis-
mus in der Wirklichkeit!r bekräftigte der Major,
während man in die Nebenstube gegangen war und
an dem gewohnten Tische Plat genommen hatte.
Die Eiskübel mit dem Champagner, den man
sich in Lorenz Darners Hause bei solchen Anlässen
nicht versagte, fehlten diesmal auf Franks Tafel, da
man den Nothleidenden zuzuwenden hatte, was man
sonst für sich selber an Neberfluß, fröhlichen Sinns
genossen. Die dampfende Bowle hatte den Champagner

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zu ersetzen. Sie förderte die gute Stimmung und
das Behagen ebenso wie der französische Wein.
Sie waren heiter alle mitsammen. Selbst Franks
Stirne leuchtete wieder hell, und der Schatten der
Sorge, den Justinens liebevoller Blick an ihm wahr-
genommen, als er aus dem Komptoir heraufgekommen,
war verschwunden, als die Mitternachtsstunde schlug,
als Glas auf Glas dem Glück des neuen Jahres,
dem König, dem Vaterlande, den Entfernten darge-
bracht wurde.
, Stromberg und seine Garden !'' sagte Frank
und neigte sein Glas zu dem Major hinüber.
,, Und die Fürstin! Unsere gute Fürstin muß doch
auch ihr besonderes Lebehoch bekommen!' rief Justine.
,, Wäre Virginie hier, sie würde sagen: Die Frauen
werden immer vergessen.?
, Nicht in Deutschland, nicht unter uns ' sagte
der Major, und als befreite es ihm das Herz, setzte
er hinzu: ,Mademoiselle Virginie lebe hoch!'-
, Hoch und nochmals hoch!'' schallte es nach.
, Und die Fürstin! ergänzte Justine noch einmal.
,, Die Tochter aus Elysium!? scherzte Madame
Göttling, die doch auch ihren Beitrag mit Madame
Armfields Witz zu der allgemeinen Freude zahlen wollte.
, Die Tochter aus Elysium ! wiederholte John,
an Justine herantretend, und:,Die soll. Pathe sein
bei Flora!' flüsterte er ihr zu.
Justine behielt das Glas in der Hand und sah
ihn an, ihrem Ohr, ihrem Auge nicht trauend. ,Bist
Du von Sinnen? Das spricht der Punsch aus Dir!'r
,Der Punsch erfindet nicht, er schwatt nur aus!'
lachte John.
,Weiß Flora davon?
,, Kein Wort! Aber---
,,Was denn aber??

=- Zßg -
,, Wenn Vernünftige aus Liebe Jdealisten werden,
machen sie, wie Euer Baron, auch mit dem Jdealis-
mus in der Wirklichkeit ernst!=- Stoße an, Justine!
Ich will's auch gut haben in der Welt wie Ihr!
,,Geb's Gott!' entgegnete sie; ,aber Dein Vater
und die Ihren?? Und ihre Gläser klangen trotz
Justinens Bedenken aneinander.
Meu.z-=-- Kapuel.
fn, ßzk
Ein Ühr war vorüber. Die Gäste hatten sich
entfernt, im Hause wurde es stille. Frank und Justine
hatten sich die Kinder noch einmal angesehen, dann
hatte Justine, als sie ihr Schlafzimmer betraten, in
fliegenden Worten ihrem Manne berichtet, was ße mit
John erlebt und dabei schließlich ihrer Mahnung an
den Onkel erwähnt.
, Sieh mir einer unsern John an!' lachte Frank;
, er will auch seinen wilden Hafer säen! Das ge-
fällt mir von ihm; und dem Onkel gönn' ich die
Erfahrung!'
,,Er wird's nicht glauben! Es wird ihn em-
pören!' sagte Justine.
,,Nicht mehr als mich und den Vater sein Be-
- tragen an unserem Hochzeitsmorgen!''
,,Das hast Du ihm heut noch nicht vergeben
und vergessen??
,Vergeben?-- Ja! Vergessen nicht; und man
soll derlei auch nicht vergessen, weil es anzeigt, wessen
man sich von einem Menschen zu versehen hat! Doch
das beiseite. Ich habe noch einen Nachtisch für uns
aufgespart zu unserem heutigen Feste für uns beide.?
,Einen Nachtisch?