Die Familie Darner. Roman in 3 Banden.
Fanny Lewald
Kapitel 24

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Es könnte Nachahmungen hervorrufen, die nicht so
gut verlaufen. Je weniger davon geredet wird, um
so besser; und man wird doch auch abzuwarten haben,
ob dieser Akt christlicher Nächstenliebe für die schöne
Samariterin keine üblen Folgen hat. Besser jedoch
als seinerzeit Lorenz Darner hat Jakob Lindheim sich
in jedem Fall betragen, und dafür sollen seine Erz-
väter ihn segnen, von Abraham bis Jakob, bis ins
hundertste Glied.'?
Zum ersten Mal mißfiel Kollmann, der bei dieser
Besprechung mit dem Doktor zugegen war, der Anflug
von Spott, mit dem derselbe seine Rede schloß. Er
lobte Lindheim, sprach mit unverhohlenem Gefallen
von Flora und pries vor Allem Frank, der, soweit
möglich, gut zu machen getrachtet an dem kranken
Sohne, was der Vater gegen Johns Mutter vardem
gesündigt. Das freudig hoffende Vaterherz war zur
Milde und zur Gerechtigkeit gestimmt für Jeden, und
der Doktor verließ ihn mit den Worten: ,Was das
Ende vom Liede sein wird? Nun, das ist keine Frage
mehr. Aber den Winter müssen wir John ruhen
lassen. Zu Ostern kann es losgehen mit der Hochzeit;
und ich denke, ich bin auch noch zur Taufe bei Johne
Kindern wie bei seiner eigenen. Halten Sie ihn jetzt
nr ruhig, liebe Göttling! - und frische Luft und
Wein!
Wie er darnach unten in seinen Wagen einstieg,
murmelte er die Worte: ,Sonderbar, sehr sonderbarl'?
vor sich hin. ,Justine eines Hörigen Sohn, John
eines Juden Tochter! Sonderbare Heirathen in diesem
z Hause!''-- Und er dachte, wie die Leute sich darüber
- wundern würden, wenn John nach überstandener
Krankheit eine Jüdin heirathete, ein Kollmann, Will-
bergs Enkel, eine Lindheim! Sie hatten ja Alle -
Lindheims Vater noch gekannt in seiner Trödelbude

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an der Fischbrücke in der Ecke.- Und jetzt nannte
die Fürstin Hedwig die Lindheims ihre lieben Lind-
heims, und ein Kollmann wollte eine von ihnen hei-
rathen. Sonderbar!
Während dessen nahm Kollmann sein Frühstück
zeitiger als gewöhnlich ein. Er wollte, ehe er an die
Börse ging, Flora den Bericht abstatten, den er ihr
zugesagt; er wollte - nun, er wollte sehen, wollte den
Eltern danken für das Vertrauen, das sie in John
und auch in ihn gesetzt.
Wie er die Weste von hellgelbem Kaschmir und
den braunen Gehrock angezogen, trat er noch einmal
an den Spiegel, bürstete das Haar an den Schläfen
noch sorgfältiger als sonst glatt und nach vorn, zupfte
den Halskragen hochh empor und steckte eine Nadel in
das Jabot. Er hatte es die Tage her vergessen.
Dann ging er noch einmal in das Komptoir, ließ sich
die Notizen für die heutige Börse geben, der Lehrling
hatte ihm den langen, schwarzen Tuchrock mit dem
kurzen Kragen anzuziehen, gab ihm den Hut, die
Handschuhe und sah sich nach einem Stock um.
,,Den mit dem goldenen Knopf, sagte Kollmann
und ging, als der Bursche ihn ihm gereicht, hinauus.
, So früh zur Börse, Herr Stadtrath?' fragte
ihn sein Makler, der an ihm vorüberging.
, Ich habe noch einen Besuch zu machen, ent-
gegnete ihm Kollmann.
Sie waren dicht an der Ecke der Langgasse und
trennten sich an derselben, aber der Makler sah sich
noch einmal nach dem Stadtrath um.
, Kollmann zu Lindheim, was bedeutet das?
sagte er zu sich selbst.
Wie Kollmann sich im Lindheim'schen Hause bei
der Hausfrau melden ließ, fiel ihm das Sprichwort
ein: ,Man soll nie sagen, von dem Wasser werde

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ich nicht trinken.?--,Soll ich vielleicht den Frei-
werber für Dich machen gehen?' hatte er dem Sohne
höhnisch zugerufen, als dieser ihm seinen Entschluß
mitgetheilt, Flora Lindheim zu heirathen.,Jakob
Lindheims Tochter paßt nicht in mein Haus !' hatte
er ihm streng erklärt, und gestern hatte er Jakob
Lindheims Tochter dafür gedankt und gesegnet, daß
sie in sein Haus gekommen war; und er war auf
dem Wege, um sie für John zu werben; und er dachte
deshalb nicht geringer von sich.
Flora kam auf seine Anmeldung bis in das
Vorzimmer heraus.
,Wie geht es Ihrem Sohn? rief sie ihm ent-
gegen, und es gefiel ihm, daß sie den Kranken als
seinen Sohn bezeichnete, ihn nicht bei seinem Namen
nannte, den Anstrich der Vertraulichkeit vermeidend.
Er gab ihr den ersehnten günstigen Bescheid.
Darüber waren sie bei Madame Lindheim eingetreten,
der Vater herbeigerufen worden; und gegen seine
sonstige Mäßigkeit im Ausdruck sprach Kollmann den
Eltern und dem Mädchen mit voller Herzenswärme
den Dank aus, der er ihnen für das gebrachte Opfer
schuldete. Madame Lindheim wollte in ihrer Güte
und Zuvorkommenheit ihm den Dank erleichtern, denn
die Sorge und Erschütterung des Vaters, des ernsten,
angesehenen Mannes, rührten sie. Lindheim ließ sie
aber nicht zu Worte kommen.
,Ja,' sagte er,,es war ein Entschluß, Herr
Stadtrath! und er ist uns schwer geworden. Gott
gebe, daß er Ihrem Sohn genützt und unserer Tochter
nicht geschadet hat, was abzuwarten sein wird. Die
nöthigen Vorsichtsmaßregeln haben wir gleich nach
ihrer Heimkehr gebraucht; und schließlich stehen wir
alle in Gottes Hand. Sie würden ja das Gleiche
auch für uns in gleichem Fall gethan haben, denke ich.?

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, Nein,'' entgegnete ihm Kollmann,,nein, ich hätt'
es nicht gethan!''
,Herr Stadtrath!'r rief die Mutter, von der Auf-
richtigkeit erschreckt.
, Nein,' wiederholte er, ,der Wahrheit die Ehre,
ich hätt' es nicht gethan. Ich bin nicht gewohnt,
mich besser zu stellen, als ich bin; aber um so höher
schätze ich, was Sie gethan, und es soll. Ihnen in
meinem Herzen nicht vergessen werden, meine liebe
-- Mademoiselle Flora.
Er hatte sie seine liebe Tochter nennen wollen
und das Wort mit rascher Neberlegung unterdrückt,
als es sich aus seinem Herzen ihm auf die Lippen
gedrängt. Erhielt Gott ihm den Sohn, nuun, so mochte
John die Freude haben, von ihm die Einwilliguung
zu seiner Ehe selber zu vernehmen, die Glückskunde
selber in dies Haus zu seiner Braut zu tragen; hatte
aber der Himmel es anders beschlossen über John
-- so hatte er den Lindheims und dem Mädchen ge-
dankt, wie sie's um ihn verdient, und hatte nichts
gesagt und gethan, das ihn für die Zukunft an sie band.
Ob die anderen seine Zurückhaltung bemerkt, wie
sie darüber dachten, das focht ihn weiter nicht an.
Es wurde von dem Kranken, von der Krankheit im
Allgemeinen gesprochen, und die Börsenstunde mahnte
zum Aufbruch.
,Darf ich wieder einmal nach Ihrem Kranken
sehen kommen?? fragte Flora, als Kollmann nach
seinem Hut und Stock griff.
,Was fällt Dir ein? rief der Vater im Tone
des Vorwurfs.,Davon ist keine Rede.?
,Nein,' sagte auch Kollmann; ,Ihr Herr Vater
hat ganz recht; Sie haben mehr für uns gethan, als
ich zu fordern gewagt hätte. Sie schulden sich Ihren
Eltern und der Zukunft. Zudem hat der Arzt völlige

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Ruhe für den Kranken verlangt. Aber ich werde
Ihnen Kunde geben von seinem Befinden, und er
soll von mir so bald als möglich hören, was Sie für
ihn und mich gethan; denn bis jetzt wissen wir ja
nicht, ob er Sie selbst gesehen, ob er geträuumt zu
haben glauben wird. Er schläft oder liegt in Mattig-
keit; und darauf beruht das Hoffen.'?
Sie schieden zufrieden miteinander. Es war
Lindheim recht, daß Kollmann der Werbung seines
Sohnes bei diesem Besuche nicht erwähnt, daß er
nicht geglaubt hatte, das Opfer, das man ihm ge-
bracht, gleich baar bezahlen zu müssen; und Kollmann,
hatte sich des Tones gefreut, welcher in der Familie
herrschte, der John sich zu verbinden dachte.
Als aber die Männer hinausgegangen waren,
warf Flora sich der Mutter um den Hals und rief:
,, Mama, gewiß, John wird am Leben bleiben,
und ich werde gewiß nicht krank, ich bin zu glücklich!
Wenn Du gefühlt hättest, wie sein Vater mir die
Hand gedrückt! Ach, so viel Liebe und so viel Gluck
kann ja Gott gar nicht zu Grunde gehen lassen.'?
,,Liebes, liebes Kind,? sprach die Mutter mit
Freudenthränen. ,Meiner Eltern Segen erfüllt sich
mir an Dir. Gott hab' sie selig!'-
Jünfundzwanzigstes Kapitel.
Kollmann und Lindheim gingen zusammen zur
Börse. Sie waren mit flüchtiger Andeutung überein-
gekommen, daß von Flora's Besuch an Johns Kranken-
bett möglichst wenig geredet werden sollte; allein die
Darners kamen ihnen sofort entgegen. Der Vater