Die Familie Darner. Roman in 3 Banden.
Fanny Lewald
Kapitel 19

=- Z0H--
, Ja, einen Brief von Virginie, der mit der
Estafette mitgekommen und den ich Dir vorenthalten,
denn die Neugier würde Dir nicht Ruhe gelassen,
und Du würdest eine schlechte Wirthin gemacht haben
zum Jahresschluß. Laß ihn uns jett zusammen lesen!?
Er zog den Brief aus der Brusttasche, öffnete ihn
und reichte ihn Justinen.
Virginie hatte ihn etwa acht Tage vor der Ab-
sendung der Estafette begonnen und in Absätzen ge-
schrieben. Sie berichtete zum Anfang, wie sie die
Reise sehr glücklich zurückgelegt, wie sie in Amsterdam
in den Häusern von Darners Geschäftsfreunden, und
ebenso in Paris, mit großer Gastlichkeit empfangen
worden sei, wie die Frauen sich ihr freundlich er-
wiesen und ihr die Sehenswürdigkeiten gezeigt, da
der Vater von seinen Geschäften hingenommen worden
sei; ,aber,'' schrieb sie, ,in den beiden letzten Tagen
vor der Ankunft von Dolores habe ich eigentlich nichts
mehr recht gesehen oder gehört, sondern immer nur
die Ühr in der Hand gehabt und gedacht: Kommen
sie denn noch immer nicht?
,, Und nun sind sie da seit fünf Tagen und ich
weiß' nicht, was ich Euch alles und was ich Euch zu-
erst sagen soll, denn nun wir beisammen sind, sind
wir jede erst wieder ganz sie selbst; und wir haben
geweint vor Freuden und auch darüber gelacht, und
haben wie zu Hause gern wieder einmal zusammen
in derselben Stube wohnen wollen. Polydor, der,
das muß man sagen, jedem Wunsche von Dolores
nachkommt, war gleich bereit, uns mit einander zu
lassen während unseres Beisammenseins; aber der
Vater litt es nicht. Er sagte, es gehöre sich nicht;
und gegen ihn, das wißt Ihr, lehnt man sich nicht auf.
,Wie sie aussieht? -- Schön und edel wie eine
Königin, wenn sie in ihrer prächtigen Kleidung unter

-- 2s =-
Menschen ist. Die Haltung unserer Fürstin ist nicht
edler.- Schön, noch viel schöner als vordem; aber
ich möchte sagen zum Weinen schön, oder zum Hin-
knieen schön, wenn sie mit mir allein ist! Wie eine
Heilige sieht sie aus, mit den stillen, ernsthaften Augen,
mit den geschlossenen Lippen und dem Lächeln über
die Anderen, die sich abmühen um Dinge, welche ihr
gleichgültig sind wie ihr Schmuck, wie der Reichthum
und die Feste, oder das Theater und die große Oper
und was mich sonst verlockt. Sie sagt, das Alles
habe sie durch die Jahre hindurch im Nebermaß ge-
nossen; sie verlange nach nichts, als die Tage des
Beisammenseins mit uns in Ruhe zu verleben.
,Polydor giebt ihr in Allem nach. Er hat die
feinste Aufmerksamkeit für sie, aber er ist besorgt um
ihre Gesundheit; und in der That ist sie bleich und
auch schweigsam. Die Marquise von Beauvrignon hat
ihm zugeredet, den Leibarzt des Kaisers für Dolores
zu berathen, deren Nerven vielleicht die Bäder von
Bareges, oder das Gebirge nöthig haben. Der Vater
billigt das, Dolores will nicht davon reden hören.
Daß sie krank ist, glaube ich selbst nicht; und daß
sie nicht von Herzen glücklich ist, wußten wir ja leider
schon so lange.?
Zwei Tage später hieß es: ,Als wir heute allein
waren, der Vater und ich und Dolores, hat er sie
mit all seinem Ernst und mit all seiner Liebe gefragt,
wie sie in Venedig und in ihrer Ehe leben. Sie
hat ausweichend geantwortet. Da hat er gesagt, daß
er die Wahrheit von ihr fordere.
,,.Nun denn,: hat sie geantwortet, wvenn Sie
es befehlen, so gehorche ich. Hätte ich mich selbst
und die Menschen und die Welt und die Ehe' in der
Welt, in der ich leben sollte, so gekannt wie jetzt, so
wäre ich nicht Polydors Frau geworden. Aber daran

-- W? =-
trägt er nicht die Schuld. Er liebte mich und liebt
mich noch, und keine der Frauen, in deren Mitte ich
lebe, hat sich weniger über ihren Mann zu beklagen
als ich.:
,,Sie sprach das so ruhig, als redete sie von
einer Dritten. Der Vater ließ keinen Blick von ihr;
mich überlief es kalt, weil sie es so kalt aussprechen
konnte.
,Wie sie das vollendet, kam mir's vor, als über-
lege sie, ob sie weiter gehen solle, aber der Vater sagte:
,,as genüügt mir, da ich Deiner Wahrhaftig-
keit vertraue! Hast Du in Deinem Manne, in Deiner
Ehe nicht voll gefunden, was Du Dir vielleicht von
Glück geträumt, so hast Du Dich, wie ich sehe, mit
der Unvollkommenheit aller menschlichen Dinge ab-
finden lernen. Das ist verständig, und ich lobe Dich,
wie Polydor Dich lobt und sein Glück. Aber--
besinne Dich, Tochter! Hast Du einen Wunsch, ver-
langst Du etwas, das anders sein könnte, das ge-
ändert werden könnte durch mich zu Deinem Wohl,
so sprich es aus!
, Sie schwieg, dann küßte sie ihm die Hand
und sagte:
, ,Ich danke Ihnen, sorgen Sie sich nicht um
mich! Sie sehen ja, wie es ist, und so muß es auch
bleiben.?
,Darüber kamPolydor, beladen mit neuen Kriegs-
nachrichten, zurück. Es war schon spät am Abend;
sie gingen beide, der Vater und Polydor, zu dem
englischen Gesandten zu einem Nachtessen; und wie
wir dann allein waren, wie Dolores sich in den
Sessel warf, da wußte ich, daß mein Herz mich nicht
betrogen; aber sie hat auch den' Vater nicht getäuscht,
obschon er ihr den Willen gelassen hat, und nicht
weiter in sie gedrungen ist.

-=- Ißs -
,Ich aber habe ihr gesagt: So unglücklich bist
Du, daß Du Dich schämst, es zu bekennen!: Da hat
sie aufgeweint wie im lauten Schrei, und hat gerufen:
,,Laß die Todten ruhen, rufe keine Geister, denn
Du kannst sie nicht bannen und nicht ich!-- Du
kennst die Welt, in der ich lebe, nicht! Ich habe es
gelernt, zu leben in der Lüge- aber die Wahrheit
lebt noch in mir! Ich habe es gelernt, meinen Mann
zu theilen mit einer Andern, die mich verräth und
ihn verräth, und mich abzufinden mit dem Gedanken,
daß ich ihn nicht theile mit Theaterprinzessinnen,
oder mit Frauen, an die zu denken Schande ist und
Schmach-
,,Dolores, um Gottes willen, reiße Dich los,
komm mit uns! Ein Wort und der Vater macht
Dich frei, und Du gehst mit uns!: beshwor ich sie
in meiner Angst.
,,Sie hatte sich aufgerichtet, trocknete ihre Augen,
und ihre Stimme wurde wieder ruhig.
,,Mach Dich frei!: sprach sie mir nach. Das
sagst Du so hin und bist so alt wie ich und warst
immer klüger als ich! Aber was weißt Du davon?
Frei!- Wird man denn frei von dem Banne, den
der Mann mit der Ehe über uns wirft?- Und geh
mit uns!-- Wohin, wozu, als was?=- So ich-
bei Euch sitzen und mit Fingern auf mich weisen
lassen als auf eine Frau, die von ihrem Manne
grundlos fortgelaufen ist?= Oder soll' ich denen in
der Langgasse und am Domplatz erzählen, was sie
nicht verstehen? was sie nicht ansehen können, wie es
die Leute ansehen auf dem Markusplatze? Wir sind
bei uns zu Hause am Theetisch in Rührung zerflossen
über Fieskos trauernde Gemahlin, haben die Gräfin
Julia tief verachtet! Bei uns in Venedig würde
man lächeln über uns, und lächeln über die klagende

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blasse Leonore, die es ja in ihrer Hand hat, statt
eines untreuen Gemahls zehn Eichsbei zu gewinnen!
Was wißt Ihr davon?
, Ich wollte sie unterbrechen, sie ließ es nicht dazu
kommen. Iragt mich nicht, dringt nicht in mich,
ich passe nicht mehr ins Vaterhaus! Ich brächte
Euch keine Freude, keine Ehre; und so muß ich
wenigstens meine Ehre wahren und bleiben, wie ich
zu bleiben geschworen habe, denn Serafina beleidigt
mich nicht; und thäte sie es, so würde Polydor mich
gegen sie schützen. Er liebt mich auf seine Weise
und handelt nach seiner Ehre! Kann er dafür,
daß wir von einer andern Liebe wissen, und von
wahrer Ehre und von Sitte?-- Ich kann nicht
mehr zurück, ich kannn nicht!' Sie schöpfte Athem,
ich stand vor ihr wie ein Kind. Ich hatte ihr nichts
zu sagen!
,Sie saß eine Weile still, dann gab sie mir die
Hand.-- ,dache kein Aufhebens davon zu Hause
und mache Dir keine Sorge, daß auch Du mir zu-
geredet, Polydor zu heirathen. Du hast's gut ge-
meint wie Alle; aber nimm Dir ein Beispiel an
mir! Heirathe nie, wenn Du's nicht von Herzen
thust!!-- ,avor bist Du sicher!k antwortete ich ihr.
,,Das hoffe ich!k entgegnete sie und ging hinaus,
sich zur Ruhe zu legen. Ich wollte sie begleiten,
noch bei ihr bleiben, sie gab es nicht zu.- Und
nun habe ich Euch geschrieben und Euch mein Herz
ausgeschüttet, und kann mich der Thränen nicht
enthalten; denn sie ist ja so jung und das Leben
lang, und man soll sie leben lassen bis ans Ende
in dem Wahn, in dem sie, sich aufgebend, sich zu
Grunde richtet? =- Ob ich es nicht doch dem Vater
c?.- -
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-- A0-
Damit brach der ausführliche Bericht ab, und
nur mit flüchtiger Hand waren noch die folgenden
Zeilen am Morgen hinzugefügt:,Der Vater kommt
eben und sagt mir, daß er eine Estafette an Frank
sendet, daß ich einen Brief mitschicken könne, wenn
ich geschrieben hätte, und daß wir, gegen die bis-
herige Anordnung, morgen schon nach London reisen,
da er früher, als er gedacht, zu Hause sein müsse.
So sende ich den Brief ab, wie er ist!=- Der
Vater meint, er könne zum Neujahr bei Euch sein.
-- Auch Polydor und Dolores werden Paris bald
wieder verlassen. Wir haben noch den einen Tag
mitsammen- und wann und wo werde ich die
Aermste wiedersehen?!-- Heute mit dem Vater zu
reden, ist ja unmöglich; und kann ich, darf ich es
überhaupt, da der Vater sie gewähren läßt, da sie's
nicht will? Wir haben einmal in ihr Leben einge-
griffen, und zu ihrem Unglück! Darf man's zum
zweiten Male thun?
,Aber ich muß schließen! Habt ein frohes Weih-
nachtsfest, einen guten Jahresanfang mit den Kindern!
-- Was hatte ich mir für Freude erhofft von dieser
Reise, von dem Wiedersehen mit Lora!-- Und wie
anders werde ich heimkehren, als ich gegangen! Die
traurige Gewißheit ist ja so viel schwerer als das
bange Ahnen!-- Lebt wohl, grüßt Alle, auch den
Major, wenn er mit Euch ist beim Feste!
Virginie.?
Die Eure
Justine faltete den Brief zusammen, er war
Beiden tief zu Herzen gegangen. Ihr Glück machte
sie das Leid der Schwester doppelt lebhaft empfinden;
doch Beide waren überzeugt, daß man Dolores nicht
auf die Möglihkeit einer Trennung ihrer Ehe hin- -
weisen dürfe, so lange sie eine solche nicht begehre;
daß man sie, wie der Vater es gethan, ihrem Ge-

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fühle folgen und den Weg gehen lassen müsse, den
sie zunächst als den ihr gemäßen erachte.-,Aber,
sagte Frank, ,wer hätte das in Dolores gesucht?
Wer hätte erwarten können, daß aus dem sanften,
kindlich schüchternen Geschöpf ein Charakter werden
könne wie sie, daß sie so viel Darnerisch Blut in
ihren Adern habe?-- Wenn das Kind ihrer Mutter
sich so entwickeln konnte, dürfen wir uns für unsere,
für Deine Kinder, das Tüchtigste versprechen; und
Lorenz läßt sich auch schon darnach an.?
, Eigenen Willen hat er wenigstens bereits genug !'
meinte Justine; ,aber was bestimmt den Vater zu
so schneller Abreise von Paris?
,, Leider nichts Gutes!'' und den Brief hervor-
nehmend, las er: ,An dem Ausbruch eines Krieges
mit Rußland.zweifelte man schon in Amsterdam nicht
mehr; hier sieht man ihn als im Laufe des nächsten
Halbjahres bevorstehend an. Darnach werden wir
also unsere sämmtlichen Maßnahmen zu treffen haben.
Ich gehe nun spätestens übermorgen nach London
und werde in der ersten Hälfte des Februar im
Komptoir sein, wenn ich nicht durch die Langsamkeit,
mit welcher jetzt die Aufenthaltskarten für die Fremden
in England ertheilt werden, gezwungen sein sollte,
länger im Hafen von Dover zu bleiben, als ich er-
warte. Der Disponent von Matthias Steenhoven
ist neun Tage aufgehalten worden, ehe er das Schiff
verlassen durfte. Theile den Kollmanns mit, was
Du hiermit erfährst; und mag die Benachrichtigung,
die ich von Personen erhalten, welche ich für so
sicher erachte, daß ich mich nach ihnen richte, auch
Anderen nützen; jedoch kann ich nicht einstehen,
wenn sie sich als irrig erweisen sollte, was bei den
rasch wechselnden Planen des Kaisers nicht ausge-
schlossen ist. ?
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-- AN--
,Also Krieg, klagte Justine, ,und immer
wieder Krieg! Und wieder das Elend und die
Noth, und obenein hier bei uns, wo sie ohnehin
kaum noch zu bewältigen sind! Wo ist denn noch
Glück und Freude zu finden, in der Welt, in der
wir leben??
,Das fragst Du? entgegnete ihr Frank, ,und
wir sitzen beisammen und drinnen schlafen unsere
Kinder??
Sie warf sich ihm in die Arme, die er ihr ent-
gegenbreitete.
,Muth, Justine! Es sieht wirr und arg aus in
der Welt, aber sie gehört dem Muthigen, und: ,Komme,
was kommen mag!?-- Wir sind ja beisammen !'?
Bwanzigstes Kapulel.
Der Major kam in Galauniform von der Neu-
jahrsaufwartung bei dem Generalgouverneur der Ost-
provinzen. Auf dem Domplatze traf er mit John
Kollmann zusammen. Es war um die Besuchsstunbe,
man sah viel junge Männer aus allen Ständen auf
der Straße.
, Wohin des Weges, Herr Major? fragte John.
Der Major sah nach der Thurmuhr hinauf. ,Ich
habe noch meinem Oberst aufzuwarten, aber es ist
erst halb ein Ühr. Ich kann noch bei den Lind-
heims vorgehen.?
,So begleite ich Sie, wenn's Ihnen recht ist!r?
,,Sie waren, wenn ich nicht irre, noch nicht
dort!'?
,Nein! entgegnete John.,Ich hatte es lange