Die Familie Darner. Roman in 3 Banden.
Fanny Lewald
Kapitel 20

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vor, bin aber nicht dazu gekommen. Nun schickt sich's
gut zum Neujahrstage und unter Ihrer Fahne!r
,Den Scherz bei Seite! Aber es freut mich, daß
Sie hingehen. Es sind sehr gebildete, vortreffliche
Leute. Die Fürstin Hedwig hat sie eigentlich ent-
deckt, und ich bin durch Stromberg mit ihnen be-
kannt geworden. Ich halte viel von dem Vater und
von den Söhnen; von dem Vater besonders, weil er
bei seinem starken Verstande der Einfachste und
Ruhigste von ihnen ist. Kennen Sie ihn näher?
John verneinte das. Er habe die Frau und
die Tochter, ebenso die Söhne, öfter im Theater, in
Konzerten, an den öffentlichen Spazierorten gesprochen,
sei der Tochter in der letzten Zeit ein paar Mal be-
gegnet. Der Vater aber sei seltener mit dabei ge-
wesen; doch kenne er ihn und den ältesten Sohn aus
angenehmem, verläßlichem Geschäftsverkehr, und die
Darners hätten ja Umgang mit ihnen, da habe er
viel Gutes von ihnen gehört. Die Tochter habe er
gestern noch einen Augenblick bei seiner Cousine ge-
sprochen.
,Seit einiger Zeit kommt ein junger, christlicher
Arzt, ein Doktor Werner, Freund des Sohnes,
viel in das Haus, der ihr sehr huldigt; aber sie
läßt es bis jetzt an sich herankommen!' bemerkte
der Major.
,Und die Eltern? Glauben Sie, daß sie die
Tochter taufenlassen, in solcheHeirath willigenwürden?
,Willigen? Mit beiden Händen würde die Mutter
zugreifen, schon um die Tochter bei sich behalten zu ;
können; abgesehen davon, daß eine Heirath mit einem !
Christen ihr schmeicheln würde; denn Herzenssache ist
ihnen Allen ihre Religion weniger als Ehrensache.
Der Vater ist Philosoph, die Söhne auch auf ihre
Weise. Und Flora? - Ich müßte sehr irren, oder

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die ist ein Durchgänger, wenn sie warm wird! Ich
möchte die schönen schwarzen Augen mit den großen
Sternen wohl einmal in Feuer sehen.?
Sie hatten das Haus erreicht, stiegen zusammen
die Treppe hinan, die zum Wolme führte, und wie
John dann, da der Major ihm den Vortritt auf-
nöthigte, den blank geputzten Drücker der Thüre in
der Hand hielt, hatte er ein Mißbehagen, ein Wider-
streben in sich niederzukämpfen.
Er hätte nicht gehört haben mögen, was der
Major gesagt. Er mochte nicht denken, daß das
Mädchen, auf welches er sein Auge geworfen, das er
in sein Herz geschlossen, so leichten Kaufes für den
ersten Besten zu erlangen sein könne; denn welchen
Preis er von seiner Seite zu zahlen haben würde,
um sie heimführen zu können, das war nicht voraus-
zusehen. Er unterschätzte das Opfer nicht, das er
dabei von seinem Vater zu fordern genöthigt sein
würde. Aber er mußte Flora wiedersehen, sie in
ihrem Vaterhause sehen, in Ruhe mit ihr sprechen,
mit ihr verkehren können. Er mußte wissen, ob er
sich täusche in dem Glauben, daß sie seine Liebe theile.
Und wenn er sich nicht täuschte, wenn sie ihn liebte?
-- Er war immer ein guter Sohn gewesen, hatte
sich dem Vater gern gefügt. Jett war er ein Mann
von vierunddreißig Jahrenl Mochte der Vater sich
denn nun auch dem Sohne fügen, wenn es dessen
Liebe und Ehre galt.
Madame Lindheim saß auf dem Sopha, Flora
auf dem erhöhten Tritt im Fenster an dem Nähtisch,
der Vater kam aus dem Nebenzimmer herein, als
der Major und John bei ihnen eintraten. Der
Major wurde freundlich wie ein alter Bekannter
empfangen; Lindheim ging dem neuen Gaste ein
paar Schritte entgegen.

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,Willkommen in meinem Hause!' sagte er mit -
einer Gemessenheit, die er sonst im geschäftlichen
Verkehr und an der Börse gegen John nie an den
Tag gelegt.
, Haben Sie Dank dafür !' entgegnete ihm John.
, Ich wollte mir lange schon die Freiheit nehmen,
Sie in Ihrem Hause aufzusuchen; ich meinte aber,
es am Neujahrstage am besten zu thun, um zugleich
Ihnen und den Damen meine Glückwünsche dar-
bringen zu können.?
,Die wir, fürchte ich, wieder sehr nöthig brauchen
werden !' meinte Lindheim, während sie nach dem
Sopha gingen und der Major zu Flora herangetreten
war, die am Fenster sitzen blieb, so daß John sich
nur von fern vor ihr verneigen konnte. Die Unter-
haltung kam schnell in Gang. Madame Lindheim
fragte mit warmer Dringlichkeit nach Johns Vater,
den sie so gut wie gar nicht kannte, nach Madame
Göttling, nach sämmtlichen Darners, sprach von der
Fürstin und von Allem, worin sich eine Gemeinsam-
keit mit den zu Johns Lebenskreis gehörigen Per-
sonen feststellen ließ, und rief mitten darin Flora mit
der Frage an:
,,Warum bleibst Du denn da sizen? Komm
doch her!'r
Flora gehorchte. John hörte nicht mehr, was
Madame Lindheim sagte, nicht mehr was der Major
von dem Empfang bei dem Generalgouverneur von
Hork berichtete. Er sah nur die dunkle Gluth, die
sich über Flora's Stirn und Wangen ergoß, und
sie dünkte ihn wie das Aufzucken des Morgenrothes
vor dem Tagesanbruch; aber die Unterhaltung mit
der Mutter gerieth ins Stocken seit dem Augenblick,
in welchem Flora dazu gekommen war, und John
mußte wie zu einem Feuer, das nicht recht brennen

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will, immer frisches Material herbeischaffen. Wäh-
rend der Major und Lindheim mit den Tagesvor-
gängen beschäftigt blieben, sprach er mit den Frauen
von der Schlittenpartie, welche die Studenten zum
Jahresschluß gehaht, von einer andern, bei welcher
die Offiziere mit Damen fahren würden. Flora war
natürlich nicht dabei. Er fragte, ob sie es liebe,
übers Eis zu fahren; sie bejahte es. Er schlug vor,
sie und die Mutter am nächsten Tage nach Holstein
hinaus zu fahren, da er seinen russischen Schlitten
mit nach Preußen gebracht und bei dem Stalleeistex
ein Paar Pferde gefunden habe, die im Kummet und
auf gut russisch mit dem Galopin eingefahren wären.
Aber noch ehe die Mutter oder Flora ihre Meinung
hatten äußern können, lehnte der Vater mitten aus dem
Gespräch mit dem Major das Anerbieten dankend
ab, weil seiner Frau das Fahren in einem offenen
Schlitten bei der Kälte nicht bekommen würde.
Freilich meinte John sie im offenen Schlitten
gesehen zu haben, indeß gegen des Vaters Bedenken
war nichts zu machen. Die Unterhaltung stockte
wieder. Es mußte wieder eine neue angefangen
werden, und von der Kälte zur Wärme überspringend,
lobte John das sonnige Zimmer und die Behaglichkeit
desselben.
,Da wir sehr häuslich leben, fast gar keine Ge-
sellschaft frequentiren,? bemerkte die Mutter, ,so
müssen wir es bei uns heimisch haben. Unsere
Bücher,? sie wies auf die Schränke hin, hinter
deren Scheiben eine ansehnliche Büchersammlung in
kostbaren Bänden aufgestellt war, ,unsere Bücher,
Flora's Gesang und einige gute, gleichgesinnte, auf,
die höheren geistigen Interessen gestellte Freunde
verschönern uns die Abende; und ich bin der
Meinung, daß sich der Mensch nur in engem Kreise

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vertieft, namentlich in unserer Zeit, in welcher mnn,
und so rasch hinter einander, so viel Unerfreuliches
zu erleben gehabt hat. Finden Sie das nicht auch?
Er war ganz ihrer Ansicht.- Er fand auch, daß
sie sehr gut sprach, aber er konnte nicht begreifen,
weshalb Flora, die sonst so munter plauderte, kaum
auf seine einfachsten Fragen Antwort gab; und doch
kleidete sie die ihr sonst ganz fremde Schütchternhet
ganz allerliebst, mit der sie ihn ansah, als köne ein
offener, freier Blick ihm schaden. Böse war sie ihm
nicht, denn das Läächeln um ihre Lippen hatte er
freundlicher nie gesehen, und wenn sie ihm nicht böse
war, war sie ihm gut; er ihr auch!
Der Major mußte fort; John hatte keinen
Anlaß, seinen Besuch zu verlängern. Als sie sich
verabschiedeten, sagte Lindheim dem Major, er
möge sich bald wieder sehen lassen; und die Mutter
meinte, es sei das Sicherste, gleich einen Tag zu
verabreden.
,Es ist heute Montag!'' sagte sie. ,Wie wäre
es mit dem Freitag Abend? Und da Herr Kollmann
uns heute das Vergnügen seines Besuches gemacht
hat, dürfen wir ihn vielleicht bitten, den Freitag
Abend auch bei uns zuzubringen?'
John nahm die Einladung dankbar an. Die
Männer entfernten sich, Lindheim begleitete sie, und
sie blieben draußen noch einmal im Gespräche stehen.
Kaum aber hatten sie das Wohnzimmer verlassen,
als Madame Lindheim in den Vorwurf ausbrach:
,Sag' mir um Gottes willen, Flora, was war
das für ein Betragen? John Kollmann macht uns
unaufgefordert einen Besuch, und Du bleibst da oben
sitzen, bis man Dich rufen muß! Er unterhält uns,
und Du sitzest da, als wüßtest Du nicht zu sprechen,
wie sich's schickt. Was soll der junge Mann von

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Deiner Erziehung und von unserem Hause denken?
Du hast überall, wo wir ihm begegnet sind, mit ihm
geredet und gescherzt und seine Galanterien auf-
genommen, wie sich's gebührt; und heute in unserem
Hause empfängst Du ihn, als fändest Du es nicht
der Mühe werth, den Mund aufzuthun, als wäre
es nicht eine Artigkeit, die er uns erwiesen hat.?
Flora wurde wieder roth, warf den Lockenkopf
wie ein verzogenes Kind trotzig in den Nacken und
entgegnete:
,,Daran ist Niemand schuld als Sie, Mama!
Sie und der Papa haben mir neulich am Weih-
nachtsabend solche Vorwürfe gemacht über meinen
Leichtsinn und meinen Mangel an Schicklichkeits-
gefühl, daß ich gestern noch viel unhöflicher gegen
Kollmann gewesen bin als heute.
,Gestern? Was heißt gestern??
,,Er kam gestern zu Madame Darner, als ich
dort war. Ich machte also, daß ich weg kam, und
wie er mich hierher bringen wollte, sagte ich, das
dürfe er nicht, und ging fort, ohne den Friedrich
abzuwarten, der mich abholen sollte.?
, Und davon hast Du kein Wort gesagt?' tadelte
die Mutter.
,,Ich konnte ja nicht ahnen, daß er kommen
würde; und wenn es das eine Mal heißt, ich sei zu -
freundlich, und das andere Mal, ich sei zu still, so
weiß ich nicht mehr, was ich soll und=-r
,Und? fragte streng die Mutter.
, Ja, dann kann ich mir nicht helfen, dann thue
ich, was ich will und wie mir's grade ist!'r rief
die Tochter lachend und ging hinaus in dem Augen-
blick, in welchem der Vater wieder in das Zimmer
zurück kam.

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,Du hättest Kollmann nicht gleich einladen sollen!?
bemerkte er der Frau.
,Da er einen Besuch gemacht hat, gehörte es sich
doch, daß man auch ihn aufforderte, wenn man den
Major einlud, mit dem er gekommen war.?
,Es gehörte sich, daß er Dich oder mich oder
einen der Söhne vorher um die Erlaubniß gebeten
hätte, seine Aufwartung machen zu dürfen, ehe er
gekommen ist; und er würde das anderwärts nicht
unterlassen haben. Bei uns, denen er eine Ehre
mit seinem Besuche zu erweisen glaubt, hat er ge-
meint, das sparen zu können. Du weißt, wie ich
darüber denke. Der Nichtachtung gegenüber hat man
sich dreifach hoch zu halten.?
,Man spricht oft genug von Deinem Hochmuth; s
und, wie Lessing sagt: Fo ganz nur Jude seint,
darin, Herzens-Jakob, liegt doch auch keine Seelen-
größe.?
,,So lange ich ihnen nur der Jude bin, bleib!
ich ihnen gegenüber nur der Jude, wenn mein Herz
an dem Land und dem König auch grade so gut
hängt als das ihre! Aber-- das apart!-- Koll-
mann halte mir fern !? -
,,Warum aber? Er ist ein so grader, braver
Mann!'?
,Warum? Weil Flora dagesessen und ausge-
sehen hat, degnadigt und beseligt wie die gemalte
Jungfrau Maria unter den Augen des Verkündigungs-
engels; und weil John Kollmann uns hier gar nichts
zu verkündigen hat als eine Liebschaft mit Flora,
Schwierigkeiten von ihrer Seite, wenn sich eine schick-
liche Heirath für sie findet, Gerede in der Stadt, und
Verdrießlichkeiten mit den Kollmanns, mit denen wir
zu thun haben. Er wird am Freitag kommen, lade
dazu noch ein paar andere Leute, namentlich den

-- A0-
Doktor Werner ein, der Flora in Anspruch nimmt;
und die Hauptsache ist, Du weißt, wie ich die Sache
ansehe. Richte Dich darnach!
,,Jakob, glaube mir, ich habe doch auch meine
Augen und meinen gesunden Verstand! Aus bloßer
Laune ist Kollmann nicht gekommen, und ich habe nie
ein Wort verlauten lassen, das ihn dazu bestimmen
konnte. Seit dem Sommer, seit dem Frühjahr schon,
hat er uns überall aufgesucht, wo er irgend hoffen
konnte, uns zu finden =
,,So hättet ihr Euch nicht finden lassen sollen!
Seit dem Abenteuer am Weihnachtsabend weiß ich,
daß die Sache weiter gediehen ist, als es sich gehört,
und daß ihr ein Ende gemacht werden muß.?
,,Da er ein Mann von Ehre ist und, wie ich
glaube, Absichten auf Flora hat, muß man ihm das
sagen!'' wendete die Frau ihm ein.
,,Es zu sagen, hat man nicht nöthig, denn das
hieße ihn zu einer Erklärung verleiten. Du hast
Freitag Gelegenheit, es ihm zu verstehen zu geben,
und ich wünsche, daß Du es thust; denn ich habe
eine gute Aussicht sür Flora nach dem Haag, und
da soll sie hin, je eher um so besser!? -- Er küßte
die Frau, ehe er hinausging, sie gaben sich die Hände,
aber sie blieb verstimmt trotzdem.
Sie besaß nicht die in sich gefestete Ruhe ihres
Mannes, nicht die stolze Kraft, welche er dem Vor-
-urtheil entgegen zu setzen hatte, nicht die Geduld, mit
welcher er auf eine Aenderung der Zustände hoffte,
- die am Ende jetzt nicht mehr lange ausbleiben konnte.
Sie hatte immer die Nichtachtung schwer empfunden,
welche auf den Juden lastete; und der Schutz und
die Vermittlung, welche die Fürstin ihr und den
Ihren angedeihen lassen, hatte ihr die Ungeduld ge-
steigert,. mit der sie sie ertrug. Der Major hatte sich

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nicht getäuscht in der Voraussetzung, daß sie nichts
sehnlicher verlange, als wenigstens ihre Tochter durch
eine Heirath mit einem Christen, dem Druck entrückt
zuu sehen, unter dem sie und die Ihren bisher gelebt;
und nun, da sich eine Möglichkeit dazu zu er-
öffnen schien, trat ihr Mann ihr entgegen.
Ihm zuwider zu handeln, daran dachte sie nicht.
Sie durfte weder Flora noch Kollmann ermuthigen.
Sie mußte ihre Hoffnung auf Flora's Neigung für
John setzen, auf seine Liebe zu ihr, die ihrem Muutter-
auge lange kein Geheimniß mehr gewesen war.
Als John nach Hause kam, fand er Frank bei
seinem Vater, der dem Onkel seiner Frau den schul-
digen Neujahrsbesuch nicht fehlen lassen, und ihm
zugleich die von dem Vater erhaltene Nachricht mit-
theilen wollte. Sie war ernsthaft genug, die drei
Männer zu beschäftigen. Nachdem man jedoch eine
Weile hindurch eine Reihe von Möglichkeiten in An-
schlag gebracht und erwogen, mußte man sich sagen,
daß alles Planen in das völlig Unberechenbare hinein
ein unfruchtbares Spiel sei; und von dem Fern-
liegenden zu dem nächsten übergehend, sagte Frank:
,,Sie waren mit dem Major bei Lindheims und
haben mit ihm eine Einladung zu einem der nächsten
Abende erhalten, wie er mir vorhin sagte; aber Sie
werden noch nicht wissen, was er später bei seinem
Regimentschef erfahren hat: die ganzen leichten
Truppen in Ost- und Westpreußen werden auf den
Felddienst einexerzirt, die Krümper mit eingerechnet.
Das ist eine Bestätigung für unsere Pariser Estafette.
Inzwischen leben Sie wohl und lassen Sie uns eben
am Tage den Tag genießen!''
,,Du bist bei Lindheims gewesen, hast eine Ein-
ladung zu ihnen angenommen?? fragte der Vater,
nachdem Frank sich entfernt hatte. ,Wie bist Du

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darauf gekommen, und was hast Du da zu
suchen!-
John war nicht sicher, ob Frank seines Besuchs
bei Lindheims nur zufällig erwähnt; ihm aber hatte
er, absichtlich oder nicht, einen Dienst damit geleistet,
denn er hatte das Eis gebrochen; und der im Tone
der Unzufriedenheit bestimmt gestellten Frage seines
Vaters mit gleicher Bestimmtheit entgegnend, sagte er:
,, Wenn Sie es wissen wollen, Vater, und ich's
ehrlich sagen soll, was ich dort suche, so antworte ich:
Die Tochter. ?
, Narrenpossen!'' lachte der Vater, dem Sohne
anzudeuten, wie unmöglich ihm die Sache scheine.
,, Wir haben den ersten Januar und nicht den ersten
April! Laß das Mädchen und die Leute in Ruhe!'
John zögerte einen kurzen Augenblick. Des
Vaters Verhalten hatte ihn nicht überrascht, aber doch
gekränkt; und genöthigt, sich zu behaupten, sagte er:
, Sie haben durch Frank zufällig erfahren, Vater,
was Ihnen zu sagen ich gekommen war. Sie haben
lange gewünscht, mich verheirathet zu sehen, jetzt denke
ich selbst lebhaft daran mir eine Frau zu nehmen.?
,Aber doch nicht eine Jüdin!? fiel ihm der
Vater heftig ein.
, Eben Flora Lindheim!' erwiderte der Sohn
um so gelassener. ,Ich habe die Familie, wie Sie
wissen, bei Darner kennen lernen, bin nachdem, wo
sich mir Gelegenheit geboten, mit ihr zusammen
gekommen, und seit Justine mich ausgeschlagen, ist
Flora das erste Mädchen, das mir einen tiefen Ein-
druck gemacht hat. Kurz und gut, Vater! ergeben
Sie sich immer in den Gedanken: Flora Lindheim
wird meine Frau, denn die Eltern sind vorurtheils-
los, sind nicht bigott, und werden mir keine Hindernisse
in den Weg legen, wenn ich mit Flora im Klaren bin.?

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,Nicht vorurtheilsvoll, keine Hindernisse in den
Weg legen? Bei Gott im Himmel, das fehlte noch!
Soll ich vielleicht selbst den Freiwerber für Dich machen
gehen, und mich bei Jakob Lindheim bedanken, wenn
er so gnädig ist, Dir seine Tochter zu geben? höhnte
der Vater, sich mehr und mehr in Zorn sprechend.
Aber je mehr er sich ereiferte, um so ruhiger wurde
der Sohn und um so unheimlicher wurde diese Ruhe
dem Vater. Das war die kühle Beharrlichkeit, mit
welcher Johns Mutter ihren Willen immer durchzu-
setzen gewußt; die Beharrlichkeit, welche er durch seine
Ie für sie groß gezogen. Denn er hatte sie geliebt,
yatte trotz dieses, ihre Fehlers, glücklich mit ;ihr ge-
lebt. Er hatte sie sehr geliebt und er liebte auch den
Sohn, ihren und seinen einzigen Sohn. Aber Juden
in sein Haus, in seine Familie, jetzt, da man den
Franzosen gegenüber erst wieder voll und ganz z
dem Bewußtsein dessen gekommen war, was es mit
deutschem Sinne, mit preußischer Vaterlandsliebe auf
sich hatte? ,Juden?-- Nimmermehr!'
Und mit dem Nachsatz beginnend, der diesem
raschen Gedankengange folgte, rief er:
,Wärst Du gekommen, und hättest mir gesagt;
Ich bin verliebt, ich will ein bettelarmes Mädchen,
eine Handwerkerstochter heirathen! Das Mädchen ist
gesund und gut erzogen, die Eltern sind Kleinbürger,
aber rechtschaffen ---- gefreut hätte es mich nicht,
indeß ich würde Dir gesagt haben: Thue, was Du
nicht lassen kannst!- Jetzt aber?-- Das Mädchen
ist hübsch, die Leute sind anständig, sind reich, sind
auf ihre Weise geachtet; und wenn Frank Darner die
Lindheim'sche Tochter geheirathet haben würde, es
wäre nichts dagegen zu sagen gewesen damals!
Aber Konrad Samuel Kollmanns Sohn? - Da
muß ich Dir sagen: Schlag Dir die Thorheit aus

-- A-
, dem Sinn mein Sohn!-- Jakob Lindheims
-' Tochter paßt nicht in dies Haus !
John hatte ihn ruhig angehört. ,Ich habe Sie
nicht gebeten, Vater,' sagte er, ,den Freiwerber für
mich zu machen, ich denke das selbst zu besorgen, und
nicht daran gedacht, Sie in ihrer gewohnten Hääus-
lichkeit zu stören. Aber da Sie die Erfahrung ges
macht haben, daß ihr Mündel Justine ihrem Herzen
und ihrem Sinne nachgelebt hat, ohne sich an Ihr
Vorurtheil gegen den Sohn höriger Leute zu stoßen,
trauen Sie es Ihrem Sohne, der ein mündiger Mann
ist, immer zu, daß er weiß, was er will, daß er
thun wird, was er vor sich und seiner Ehre verant-
worten kann; und verargen Sie's ihm nicht, wenn
er glaubte, daß grade Sie um seinetwillen mit einem
Vorurtheil brechen könnten, eben weil Sie einer der
, ältesten und unantastbarsten Familien angehören.
Sie haben's wahrhaftig nicht nöthig, sich von dem
Gerede der Leute ins Schlepptau nehmen zu lassen,
da ich's nicht einmal thue.?
Kollmann hatte ihm den Rücken zugewendet.
Er stand am Fenster und trommelte leise auf den
Scheiben. John, der in der Mutter Lehnstuhl ge-
sessen hatte, stand auf und schritt nach der Thüre.
,Wo willst Du hin? fragte der Vater.
,Ich glaube, es ist besser, ich überlasse Sie
heute Ihrer Neberlegung. Ich werde in der Ressource
essen.r
,,Am Neujahrstage? John blieb stehen. ,Es
wäre das erste Mal, daß ich einsam säße am ersten
Tag des Jahres!r
,,Verzeihen Sie mir, Vater!r entgegnete der
Sohn und reichte ihm die Hand.
Der Vater ergriff sie nicht, aber er legte ihm
die Rechte auf die Schulter. ,eberlege Dir, was

- J-
Du thun willst. Ich bin ein Mann in den Sech-
zigern. Ich kann lange leben wie mein Vater, ich
kann jeden Tag abgerufen werden! Erspare mir die
Juden! Denk' auch an Deine Mutter!'?
, Vater!' rief John, ,SSie bitten zu hören und
nicht nachgeben zu können, fällt mir schwer; und doch
dars ich's nicht, denn im nächsten Augenblicke würde
ich's bereuen, wenn ich es gethan, und Ihnen zürnen,
daß Sie mich mir selber abwendig gemacht. Ich
habe mein Herz an Flora gehängt; ist ihr Herz ebenso
mein, so wird sie trotz Ihrer Bedenken meine Frau!'
,, Und das Urtheil der Leuute wird Dir beweisen,
wah Du damit gethan hast!
? ,Wer und was sind die Leute? Menschen, von
denen Sie jeden Einzelnen gründlich abweisen, wenn
er Ihnen mit seiner Meinung entgegentritt, wenn er
mit Ihnen von Dingen redet, von denen Sie nicht
geredet haben, über die Sie seine Meinung nicht hören
wollen. Als das Urtheil und Vorurtheil der Leute
sich bei seiner Ankunft gegen Lorenz Darner wendete,
der Bedenklicheres hinter sich hatte als die Lindheims,
gegen dle kein rechtlicher Einwand vorhanden ist, da
sind Sie, Vater, im Gefühl Ihrer Würde und Be-
deutung für ihn eingetreten. Sie werden nicht
weniger thun für Ihren Sohn. Sie haben es aus-
gesprochen, Sie haben nichts gegen die Achtharkeit
der Lindheims!?
,Nichts !? bekräftigte der Vater.
, So lernen Sie sie kennen, lernen Sie Flora
kennen; Justine wird Ihnen gerne die Gelegenheit
dazu bieten. Begünstigen Sie, was Sie nicht hindern
können. Es wäre das Bitterste, was mir geschehen
könnte, drängten Sie mich zu einer Wahl zwischen
meinem Vater und dem Mädchen, das ich liebe, das
rF,?F? - - =- «=-

-- As-
wie mich selbst, danken würde wie ich selbst; denn
ohne Ihre freie Zustimmung wird mir Lindheims
Ehrgefühl seiner Tochter Hand nicht geben.'?
Einundzwanzigstes Kapitel.
Darner hatte seine Reise möglichst abgekiürzt und
beschleunigt; noch ehe er jedoch in sein Haus zurück-
gekehrt war, wußte man es durch die Regierung und
durch die Zeitungen, daß die sogenannte Ausgleichung
der zwischen Frankreich und Rußland obwaltenden
Zwistigkeiten gescheitert, der Krieg gegen Rußland
von Napolon beschlossen sei, und daß diesmal nicht
nur wie bisher die Rheinbundsfürsten, sonderu auch
Preußen ihm mit seinen Truppen als Vasallen in
den russischen Krieg zu folgen haben würde.
Das Entsetzen über das Geschick, dem die Ost-
provinzen dabei nothwendig anheim fallen mußten,
die Empörung des Volkes, die von dem Heere auf
das tiefste empfundene Kränkung seiner Ehre, kannten
keine Grenze. Aber während jeder einzelne vollauf mit
sich und der Wahrung seiner Angelegenheiten be-
schäftigt war, steigerte sich in der Allen gemeinsamen
Frage: ,Was wird aus uns, was wird aus Preußen,
aus dem Vaterlande werden? das Gefühl der Zu-
sammengehörigkeit, und die von Allen auf das leb-
hafteste getheilte Besorgniß, daß bei einem für Frank-
reich unglücklichen Ausgang des russischen Krieges,
den man doch zu ersehnen hatte, die Ostprovinzen
Preußens die Zeche zahlen und an Rußland würden
abgetreten werden, das schon in den vorhergegangenen
Friedensschlüssen nur durch hindernde Umstände ab-