Die Familie Darner. Roman in 3 Banden.
Fanny Lewald
Kapitel 25

-- Zß9--
fragte nach John, der Sohn wollte wissen, was der
Versuch gewirkt, wie Flora die Aufregung überstanden
habe. Sie waren alle keine Schwätzer, weder Koll-
mann noch die Darners und auch Lindheim nicht;
das wußte man an der Börse.
Was hatten Sie denn grade heute so lange mitein-
ander zu verkehren? Hatten sie besondere Nachrichten
bekommen, Estafetten? So lange sprach man aber doch
von einer Estafette oder derlei nicht; und was hatte
Lindheim zu thun zwischen den drei anderen?- Von
Johns Werbung um Lindheims Tochter war lange
schon das Gerede gegangen. ,Wenn er nicht so schwer
darniederläge, könnte man denken, die Verlobung sei
zu Stande gekommen,'? meinte der Eine. -,Erfahren
würde man's ja bald, wenn etwas Wahres daran
wäre,'' sagte der Andere.
Was man aber an der Börse vermuthete, das
wußte man in den Häusern bereits mit Gewißheit.
Kollmanns Hausknecht hatte, als er am Morgen
das neue Rezept des Doktors nach der Apotheke ge-
tragen, dort im Beisein Anderer erzählt, was gestern
bei ihnen Abends geschehen war, und wie der Besuch
von der Mamsell Lindheim dem jungen Herrn mehr
geholfen als all die theuren Medizinen. Und die
Köchin von Lindheims hatte beim Gewürzkrämer zur
Haushälterin von Armfields gesagt, wenn der liebe
Gott nur geben wollte, daß sich ihre Mamsell. Florchen
gestern bei Stadtrath Kollmann nichts geholt. Sie
hätte freilich gleich, als sie nach Hause gekommen sei,
sich waschen und gurgeln müssen, und die Kleider
wären geräuchert und die Wäsche eingebrüht worden;
aber wissen könnte man's ja immer nicht, und sie
hätte sich des Todes gewundert, daß die Eltern die
Mamsell, und so ein gutes Mädchen, hätten zu dem
Kranken gehen lassen. Sie hätt's nicht gethan.

-- L7J-
Am Abend, als die Frauen vom Hilfsverein in
einem der Zimmer des altstädtischen Rathhauses zu-
sammenkamen, die Geschenke an neuer Wäsche und
altem Leinen wieder zu vertheilen, welche die Mild-
thätigkeit abermals für die Hospitäler und die Armen
eingeliefert, kam zwischen dem Schaffen und Rechnen
das Gespräch doch auch auf das romantische Abenteuer;
aber Madame Armfield war die Erste, die kurzweg
ein Ende machte, als man über die christliche Menschen-
liebe und über die Klugheit der Lindheims zu reden
anfing.
,Was kümmert's uns, was die Stadträthe und
die Bankiers mit ihren Kindern thun,? sagte sie,
,,wir haben hier Wichtigeres und Dringenderes unter
Händen!r
Und in Wahrheit, sie that es allen zuvor im
Arbeiten und im Einrichten, wo es galt.-- Mochte
sie im Müßiggang des ausreichend versorgten Alltags-
lebens viel gesündigt haben durch unnützes Gerede
und überflüssiges Thun; jett in den Tagen der Noth,
trat die gute Schulung der schwedischen Landpfarrers-
tochter werkthätig und entschlossen wieder in ihr hervor.
Man hatte aufgehört sie zu meiden und zu fürchten;
man lernte sie schätzen und sie suchen. Ihre Neugier
ward zur Umsicht, ihre Rastlosigkeit zum Segen; und
die Anerkennung, welche ihr die mit der Armenpflege
betrauten Beamten zollten, machte sie zum Anerkennen
des fremden Leistens willig. Wie ein guter Genius
huschte jett die graue Fama durch die Krankensäle in-
den städtischen Lazarethen umher und von den Seufzern
der Kranken trug sie keine Kunde in der Stadt herum;
aber mancher Gruß von erkaltender Lippe, manch
letzter Wunsch der Sterbenden ward von ihr über-
mittelt. an die Herzen, denen sie gegolten hatten. Die
furchtbaren Geschicke, welche das Land niedergeworfen,

- F71 ---
hatten in den Ostprovinzen, die seit sechs Jahren am
schwersten gelitten, den Einzelnen mehr und mehr über
sich hinausgehoben, und die Kraft entwickelt, wo eine
solche zu finden gewesen war.
Man verlangte förmlich darnach, etwas zu haben,
was man loben, bewundern konnte; man hatte es
nöthig, sich an das Gute zu halten, das von den
Einzelnen und von den Gemeinschaften geleistet wurde.
Man nahm jede Nachricht von dem musterhaften
Verhalten, von der Disziplin, mit welcher die preußi-
schen, dem französischen Heere einverleibten Truppen-
theile sich in den russischen Ostseeprovinzen führten,
von dem Muthe, mit dem sie kämpften, mit Freuden
auf; wenn schon man mit höchstem Widerstreben daran
dachte, mit wem und gegen wen sie kämpften. War
doch in diesen Truppen und in dem Generale, der
sie führte, noch der alte preußische Geist vorhanden,
und mit diesem die Hoffnung für das Vaterland,
welche man in der unmittelbaren Nähe des Königs,
gegenüber dessen noch immerfort schwankender Hal-
tung, aufgegeben zu haben schien.
Nur der Muth der Entschlossensten unter den
Gebildeten und in den höchsten Ständen, und der
tiefe Haß des Volkes gegen die Franzosen harrten
aus neben der Gleichgiltigkeit, mit welcher jene anderen,
die immer mit ihrer feinen französischen Bildung sich
etwas gewußt, sich in den Gedanken zu schicken be-
gannen, auch Preußen, wie die Rheinbundsfürsten,
zum Vasallen Napoleons herabsinken zu sehen; das
Preußen des großen Kurfürsten, das Preußen Friedrich
des Großen, der Frankreich, Rußland und Oesterreich,
er allein mit seinem Volke, stolz die Stirn geboten.
Und sein Volk war noch da! Sein Volk wartete
auf seines Königs Ruf in Noth, in Zorn, in Sehnsucht
und der König zauderte und schwieg! Das Volk be-

-=- A7A --
-
gann irre zu werden an ihm, es begann, das Los
der Königin zu segnen, der sie erspart worden war,
diese Zeit des Unheils und der Schmach.
Mitten in dies qualvolle Wogen der Gefühle,
in all die Noth waren sie hineingedrungen, die Nach-
richten von den Siegen Napoleons bei Smolensk, bei
Borodino, an der Moskwa; und bald darnach, kaum
anderthalb Wochen nach jener für John Kollmann
entscheidenden Nacht, als man sich in den drei Fa-
milien eben an der Aussicht auf seine Herstellung
zu erfreuen begann, war die Schreckenskunde nach
Königsberg gelangt, daß Napoleon auch in Rußland
nicht den erwarteten Widerstand gefunden, daß er
siegreich in Moskau eingezogen sei und bis zum
nächsten Frühjahr mit seinem ganzen Heere in dem
alten Sitz der Zaren seine Residenz aufschlage.
Ein dumpfes Schweigen war in der Bürger-
schaft die Antwort auf die Kunde. Zwischen Berlin
und Königsberg hatten die Franzosen die wichtigsten
Festungen in Händen. Zwischen dem König und
dem Volk in Preußen standen sie in Waffen, franzö-
sische Gouverneure herrschten in Königsberg, die
ost- und westpreußischen Truppen waren fern im
Norden. -
,Wer wird Herr unserer Provinzen werden,
werden wir russisch, werden wir französisch sein??
fragten sich die treuen, preußischen Herzen, und fühlten
sich doppelt als Deutsche, da die Süddeutschen und
Westdeutschen schon seit Jahren die Vasallen Napoleons .
geworden waren.
Sorgenwoll ging Darner umher, und oft geng
kehrten seine Gedanken zu den Planen zurück, mit
denen die Menschheit, je nach ihrem Standpunkt,
und so auch er auf dem seinen, sich getragen, dem
Fluch des Krieges vorzubeugen, den Eroberern ihr

-- A7Z--
Handwerk zu legen, der Welt die Segnung des
Friedens zu bereiten. Er hatte es gelernt, an ihnen
zu verzweifeln; aber er konnte jene Träume nicht
vergessen, und in seinen Sorgen wendete sein Sinn
sich zu ihnen zurück.
Man lebte am Tage den Tag, man that in
jeder Stunde die Arbeit, die sie forderte, jedes Herz
hatte neben der allgemeinen Sorge noch die beson-
deren seinen. Die Nachrichten von den Kämpfen, in
denen die Preußen unter Pork in Kurland gesiegt,
hatten dargethan, daß das Artillerieregiment, in
welchem der Major diente, in ihnen thätig gewesen
war; nur von ihm selber hatte man keine Nachricht,
und Virginie hatte sie so zuversichtlich erhofft.
Sie hatte sich endlich ein Herz gefaßt, hatte an
Eberhard geschrieben, ihn nach dem Major gefragt;
aber auch er hatte nichts von ihm erfahren, hatte
nur zu melden vermocht, daß zwischen Berlin und
den preußischen Kommandirenden ein lebhafter Esta-
fetten- und Kurierwechsel über die Grenze gehe, und
daß man hart an derselben nicht mehr wisse als in
Königsberg, daß Ausharren die Losung sei.
Und sie harrte und hoffte, harrte und hoffte wie
alle die Tausende mit ihr.
Sechsundzwanzigstes Kapitel.
Da, an einem Morgen, ehe es noch völlig Tag
geworden war, tauchte plötzlich in Königsberg das
Gerücht von einer großen Schlacht, von einem neuen
großen Ereigniß, von einer Niederlage der Franzosen
in Rußland, auf. Niemand wußte, woher es ge-
R --