Die Familie Darner. Roman in 3 Banden.
Fanny Lewald
Kapitel 22

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eingerichiet werden, denn schon damals lagen an
viertauusend Kranke in den Hospitälern und Kirchen,
und die Zahl derer, die man in den Hääusern der
Bürger zu verpflegen hatte, war kaum geringer.
Alle rüstigen Arbeiter wurden den Gewerbe-
treibenden genommen, um bei dem Bau der Feld-
bäckereien für die Franzosen zu arbeiten; und da
keiner von ihnen die versprochene Bezahlung erhielt,
welche von den Kriegszahlmeistern unterschlagen wuurde,
stiegen das Elend und die Noth und die Krankheiten
in der Stadt zu einem Grade, das jeder Einzelne
sich glücklich zu preisen hatte, wenn er den Tag ohne
ein besonderes Schrecknisß durchlebt und des Abends
ein Lager in seinem Ogzse fütr sich bereitet fand,
auf dem er für die Stlüben der Nacht durch den
Schlaf, der Angst und dem Jammer entrückt ward,
vor dem kein Entfliehen mehr zu sein schien.
Doch in den kleineren Städten, auf dem Lande,
überall, wo die Heeresmassen vorwärts drangen, sah
es wenn möglich noch schlimmer aus. Soweit die
Franzosen seiner nicht bedurften, hatie der Post-
verkehr im Lande, namentlich nach Norden und nach
Osten hin, fast gänzlich aufgehört. Die Estafetten
wurden aufgehalten. Man wußte oft durch viele
Tage nicht, was in nahe gelegenen Ortschaften geschah;
und es war Eberhards treuer Karl, der mitten in
der Verwirrung, als Bote von ihm, in einer amtlichen
Angelegenheit nach Königsberg gesendet, auch für
Frank Darner eine Kunde von dem Freunde mitzu-
bringen hatte.
,Das Einzige,' schrieb Eberhard, ,was man jett
als Frage in die Ferne zu senden hat, lautet: Seid
Ihr am Leben? Denn wie es im Nebrigen ergehen
kann, das vermag Jeder an sich selber zu ermessen.
Wie es bei mir in Rasten aussieht, das zu schildern

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erlasse mir. Das Bild meines Ahnherrn, das Jo-
hannes mir vor Jahresfrist hat kopiren lassen, haben
sie als Schießscheibe benutzt; die Bilder meiner
Eltern hatte ich noch können zusammenrollen und
bergen lassen. Aber das kommt nicht in Betracht
neben den allgemeinen Zuständen. Jede regelmäßige
Verpflegung der Truppen hat längst aufgehört.
Militärkomandos durchstreifen das Land und nehmen
fort, was sie finden. Die Heerden werden fort-
getrieben, die Pferde von dem Wagen abgeschnitten,
Wiesen und Saatfelder abgeweidet. Selbst von den
Leuten, welche die Regierung mit Fuhren stellen
müssen, sind bis jetzt nur ein Paar zurückgekommen,
die ihre Gefährte im Stich gelassen haben und ent-
flohen sindh, sich-- so Gott will!-- dem Vater-
lande zu erhalten, wie mein Karl, der Dir dies
Schreiben bringt. -- Man lernt es, zu sagem Was
Gott thut, das ist wohlgethan! Denn ich segne
es, daß ich allein die Schrecknisse, die Empörung zu
erleben habe, daß kein liebendes Herz sie mit mir
erleidet, das ich nicht zu bangen habe um Weib und
Kind, die der Himmel Dir erhalten möge. Aber laß
uns trachten, uns durchzuwettern bis zum Tage der
Auferstehung, der doch zuletzt nicht ausbleiben kann,
wenn man nicht irre werden soll an dem Zusammen-
hang von Ursache und Wirkung!'
Es war denn auch nicht allein Eberhard, der es
segnen lernte, daß die von ihm geliebte Frau nicht
mit betroffen wurde von dem Graus, dem sich in
Preußen Niemand zu entziehen vermochte. Selbst
Virginie, die tiefer noch als die Anderen in der
Schwester Herz gelesen, fand in ihrem Sorgen und
in ihrem sehnenden Bangen einen Trost darin, daß
Dolores, mochte sie auch glücklos sein, nicht von
dem Unglück all der Tausend Anderen in nächster

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Nähe mit betroffen ward; denn in Venedig war es
ruhiger, war es stiller, als Dolores es, seit sie dort
lebte, je gesehen.
Der größte Theil der Truppen, welche Napoleon
dort gehabt, war, da man im Augenblicke in Jtalien
von keinem Feinde oder Aufstande bedroht war,
zurückberufen und dem großen Heere eingereiht
worden. Die Familien der höheren Offiziere waren
diesen nach Frankreich gefolgt. Der Sommer hatte
den venetianischen Adel, so weit er am Festlande
angesessen war, in die Villen hinaus gelockt. An
vielen der großen Paläste waren die Fensterläden
geschlossen, die Gondeln der Herrschaften trocken gelegt
und an den Pfählen aufgehängt; und langsam
glitten vereinzelt die Gondeln des zurückgebliebenen
Adels, der Beamteg der Kaufleute, welche ihre Ge-
schäfte an die Stadt fesselten, durch die Kanäle.
Dolores war gekräftigt und ruhiger von Paris
nach Venedig zurückgekommen, als sie es verlassen
hatte. Nicht der Rath des Arztes, nicht der Luft-
wechsel hatten ihr wohlgethan, sondern die Begegnng
mit den Ihren, das volle Aussprechen ihres Herzens
gegen die Schwester, und die Gewißheit, daß sie das
Vertrauen wie die Achtung ihres Vaters gewonnen
habe; und auch auf Polydor waren die wenigen
Tage, die er mit den Angehörigen seiner Frau ver-
lebt, nicht ohne Einwirkung geblieben. Er hatte sie
wieder gesehen, die ernste, innige Liebe, mit welcher
die Familie an einander hing. Die Zeit seiner
schnell entbrannten Leidenschaft für Dolores, die
schönen poetischen Stunden in Strandwiek waren
wieder in ihm lebendig geworden; und Serafina
war nicht neben ihm gewesen, ihn abzuziehen von
seiner Frau.
Lewald. Die Familie Darner. Ul.
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Er hing noch immer an der Marquise, denn ihre
Schönheit war dauerhaft und ihr Geist lebendig:
aber, obschon Dolores die Frische der ersten Jugend
in ihrem Herzenskummer eingebüßt, war sie doch
jung und war es doppelt im Vergleich zu jener;
und das Spiel zwischen den beiden Frauen, das ihn
anfangs, wie jedes Spiel, durch die Spannung ge-
reizt, in welcher es ihn erhielt, hatte angefangen,
ihm unbequem zu werden. Die Marquise hatte ihn
übersättigt mit ihrer Gunst, ihn schon zum öftern
ermüdet durch die Scenen, die sie herbeigeführt,
wenn sie befürchtet, er könne sich ihr entziehen.
Ohne daß er es sich eingestand, war er nicht
mehr aufgelegt, den Romanhelden, den leidenschaft-
lichen Liebhaber zu machen; und der Ausbruch des
russischen Krieges, dem man bereits mit Sicherheit
entgegen gesehen, als er mit seiner Frau von Faris
nach Venedig zurückgekommen, war nicht darnach an-
gethan gewesen, ihm den Sinn zu erheitern. Der
russische Handel und die großen russischen Bankiers,
die bisher im Einvernehmen mit Paris gearbeitet,
hatten sich auf plötzliche Stockungen im Geschäfte ge-
faßt zu machen, deren Folgen für ihn im Voraus
nicht zu übersehen waren.
Polydor hatte für die Marquise in Paris die
zahlreichen Besorgungen ausgeführt, mit denen sie
ihn beauftragt; hatte mit gewohnter verschwenderischer
Anfmerksamkeit denselben hinzugefügt, was ihr, wie
er sie kannte, Vergnügen machen konnte. Er hatte
ihr das Alles am Abende der Ankunft mit
einem der gewandten Billete zugehen lassen, in
denen er Meister war; indeß er war den ganzen
folgenden Tag von seinen Geschäften gefesselt worden
und hatte dann spät noch einer Aufforderung des
Kommandirenden nachkommen müssen, der von seiner

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Heimkehr erfahren und ihn zu sprechen gewünscht
hatte.
So war der Morgen des zweiten Tages heran-
gekommen, bevor er die Marquise hatte auffuchen
können. Sie hatte ihn wie immer um die Zeit, in
ihrem Schlafzimmer empfangen. Es war kalt auch
in Venedig. Das Feuer brannte in dem großen
Kamin, die Marquise hatte sich in die Palatine von
weißem Fuchs gehüllt, die er ihr mitgebracht, und
reichte ihm, da er zu ihr herantrat, aus dem Morgen-
anzuge von violettem Kaschmir, dessen orange Auf-
schläge ihrer Hautfarbe zu Gute kamen, die schlanke
Hand entgegen.
,Willkommen, mein Freundl' sprach sie, ,und
nochmals den Dank, den Ihnen gestern schon mein
Billet gesagt, für I Erinnern und füt das Zuvor-
kommen meiner Wünsche; aber Sie haben mir Zeit,
reichlich Zeit gelassen, Ihre reizenden Gaben, zu be-
wundern und mein Verlangen nach dem Wiedersehen
zu steigern. Sie sind ein guter Rechner, Polydor!
-- und ich bin es so wenig, so gar nicht!r
Mit einem Vorwurf empfangen zu werden, ist
immer verdrießlich; auch Polydor empfand das. Statt
die Hand zu küssen, die sie ihm bot, und ihre Lippen
zu suchen wie gewohnt, berührte er ihre Rechte mit
flüchtigem Druck und entgegnete:
,Ein guter Rechner zu sein, ist mein Beruf,
meine Freundin, und was Sie von sich selber sagen,
ist nur zu richtig. Gs ist nicht klug, nicht gut be-
rechnet, einen Heimkehrenden daran zu mahnen, daß
die Abwesenden immer Unrecht haben !
,Was wollen Sie damit sagen?? fragte die
Marquise, gereizt durch seine nicht erwartete Ent-
gegnung.
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,Nichts, meine Theure! nichts, als daß ich froh
bin, nach so vielen Wochen und an dem rauhen Tage
wieder bei Ihnen, und zunächst an einem guten Feuer
bei Ihnen zu sein, denn die Bora ist heute eisig
kalt. Aber was haben Sie, Serafina? Sie sehen
bleicher, sehen angegriffen aus! Sie haben sich nicht
gut befunden und es mir verschwiegen!'
, Ich habe Sie entbehrt und Ihnen das nicht
gesagt, weil ich nicht von dem Recht der Ehefrauen
Gebrauch machen durfte, einem Entfernten, Ihnen,
mit Klagen beschwerlich zu fallen. Eine kränkelnde
Frau rührt den Mann, eine kränkelnde Freundin
langweilt ihn. Doch sprechen wir nicht mehr von mir;
sprechen wir von Dolores. Was halten die Aerzte
von ihr, wie befindet sie sich?
Polydor versicherte ihr, daß es seiner Frau vor-
trefflich gehe, daß man gar keinen Arzt berathen,- weil
sie es nicht gewollt, daß das Zusammensein mit den
Ihren sie erfrischt und daß in emmem so kritischen
Zeitpunkt wie der gegenwärtige, an eine Badereise
oder derlei auch gar nicht zu denken sein könne.
,,Denn,' sagte er, ,Sie begreifen, daß ich sie be-
gleiten müßte und daß davon nicht die Rede sein
kann. Und nun sagen Sie mir, wie haben Sie ge-
lebt? Hat der blonde Page seinen Dienst gut neben
Ihnen versehen, habe ich ihn zu loben, ihm zu danken,
oder ist er so liebenswürdig gewesen, daß ich ihn zu
fürchten habe?- Denn, was wollen Sie, er ist
jünger als ich, und Ihr guter Rechner hat nicht mehr
den leichten Sinn und den freien Kopf der Jugend!
Ich habe den Kopf sehr voll, Serafina! Und ich habe
es heute, da ich mich ankleidete, im Spiegel gesehen,
das Leben hat die ersten Furchen auf meiner Stirne
gezogen! Ich werde altl'?
,Ich soll Ihnen sagen, wie ich gelebt habe, und

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Sie Eitler, sprechen von sich, als wollten Sie hören,
daß Sie für mich immer derselbe sind, oder als
wollten Sie mir andeuten, daß die Zeit der Juugend
und der Liebe für Sie-- für uns vorüber ist! Du
spielst mit meinem Herzen, mit unserer Liebe, Polydor !'r
Er neigte sich zu ihr, sie fuhr ihm mit der Hand
über die schmale, hohe Stirn. ,Ich werde sie bald
verwischt haben, die Furchen der Sorge!'' sagte sie,
und ihre Lippen begegneten sich, und sie rief mit
dem hellen Lachen, das so silbern klang:,Da siehst
Du's, die Jugend und die Liebe find schon wieder da!?
Eine Viertelstunde verging ihnen in zärtlich
plauderndem Scherz, dann brach Polydor auf. Der
wichtigsten Tagesereignisse wurde stehenden Fußes in
Eile gedacht. das nächste Wiedersehen verabredet; -
aber als er in die Gondel stieg, als sie ans Fenster
trat, ihn noch zu grüßen, empfanden und wußten sie
es Beide, daß diesmal die Trennung ihr Verhältniß
zu einander gewandelt. Sie hatte die Macht der Ge-
wohnheit gebrochen, welche den Blick abstumpft und
das Herz betrügt.
Die kleinen Fältchen an den Augen hatte Sera-
fina immer schon gehabt, die breiten Lider hatten
sich immer schon ein wenig tiefer über die schön ge-
wölbten Augen gesenkt, der leichte Schatten unter
ihnen, die feinen Aederchen auf den weißen Häänden,
waren immer schon mehr hervorgetreten als unter
der frischen Haut der Jugend, als an Dolores
Händchen. Aber er war es gewohnt gewesen an der
Marquise, es hatte zu ihr gehört, und eine schöne
Erscheinung war sie noch immer. Heute jedoch hatte
er das Alles mit anderem Auge gesehen. Er hatte
ernsthaft daran gedacht, daß sie älter sei als er, und
weil sie ihn verletzt bei seinem Eintritt, hatte er es
ihr nicht vorenthalten wollen, daß sein Auge sehend

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geworden, daß sie daran denken müsse, ihn nicht nuur
durch ihre Schönheit an sich zu fesseln. Denn daß
er sie entbehren könne, davon hatte die Trennung
ihn überzeugt; und wenn sie ihm die Stimmung
verdarb wie in der Stunde dieses Wiedersehens, wenn
sie es nicht als ein immer neu zu verdienendes Glüc
empfand, daß er an ihr festgehalten, daß er ihr die
jnge, reine Frau und das Glück seiner Ehe geopfert,
nun so mußte das Verhältniß zu ihr, wie alle solche
Verhältnisse, enden, wenn sie aufhören, dem Manne
eine Herzenssache und eine Befriedigung zu sein; und
eine solche hatte ihm dies Wiedersehen nicht gewährt,
weder ihm noch der Marquise, die sich nicht darüber
täuschte.
Unzufrieden mit Polydor und mit sich ebenso,
hatte sie sich, als sie allein war, wieder auf das
türkische Polsterlager vor dem Feuer niedergelassen.
Die Flamme war im Erlöschen. Sie bemerkte es,
warf eine Hand voll trockener Weinreben hinein, die
hell aufloderten und schnell wieder in Asche zerfielen.
Sie wiederholte das einmal und noch einmal, die
großen Kohlenstücke wollten nicht mehr erglühen.
,, Unfruchtbare Arbeit, ein erlöschendes Feuer
neu zu beleben !'' sagte sie, hüllte sich fester in den
Pelzumwurf und grif in halber Zerstreuung nach
dem toledanischen Dolchmesser, das ihr Polydor unter
seinen Geschenken mitgebracht. Die Dolchmesser waren
nach den spanischen Kriegen eine Modespielerei ge-
worden unter den Pariser Frauen, und die Scheide
dieses Dolches war ein Kunstwerk von großem Werth.
Sie zog das Messer heraus, prüfte es vorsichtig und
legte es, über die Schärfe erschreckend, wieder fort,
da selbst die leise Berührung ihr die Haut geritt.
,Wer schenkt einer Frau, die er liebt, ein
schneidendes Instrument! Und er ist ein Russe und

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abergläubisch wie ein solcher!' rief es in ihr, und
das erlöschende Feuer und das schneidende Stilet ver-
stimmten sie noch mehr.
Er hatte sie schon oft gequält, auch vor der Reise,
mit seiner Eifersucht und mehr noch mit seiner
spöttischen Nachsicht für den Grafen und dessen
Galanterien. Es war eine Bitterkeit in ihren Ver-
kehr mit Polydor gekommen, welche nicht genährt
werden durfte, sollte die erkaltende Liebe sich nicht in
Haß verwandeln; und brechen mit Polydor, jetzt, da
die Welt nicht ihr, sondern ihm den Bruch zuschreiben
würde, das konnte und durfte sie jetzt noch weit
weniger als zu der Zeit, in welcher er sich verheirathet
hatte.-- Denn wenn Polydor sie jetzt verließ, war
sie keine Eroberung mehr für Joseph Vranitzki,
hatte sie es als Gnade zu erachten, wenn er nicht
dem Beispiel dessen folgte, der ihm das Feld freiwillig
räumte. Halten mußte sie Einen um des Andern
willen. Aber - war das böse Wort Polydors denn
wirksam?-- Sie war wirklich müde, sie war ange-
griffen, sie war Venedigs satt, das jo still geworden.
war. Sie dachte an Paris! Sie war im Grunde
des ganzen Spieles satt, das man das Leben nennt.
Sie hätte es in dem Augenblicke von sich werfen
mögen wie ein abgetragenes Kleid! Weinen hätte
sie mögen - und es war gut, daß man ihr den
Grafen meldete, daß sie lächeln, sich der Thränen er-
wehren, daß sie Joseph sehen mußte, der nie liebens-
würdiger, nie heiterer und vertraulicher empfangen
worden war als an, dem Tage, da sie ihm erzählte,
wie sorgenbeladen, wie mißgestimmt ihr alter Freund
von seiner Reise heimgekehrt sei, unnd wie sie Noth
gehabt habe, es ihm auszureden, daß er altere.
,Denn in der That, Joannu hat in den sechs
Wochen sich in einer Weise verändert, die mich er-

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schreckt hat,'? berichtete sie. ,Er ist merkwürdig alt
geworden, er ist gar nicht mehr derselbe! Wir werden
Mühe haben, ihn zu zerstreuen; und heute, mein
Freund, werden Sie doppelt heiter sein müssen, um
mir den Druck von der Seele zu nehmen, mit dem
Polydor sie mir beladen.?
Der Graf betheuerte, daß er es besser nicht ver-
lange, versicherte, daß er ganz und gar der Ihre,
ganz und gar zu ihren Diensten sei.
Sie legte die Hand auf seinen Arm. ,Weiß
ich das nicht?' fragte sie und sah ihm mit so zärt-
lichem Blick in die Augen, daß es ihn mit Glückes-
ahnung heiß durchrieselte. ,Weiß ich das nicht und
erkenne ich das nicht?? Sie seufzte tief. ,Glauben
Sie mir, Peppino, ohne Sie, ohne Ihre Jugend,
Ihren Lebensmuth wäre ich recht arm !r
Er kniete vor ihr nieder. Zum ersten Mal drückte
sie sein Haupt an ihre Brust und einen Kuß in seine
blonden Locken.
Dreiundzwanzigstes Kapitel
Mit aller Kraft ihres Willens, mit einer Uner-
ermüdlichkeit, welche einer besseren Sache werth gewesen
wäre, hatte die Marquise nach Polydors Rückkehr von
Paris ihn und den Grafen gegen einander ausge-
spielt, und wenn schon der Verkehr zwischen Dolores
und der Marquise allmälig ein immer seltenerer ge-
worden war, so hatte Dolores doch immer noch,
wenn auch in anderer Weise als vordem, unter der
unheilvollen Einwirkung der Marquise zu leiden.
Sie ließ Polydor zu keiner Ruhe kommen, und die
Reizbarkeit seiner Stimmung fiel auf seine Frau
zurück.