Die Familie Darner. Roman in 3 Banden.
Fanny Lewald
Kapitel 01

Ersies Kapitel!
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IFs ging stiller- her in Königsberg, obschon der
.F Hof von dem kleinen Landhause guf den Hufen,
in welchem die Königin mit ihren Kindern den
Sommer zugebracht hatte, bereits wieder in das
Schloß zurückgekehrt war. Von den Kurieren, die
von allen Enden kamen und nach allen Enden gingen,
merkte man nichts in der Stadt. Das Ende der
Schifffahrtszeit war auch vor der Thüre; von frem-
den Kaufleuten war nicht viel zu sehen, und was
man aus dem Schlosse erfuhr, war niederschlagend
und erhebend zugleich.
Ein Theil des Silberschatzes war eingeschmolzen
worden, um geprägt zu werden; der König hatte
jede Art von Luxus im königlichen Haushalt ver-
boten, selbst die Tafel auf das bescheidenste zu be-
dienen befohlen, und es ward über ein Gesetz berathen,
das die Krongüter verkäuflich machen sollte. Alle
treuen Diener der Herrschaften, wie die alte Ober-
hofmeisterin, die Jedermann in der Stadt pon An-
sehen kannte, und andere dem Hofe nakestehende
Beamte hatten, sofern ihre Mittel es ihnen erlaubten,
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gewisser Adelsvorrechte und seit der Drangsal, welche
allen gemein war, eine viel lebhaftere Annäherung
zwischen dem Adel, dem Militär und den Bürger-
lichen stattgefunden hatte, so daß sie es lernten, sich
als Gleiche zu empfinden, so begegneten sich Alle nun
auch in dem Gefühl, dem Beispiel des Hofes zu
folgen, und sich einzuschränken, so weit es möglich
war, um mit allen Kräften, der Noth des Staates und
der immer mehr verarmten niederen Stände ent-
sprechen zu können.
Darner, obschon durch die freisinnigen Maß-
nahmen der Regierung dem Könige und dem Lande
von Herzen zugewendet, dessen Bürger er geworden
war, und seinen Mitbürgern durch den Haß gegen
die entehrende, tyrannische Franzosen-Herrschaft ganz
und gar verbunden, theilte jene Ansicht nicht unbe-
dingt, sondern ging auch in diesem Falle wieder seinen
eigenen Weg, mit der bewußten Absicht, andere zur
Nachfolge auf demselben anzuregen.
Wo es irgend gefordert worden, hatte er für
das Allgemeine wie für den Einzelnen seine Mittel
nicht geschont. Selbst seine Gegner hatten seine groß-
artige Freigebigkeit anerkennen müssen; aber wie er
dieser keine Grenzen setzte, machte er auch in der
Führung seines Hauses und in seinen für dieselbe
nöthigen Ausgaben keine Einschränkung.
,Es genüügt nicht,? hörte man ihn sagen, ,daß
wir Verarmten mit Wohlthaten zu Hilfe kommen. Wir
müssen, soweit wir es irgend können, den Gewerbe-
treibenden, den Handwerkern, den gewohnten Erwerb
zukommen lassen. Wer sein Geld nicht umgehen läßt,
erhöht die fremde Noth und bahnt die eigene an,
während das für Arbeit bezahlte Geld in natürlichem
Kreislauf auch dem zu Gute kommt, der es ausge-
geben hatte.? So nahm er denn auch seine frühere

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Art der Geselligkeit grade in der Bedrängniß des
Augenblickes wieder auf.
Er hatte, seit man die Franzosen in der Stadt
gehabt, die Mittagbrode eingestellt, welche er bis
dahin einmal in der Woche zu geben pflegte, denn
wer mochte neben feindlicher Einquartierung sich und
seine Freunde der Möglichkeit aussetzen, durch ein
frei gesprochenes Wort sich in Gefahr zu bringen?
Jetzt, da man keine Fremden mehr in der Stadt
und in seinen Häusern hatte, da es galt, die beab-
sichtigte Verschmelzung der Stände zu bethätigen,
beschloß Darner, seine frühere. Gewohnheit wieder
aufzunehmen.
Als er eines Abends, nachdem er und der Sohn
lange im Komptoir gearbeitet hatten,. in Franks
Wohnung am Theetisch von seiner Absicht sprach,
sagte er: ,Wir müssen überhaupt zu rnserer alten,
ursprünglichen Hausordnung zurückkehren; denn je
mehr wir nach außen hin fortdauernd in unsicheren
Zuständen leben, um so fester muß man trachten,
sich in seinem Hause einzurichten; und das Provi-
sorium des einheitlichen Haushaltes, in welchem wir
gelebt, seit das plötzliche Ausscheiden der Göttling
uns dazu genöthigt, soll auch mit dem Ende dieses
Monats sein Ende erreichen.?
,Ich soll also nicht mehr die Freude haben, für
Sie zu sorgen, Sie täglich an unserem Tisch zu
sehen? fragte Justine, von der Anordnung über-
rascht.
,Ich halte mich überzeugt,'' entgegneke ihr
Darner, ,daß Du Dich dem Dienst, den ich damals
von Dir fordern mußte, gern unterzogen hast; denn
ich habe Dir für die Art zu danken, in welcher Du
ihn mir geleistet, ohne daß Deinem Manne, wie ich
denke, etwas dadurch entzogen worden ='
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,Denken Sie nicht dabei an mich, Vater! Wenn
die bisherige Einrichtung Ihnen so lieb war, wie
uns ==?
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,Doch!r fiel ihm der Vater ein. ,Wer dauernd
zufrieden stellen will, muß die Bedürfnisse der Zukunft
im Auge haben und ihnen im Voraus die Möglich-
keit ihrer Befriedigung sichern. Jeder Familienvater
gründet sein Haus für sch, und als Justine Deine
Frag, ward, war Euer eigener Haushalt Euch bedingt.
Justkne sprach eben mit Recht davon, daß ich Jahr
und Tag an Eurem Tisch gegessen. Ich will wieder
den meinen für mich haben- Euch als Gäste bei
mir sehen. Lorenz wird heranwachsen und hoffentlich
nicht allein bleiben. Meine Autorität in Deinem Hause
und an Deinem Tische soll die Eure Euren Kindern
gegenüber nicht beschränken, und ich wünsche, daß Du
dieselbe aufrecht erhältst, wie ich die meine.
Justine sprang auf und fiel, dem Vater um den
Hals. ,Vater, sie hat uns nie gedrückt!r versicherte sie.
,Um so weniger darf es in der Zukunft dazu
kommen !' entgegnete Darner; aber sein scharfes Auge
meinte in ihrer Aufwallung und in dem Blick, mit
dem sie Frank, vielleicht ohne es zu wissen, gestreift,
die Zufriedenheit, wenn nicht die Freude zu finden,
welche sie über seine Anordnung empfand!
,Auch,? setzte Darner hinzu, ,muß ich doch an
Virginie denken und ihr eine Anerkennung verschaffen.
Sie hat sich gut gemacht während Deines Wochen-
bettes und gut gemacht als Hausfrau in Strandwiek.
Ich will's mit Dir allein versuchen, Tochter; ich denke,
es soll gehen, und die Arbeit soll Dir die Zeit ver-
treiben, damit sie Dir nicht lang wird, nun Deine
andere Hälfte sie nicht mehr mit Dir theilt.?
,Sie wissen nicht, was Sie mir damit gewähren,
Vater!' rief Virginie.

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,,Ich weiß es und darum geschieht es !' ent-
gegnete er ihr. Dann hrach er, wie immer, plötzlich
, ab, wenn er seinen Willen ausgesprochen hatte, und
mit dem Sohn von andern Dingen redend, die
zwischen ihnen im Laufe des Tages zur Erörterung
gekommen waren, überließ er ustine und seine
Tochter dex Unterhaltung über die mancherlei jetzt
nothwendig werdenden Einrichtungen für, ihre beiden
Wirthschaften.
Als sich danach Virginie, nachdem man sich ge-
trennt, mit dem Vater noch in dessen Zimmer allein
befand, sagte sie: ,Eine Frage; häbe ich noch an
Sie zu richten, lieber Vater! Seit wit ohne Ma-
dame Göttling waren, sind alle Besuche von Männern,
die unserer Bekannten wie die der Fremden, bei Justine
angemeldet worden. Wie wollen Sie, daß es damit
gehalten werde??
,Das ist eine verständige Frage,'' entgegnete er
ihr, und sie sah an seinem Blicke, daß er mit ihr
zufrieden war, ,und eben weil Du sie gethan hast,
stehe ich nicht an, Dir auch in dieser Hinsicht das
Recht der Hausfrau einzuräumen; nur überlasse es
Justinen, wenn wir Gesellschaft haben, die Wirthin
zu machen an der Tafel, wie es ihr als der Aelteren
gebührt. Im Nebrigen hast Du volle Freiheit. Wärst
Du ein mittelloses junges Frauenzimmer, so würdest
Du suchen müssen, Dir als Erzieherin, als Sprach-
lehrerin, da Du vielsprachig bist, Dein Brod zu
erwerben, und man würde jüngere Personen Deiner
Obhut anvertrauen. Du hast das Glück, in Deines
Vaters Hause lebey, zu können, und Dein Vater' ver-
traut Dir hiermit seine Tochter, vertraut' Dich Dir
selber an. Du wirst sein Zutrauen zu ehren und zu
verdienen wissen!'?
,Gewiß, Vater!' sagte sie, den Kopf hoch in

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die Höhe hebend und ihm fest ins Auge sehend, so
daß sie ihm größer erschien als sonst; und er entließ
sie mit einem Händedruck, statt des Kusses, mit
welchem er seinen Töchtern gute Nacht zu wünschen
pflegte.
Einen Augenblick blieb sie an der Thüre stehen.
Wenn man Gäste einlud, wenn man es erst wußte,
daß sie wieder in Königsberg wären, konnte es nicht
fehlen, daß der Hauptmann in das Haus kam.
Mußce sie dem Vater sagen, was vor Monaten und
was an dem Tage vor ihrer Abreise zwischen ihnen
vorgefallen war?
Sie wußte nicht, wie ihr das gerade jettt in
den Sinn gekommen war, und sie schwankte. Aber
ihr Entschluß war schnell gefaßt. Der Vater hatte sie
durch seine neue Einrichtung an sich und sein Haus
gebunden, hatte sie auf sich selbst gewiesen. Sie
mußte selber wissen, was ihr zu thun oblag. Und
bei ihm zu bleiben, ihm, dem die Jugend so hart
gewesen, den ihre Mutter verlassen, ihm zu danken
und zu lohnen, das hatte ihre Liebe für ihn sich. ge-
wünscht; und dazu hatte Gott ihr das festere Herz
gegeben, dessen sie sich immer neben Dolores bewußt
gewesen war. Der Vater sollte sich nicht in ihr be-
trogen haben.
Es hatte sich bald in dem Kreise ihrer Bekannten
herumgesprochen, daß die Darners von ihrer Reise,
zurückgekommen wären, und Jtalien lag damals den
Bewohnern des Nordens noch so fern, daß jeder, der
durch Augenschein davon zu berichten wußte, an und
für sich ein Gegenstand der Neugier war. Nach
Jtalien, nach Venedig verheirathet war keine von den
Königsberger Kaufmannstöchtern odervon den Töchtern
der Beamten, mit welchen jene Kaufmannsfamilien
im Zusammenhange standen. Es konnte also nicht

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fehlen, daß man zu hören wünschte, wie Dolores es
in ihrer neuen Heimat gefunden, daß man sich beeilte,
die Darners zu besuchen, und daß man es bei dem
Anlasse durch Justine erfuhr, wie das Hauswesen von
Vater und Sohn wieder gesondert : worden, und wie
Darner jett, gegen allen Brauch, ein achtzehnjähriges
Mädchen selbstständig und ohne alle weitere Aufsicht
an die Spitze seines Hauses gestellt, ihm, damit, und
das hoben die Frauen besonders hervor, für sein Theil
die häuslichen Rechte und Freiheiten einer Verhei-
ratheten zuerkannt habe.
-, Es fehlte nur noch,' bemerkte Mädame Arm-
field scherzend, als auch sie davon gehört, ,daß er
ein Schreiben herumschickte mit der Weisung, Made-
moiselle Darner fortan, wie den Töchtern von Frank-
reich, den Titel Madame zu geben.'? Der Scherz
hielt sie aber gar nicht ab, am Sonntgvormittag,
um die rechte eigentliche Besuchszeit erst zu Justine
zu gehen und dann auch für ein paar Augenblicke
Virginie aufzusuchen, um sich von ihr bestätigen zu
lassen, was sie von Justine über Venedig und über
all die Herrlichkeit erfahren hatte, von welcher Dolores
dort umgeben war. -
Als sie sich entfernte, begegnete ihr auf der
Treppe der von der Parade kommende Hauptmann.
,h, guten Morgen!' rief sie ihm entgegen,
,,also auch auf dem Wege, Madame Virginie die
Honneurs zu machen?
, ,Madame Virginie?? wiederholte der Haupt-
mann, seinen Ohren nicht trauend.
,D, Sie wissen es also nicht? Nun, ih will
nicht vorgreifen! Sie werden ja sehen. Fie nimmt
sich ganz vortrefflich in ihrer neuen Würde! Aber
ich bin eilig! Auf Wiedersehen, Herr Hauptmann!'?
rief sie und ging davon.

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Der Hauptmann war auch gar nicht darauf aus,
sie festzuhalten. Obschon er einsah, daß es nicht ernst
gemeint sei mit ihren Worten, mußte dem Scherze,
wie er glauhte, doch irgend etwas ihm Unbekanntes
zu Grunde liegen, und dadurch gespannt, war es
ihm angenehm, daß er Virginie allein antraf und
sie ihm bei seinem Eintritt entgegenkommend die
Hand hinreichte.
,Habe ich mich doch nicht geirrt! rief sie.
,Ich hatte fest darauf gerechnet, daß Sie heute
komnken würden!?
,Also Sie haben mein gedacht!' entgegnete er,
die Hand küssend, die sie ihm geboten; ,wenn Sie
wüßten, wie mich das erfreut!''
,Wenn Sie mir die Hand küssen, Herr Haupt-
mann, so gebe ich sie Ihnen nicht mehr! Und wes-
halb ich all die Zeit gewünscht habe, Sie zu sßrechen,
das werden Sie sich denken können. Aber nehmen
Sie Platz, hier. am Kamin. Der Wind steht auf
den Fenstern, man, fühlt ihn in dem ganzen Zimmer.?
Es lag etwas Herzliches und doch etwas Erkäl-
tendes in ihren Worten. Der Hauptmann empfand
das eine wie das andere. Die Andeutungen von
Madame Armfield lagen ihm auch noch im Sinne;
und da sein klarer Kopf sich unbehaglich fühlte, wo
er nicht auch klar vor sich sah, rückte er gradeaus mit
der Frage in das Feld: ,Mademoiselle Virginie, was
hat Madame Armfield damit sagen wollen, daß
man Sie Madame zu nennen habe und daß Sie sich
in Ihrer neuen Stellung gut zu behaupten wüßten.
Haben Sie sich verlobt? Werden Sie sich vielleicht
auch im Auslande verheirathen??
,Das sieht der grauen Fama ähnlich!'r lachte
Virginie mit dem freiesten Ausdruck ihres offenen
Gesichtes. ,Nun denn! Ja, ich bin verheirathet =

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,,Verheirathet??=- sprach er, ihr nach, und sie
sah, daß es ihn erschreckte. Es erschreckte auch sie,
da ihr Ohr das Wort von ihren Lippen vernahm;
sie überwand es jedoch im Augenblick und mit dem-
selben sichern Ton, der ihr schon in Strandwiek eigen
geworden war, setzte sie hinzu: ,Ich bin verbunden
mit meinsm Vater und mit diesem Hause und bin
Hausfrau in demselben, wie Sie daran sehen, daß
ich Sie bei mir empfange. Aber lassen wir den
Scherz und lassen Sie mich da anknüpfen, wo wir
aufgehört haben, als Sie am Wagen von uns Ab-
schieb nahmen: ich möchte nicht, daß Sie übel von
mir dächten!'?
,Wie könnte und wie dürfte ich das thun??
fragte er, immer niehr betroffen über ihre selbstge-
wisse Art.
,Sie hätten zu beidem ein Recht,? entgegnete
sie ihm, ,und der Gedanke daran hat mich nicht
verlassen in all dem Zerstreuenden und. Neberwältigen-
den, das an mich in diesen Ketzten Monaten heran-
gekommen ist. Sie wissen so gut wie ich, daß meine
Schwester Ihren Freund und daß er sie geliebt hat;
und ich wußte, daß jch ihm wehe that, als ich ihm
in Ihrem Beisein von dem Glück meiner Schwester
erzählte. Sie mußten mich Beide mindestens für
grausam halten - und ich war auch grausam und
war es mit Bewußtsein. Der Baron sollte leiden,
weil meine Schwester viel um ihn gelitten. Als ich
dann sah, wie es ihn getroffen, hat es mir nicht
Ruhe gelassen die ganze Zeit. Sagen Sie ihm das
und vergeben Sie es mir auch, damit ich zvieder
mit gutem Gewissen mit Ihnen verkehren kann,
Herr Hauptmann! Ich möchte Ihre Freundschaft
nicht verlieren, die Sie mir versprochen haben.?
Es war wieder das männliche Wesen, das sie

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ihm gegenüber schon einmal an den Tag gelegt, und
das sie ihm noch reizender und noch werther machte,
weil es mit ihrer Jugend und mit ihrer Schönheit
im Widerspruch erschien; aber er hatte sie zu nehmen,
wie sie sich ihm gab.
,Kennen Sie den Ausspruch,' fragte er: ,Die
beste Deckung ist der Hieb?
,Nein!r sagte sie und sah ihn fest an, aber sie
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erröthete über und über.
,Sie haben militärisches Genie, Mademoiselle
Virginie,? sprach er scherzend, ,Sie lieben es -
lassen Sie mich den Ausdruck gebrauchen - das
Prävenire zu spielen und durch Neberraschung zu
siegen. Sie haben mich einmal verhindert, die
Schranke zu überschreiten, hinter welcher Sie mir
gegenüber zu bleiben wünschten, oder für nothwendig
erachteten; und ich habe auf dem neutralen Boden
einen ehrlichen Friedensschluß mit Ihnen gemacht.
Heute =?
,Heute? Was habe ich heute gethan, das Sie
überraschen oder das Sie mir übelnehmen könnten??
fragte sie, ihn unterbrechend, weil jene Erinnerung
sie in Verlegenheit gesett.
,Heute hätten Sie mich durch Ihr Bekenntniß
bald daran gehindert, Ihnen zu sagen, daß ich jenen
kleinlichen Akt weiblicher Rache, den Sie gegen Baron
Stromberg, gegen einen edlen, an den Leiden Ihrer
Schwester tief betheiligten Mann ausgeführt, unter
Ihrer Würde gefunden habe.?
,Herr Hauptmann! rief sie und sie fühlte die
Thränen aufguellen, daß sie Mühe hatte, sie zurück-
zuhalten.
,Aber,? fuhr er fort, ohne ihren Ausruf zu
beachten, ,ich habe mir in demselben Augenblick ge-

T ==-
sagt: Wie unglücklich muß Dolores sein, wenn
Virginie sich so weit vergessen konnte, und ich habe
es Ihnen in meinem Herzen erst vexgeben, als Ihr
Abschiedswort mir sagte, daß Sie Ihr Unrecht ein-
gesehen.?
,,Herr Hauptmann!' hob sie wieder an. und
wieder ließ, ex sie nicht weiter sprechen. ,O,'? rief
er und schüttelte ihr die Hand, ,nun kein Wort mehr
- davon! Wir haben uns wie Freunde ausgesprochen
und sind und bleiben Freunde wie zuvor. Aber wie
geht es Madame Joannu? Wie findet sie! sich in ihr
Geschjck und in ihre neue Lage??
Virginie stutzte. Der Hauptmann hatte sie zu-
recht gewiesen, sich behauptet, aber sie gab sich nicht
verloren und sie wollte ihn nicht verlieren. Ihr
gutes Gewissen half ihr vorwärts.
,Ich danke Ihnen,' sagte sie, ,Sie haben mir
eine Lehre gegeben, die mir nicht verloren sein soll.
Helfen Sie mir weiter ehrlich fort auf meinem neuen
Wege. Alles will ja erlernt sein!-- Mit ein paar
Worten setzte sie ihn darauf von der neuen Ein-
richtung und der ihr dadurch zugefallenen Aufgabe in
Kenntniß und sagte dann: ,Und nun, Herr Haupt-
mann, ich bat Sie schon einmal darum, nun ver-
kehren Sie mit mir, als wäre ich nicht achtzehn
sondern achtundzwanzig Jahre und nicht ein Spiel-
zeug, mit dem man tändelt, sondern ein vernünftiger
Mensch. Geben Sie das Beispiel, so machen Ihnen
es die Anderen nach, und ich kann leisten, was mein
Vater von mir erwartet, und was ich leisten will!
Die Hand darauf, Herr Hauptmann!'?
,Die Hand darauf!r sprach er ihr nach. ,Sie
dürfen mir vertrauen wie sich selbst und wie Ihr
Vater Ihnen; denn Sie sind seines Blutes wie Ihr
Bruder.?

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,Ea, gottlob ! rief sie. ,Aber vor Allem, wie
geht es dem Baron? Ist er in der Stadt? Was
treibt, was thut er??
,Was wir Alle thun: an jedem Tage das ihm
Gebotene, seine Amtspflichten. Im übrigen lebt er
wie wir Alle mit brennender Ungeduld dem Tag ent-
gegen, an dem es keine Schmach mehr sein wird, zu
leben. Wir reden nächstens mehr davon, denn zu
Ihnen darf man sprechen!' sagte er, während er sich
erhob.
,So sagen Sie mir's gleich.?
,Nein! Ich bin ohnehin länger geblieben, als
es Ihnen gegenüber recht ist!r entgegnete er ihr.
,,Sie dürfen, wenn Sie allein sind, Keinem von uns
einen so langen Besuch gestatten, Sie müssen uns
kurz abfertigen!-- Verzeihen Sie die Mahnung
Ihrem Freunde; und der Baron soll es erfahren,
in welchem Sinne Sie sein gedachten.?
Er ging von ihr, ohne ihr die Hand zu geben,
mit dem üblichen Gruß.
,Der ist gut und wahr! sagte Virginie laut
zu sich selber, und sie sehnte sich dabei wieder einmal
von Herzen nach der Schwester. Sie hätte ihn so
gerne gelobt.
Goooo===o
Bweites Kapitel!
Die Tage gingen hin und es war im Ende des
Oktober, als der Kaiser Alexgnder, von dem Kongreß
zurückkehrend, mit seinem Bruder in Königsberg ver-
weilte, den König von Preußen zu sehen und das
Königspaar zu einem Besuch nach Petersburg zu