Die Familie Darner. Roman in 3 Banden.
Fanny Lewald
Kapitel 23

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Es war für Dolores unverkennbar, daß er ihr
gerecht zu werden trachtete. Er besprach mit ihr
Dinge und Angelegenheiten, die er ihr sonst vorent-
halten, es sah bisweilen aus, als vermisse er die
Marquise nicht mehr neben ihr, und Dolores hätte
kaum zu sagen vermocht, ob das sie erfreue, sie
glücklicher mache oder nicht. Dann aber kamen
wieder Zeiten, in denen ein Billet Serafina's, der
Scherz eines unbedachten Dritten über deren wachsende
Theilnahme für den jungen Cavaliere servente ihn
plötzlich aus dieser ruhigen Verfassung aufjagten zu
einer Leidenschaft und Eifersucht, die ihn aufs Neue
zurückwarf in die Fesseln, in denen die Marquise
ihn die langen Jahre gehalten; und sein jetzt immer
wiederholtes Bestreben, sich aus ihnen zu befreien,
diente dann nur dazu, ihn fester zu verstrickenn. Er
wußte kaum noch, ob er sie liebte oder haßte; aber
er war und blieb mit ihr beschäftigt, und der bloße
Gedanke, daß sie sich von ihm losreißen, daß sie
ihn entbehren, daß ein Anderer als er sie besitzen
könne, war ihm unertragbar schon um Dolores'
willen. Was konnte er ihr gelten, wenn er der
Frau nichts mehr galt, der er sie geopfert? Ver-
schmäht, als ein Schiffbrüchiger in dem stillen Hafen
der Ehe zu Rast und Ruhe zuu kommen, war er nicht
gemacht und nicht gewillt. Und wenn Serafina ihn
nicht mehr liebte, so sollte sie ihn fürchten lernen,
ihn und seinen Zorn und seine Rache.
Darüber war der Frühling herangekommen und
der Sommer hingegangen, und weder die Briefe,
welche Dolores von den Ihren erhielt, noch jene
anderen, die ihrem Mann aus Rußla.nd und aus
Frankreich zugingen, waren dazu angethan, das Herz
der Eheleute zu erheben. Napoleon hatte in der
Mitte des Jahres den Niemen überschritten, war mit

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einem Heer von einer halben Million von Menschen
in Rußland vorgerückt, hatte die Russen in zwei ge-
waltigen Schlachten geschlagen, war mit dem Nahen
des Herbstes siegreich eingezogen in Moskau, in die
alte Stadt der Zaren; und die Kunde dieses letzten,
über jede Berechnung wichtigen Erfolges hatte in Ruß-
land und in Preußen das Herz der Muthigsten er-
schreckt, das Hoffen der Unverzagtesten gelähmt.
Niederschmetternd war in den ersten Tagen des
Oktober der Siegesjubel der französischen Truppen
von der Bevölkerung in Königsberg empfunden
worden. Flüche hatten das Tedeum begleitet, das
der Kommandant von Königsberg in der katholischen
Kirche hatte singen lassen; und das Stöhnen der
Tausende von Kranken, die in den Hospitälern und
in den Häusern lagen, hatte scharf abgestochen gegen
die trotzigen Klänge der Marseillaise, mit welcher die
Franzosen zu ihrer großen Parade gezogen waren.
Kaum ein Haus in der Stadt, in welchem man
nicht Fremde oder die eigenen Angehörigen als Sieche
zu pflegen hatte; denn das Nervenfieber wüthete fort
und fort und die Todtengräber konnten die Arbeit
nicht bewältigen ohne die Hilfe, welche der Magistrat
ihnen geschafft.
Von Mitleid ergriffen, in dem allgemeinen Elend
die eigene Gefahr nicht achtend, da man der An-
steckung überall ausgesetzt war, hatten die Frauen
sich, soweit die Kraft jeder Einzelnen es zuließ, zu
Krankenwärterinnen gemacht; und Darner, der sich
die Beaufsichtigung der von der Stadt zu versorgen-
den Hospitäler hatte überantworten lassen, ging fest
und ruhig in ihnen seines Weges.
Er hatte die Pest in Smyrna und Konstantinopel,
das gelbe Fieber in der Havanna mit erlebt, und sie
hatten ihn nicht angefochten. Er vertraute auf seine

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Gesundheit, er brachte Muth hin, spenbete freigebig
von seinen Mitteln, wo immer er erschien. Man
hatte ihm von Anfang an in Königsberg anerkannt,
was er für sich selber leistete; man hatte es immer
mehr anzuerkennen, was sein Mannessinn für Andere
werth war; und die Seinen, Frank, Justine und die
Tochter standen ihm nicht nach. Alles Kleinliche fiel
vor dem schweren Schicksal, das über dem Lande lag,
in ein Nichts zusammen; und wer nur einen Zug
von Gutem oder Großem in sich hatie, wuchs über
sich selbst hinaus.
Sogar Madame Armfield hatte nicht mehr
Muße, fand nicht mehr Lust daran, sich um das
Thun und Treiben ihrer Bekannten deutend und
splitterrichtend zu bekümmern; aber aufgefallen war
es ihr doch und nicht ihr allein, daß John Kollmann
das Lindheimsche Haus besuchte, immer häufiger
besuchte, und daß sich zwischen den Darner'schen und
den Lindheim'schen Frauen ein förmliches Freund-
schaftsverhältniß herausgebildet hatte, wäährend man
auch die Männer häufig miteinander von der Börse
kommen, und wo immer es ein werkthätiges Leisten
galt, zusammen eingreifend fand.
In den beiden letzten Wochen hatten jedoch
Johns Besuche bei den Lindheims aufgehört, denn
das Nervenfieber, das durch einen Fourier von den
französischen nachrückenden Truppen in das Koll-
mann'sche Haus eingeschleppt worden war, hatte einen
der Handlungsgehilfen und dann auch John ergriffen,
der schwer daran darniederlag. Von Tag zu Tag
hatte das Fieber sich gesteigert. Der siebente, der
vierzehnte Tag waren ungünstig verlaufen, der ein-
undzwanzigste war herangekommen, die Krisis stand
bevor, und die Nachrichten, welche Justinens am

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Mittag abgesendeter Bote zurückgebracht, hatten be-
denklich geklungen.
Gegen den Abend hin, als es schon dunkel ge-
worden war, kam Frank aus dem Komptoir hinauf
nach Justinens Stube, sich ein halb Stündchen von
der wenig unterbrochenen Arbeit des Tages zu er-
holen. Draußen fiel ein dichter Schnee vom Himmel
und ein heftiger, eisiger Wind wirbelte ihn durch
die Luft.
,Wie früh dies Jahr der Winter gekommen
ist!r sagte Justine. ,Seit Wochen ist kein Blatt
mehr an den Bäumen, und vorhin, als ich die Vor-
hänge herunterließ, waren die Scheiben stellenweise
befroren.r
,Man muß hoffen, daß die Kälte den Krank-
heiten entgegenarbeitet. Die Todtenlisten dieser Woche
sind wieder erschreckend groß,' bemerkte Frank.
,,Bewahre der Himmel nur den Onkel vor
Johns Verlust. Ich habe gar keine Ruhe heute
und wollte noch zu ihm gehen, als Du kamst,' sagte
Justine.
Frank sah nach der Uhr.
, Ich habe auch daran gedacht. Es ist halb
sieben. Ich werde unten noch die Briefe unterschreiben
und einige Ordres geben; inzwischen mache Dich
fertig und hole mich ab. Es wäre ein Jammer
um den braven Menschen und um den Onkel,''
antwortete ihr Frank und begab sich wieder ins
Komptoir.
Als es sieben Ühr vom Domthurme schlug,
traten sie in des Onkels Stube. Er saß in der
Sophaecke auf dem Platze, den sonst die Tante inte
gehabt. Die Lichter, die auf dem Tische standen,
brannten ungeputzt mit langen Schnuppen, die Pfeife
lag daneben.

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Der Onkel, sonst peinlich in seinen Gewohn-
heiten, hatte sie ausgehen lassen und nicht fortgestellt.
Den müden Kopf auf den linken Arm gestützt, saß
er einsam und in sich versunken da; und wie in
einem Zauberspiegel sah Justine ihn und die Tante
sitzen an derselben Stelle, und sich vor ihnen stehen
wie vor sechs Jahren in der Stunde, in welcher der
Onkel sie hatte rufen lassen, sie von Darners Werbung
für Frank, und von seiner Entgegnng auf dieselbe
zu unterrichten. Wie anders war es damals gewesen!
wie gebrochen saß der Onkel vor ihr.
,, Wie geht es? fragten die beiden Theilnehmen-
den bei ihrem Eintritt.
Kollmann schüttelte das Haupt und zuckte mit
den Schultern.
,,Er ist im Fieber,' sagte er,,er erkennt
Niemand, hört nicht, und phantasirt in einem fort
von dem unglücklichen Weihnachtsabend mit Flora
Lindheim. Nach Flora rufend, die Hände nach ihr
ausstreckend .. ?
Er brach mitten in dem Berichte ab.
,, Und war der Doktor am Abend wieder hier?
,,Vor zwei Stunden. Er wollte um Mitternacht
noch einmal kommen.?
, Giebt er Hoffnung, daß John die Krisis gut
übersteht?? fragte Frank, und Justine fiel mit der
Frage ein, wie die Göttling denn John an diesem
Abend finde.
,,Was kann die sagen?? erwiderte der Onkel.
,Sie hält sich musterhaft. Sie hofft, um mich zu
trösten; und Gott weiß es, es ist hart genug, erst -
die Frau, nun der einzige Sohn-- und welch ein
Sohn, welch ein guter, edler Sohn!'
,Noch lebt er ja, Onkel!rr ermuthigte Justine,
sich zu ihm setzend und seine Hand ergreifend, ,und

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wo Leben ist, ist Hoffnung. Hat doch Virginie unsern
Kassirer, Sie kennen ihn ja, dem beide Aerzte das
Leben abgesprochen, glücklich durchgebracht. Geben
Sie die Hoffnung noch nicht auf; er lebt ja noch.?
,Noch!'r wiederholte Kollmann. ,Und dazu die
Göttling, die sich einbildet, es wäre ihm zu helfen,
wenn er seinen Willen haben könnte, wenn die Sehn-
sucht, die Angst, von ihr scheiden zu müssen, von
ihm genommen, seine Nerven beruhigt würden. Der
Doktor hält das für eine Thorheit, beweist ihr, daß
er völlig ohne Bewußtsein ist =e-
, Um was handelt es sich denn dabei? erkundigte
sich Frank.
Kollmann machte eine verdrießlich abwehrende
Bewegung, aber Frank sowohl als Justine waren
der Meinung, daß er eine Unentschlossenheit dahinter
verberge, daß er mit Widerstreben zurückhalte, was
er aussprechen und doch nicht ausgesprochen haben
wollte. Als sie deshalb noch einmal in ihn drangen,
sagte er:
,DDie Göttling meint, wenn Flora an sein Lager
käme, wenn er sie nur sehen, ihre Hand berühren
könnte, würde er zum Bewußtsein und aus der
furchtbaren Aufregung herauskommen.?
,,So muß man das versuchen,? rief Frank.
,, Flora liebt ihn, und ein Menschenleben zu retten,
den Wunsch eines solchen Kranken--r
Kollmann fiel ihm in das Wort.
,,Als am sechzehnten Juni achtzehnhundertund-
sieben der Doktor in Ihres Vaters Haus kam, Justine
zu ihrer Tante zu holen, versagte er ihr diesen Trost;
und die Tante hatte keine ansteckende Krankheit wie
mein Sohn. Fordern und erwarten Sie von Fremden
nicht, was Sie nicht geleistet haben.'
Die schmerzliche Bitterkeit, mit welcher er diese

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Worte sprach, machte Justine erbleichen; aber Frank,
so sehr sie auch ihn betroffen hatten, überwand sich
schnell, und mit der Sicherheit seines Vaters sagte er:
,Mein Vater trat ein für das Leben des Kindes,
das wir erwarteten, für meines Sohnes Leben. Ich
will versuchen, für das Leben Ihres Sohnes einzu-
treten. Komm, Juustine, laß uns Beide gehen! Sie
haben auch dort Kranke im Hause, laß uns ver-
suchen, ob sie es zugestehen. Mehr als es weigern,
können sie ja nicht. ?
, Wenn sie es thäten, wenn John mir erhalten
würde!' rief der Okel mit thränenerstickter Stimme.
Justine umarmte und küßte ihn, dann eilten die
Beiden davon.
Seine Frau am Arm, mit starker Hand den
Schirm über ihr haltend, den der Wind ihm zu
entreißen drohte, gingen sie raschen Schrittes vorwärts.
,. Laß mich mit Madame Lindheim sprechen,''
schlug Justine vor. ,Sie ist gut und die Heirath
Flora's mit John liegt ihr sehr am Herzen.?
,,Daran dachte ich eben,'' entgegnete Frank,
,, und darum werde ich Dich nach Hause bringen und
allein zu Lindheim gehen, mit ihm allein zu reden.
Es ist keine Kleinigkeit, um die es sich hier handelt;
und über einen so ernsten Schritt, der schwere Folgen
haben kann, darf nicht unter der Einwirkung einer
augenblicklichen Rührung und auf trügerische Hoff-
nungen hin entschieden werden.?
Justine meinte, Lindheim werde das Ansuchen
gewiß nicht gestatten.
, Es ist das wahrscheinlich, und eben deshalb
bleibe Du davon!'' sagte Frank, sie hinaufgeleitend
bis unter ihres Hauses Schutz. Dann begab er sich
zu Lindheim und ließ ihn um eine kurze Unterredung
in einer persönlichen Angelegenheit ersuchen. Daß

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diese dringlich, sein müsse, verrieth die ungewohnte
Stunde des Besuches; und wenig Minuten darnach
saßen die beiden Männer allein einander in dem
Zimmer gegenüber, in welchem Darner und die
Seinen zum ersten Male von der Fürstin empfangen
worden waren.
Lindheim hieß den Gastwillkommen und sagte dann:
, Ich wage kaum die Frage, was Sie mir Gutes
bringen, denn die Zeit bringt dessen so wenig, daß
man sich dessen nicht zu gewärtigen hat. ?
,E ist auch nichts Erfreuliches, das mich heute
zu Ihnen führt, Herr Lindheim! Der Vetter meiner
Frau, John Kollmann-e-
,. Ist gestorben?? fiel ihm Lindheim mit unver-
kennbarer Theilnahme in das Wort.
,MNein, er lebt, aber er liegt am Nervenfieber,
wie Sie wissen, schwer darnieder. Es ist der einund-
zwanzigste Tag. Der Doktor ist besorgt, denn er ist
noch im vollsten Fieber, und alle seine Phantasien
rufen angstvoll nach Ihrer Tochter. Der Doktor
selber verspricht sich von dem Versuche nichts; aber
der Vater und Madame Göttling leben des Glaubens,
daß man den Kranken beruhigen, daß man ihn vielleicht
retten könnte, wenn er Mademoiselle Flora auch nur
für einen Augenblick zu sehen bekäme.?
, Unmöglich, in jedem Sinne unmöglich! sagte
Lindheim.
, Ich hatte mich freiwillig erboten, Ihnen die
Bitte vorzutragen, die Johns Vater nicht an Sie zu
richten wagte, und hatte Ihre in jedem Sinne be-
rechtigte Weigerung vorausgesehen. Sie haben die.
Ansteckung für Ihre Tochter zu befürchten, haben
Rücksicht auf deren Gemüthserschütterung zu nehmen
und auch auf das Urtheil, das unbefugte Dritte über
Mademoiselle Lindheims Besuch bei dem Kranken

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fällen würden. Das alles habe ich mir gesagt, als
ich den Vorschlag machte, mich an Sie wenden zu
gehen. Indeß, ich stand einem großen Kummer gegen-
über und ich wußte, wie sehr John Kollmann Ihre
Tochter liebt und daß sie diese Liebe erwidert. Ver-
zeihen Sie das gewagte Verlangen, ich habe es mit
Ueberlegung gegen Sie allein ausgesprochen. Sie
sind durchaus in Ihrem Rechte. Mein Vater hat in
einem ähnlichen, weit weniger bedenklichen Falle wie
Sie gehandelt. Meine Anfrage bleibt, denke ich, ge-
heim zwischen uns; und im Nebrigen bleibt es beim
guten Alten wie bisher. ?
Er stand auf, Lindheim ebenso.
, Ich habe Ihnen nichts zu verzeihen, Herr
Darner,'' sprach er,,ich müßte Ihnen eigentlich
danken, daß Sie mir zutrauen, mein Mitgefüthl für
einen andern Vater könnte mich meiner eigenen Vater-
pflicht vergessen machen. Sie haben die Bedenken,
die ich hegen muß, richtig bezeichnet; nur die besondere
Lage, in welcher ich mich den Kollmanns und Ihnen
Allen gegenüber befinde, haben Sie dabei außer Acht
gelassen.?
, Und das wäre??
, Sie haben nicht bedacht,'' sagte Lindheim mit
großem Gewicht, ,daß ich den Leuten, und vor allem
Ihrem Onkel, nicht Raum zu der Meinung geben
darf, ich hätte den Ruf und das Leben meiner Tochter
daran gesetzt, seine Einwilligung in die ihm wider-
strebende Heirath seines Sohnes mit einer Jüdin zu
erlangen und meiner Tochter zu der Ehe mit einem
Christen zu verhelfen. Das soll nicht sein.'
, Herr Lindheim,'' fuhr Frank auf, ,das sinnlose
Urtheil der Leute darf Sie nicht bestimmen.?
, Wer, wie ich, einem Volke angehört, das seit
Jahrtausenden unter weit sinnloseren Vorurtheilen zu
Lewald. Die Familie Darner. 1l.

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leiden gehabt hat, lernt allerdings das Urtheil der
Leute gering schätzen nach Gebühr und sich selber
schätzen nach seinem Gewissen; aber er fordert das
Urtheil der Leute nicht unnöthig heraus. Wäre der
Kranke eines armen Mannes Sohn aus unserem
Volke, handelte es sich einfach darum, einem Vater
seinen einzigen Sohn, einem braven Menschen vielleicht
das Leben zu erretten, und Flora liebte ihn und wollte
gehen-- ich würde sagen: Gehe, und Gott behüte
Dich! Denn wo ist man vor Ansteckung sicher jetzt
bei uns; aber-'
,Nun denn,r' rief Frank, ,so schäten Sie sich
und das Urtheil der Leute, wie beides sich gebührt;
lassen Sie John, dessen Herz Ihrer Tochter gehört,
den Flora liebt, nicht entgelten, was nicht er gegen
Ihr Volk gesündigt hat. Er ist ohne Vorurtheil.
Achten Sie das fremde Urtheil so wenig als er. Er
hat Sie gesucht, wünscht sich Ihnen auf das engste,
als Sohn, zu verbinden. Sie haben ihn schätzen
lernen, seine Bewerbung zugelassen, er und Flora
lieben einander; das werden Sie wissen, besser noch
als wir. Fragen Sie sich, ob Flora es je vergessen
könnte, daß man ihr verschwiegen, wie ihr Geliebter
nach ihr verlangt, daß man sie gehindert, ihm die
Hand zu reichen, seis zur Rettung, seis zum Ab-
schied. Meine Frau hat sich dereinst auch mit mir
verbunden, gegen die Absicht ihrer Familie und gegen
die Meinung der Leute. Es ist ein großes Opfer,
ein großes Wagniß, das von Ihnen gefordert wird;
aber Ihre Tochter ist eine entschlossene Natur, und
wie es für sie eine große Gefahr gilt, gilt es für sie,
auch ein großes Gllck?
Die Mahnung an Flora's Empfinden verfehlte
ihren Eindruck auf den Vater nicht.
,,Kommen Sie!' sagte er, und durch das dunkle

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Nebenzimmer Frank voranschreitend nach der Wohn-
stube, aus der er fortgerufen worden war, öffnete er
die Thür derselben mit den Worten: ,Ich bringe
Herrn Frank Darner zu Euch, denn sein Besuch gilt
Dir, Flora.
,Mir? fragte diese, während Frank Madame
Lindheim und sie begrüßte; und mit der nicht irren-
den Ahnung des Herzens rief sie:,So kommen Sie
von John?
Der Vater sagte ihr kurzweg, um was es sich
handle, ohne ihr seine Bedenken zu verhehlen, aber
Flora hörte nichts als die Gefahr und das Verlangen
des Geliebten; und ohne abzuwarten, daß ihr Vater
seine Einwilligung zu dem Gange aussprach, rief sie:
, Einen Augenblick nur, ich hole nur den Mantel!'?
Und damit war sie zur Thür hinaus.
Die Mutter, höchlich überrascht und aufgeregt,
wollte sie begleiten; aber während sie überlegte, ob
es besser sei, daß der Vater oder daß sie mit der
Tochter ginge, stand Flora schon, in den Pelzmantel
gehüllt, die Sammetkappe auf dem Kopfe, an Franks
Seite, und die dunklen, blitzenden Augen in Angst
zu ihm erhoben, drängte sie:
,, Kommen Sie, kommen Sie; keinen Augenblick
dürfen wir zögern! Wir gehen ja viel schneller als
Papa und Mama, und wenn ich zu spät käme--
Gott, so kommen Sie doch!'?
Und von ihrer Angst, von der Berechtigung ihres
Verlangens bestimmt, küßten beide Eltern sie und
überließen sie der Begleitung Franks.
, Sie lassen sie nicht lange in dem Zimmer,''
sagte die Muttter, ,und--?
, Fort, nur fort!' rief Flora und eilte hinaus.
, Gott behüte Dich!'' hörte sie die Mutter ihr
nachrufen und an Franks Arm eilte sie jetzt, wie
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vordem Justine, durch den Sturm, der ihr den nassen
Schnee gegen die glühenden Wangen peitschte und
den Schirm zerbrach unter seinem Toben.
Athemlos, das feine, kluge Gesicht vom Winde
F geröthet, naß vom Schnee, so sah Kollmann sie vor
l sich stehen, als er die Stimme Franks, den Schritt
der Kommenden auf der Treppe vernehmend, aus
der Stube in die Hausflur hinaustrat.
,Sie kommen?? rief Kollmann ihr entgegen und
streckte beide Hände nach ihr aus.
Aber sie ergriff sie nicht, sie sah ihn kaum. Mit
rascher Hand warf sie die Kappe vom Kopfe, den
Mantel von den Schultern und sich das Gesicht
trocknend, die Hände warm reibend, fragte sie nur:
,Wo liegt er? Wohin muß ich gehen?
, Gutes, gutes Mädchen!' sagte Kollmann, ,ich
will Sie führen,' und sie mit sich nehmend, stieg er
die zweite Treppe hinauf und klopfte mit leisem
Finger an die Thür der Krankenstube.
Madame Göttling öffnete ebenso leise:
,Da ist sie,' sagte Kollmann.
,Das lohn' ihr Gott! Das lohne Ihnen Gott
mit seiner Erhaltung!' rief ihr die Göttling zu, und
zog sie in die Stube. Der Vater folgte ihnen.
Ein strenger Geruch von Essig und Nelken, mit
denen man die Krankenzimmer räucherte, strömte
Flora entgegen. Das Licht brannte hinter einem
grünen Schirme, ein großer Bettschirm verbarg das
Bett des Kranken. Flora wollte sich ihm nahen, die
Göttling hielt sie zurück.
,,Einen Augenblick,? bat sie, nahm das Licht in
die Hand und blieb hinter dem Bettschirm neben
Flora stehen. Wirre Worte drangen von Johns
Lippen mit mattem, schleppendem Tone an ihr Ohr.
,Wie sie todt sind-dieKrankenfort, pfui,fort!'r

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, Lassen Sie mich um Gottes willen ! flehte Flora.
, Einen Augenblick,' wiederholte die Göttling.
,, So spricht er immer fort, immer fort seit gestern
um die Zeit, und dann ruft er Sie dazwischen.
Warten Sie, er ruft gewiß bald wieder-- und-
,, Ich mag nicht,'' tönte es wieder hinter dem
Schirm hervor, ,der Schnee knistert-- nicht essen!
-- Aber wo bleibt sie? - Der Baum brennt!
Komm! Die Kinder!-- Komm!-- Kinder!--
Komm, jubeln alle!-- Komm, Flora, komm, so
kommn doch!'
Flora wollte zu ihm stürzen, die klug besorgte
Pslegerin hielt sie fest.
, Sie dürfen ihn nicht erschrecken,' sprach sie,
aber sie trat mit ihr hinter dem Schirm hervor und
das Licht über Flora haltend, daß sie voll beleuchtet
war, blieb sie mit ihr an dem Fußende des Kranken-
bettes stehen.
Von dem ungewohnten hellen Licht betroffen,
richtete John sich jäh empor.
, Halten Sie das Licht! regen Sie sich nicht!r'
gebot die Göttling und umfaßte John, ihn an dem
Aufspringen zu hindern, das er schon mehrmals ver-
sucht. Er wehrte sich nicht, aber er hob die brennen-
den Augenlider empor und starrte Flora an.
, Engel, Weihnachtsengel!-- Du!-- Du!
stieß er hervor und sank, die Augen wieder schließend,
in die Kissen zurück.
Flora regte sich nicht, aber die heißen Thränen
rollten ihr über das Gesicht.
,, Du-- ach Du-- ach!'? klang es matt und
matter von Johns Lippen.,äand, Deine, Deine!''
hauchte er noch einmal.
Die Göttling gab der Bebenden ein Zeichen.
Sie setzte das Licht auf den Boden, trat still heran,

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und niederknieend neben ihm, legte sie ihre Hand in
die des Erschöpften. Er hielt sie fest einen kurzen
Augenblick, dann ließ er sie los.-- Ehe die Göttling
es verhindern konnte, hatte Flora einen Kuß auf
seine Stirn gedrückt. Die Göttling zog sie fort und
führte sie, trotz Flora's Bitte, sie noch weilen zu lassen,
hinweg und aus dem Zimmer.
,,Sie sind ein tapferes Herz!'' sprach sie; ,nun
lassen Sie uns beten, daß Gott ihn uns und Ihnen
erhalte, Ihren Liebesmuth zu lohnen.'
,,Er wäre kein gerechter und kein gütiger Gott,
wenn er's nicht thäte,' antwortete ihr Flora.
Als sie die Thüre der Krankenstube öffnen hörten,
kamen Kollmann und Frank herbei aus dem Neben-
zimmer, in welchem sie gewartet hatten. Flora gab
in den einfachsten Worten Bescheid, Kollmann horchte
an des Sohnes Thüre.
,Alles still, gottlob! Wenn er Schlaf fände,
wäre Hoffnuung, wäre er halb schon gerettet, hat der
Doktor gesagt. Und Ihnen, Ihnen, mein Kind,
hätte ich ihn zu danken!'' sagte er und nöthigte Flora
zum Eintreten in das offenstehende Zimmer.
,Das ist gegen meine Ordre,' sagte Frank, dem
Lindheims Verhalten neue Achtung vor ihm eingeflößt.
,,Ich habe Mademoiselle Flora an das Krankenbett
und von diesem nach Hause zu geleiten, und je weniger
sie hier verweilt, um so besser. Kommen Sie, meine
Freundin!?
Aber Kollmann ließ es sich nicht nehmen, er
umarmte und küßte Flora.
, Wie es auch werden mag, wie Gott es über
uns verhängt,'' sprach er, ,ich werde es Ihnen und
den Ihren nicht vergessen, was Sie heute für uns
gethan. Morgen bringe ich selbst Ihnen den Bericht,
wie die Nacht vergangen ist und was der Doktor ge-

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sagt hat. Gott sei mit Ihnen, mein Kind, Gott er-
halte Sie, Flora; ich hoffe, es soll Ihnen nicht geschadet
haben. Morgen bring' ich Ihnen Nachricht. ?
,, Kommen Sie,? heischte Frank, ,und einen
Schirm, Herr Onkel; denn es regnet, regnet noch in
Strömen und der meine ist zerbrochen.'?
Schneller als seit langen Jahren eilte Kollmann
ihnen voran die Treppen hinunter, einen der Schirme
zuu nehmen, die in dem Ständer unweit der Hausthür
standen. Er selber öffnete ihnen die Thüre, er selber
spannte den Schirm für sie auf und sah ihnen nach,
wie sie unter dem wild flackernden Lichte der Laternen,
die an der hohen Treppe brannten, hinunterstiegen
und durch den kleinen Vorgarten auf den Domplatz
hinaustraten. Er achtete es nicht, daß der Wind sein
dünnes graues Haar durchwehte, und mit den Worten:
, Schönes, braves Kind ! schloß er die Hausthüre zu
und gebot dem Hausknecht, gut aufzupassen, damit
der Doktor nicht zu warten brauche, wenn er zu dem
versprochenen Besuche wiederkehre.
ggggggggggggg
Vierundzwanzigstes Kapitell
John war eingeschlafen, nachdem er die Geliebte
gesehen, die Nacht war gut vergangen, das Fieber
hatte nachgelassen. Gegen den Morgen hin hatte ein
starker Schweiß sich eingestellt. Der Doktor fand den
Zustand auf das günstigste verändert und hoffte auf
eine fortschreitende Genesung.
, Indeß,' sagte er, ,sprechen wir vor Dritten
von dem Heilverfahren nicht, liebe Madame Göttling,
das Sie auf Ihre eigene Hand eingeschlagen haben.