Die Familie Darner. Roman in 3 Banden.
Fanny Lewald
Kapitel 21

b I? --
gehalten worden, sich als Herrscher in dem Lande
festzusetzen, in das es eingerückt war, um ihm gegen
Frankreich seinen Beistand zu leihen.
In der Kau man t gingen zwei ganz ver-
schiedene Strömungen gleichmäßig neben einander
her. Während die Einen wieder große Vorräthe von
Produkten aller Art herbeizuschaffen trachteten, um
den zuu erwartenden großen Bedürfnissen der Truppen
zu begegnen, deren Durchmarsch man zu gewärtigen
hatte, strebten die Anderen, alles Verkäuflichen, und
somit der Gefahr ledig zu werden, - daß es ihnen
zwangsweise abgenommen werden könnte. Für das
Haus Darner kamen diese Maßnahmen nicht mehr
in Betracht, da es keine Produkten- und Waaren-
geschäfte mehr maeFe; aber Frank hatte als russischer
Generalkonsul einer kaum zu bewältigenden Arbeit
zu stehen; denn grade um die Einfuhr von russischen
und durch Rußland -kommenden englisch-indischen
Kolonialwaaren handelte es sich, und Konrad Koll-
mann war wesentlich dabei betheiligt. Wie aber
Darner sechs, sieben Jahre vorher das Beispiel ge-
geben, was durch rasches Kaufen und Verkaufen zu
machen sei, mahnte er diesmal Kollmann zur ge-
messenen Vorsicht, mahnte er namentlich auch John,
alles loszuschlagen, was er von Brnstein auf Lager
habe, zunächst sogar das Fischen und Graben einzu-
stellen, dem Wasser und der Erde das Bergen des
Gutes zu üüberlassen, und sich auf Auflesen und
Sammeln desjenigen zu beschränken, was daa Meer
freigebig ans Ufer warf.
John hatte sich ben Rath, in Anerkennung von
Darners Einsicht, gesagt sein lassen und sich ohnedies,
seit er Justine zu seiner Vertrauten gemacht, fester
noch als bisher, auch an sie und ihren Mann ange-
schlossen. So war denn die erste Neuigkeit, mit welcher
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der Vater und Virginie nach ihrer Heimkehr empfangen
worden, die Kunde gewesen, daß John sich um Flora
Lindheim bewerbe, sich mit ihr versprochen habe.
Darner hatte die Nachricht mit einem Lächeln
empfangen. ,Seht mir John Kollmann an! hatte
er gesagt, als Justine ihnen umständlich erzählt, wie
sich das am Sylvesterabende gemacht, wie sie zu
seiner Vertrauten geworden sei. ,Man soll niemals
sagen, was aus einem Menschen werden kann! Aber
es gefällt mir von ihm, daß er seinen Weg geht,
seit ich ihm auf die eigenen Füße geholfen. Ohne
die Bernsteinpacht hätte er's nicht gewagt; und vor
Allem hat er sich bei Dir, Justine, zu bedanken, daß
Du nicht darein gewilligt hast, das Philisterium der
Verwandischaftsheirathen nach altem Herkommen weiter
mit ihm fortzusetyen, und die Rasse auf die Weise
herunterzubringen. Wenn in Konrad KoCmanns
Haus Jakob Lindheims Enkel geboren wird, sollen
sich beide Familien bei mir, bei Dir und Frank be-
danken!'
, Und ich,'' rief Virginie, da sie den Vater trotz
der schweren Zeiten in so guter Stimmung sah, ,ich
werfe mich zur Beschützerin dieser beiden Liebenden
auf. Ich will es sein, die es der Fürstin schreibt,
wenn sie sich verloben; denn das würde einmal recht.
nach ihrem Herzen sein. Ich gehe noch heute zu
Lindheims !?
,,Die Häände vom Spiel! gebot der Vater.
,,Man hat kein Recht, und am wenigsten hat ein
junges Frauenzimmer den Beruf, sich in eine Ange-
legenheit zu mischen, in welcher die Entscheidung ihm
nicht zusteht. Lindheim soll nicht sagen können, daß
ich Dir zu fördern gestattet, was er nicht von Dir -
gefördert zu sehen verlangt hat. Es ist kein Grund
vorhanden, den bisherigen Umgang mit Flora abzu-

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brechen. Es bleibt, wie es bisher gewesen ist; in
lebrigen halte Dich an das, was Dir obliegt. Die
Zeit wird kommen, in welcher Du zu zeigen haben
wirst, ob Du dem Vertrauen, das ich und Du zu
Dir haben, zu entsprechen vermagst, ob nicht!''
Diese Zeit ließ aber nicht lange auf sich warten.
Denn schon im Mai des Jahres hatte Napoleon die
deutschen Fürsten wieder einmal in Dresden um ch
versammelt und mit dem Anfang des Junimonats
zogen seine Heere-- mehr als dreimalhunderttaufend
Mann: Franzosen, Jtaliener, Spanier, Portugiesen,
Deutsche aller Stämme- in ununterbrochener Folge,
eine nene, grause Völkerwanderung, durch Ostpreußen
nach der russischen Grenze; und die in Königsberg
und in den beiden Prgzinzen unter dem Befehl des
General von ork stcenden preußischen Truppen
hatten sich dem Korps des General Macdonald anznu-
schließen.
Was man in den früheren Kriegsjahren erlitten,
verschwand in der Erinnerung, vor den Erlebnissen
und Forderungen, denen man jett gegenüüberstand.
Französische Generale geboten in der Stadt. Man
hatte jedoch die preußischen Eivilbehörden und die
Stadtverwaltung in ihren Aemtern behalten, um von
ihnen herbeischaffen zu lassen, was die durchmarschiren-
den Truppen im Auugenblick und für eine dreiwöchent-
liche Ernährung bedurften. Von früh bis spät war
der Magistrat versammelt, und da mit Gewalt ge-
nommen wurde, was zu bewilligen er nicht sofort
bereit war, wurde ihm damit eine Verantwortung
aufgebürdet, wurde ihm zur Last gelegt, was Willkir
und Gewaltthat sündigten; und wie die fremden
Gouverneure über die Stadt, so geboten die Quartier-
meister über die öffentlichen Gebäude, über die Kirchen,
über die Wohnungen jedes Privatmanns.

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Die Beschränkung, die Noth, machten sich auch
den Reichen fühlbar. Nur zwei Stuben hatte man
in jedem der beiden Darner'schen Häuser dem Ge-
brauche ihrer Besitzer freigelassen. Justine und Vir-
ginie hatten schwere Arbeit, große Umsicht und Ge-
duld vonnöthen, dem schrankenlosen Begehren der
Einauartierung Stand zu halten; und das um so
mehr, als beide Darner, von früh bis spät beschäftigt,
den Frauen nicht zur Seite stehen konnten, sondern
sie sich und ihrer Einsicht und Vorsicht überlassen
mußten.
Virginie hatte eben das Abendessen für den
General und seine Stabsoffiziere, wie er es gewünscht,
in dem Garten am Hause, und für die zehn Mann
seines Regiments, die man auch im Quartiere hatte,
in der Hausflur auftragen lassen. Die Thüren und
Fenster standen überall offen, die Luft im Hause so
weit möglich zu verbessern, da sie durch das enge Zu-
sammenwohnen von so viel Menschen verdorben und
durch den Tabaksgeruch und Qualm fast unertragbar
gemacht wurde.
Müde und mit schwerem Herzen saß sie am
Fenster der kleinen Stube neben dem Zimmer, das
dem Vater jetzt zum Schlafen und ihnen beiden als
Wohnzimmer dienen mußte. Die Abendsonne schien
hell hinein, es war drückend heiß. Am nächsten
Morgen sollten die preußischen Truppen sammt und
sonders mit der zehnten Division des französischen
Heeres Königsberg verlassen.
Noch war der Major in der Stadt; aber er
hatte sich in den letzten Tagen weder bei Frank noch
in ihrem Hause sehen lassen. Er hatte Justinen ge-
schrieben, daß er es vermeide, mit französischen Offi-
zieren anders als dienstlich zusammenzutreffen, und
daß er fortbleibe, um der Möglichkeit eines solchen

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Begegnens in ihrem Hause auszuweichen. Aber Ab-
schied mußte er doch nehmen kommen!
Der General ließ Liqueur zum Nachtisch fordern.
Virginie gab die letzte Flasche her, welche sie noch
im Hause hatte, denn die Versuche, die sie gemacht,
neuen Vorrath anzuschaffen, waren mißglückt. Sie
hatte keine mehr auftreiben können in der Stadt.
Als sie wieder in ihre Stube hinaufkam, drangen
statt der frischen Luuft, die sie ersehnte, der Tabaks-
anualm von dem Offizierstisch und lautes Lachen und
Singen zu ihr hinauf.
,ölalgrs l bstaille,
üu'on lirre äemsit,
Vs, ksisons rspsäll,
Oharmurte stin!
Bttenäsrt ls gloirg
Erenons le glsisir,
Sauts Ure su grimoirv,
Du somhre arenir
schallte es von einer vollen Baßstimme zu ihr hin-
auf, und in jubelndem Chor wiederholten die Tisch-
genossen:
,Kttenäsat ls gloire,
Erenons le glsäsir.?
Sie schloß das Fenster. Von unzüchtigen Freuden
sangen sie, und ihr war das Herz so schwer. Wie
glücklich waren sie gewesen, als sie vor fünf Jahren,
fröhliche Kinder, in ihres Vaters schönes Haus ge-
kommen, sie und Dölores; und wie anders war es
jetzt, wie ganz anders, für die arme Dolores und
auch für sie! -- Wie sah es jetzt in den Stuben auus,
welche des Vaters Liebe und der guten Göttling Ge-
schick ihnen vorbereitet! Wie würde man jemals
wieder wohnen können innerhalb der Mauern, die
entweiht worden waren durch die Wüstheit dieser

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Menschen, dieser Zeit!-- Und weshalb das Alles?
Wie konnte Gott es zulassen, daß den Schuldlosen
so Schweres zu tragen gegeben ward?-- Eine Furcht
vor dem Leben, vor der Zukunft, ein Zweifel an der
Gerechtigkeit und Güte Gottes, wie sie beide nie
empfunden, bemächtigten sich ihrer, erschreckten sie,
beängstigten sie noch mehr; da klopfte es an ihre
Thüre, die sie nach deo Vaters Weisung verschlossen
zu halten hatte, wenn sie allein war.
Sie sprang empor. ,Wer ist da? fragte sie.
,Gut Freund !' antwortete es von außen mit
tiefer, weicher Stimme, und diese Stimme kannte sie.
,Ach ja, gut Freund! rief sie, die Thüre
öffnend und dem Major die Hände reichend, ,und
diesmal kommen Sie doppelt als ein Freund, denn=
, Weil ich Abschied zu nehmen, weil ich für
lange Zeit, vielleicht für immer Abschied zu nehnßen
komme?? fragte er, sie bei der Hand festhaltend,
während sie die paar Schritte durch die Stube gingen.
, Herr Major, sagen Sie das nicht!'r bat Virginie,
,es ist ja ohnehin geng, daß Sie gehen!
Sie hatte sich an das Fenster gesettt, er saß ihr
gegenüber. Es war kein Sopha in dem Zimmer.
Man hatte alle entbehrlichen Möbel für die Einrichtung
der Offiziersstuben hergeben müssen.
,, Und es ist ein harter Gang,'' antwortete er
ihr, ,ein Gang, den gehen zu müssen kein preußischer
Soldat jemals erwarten konnte, der jeden, welcher
ihn gehen muß, die Kameraden beneiden macht, die
mit Ehren gefallen sind bei Friedland und bei Eylau!
Aber davon darf jetzt nicht die Rede sein!'?
, Sie werden wiederkommen!'' sprach Virginie,
und ihre ernsten Augen hefteten sich an sein männ-
liches Gesicht, als wollte sie sich sein Bild einprägen,
damit es nicht in ihr erlöschen könne.'

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, Wer will das sagen, Virginie? sprach er, und
es rührte sie, daß er sie so bei ihrem Namen nannte.
, Man zieht mit Muth, mit Freude, mit Zuversicht
ins Feld für seines Landes, seines Volkes Vertheidi-
guung und Ehre, seinem Landesherrn folgend. Aber zur
Schande seines Landes einem Unterjocher desselben
folgen, um für ihn gegen Bundesgenossen zu kämpfen,
mit denen man in Reih und Glied eben gegen ihn
gefochten hat-- das ist ein Feldzug, an den kein
Soldat, kein Preuße, anders als mit ,Pmpörung
denken kann; in dem zu siegen schlimmer ist, als in
ihm zu fallen!'
, Sagen Sie das nicht!' bat sie ihn wieder.
,Doch! entgegnete er ihr, ,denn dgz Stunde
ist ernsthaft, und so lassen Sie sie uns neßnen, wie
sie ist. Sie haben vor Jahren, als Sie erfuhren,
daß ich Sie liebte, Virginie, ehrenhaft und großherzig
gegen mich gehandelt, mir die Kränkung und den
Schmerz zu ersparen, den eine Zurückweisung Ihres
Vaters mir bereitet haben würde. Sie wissen, wie
ich Ihnen das gedankt, haben erfahren, wie ich mich
Ihnen gefügt, wissen auch, daß meine Liebe für Sie
in dem Schweigen gewachsen ist; wie ich weiß, daß
ich Ihnen nicht gleichgiltig bin--'?
, Gleichgiltig? Sie mir, Sie? rief sie.
Er war bewegt, behielt jedoch seine ruhige Fassung.
,,Lassen wir uns nicht durch die Rührung einer Ab-
schiedsstunde überwältigen!' sagte er. ,Es hat sich
viel gewandelt in den drei letzten Jahren-- auch
Ihres Vaters Sinn. Ich habe das aus seinen ge-
legentlichen Aeußerungen entnehmen können. Wenn
Sie mtich liebten, wenn ich heute um Sie werben
dürfte, ich glaube, er würde Sie mir nicht mehr ver-
sagen. Aber das ist keine Stunde, in welcher ich
Ihnen sagen darf: Versprich mir, daß Du meinen

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Namen tragen willst, wenn ich-- Gott weiß, unter
welchen Verhältnissen- wiederkehre. Nur vergessen
sollen Sie mich nicht, Virginie!'?
Er griff in die Brusttasche seiner Uniform und
zog ein goldenes Medaillon aus derselben hervor.
,,Das Bild,' sagte er, es öffnend,, ward für meine
Mutter gemalt, ehe wir achzehnhundertundsieben ins
Feld gezogen sind. Sie starb, bevor ich's ihr noch
senden konnte. Nehmen Sie's, bewahren Sie's, Vir-
ginie, und vergessen Sie mich nicht!''
, Ich Sie vergessen?? stieß sie hervor und wollte
sich an seine Brust werfen. Er hinderte sie daran
mit einem Häindedruck.
,Bleiben Sie frei! sagte er.,Daß Sie mich
lieben, daß Sie mein nicht vergessen wollen, muß
mir genüügen für den Augenblick, soll mir den Blick
in die Zukunft erhellen.-- Virginie, was thun Sie,
was thun Sie, Virginie? rief er, da er sah, daß
sie nach einer Scheere griff und mit fester Hand eine
der langen Locken abschnitt, die ihr von den Schläfen
auf die Schulter niederfielen.
,Nehmen Sie, nehmen Sie sie, Roderich!' sprach
sie. ,Bei uns, in der Havanna, sagen sie, der
Mensch kann den Menschen nach sich ziehen an seinem
Haar, wenn er ihn ruft in Liebe und in Noth und
Tod. Tragen Sie mein Haar wie ich Ihr Bild,
und rufen Sie mich! Und wenn es wahr ist, wenn
ich Sie höre -- Sie brach in Thränen auus. ,Ich
komme ganz gewiß, ich komme!''
Er ergriff ihre Hände, berührte mit seinen Lippen
ihre Stirne und ging, ohne weiter ein Wort zu
sprechen, von ihr fort. In der Thür wendete er sich
noch einmal um.
,. Sag', daß wir uns wiedersehen !' rief sie und
flog ihm nach.

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, So Gott will, auf Wiedersehen!'' sprach er
und hatte sie verlassen; und unten im Garten sangen
sie laut im Chor:
,Kttenäsamt l gloire,
enons le glaisir!
Sas liro au grimoire,
Du sombre aenir.?
Trotz des langen Tages, dessen man sich in
Preußen in dieser Zeit des Jahres zu erfreuen hat,
war es schon dunkel, als Darner von einer noch am
späten Nachmittage zusammenberufnen Sitzung des
Magistrates in sein Haus zurückkam, nachdem er
noch bei Frank vorgesprochen war, um von diesem
zu erfahren, ob es gelungen sei, in der guuckersiederei,
an der sie stark betheiligt waren, die Vorräthe vor
der Beschlagnahme zu bergen, ehe man das ganze
große Gebäude als Kaserne mit Truppen belegte.
Auch in diesem Falle aber war Gewalt vor Recht
ggeguungen, und man hatte wieder einen neuen, nicht
unbeträchtlichen Verlust zu verzeichnen.
Oben in Darners Stube stand der kleine Tisch
für ihn und die Tochter gedeckt; das Lachen, Sprechen,
Singen im Garten währte fort. Virginie hatte die
Fenster wieder geöffnet. Ohne ein Wort der Be-
schwerde schüttelte Darner unmuthig den Kopf.
, Soll ich die Fenster schließen?' fragte Virginie,
nachdem sie dem Vater den guten Abend gewünscht
und berichtet, daß der Major dagewesen sei, um
Abschied zu nehmen. ,Sie sehen müde aus, Vater?
, Ich bin auch müde, aber laß das Fenster offen,
es hilft nichts, wenn wir es schließen. Sie sind die
Herren im Hause, man hört sie doch! Hast Du sie
abgespeist, und haben sie etwas übrig gelassen auch
für uns?'' fragte er, sich um der Tochter willen zu

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einem Scherze zwingend, der ihr die Bitterkeit seines
Empfindens nicht verbarg.
,Es ist fast, wie Sie es sagen!'' entgegnete sie
ihm, und während sie die kleine Mahlzeit einnahmen,
was bald geschehen war, gab sie ihm Rechenschaft
von dem, was man begehrt, von dem, was zur
weiteren Befriedigung der zu erwartenden Forderungen
für die nächsten Tage herbeigeschafft werden müßte,
und erhielt Rath und Weisung, auf welchem Wege
man es zu ermöglichen haben würde.
Darner hatte immer streng darauf gehalten, sich
in seiner Kleidung von früh bis spät keiner Be-
auemlichkeit zu überlassen. Heute, als er vom Tische
aufstand und den Stuhl, auf dem er gesessen, ans
Fenster gerückt, warf er den braunen Tuchrock von
den Schultern und trat, die Brust dehnend, tief auf-
athmend und sich die heiße, feuchte Stirn trocknend,
an das Fenster.
Virginie blickte voll Bewunderung zu ihm empor.
Nie war seine Erscheinung ihr mächtiger und ge-
bieterischer vorgekommen als jett, wo er vor ihr
stand hoch aufgerichtet, mit den breiten Schultern,
mit dem stolzen Nacken, mit der mächtigen Brust,
mit dem scharf und kräftig gezeichneten Bau des
Kopfes und der hochgewölbten Stirn.
,, Wenn man Sie so sieht, Vater, meint man,
Sie müßten Alles können, was Sie wollen!'? rief
sie aus.
,,Können, was man willl'' wiederholte er. ,DDas
sagt sich leicht, hört sich gut an; und man soll auch
wollen, was der Mühe des Wollens werth ist, soll
viel von sich erwarten, denn der Mensch vermag viel,
wenn er sich selbst vertraut. Aber auch dem stärksten
Wollen des Einzelnen setzen das Leben und der Wille
der Gesammtheit seine Schranke, vor der er still zu

- ZZ? -
stehen, sich zu bescheiden hat. Das ist eine harte
Erkenntniß, aber wem wird sie erspart? Und doch,?
setzte er hinzu, ,beruht auf dieser Erfahrung jett
unsere Hoffnung, die Hoffnung der Welt!-- Aber
lassen wir das, es ist nicht Deine Sache. Sprich
mir von Dir, erzähle mir--
Er fuhr ihr mit der Hand leise über das Haar
und fühlte, daß ein Theil desselben dutchschnitten
war. ,Was ist das? fragte er, ,was hast Du ge-
macht, Virginie??
,Das wollte ich Ihnen eben sagen! rief sie,
,Alles wollte ich Ihnen sagen, Vater! Nur ruhig
essen wollte ich Sie lassen. Sie haben recht gehabt
wie immer, es ist Fes gekommen, wie Sie es gesagt!
Ich habe mich verMessen =-r?
,, Komm zur Sache ! unterbrach sie der Vater,
nicht gewillt, ihr das Geständniß zu ersparen, dessen
Inhalt er voraussah.
Virginie zögerte, dann lehnte sie den Kopf an
seine breite Brust und sagte:
, Ich habe den Mann gefunden, mit dem ich
gehen würde, wenn Sie mich entbehren könnten;
aber dann blieben Sie allein-- und allein sollen
Sie doch nicht bleiben, Sie haben's anders von uns
verdient! - Er kam, mir Lebewohl zu sagen, das
hat mich überwältigt!' fuhr sie fort und berichtete
dann in geflügelter Hast mit dem Gedächtniß der
Liebe, Wort für Wort, was sich begeben zwischen ihr
und dem geliebten Manne, ihre Erzählung mit dem
Nachsate beschließend: ,Er war wie Sie, ich sollte
ihm nichts versprechen, nichts geloben! Ich sollte frei
bleiben!'?
,So bleib es auch!'' entschied der Vater, ,und
laß die Zeit walten, die unser Aller Herr ist. Ich

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sehe den Major wohl noch. Er hat gehandelt, wie
es ihm gebührte, wie ich's von ihm erwartet. Er ist
ein Ehrenmann.?
Iweiundzwanzigstes Kapitel.
Am andern Mittage war schon kein preußischer
Soldat mehr in der Stadt zu sehen. Alle Wachen
waren von Franzosen besetzt, und immer neue
Truppenmassen wälzten sich heran, Rast haltend in
Königsberg, deren Unterbringung um so schwerer
war, als die Feuersbrunst des vorigen Jahres, die
ganzen Stadttheile zur linken Seite des Pregels zer-
stört, und die Vorstädte, die man fünf Jahre vorher
bei dem ersten Anrücken der Franzosen niederge-
brannt, auch nuur zum Theil erst wieder aufgerichtet
worden waren.
Ein paar Tage später kam Napoleon abermals
nach Königsberg. Wieder sah man ihn aus den
Fenstern des Schlosses, den Leibmameluken Rustan
hinter sich, mit kaltem Auge die unabsehbaren Züge
seiner Krieger und Feuerschlünde begleiten, die er
gen Rußland sendete. Wieder sah man ihn im
Schloßplatz Truppen mustern, vor den Thoren am
Lauth'schen Walde Heerschau halten, und die nieder-
gebrannten Stadttheile besichtigen, als hätte sein Auge
Lust und Wohlgefallen an der grausen Zerstörung.
Und waren die Forderungen, groß gewesen, welche
seine Generale bisher an die Stadt gestellt, so
wurden sie maßlos, seit der Kaiser selber in ihr
gebot.
Zwölftausend Mann, zur Hälfte Kavallerie,
blieben in der Stadt vorläufig zurüück. Für zwölf-
tausend Mann mußten nach seinem Befehl Lazarethe